Kaul | Die Hand des Kalligrafen / Siebentausend Nächte | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 190 Seiten

Kaul Die Hand des Kalligrafen / Siebentausend Nächte


1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6951-8305-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 190 Seiten

ISBN: 978-3-6951-8305-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mit zwei Jahren kann Samuel schreiben. Die edle Kunst der Kalligrafie fliegt ihm zu. Onkel Severin ist sein Meister. Samuels Zauberhand beschert ihnen Ruhm und Geld. Aber sie bringt Samuel auch in eine Hölle, in der er eine unmenschliche Entscheidung treffen muss. Wie baut man eine Violine? Wie lange dauert es, sie meisterhaft zu spielen? Und wo finde ich die Töne für eine unvergessliche Melodie? Inspiriert vom Nichtstun der Marchesa di Cremona macht Aurelio sich diese Fragen zur Lebensaufgabe. Er löst sie auf unsterbliche Weise.

Achim Kaul ist ein erfolgreicher Autor aus Friedberg. Seit 2019 veröffentlichte er vier Kriminalromane mit dem beliebten Ermittlerduo Zweifel und Zick. 2022 erhielt Kaul den renommierten SpaceNet Award für eine seiner Kurzgeschichten. »Überwegs -Vonwegens Begegnungen« erschien im selben Jahr. »Du sollst nicht langweilen«, eine Sammlung seiner fesselnden Storys, erschien 2024.
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Die Hand des Kalligrafen

Samuel konnte mit zwei Jahren schreiben. Er hatte das Schulheft seiner Schwester auf dem Boden in ihrem Zimmer entdeckt. Sie war damals acht Jahre alt und hatte es in einem Wutanfall von ihrem Tisch gewischt mitsamt der Feder und dem Tintenglas. Danach war sie aus dem Zimmer gerannt, hatte die Tür zugeschlagen und Samuel allein gelassen.

Der Vater war ein paar Wochen zuvor spurlos verschwunden. Ihre Mutter gab auf Carlottas Fragen keine Antworten, wenn man davon absieht, dass sie den Kopf schüttelte, die Hände in die Luft warf und ihn zum Teufel wünschte, womit sie Carlottas Hoffnung, er käme zurück, zerstörte.

Ihre Mutter suchte sich eine Arbeit und ging jeden Tag aus dem Haus, kaum, dass Carlotta von der Schule zurück war. Sie verließ sich darauf, dass ihre Tochter den kompletten Haushalt erledigte. Carlotta tat dies widerwillig und zähneknirschend.

An jenem Tag als Samuel das Schreiben entdeckte, war Carlotta in der Schule ausgelacht worden. Als sie wütend in die Straße einbog, in der sie wohnten, kam ihre Mutter ihr schon entgegen.

»Wo bleibst du denn?«, war alles, was sie sagte. Carlotta biss auf ihre Unterlippe und stürmte wortlos an ihr vorbei.

Sie wohnten im zweiten Stock. Als sie die Tür öffnete und das Durcheinander im Flur und in der Küche sah, stöhnte sie laut auf.

Ihre Mutter hatte sich angewöhnt, zu rauchen und Carlotta konnte den Geruch nicht ausstehen. Sie stampfte mit den Füßen auf und marschierte ins Kinderzimmer.

Samuel saß ruhig auf dem Boden und sah sie mit seinen schwarzen Augen erwartungsvoll an. Wie immer gab er keinen Ton von sich. Carlotta warf ihre Schultasche auf das Bett und beeilte sich, sämtliche Fenster in der Wohnung aufzureißen.

Danach setzte sie sich an ihren Schreibtisch, stützte die Ellbogen auf und legte ihr Kinn in beide Hände. Tränen der Wut über die Ungerechtigkeiten, die so plötzlich über sie hereingebrochen waren, quollen aus ihren dunklen Augen.

Samuel zog sich an ihrem Stuhl hoch und deutete mit seinem winzigen Zeigefinger auf ihr Gesicht. Sie wusste, dass sie seine Windeln wechseln musste, dass sie aufräumen, spülen, waschen und sich um ein Essen kümmern musste.

Und dann warteten noch die Hausaufgaben auf sie.

Die Wut über all das überschwemmte sie wie eine heiße Welle.

Sie stieß einen Schrei aus und fegte mit beiden Armen über ihren Tisch. Sie musste raus, sofort raus an die frische Luft.

Ohne einen klaren Gedanken fassen zu können, rannte sie aus der Wohnung. Samuel blieb allein zurück. Carlottas Schrei hatte ihn nicht erschreckt.

Kurz bevor sie ihren Wutausbruch hatte, war er auf seinen Hintern geplumpst und war somit in Sicherheit, als Carlottas Schulsachen durch die Luft flogen und auf dem Boden landeten.

Er nahm dies hin, ohne dadurch aus seiner Ruhe gebracht zu werden. Sein ganzes Wesen war von der Natur so eingerichtet, dass ihn nichts überraschen, wundern, ärgern oder erschrecken konnte. Seine Seele stand fest auf beiden Beinen, wenige Zentimeter über der Erde, so dass keine Erschütterung ihn berühren konnte.

Er sah sich alles mit seinen tiefdunklen Augen an, ohne Urteil. Er ruhte in sich. Eine Begabung, die schon im Mutterleib in ihm aufkeimte.

Die Evolution hat dafür keine Erklärung anzubieten, außer der, dass solche Wunderdinge nun mal vorkommen.

Samuel folgte seiner großen Schwester mit den Augen, hörte, wie sie die Wohnungstür zuknallte und widmete sich dann seiner Umgebung.

Carlottas Schulbücher und Hefte lagen verstreut auf dem Boden. Dazwischen ihre Bleistifte, die Wachsmalkreiden, die großen Blätter, auf denen sie malte.

Doch was ihn magisch anzog, war ihre Schreibfeder, der smaragdgrüne Holzgriff, die mit dunkler Tinte verschmierte Metallfeder, die sie jeden Tag in die Hand nahm. Samuel hatte ihr dabei zugesehen, wie sie mit gleichmäßigen Bewegungen langsam damit über das Papier fuhr.

Das leise kratzende Geräusch bannte seine Aufmerksamkeit. Er stand seitlich, hielt sich mit beiden Händen an der Tischkante fest, über die er gerade so seine kleine Nase strecken konnte und beobachtete die feine dunkle Linie, die aus der Feder floss.

Carlotta war so konzentriert bei der Sache, dass sie ihn kaum bemerkte. Manchmal hatte sie ihm die fertig beschriebene Seite hingehalten und sich über seinen Gesichtsausdruck amüsiert.

Samuel saß nun unter ihrem Schreibtisch und griff nach der Feder. Er hielt sie mit seiner kleinen Faust dicht vor seine Augen, nahm den schwachen Geruch der Tinte wahr, fühlte mit einem Zeigefinger die Spitze und gab ein leises Brabbeln von sich, ohne einem konkreten Wort den Vorzug zu geben.

Sein Instinkt sagte ihm, dass die Gelegenheit günstig war.

Er drehte seinen Kopf und seine dunklen Augen blickten suchend auf das Durcheinander ringsum. Hinter ihm lagen die großen Malblätter kreuz und quer.

Er schnappte sich eins, das von dunkelblauen Flecken übersät war. Das Tintenglas war unter Carlottas Unbeherrschtheit entzweigegangen und lag an der Wand unter dem Fenster.

Ein kleiner dunkelblauer See war dabei, allmählich in den Holzboden einzusickern. Samuel hatte alles, was er brauchte.

***

Eine halbe Stunde später kam Carlotta zurück. Ihre Wut war einer schnell anwachsenden Besorgnis gewichen. Sie hatte Samuel alleingelassen, bei geöffneten Fenstern. Und außerdem hatte sie das Gefühl, dass etwas kaputtgegangen war, als sie vorübergehend die Nerven verloren hatte.

Was, wenn es Scherben gegeben und Samuel sich daran geschnitten hätte? Wenn er gar auf die Fensterbank geklettert wäre? Was er noch nie getan hatte. Immerhin war er ein vernünftiger Junge. Carlotta kam gar nicht auf die Idee, dass diese Bezeichnung für ein zweijähriges Wesen reichlich übertrieben klang. Vielleicht lag es daran, dass er sie immer so ruhig anschaute und zu allem schwieg, was sie anstellte.

Sie eilte zurück, rannte die Treppe hoch in den zweiten Stock und schloss die Tür auf. Mit wenigen Schritten war sie in ihrem Zimmer. Dort fand sie ihn, friedlich auf dem Boden sitzend.

Erleichtert schloss sie die Augen. Gleich darauf bemerkte sie, was sie angerichtet hatte und erschrak über das Tohuwabohu, in dessen Mitte ihr kleiner Bruder saß wie der sprichwörtliche Fels in der Brandung.

Erst auf den zweiten Blick entdeckte sie den blauen Fleck auf dem Holzboden. Wie sollte sie den beseitigen?

Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie ihre Mutter toben würde.

»Samuel, was machst du da?«, fragte sie. Samuel war so sehr in sein Tun vertieft, dass er nicht auf sie reagierte. Carlotta hob einige Bücher auf und schob die vielen losen Blätter zu einem unordentlichen Haufen zusammen. Sie legte alles auf ihren Schreibtisch und machte das Fenster zu, obwohl nicht zu überriechen war, dass Samuel dringend eine frische Windel brauchte.

Carlotta seufzte, setzte sich neben ihn auf den Boden und erstarrte, als ihr Blick auf das Blatt fiel, das er ihr entgegenstreckte. In der anderen Hand hielt er die Feder zwischen Daumen und Zeigefinger, so wie man eine Tintenfeder richtig hielt.

Carlotta hatte keine Vorstellung davon, was Kleinkinder in Samuels Alter fertigbringen. Bestimmt gab es da große Unterschiede. Das sah man schon beim Laufen lernen und beim Sprachvermögen. Sie war aber ganz sicher, dass ein zweijähriger Junge nicht schreiben kann.

Sie konnte nicht fassen, was Samuel auf das Blatt gebracht hatte. Dort stand »CARLOTTA« in Großbuchstaben wie auf ihren Schulheften.

»Hast du das geschrieben?«

Sie flüsterte es, obwohl sie die Antwort schon kannte. Samuel blickte sie mit seinen dunklen Augen an, ohne zu zwinkern. Carlotta studierte das Blatt, während sie unaufhörlich den Kopf schüttelte.

Die Buchstaben hatten alle dieselbe Höhe und standen absolut gleichmäßig wie auf einer Linie, obwohl da keine Linie war. Sie vergaß ihre Aufgaben, legte das Blatt zuoberst auf ihren Schreibtisch und suchte ein leeres heraus. Samuel ließ sie nicht aus den Augen.

»Probier es nochmal«, sagte sie zu ihm. »Schreib meinen Namen, schreib Carlotta.« Sie sprach die Worte überdeutlich aus.

Da Samuel sich in seinem bisherigen Leben noch nicht dazu bequemt hatte, auch nur ein einziges Wort von sich zu geben, hatten sie und ihre Mutter sich eine übertriebene Sprechweise angewöhnt. Anfangs hatten sie befürchtet, er sei taub, weil er mit keinem noch so lauten Geräusch zu erschrecken war. Aber er reagierte auf die Vogelstimmen, das leise Miauen der Katze, die ab und zu an ihrem Haus vorbeistrich und auf das ferne Läuten der Kirchenglocken. Seine Ohren waren sehr gut und Dr. Goldstein meinte: »Manche Kinder warten mit dem Sprechen, bis sie etwas zu sagen haben.«

Samuel hielt die Feder in der rechten Hand. Carlotta hatte das neue Blatt auf den Boden gelegt und leicht unter seinen Hintern geschoben, damit es nicht verrutschen konnte. Es war kaum noch Tinte in der Feder, aber das wusste Samuel nicht. Er setzte links oben an und zeichnete einen großen halben Bogen, das C. Das...



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