Kaul | Überwegs | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 406 Seiten

Kaul Überwegs

Vonwegens Begegnungen
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7693-8339-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Vonwegens Begegnungen

E-Book, Deutsch, 406 Seiten

ISBN: 978-3-7693-8339-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Capri, Florenz, Paris - Ludwig Vonwegen (66) kann mangels Knete vom Reisen nur träumen. Durch eine Verwechslung ergattert er einen Job als Housesitter auf Capri. Was als Glücksfall beginnt, entwickelt sich zu einer schrägen Odyssee durch halb Europa: Von der Polizei verfolgt, in illegale Aktionen verwickelt, als Terrorist verdächtigt - Schlamassel zieht Ludwig magisch an. Dabei erlebt er eine Vielzahl bemerkenswerter Begegnungen. Auf Capri hält man ihn für einen Hochstapler und Hausbesetzer. In Florenz erlebt er die Zerstörung des weltberühmten David von Michelangelo und wird als Attentäter verdächtigt. In Paris gerät er in eine Demonstration und wird zum Mitwisser einer ebenso spektakulären wie illegalen Aktion. Renee, eine junge Amerikanerin auf Europatour »überwegs«, hält in allen Situationen zu ihm. Paul, ein studierter Taschendieb, schließt sich den beiden an und sorgt immer wieder für überraschende Lösungen.

Achim Kaul ist ein erfolgreicher Autor aus Friedberg. Seit 2019 veröffentlichte er vier Kriminalromane mit dem beliebten Ermittlerduo Zweifel und Zick. Daneben erschienen unter dem Pseudonym Micha Luka drei Abenteuerromane mit Käptn Sansibo und seiner schrägen Mannschaft. 2022 erhielt Kaul in München den SpaceNet Award für eine seiner Kurzgeschichten. Darüber hinaus ist er in zahlreichen Anthologien vertreten. »Du sollst nicht langweilen«, die aktuelle Sammlung seiner fesselnden Storys, erschien 2024.
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2. Kapitel


Hans »Poirot« Müller legte seine sorgfältig manikürten Finger zusammen. »Natürlich kann ich im Augenblick nicht so einfach mal nach Capri gondeln.« Ich schluckte.

»Heißt das etwa …?«

»Mein Großvater hat, wie ich am Telefon schon erwähnte, ein Häuschen auf Capri. Also klemmte ich mich heute früh ans Telefon und suchte nach einer Housesitting-Agentur, die mir quasi Last-minute jemanden vermitteln kann.« Er nahm einen weiteren Schluck. Ich drehte meine Tasse hin und her und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen, was nicht so einfach war, weil in meinem Kopf eine Lautsprecherstimme ständig »Capri!« rief.

Hans »Poirot« Müller griff in sein Jackett und holte eine Brieftasche hervor. »Die Agentur hat mir nur ihre Festnetznummer gegeben. Sie haben wohl kein Handy?« Ich schüttelte den Kopf. »Na, dann muss es eben so gehen.«

Er schob mir ein Blatt Papier zu und tippte mit seinem Zeigefinger darauf. »Hier ist meine Nummer. Und hier hab ich Ihnen die Verbindung ausdrucken lassen. Sie können mit dem Zug um 17:23 Uhr nach Neapel fahren, nehmen dort morgen früh vom Bahnhof ein Taxi zum Hafen und fahren dann mit der Aliscafi-Fähre rüber nach Capri. Dort finden Sie am Hafen Marina Grande sicher jemanden, der Sie zur Villa meines Großvaters bringt. Der Name steht hier ganz unten.« Ich suchte nach Worten.

»Was ist es denn nun, ein Häuschen oder eine Villa?«, fiel mir als erstes ein.

»Lassen Sie sich überraschen«, sagte Hans »Poirot« Müller, holte eine Taschenuhr hervor und warf einen kurzen Blick darauf.

»Jedenfalls gibt es dort ein Telefon. Sie können mich jederzeit erreichen, außer während der Vorstellungen natürlich.« Ich nickte. Ganz weit vorn in meinem Kopf kam es mir so vor, als sei alles klar, obwohl weiter hinten gar nichts klar war.

Capri! Ich hatte doch gar kein Geld für die Fahrkarten. Außerdem würde diese Agentur doch sicher irgendwann spitzkriegen, wer sich da auf Capri in Opa Müllers Villa eingenistet hatte. Vonwegen. Ich saß da und rührte in meiner heißen Schokolade, während ganz langsam ein Gedanke um meine heiße Tasse schlich: »Ich könnte doch vielleicht einfach mal so tun als ob.« Ich probierte vorsichtig einen kleinen Schluck. Die Schokolade war ausgezeichnet. Das überraschte mich und es beflügelte mich.

»Ich soll also«, begann ich noch etwas zaghaft, »auf das Haus Ihres Großvaters während der nächsten drei Wochen aufpassen. Und was …«, ich senkte meine Stimme, »ich meine, wie haben Sie sich das finanziell vorgestellt?«

In diesem Moment klingelte das Telefon des Schauspielers. Hans »Poirot« Müller holte sein Handy aus der Innentasche seines Jacketts und warf einen Blick auf das Display, dann verdrehte er die Augen.

»Entschuldigen Sie, da muss ich kurz rangehen«, sagte er und drehte sich zur Seite.

Ich nahm meine Schokoladentasse in beide Hände und stützte die Ellbogen auf den Tisch. »Capri, Capri, Capri!«, dachte ich und hörte bereits die Grillen in der mediterranen Sommerluft zirpen, »die Villa Iovis, der Monte Solaro, die Sesselbahn dort hinauf, Marina Grande, die drei Faraglioni, San Michele …«

»So geht das nicht!«, drang die Stimme des Schauspielers unwirsch an meine Ohren.

»Ich hab dir klipp und klar gesagt, dass ich darüber nicht mit mir reden lasse. Nein. Nein, auf gar keinen Fall! Ich hab dir sechshundert Euro überwiesen und damit sind wir quitt. Ich hab jetzt eine andere. So ist das eben. Mir egal, wie du das aufgefasst hast. Ich hab dich niemals im Glauben gelassen, dass … Nein! Nein, hör mir doch bitte einmal zu, ohne gleich hysterisch zu werden.«

Hans »Poirot« Müller deckte sein Handy ab und warf mir ein Lächeln zu. »Dauert nicht lange«, raunte er mir zu. Ich nickte hinter meiner Tasse. »Schluss jetzt! Find’ dich mit den Tatsachen ab. Wir sind geschiedene Leute. Ja. Von mir aus. Das kannst du gerne mal versuchen. Viel Spaß dabei!« Er legte auf und platzierte das Telefon neben seiner Tasse. Ich war neugierig geworden.

»Ihre Frau?« Hans »Poirot« Müller hob abwehrend beide Hände.

»Meine Anwältin, genauer gesagt meine Ex-Anwältin. Sie sollte eigentlich dabei helfen, mir meine Ex-Frau vom Leib zu halten. Irgendwie muss sie mein Verhalten falsch interpretiert haben.«

»Ja, das soll es geben«, sagte ich mit Kennermiene. Hans »Poirot« Müller warf mir einen raschen Blick zu.

»Sie sind verheiratet?«

»Verwitwet.«

»Dann können Sie also allein nach Capri fahren, Sie Glücklicher.«

»Äh ja …«

»Ach so, ja — das Finanzielle. Sie wissen ja, als alter Hase in diesem Geschäft, wie das üblicherweise läuft.«

Der »alte Hase« gefiel mir. Ich legte den Kopf schief und versuchte den dazu passenden Gesichtsausdruck hervorzuzaubern. »Sie können umsonst drei Wochen oder sogar noch länger auf der schönsten Insel im Mittelmeer wohnen. Alles, was Sie dafür tun müssen ist, das Domizil meines Großvaters gegen alle Angreifer zu verteidigen, seien es nun die Mafia, die Carabinieri oder die Ameisen und zwar unter Einsatz Ihres Lebens. Zudringliche Touristen sind gefangen zu nehmen. Außerdem sollten Sie ein Auge auf die Tomaten haben. Dafür können Sie sich an allem bedienen, was Sie vorfinden. Ach ja, die Nachbarn sollen etwas merkwürdige Leute sein, hat mir mein Großvater berichtet. Er will auf keinen Fall, dass sein Refugium ihnen wochenlang schutzlos ausgeliefert ist. Ich will nicht ins Detail gehen. Sie sind ja lebenserfahren genug und finden sicher einen Weg im Umgang mit …, na ja, Sie werden es ja erleben.«

Ich hatte mit zunehmendem Unbehagen den Worten des Schauspielers gelauscht.

»Wissen Sie, ich …«

»Ich weiß, ich weiß, Herr Sowasch. Mir ist wieder einmal der Gaul durchgegangen. Vergessen Sie das mit der Mafia und so weiter. Um diese Jahreszeit sind diese Leute ganz friedlich. Das mit den Ameisen, Touristen, Nachbarn und Tomaten war allerdings ernst gemeint. Und da Sie mir so kurzfristig aus einer großen Bredouille heraushelfen …«

Sein Handy vibrierte auf der Tischplatte. Wieder der prüfende Blick auf das Display. »Ich bitte nochmals um Entschuldigung, aber da muss ich auch …, oh, hallo, ich hab nicht viel Zeit, mein Zug geht in — ich bin praktisch schon weg. Ja, gerade eben. Hab Schluss gemacht. Bin ja nicht blöd und lass mich von so einer einwickeln. Nein. Absolut nicht. Da besteht keine Gefahr. Du bekommst dann von meiner neuen Anwältin ein …, ja doch! Nein. Wie meinst du das? Was soll das heißen? Haben wir das nicht ausdrücklich vereinbart? Du kannst doch jetzt nicht …, aber …, hör doch mal! Nein! Nein sag ich! Mir reicht es jetzt langsam. Davon will ich nichts hören. « Er holte tief Luft.

»Schluss jetzt! Versuchs doch. Kannst du gerne probieren. Viel Spaß dabei!«

Er legte auf, steckte sein Telefon weg, holte ein Seidentüchlein aus der Brusttasche seines Jacketts und tupfte seine Stirn ab. Dann räusperte er sich und leerte die restliche Schokolade in einem Zug.

»Das war jetzt Ihre …«

»Meine Ex-Frau. Was soll ich sagen? Die Frauen verstehen mich stets falsch.«

Er holte wieder seine schwere Taschenuhr hervor. »Vor allem wenn es um meine Euros geht.« Er winkte der Kellnerin. »Hören Sie, Herr Sowasch, …« Ich konnte mich an diesen Namen einfach nicht gewöhnen.

»Sagen Sie doch einfach Ludwig zu mir«, unterbrach ich ihn.

»Schön, aber dann sag ich am besten gleich Luigi, schließlich fahren Sie nach Italien. Hier sind fünfhundert Euro. Die dürften für Ihre Reisespesen genügen. Das ist zwar nicht üblich, aber Sie sind mein Retter in letzter Not, mon Ami, wie Poirot sagen würde.« Nebenbei beglich er die Rechnung für uns beide.

Für mich ging das alles ein bisschen zu schnell. Im allerletzten Moment holten mich Skrupel ein. »Du musst dieses Missverständnis klären«, sagte eine Stimme hinter meinem linken Ohr. »Du musst Hans »Poirot« Müller enttäuschen und ihn in seinem Dilemma alleinlassen. Du kannst nicht nach Capri unter diesen Umständen. Das geht nicht. Du kannst nicht …, du musst …«

Doch mein Gegenüber war bereits auf den Beinen. Ich gab meinem linken Ohr eine leichte Feige. Hans »Poirot« Müller reichte mir die Hand und schenkte mir sein schönstes Schnurrbartlächeln. »Ich gebe Ihnen rechtzeitig Bescheid, falls Sie Ihren Urlaub auf Capri verlängern dürfen. Bon voyage et au revoir.«

Ich stand hastig ebenfalls auf.

»Aber …«, brachte ich noch heraus, doch Hans »Poirot« Müller war schon dabei, im Laufschritt seinen Zug zu erwischen.

»Sie brauchen sich nicht zu bedanken«, rief er mir noch über die Schulter zu,...



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