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Kavka | Love, crazy love. Welcher Verrückte hat eigentlich die Liebe erfunden? | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 264 Seiten

Kavka Love, crazy love. Welcher Verrückte hat eigentlich die Liebe erfunden?


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-401-80588-7
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 264 Seiten

ISBN: 978-3-401-80588-7
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



So richtig schön durchs Abi gerasselt. Claras Leben verläuft überhaupt nicht nach Plan. Und jetzt steht auch noch der Besuch bei ihrem Vater an, dem Direktor einer psychosomatischen Klinik. Super!, denkt Clara. Ein Sommer in der Klapse! Doch es kommt alles ganz anders - und die Zeit in der Klinik ist wie Balsam für Claras kleingekrümeltes Selbstbewusstsein. Sie genießt die Nähe des charmanten, wenn auch verletzlichen Darius, der ihr Herz zum Flattern bringt. Doch irgendwann stürzen alle Lügengebäude zusammen, und am Ende stellt sich die Frage, wer hier eigentlich verrückt ist.

Zara Kavka hat nach dem Studium der Theaterwissenschaft viele Jahre als Redakteurin beim Kinderfernsehen gearbeitet. Als sie dann selber Kinder bekam, fing sie mit dem Schreiben an und kann seitdem nicht mehr damit aufhören. Viele ihrer Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Sie lebt mit ihrer Familie in München.
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2

Schon am nächsten Nachmittag fuhr Mama mich in die Klapse. Dass die Psychoklinik meines Vaters irgendwo im Nirgendwo, weit entfernt von jeglicher Zivilisation lag, fand ich schon immer unheimlich. Als ich ihn mit neun Jahren zum ersten Mal hier besucht hatte, war ich mir sicher, dass die vielen Irren gefährlich sein mussten. Weshalb sonst hatte man sie so weit raus aufs Land geschafft? Außerdem wäre das imposante Gebäude mit seinen fünf Stockwerken und der riesigen Eingangstreppe mit den Säulen und Löwen ein super Motiv für einen Horrorfilm.

»Sei mir nicht böse. Ich hab noch so viel zu tun vor dem Abflug«, sagte Mama, als ich mit meinen Sachen am Fuße der Treppe stand. Wir wussten beide, dass das eine Lüge war. Meine Eltern waren sich seit der Trennung außer im Gerichtssaal nie wieder begegnet. Die Aussicht auf ein entspanntes Treffen meiner Eltern war genauso unwahrscheinlich wie für mich eine Matheprofessur.

Wir verabschiedeten uns, dann fuhr sie zurück nach Köln. Ich blickte ihr nach, bis sie im Wald verschwunden war. Mir war plötzlich ganz komisch. Es fühlte sich an, als würde sich hinter ihrem kleinen roten Auto ein Reißverschluss zum Leben schließen. Schließlich drehte ich mich um und bewegte mich langsam auf die Psychoklinik zu. Der Kies knirschte unter meinen Füßen und die beiden Löwen blickten mich aus ihren versteinerten Augen an.

Jungs, glotzt nicht so. Ich wär jetzt auch lieber woanders.

Wie verabredet schrieb ich meinem Vater eine Nachricht und ging direkt zum Aufzug. Beim Eintippen des Geheimcodes wurde ich stutzig. An was erinnerte der mich bloß? Der Aufzug setzte sich gerade in Bewegung, als es mir einfiel: Es war sein Geburtsdatum. Das war so typisch für meinen Vater. Er hätte sich ja auch für meines entscheiden können, wie Mama, die vom Computer über ihr Handy bis zu ihrem Fahrradschloss immer meinen Geburtstag verwendet.

Neben diesem kleinen Egoproblem tat sich allerdings noch ein ganz anderes auf: Wie sollte ich mich inmitten dieser Hochburg psychisch angeschlagener Menschen, die aus Verzweiflung über die Sinnlosigkeit ihres Lebens womöglich zu allem in der Lage waren, mit einem nicht sehr schwer zu knackenden Code sicher fühlen?

Oben angekommen trat ich durch die Aufzugstür direkt in das Wohnzimmer. Diese Konstruktion fand ich schon als Kind genial, sie erschien mir jetzt aber in Anbetracht der Sicherheitslage äußerst bedenklich.

Ich blickte mich um. Nichts hatte sich verändert. Kein neues Möbelstück, kein Bild, nicht einmal den kaputten, dreibeinigen Abstelltisch hatte mein Vater repariert oder ausgetauscht. Daraus schloss ich, dass auch sein Privatleben unverändert geblieben war. Nämlich nicht vorhanden. Ich schaute in sein Arbeitszimmer. Es roch nach kaltem Pfeifentabak und war vom Boden bis zur Decke an allen vier Wänden mit Büchern vollgestellt. Ein Wunder, dass er die zwei Fenster ausgespart hatte. Sie wirkten fehl am Platz, genau wie ich.

Gerade als ich mich im Wohnzimmer aufs Sofa setzen wollte, öffnete sich mit einem leisen Zischen die Aufzugstür und mein Vater trat heraus. Er war ein bisschen runder und ein bisschen grauer, als ich ihn in Erinnerung hatte. Alles an ihm war irritierend vertraut, sodass ich lediglich ein »Hallo« hervorbrachte. Ihm ging es wohl ähnlich, denn wir sagten es gleichzeitig, wie aus einem Mund.

Ich wedelte unsicher mit meinen Armen, weil ich nicht wusste, was ich sagen oder machen sollte. Handschlag? Umarmung? Warum lernt man in der Schule so unnützes Zeug wie Stochastik und nicht zum Beispiel, wie man einen Vater begrüßt, den man ewig nicht gesehen hat?

Er nahm mir die Entscheidung ab und streckte mir seine Hand entgegen. Ich schüttelte sie. Sein Händedruck war sanft und die Augen hinter dem großen, etwas schief sitzenden Brillengestell blickten mich müde, aber freundlich an.

»Hast du Hunger?«

»Nein.«

»Okay.«

Wir standen uns gegenüber und vergruben unsere Hände in unseren jeweiligen Hosentaschen. Normalerweise hätte ich jetzt einen flotten Spruch auf den Lippen gehabt, nach dem Motto Hi, Sie müssen mein Vater sein. Die hohe Kunst, brenzlige Situationen mit einem flapsigen Kommentar zu entschärfen, hatte ich schließlich im Laufe der letzten Schuljahre perfektioniert. Aber ich schien mich in der Gegenwart meines Vaters in das kleine Mädchen zurückzuverwandeln, das vor vielen Jahren einmal mit ihm zusammengelebt hatte und über jeden Moment der Zweisamkeit so glücklich war, dass es sich kaum bewegte, als wäre die Zweisamkeit eine Fliege, die bei der kleinsten Bewegung davonflog.

»Gut –«, »Ja also –«, brachen wir zur gleichen Zeit die Stille.

Auch jetzt nichts. Nicht einmal ein kleiner Lacher, der die Situation aufgelockert hätte.

»Du zuerst.«

»Nein, du.«

»Okay, also. Schön, dass du da bist.«

»Ja«, sagte ich.

Und das war auch schon das Ende unseres geistreichen Dialogs. Mein Vater nahm meinen Koffer und ich folgte ihm ins hinterste Zimmer. Es war ungefähr doppelt so groß wie mein Zimmer zu Hause. Dafür aber mindestens viermal so hässlich. Die Bezeichnung Gästezimmer war eigentlich ein Witz, denn außer mir war hier garantiert niemals ein Mensch zu Gast gewesen. Darauf würde ich mein Abizeugnis verwetten, wenn ich eins hätte. Alles war staubig und alt. Wenn ich mich hier einen ganzen Sommer aufhalten sollte, musste ich meinen Vater möglichst schnell zu einer Renovierungsaktion überreden. Mit ein wenig Farbe und Accessoires könnte man die triste Atmosphäre vielleicht sogar instagramtauglich machen.

»Ich muss leider gleich noch mal weg, weil … also, ausgerechnet vor zehn Minuten ist ein schwieriger Fall reingekommen … es ist … ich …«

»Ist okay. Mach dir keine Umstände«, unterbrach ich seinen Rechtfertigungsversuch.

»Wir essen aber zusammen zu Abend, ja?«

Ich nickte nur.

Ich öffnete das Fenster. Das Blau des Himmels strahlte eine Fröhlichkeit aus, von der ich hoffte, dass sie sowohl mich als auch das Zimmer anstecken könnte. Als ich den Blick schweifen ließ, entdeckte ich unten im Garten Bänke, auf denen Patienten saßen. Eine junge Frau lief an der hohen Steinmauer entlang, fünf Schritte vor und vier zurück, fünf vor, vier zurück, richtete ihren Kopf dabei auf ihre Füße und wirkte hoch konzentriert. Ein Mann machte professionell aussehende Tai-Chi-Übungen auf der Wiese. Lautes Lachen eines Pärchens unter der Trauerweide, ein Schrei aus einem unteren Stockwerk. Oder war das auch ein Lachen?

Das also wird mein Sommer, dachte ich. Ein Haufen Irrer, ein verstaubter Psychologieprofessor und ich. Ein Gutes hatte diese Situation: Wenn ich aus Langeweile verrückt werden sollte, hätte ich es wenigstens nicht weit.

Ich stellte fest, dass die Fröhlichkeit keinen Einzug gehalten hatte. Im Gegenteil. Das Zimmer sah jetzt noch trister und unfreundlicher aus, weil meine Augen geblendet waren. Halbherzig öffnete ich meinen Koffer und nahm die Schulbücher und den Stapel Schreibhefte raus, die Mama mir aufgezwungen hatte mitzunehmen. Der Gedanke an Mathe löste bei mir schlagartig schlechte Laune aus. Als drohte mir dieser Pythagoras mit seinem gleichschenkligen Dreieck aus dem Buch heraus Prügel an, stopfte ich das Schulzeug in Windeseile so tief wie möglich zurück in den Koffer. Sollte Pythagoras mit all seinen superschlauen Homies dort versauern bis in alle Ewigkeit, mir doch egal. Anschließend nahm ich einen Stapel T-Shirts und öffnete die Schranktür. Dort sprangen mich die quietschbunten Klamotten an, die ich vor vielen Jahren im Glauben, meinen Vater regelmäßig zu besuchen, hiergelassen hatte. Wie rührend! Vor langer Zeit war ich ein kleines Mädchen mit Mickymaus-T-Shirts und bunten Leggins gewesen.

»Ach, sieht man dich auch mal wieder?«, schienen sie mich anzuklagen. »Hast uns und deinen Vater wohl komplett vergessen, was?«

»Vergessen? Wer hat denn hier wen im Stich gelassen?!«, hätte ich fast geantwortet.

Stattdessen knallte ich die Schranktür zu und die T-Shirts zurück in den Koffer. Jetzt hätte ich fast schon mit Klamotten geredet. Ich hatte Level eins erreicht. Das ging schnell.

Der WhatsApp-Ton beendete den Spuk. Ich holte mein Handy aus der Hosentasche und las: »Du fehlst mir. Laff ja, Sonja.«

»Ich mir auch«, schrieb ich zurück.

Das war natürlich ungerecht. Sonja wollte nett sein, mir signalisieren, dass sie an mich dachte. Aber ich rutschte gerade in eine Stimmung, in der ich nicht gerecht sein konnte. Während die anderen ihre Astralkörper in der Sonne Kroatiens bräunten, schmorte ich in einem muffigen Zimmer einer Irrenanstalt. Meine Neidskala war am Anschlag.

Wieder das Bling von WhatsApp. Und wieder. Und wieder. Der Sperrbildschirm teilte mir mit, dass Fotos in unsere WhatsApp-Gruppe gestellt wurden. Es war 16 Uhr. Sie erlebten wahrscheinlich gerade die beste Zeit ihres Lebens. Hier ein bisschen durchfuttern am Büfett, da ein wenig brutzeln in der Sonne und dann eine Runde chillen am Pool. Und natürlich mussten alle Fotos immer sofort in die...



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