Kayser | Der Schlagbaum | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 180 Seiten

Kayser Der Schlagbaum


3. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7519-4055-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 180 Seiten

ISBN: 978-3-7519-4055-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine mittelgrosse süddeutsche Stadt in den 1960er Jahren: Helena wächst zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Christina in augenscheinlich besten Verhältnissen auf. So wie sie ist, wird sie in ihrer ach so perfekten Familie jedoch nicht akzeptiert. Verzweifelt versucht sie, das Richtige zu tun, scheitert aber stets. Mehr und mehr flüchtet sie in ihre eigene Welt. Ihre schwierige familiäre Situation ändert sich erst, als sie Hannes trifft, der sie schätzt und bei dem sie Unterstützung findet. Als er jedoch auf Heirat drängt, zögert Helena. Und wieder steht sie allein da. Ein neuer Freund bietet ihr als Ausweg aus dem Familienchaos den Umzug ins Ausland an: Hinterm Schlagbaum gründet Helena in der Schweiz eine eigene Familie. Doch auch dort stellen sich Probleme ein.

Andrea Kayser, * 1958 in Pforzheim, Mutter von zwei erwachsenen Kindern, liebt das Schreiben von Kurzgeschichten und Märchen. Seit mehr als dreißig Jahren lebt und arbeitet sie auf der schweizerischen Seite des Bodensees. 2017 veröffentlichte sie zusammen mit Margit Koemeda das Buch »Mail-Match-Ing«, Neun Etüden für Schlaflose.
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1


An einem Sonntag im Herbst


Die Begrüssung der Familienmitglieder auf dem Parkplatz hatten sie hinter sich gebracht und drängten in die Wärme des Restaurants. Helena und ihre Schwester Christina hielten sich höflich zurück und überliessen Christinas Mann den Vortritt bei der Begrüssung Julios, des Restaurantbesitzers. Ihre Töchter lachten und redeten lebhaft miteinander. Unter freundlichem Geplauder geleitete Julio die Gruppe an ihren Tisch.

»Willkommen, schön, dass Sie alle da sind, ich hoffe, die Anfahrt war angenehm.« Eilfertig nahm der Kellner Mäntel ab und entzündete Kerzen. Helenas Schwager kümmerte sich um die Tischordnung und sorgte dafür, dass alle gut sassen; seine Frau, die Kinder, Helena, die Freunde der Kinder. Entgeistert starrte er auf seine Schwiegermutter. Alle starrten auf sie und auf Helena. Sahen zu, wie sich die Schwiegermutter entschlossen erhob – nachdem jeder endlich einen Platz gefunden hatte – und sich direkt neben Helena setzte. Helena schnappte nach Luft.

In das entstandene Schweigen hinein fingen alle gleichzeitig an zu reden, während der Kellner die Speisekarten brachte. Unwillkürlich seufzend blickte Christina stumm auf dem ganzen Tisch herum. Wie bei Wilhelm Busch dachte Helena bei sich, in memoriam an fast vergessene Kindertage.

»Erinnerst Du Dich noch an das Buch?« fragte Helena ihre Schwester. Sie hatte das grosse, in grünes Wildleder gebundene und in altdeutscher Schrift geschriebene Buch deutlich vor Augen. »Die Texte waren illustriert«, fügte Helena erklärend hinzu. Ihre Schwester blickte irritiert von der Speisekarte auf.

Helena sass neben der Frau, die ihre Mutter war.

Ein paar späte Sonnenstrahlen drangen in das Dunkel des Lokals, spiegelten sich im Tischsilber und Porzellan und warfen Feuer auf die Rosen, die mitten auf dem Tisch ein Eigenleben zu entwickeln schienen. Rosa, Pink und kräftiges Rot vermischten sich. Der Schein der Farben floss über die Tischdecke, auf das Besteck, die gestärkten Servietten.

Die Konversation nahm ihren Anfang beim Wetter, wechselte zum Angebot auf der Speisekarte, danach wurden Lokal und Einrichtung durchdiskutiert, schliesslich der Besitzer sowie die üblichen und unüblichen Gäste.

Helena liess ihren Blick wandern, versuchte der aufkommenden Panik Herr zu werden, nahm den Teller mit dem »Kleinen Gruss aus der Küche« entgegen und bedankte sich höflich. Die aufwendig angerichtete Pastete war ihr gleichgültig, genauso wie der Wein, der wohl nach Kork schmeckte und an dem alle nervös nippten.

»Magst Du das Essen, Du isst doch so gern?« fragte die Mutter.

Äusserlich ungerührt ignorierte Helena den Druck im Magen und nickte bestätigend. Lustlos kaute sie auf einem Stückchen Lachs, das wohl den Weg in den Mund gefunden hatte, und suchte den Blick ihres Gegenübers. Es fiel leicht, die Nichte nach ihrem Architekturstudium zu fragen. Die Antwort kam blitzschnell und ohne Punkt und Komma.

»Du, es ist sooo interessant, unser letztes Projekt, wir mussten einen Raum erschaffen, durften nichts ausser Karton verwenden und hatten nur drei Stunden Zeit! Schau, wir haben aus Kartondreiecken ein Tipi gebaut. Das Dreieck nimmt die Idee der Zeltplane auf, sieh mal, hier, ich habe es fotografiert.« Mit geröteten Wangen zückte die Nichte ihr Handy. Gleich darauf empfing man einen weiteren Teller: Rindsfilet, knapp medium, genau wie Helena es hasste. Sie hätte sich doch für den Fisch entscheiden sollen. Aus den Augenwinkeln nahm sie missbilligende Blicke auf das Handy der Nichte wahr. Das gehört nicht auf den Tisch, nicht in einem solchen Rahmen. Natürlich nicht.

Nachdem Helena ihr Fleisch auf Erbsengrösse zurechtgeschnitten und verstohlen unter das Gemüse geschoben hatte, erbarmte sich eines der Mädels und fragte den Kellner nach dem Wein.

Julio wurde konsultiert. Alle Köpfe wandten sich ihm zu, als er mit elegantem Schwung wortlos die Gläser mitnahm und unmittelbar danach frische auf dem Tisch bereitstellte. Ein bisschen Mitleid mischte sich in seine Bewegungen, während er eine neue Flasche entkorkte, die Gläser kurz polierte, mit fruchtigem Weisswein füllte und vor seine Gäste stellte. Glas für Glas, kalt beschlagen und duftend.

Er würde alles dafür geben, damit dieses Mittagessen perfekt war; es waren sehr geschätzte Gäste.

Die Frau in den schwarzen Pailletten neben Helena war alt geworden.

Unsicher fragte sie mehrfach nach, als Helena von ihrer letzten Reise erzählte, und schaute nur flüchtig auf die wunderbaren Landschaften, die sich auf dem hingehaltenen ipad darboten.

»Schau, da bist Du auch einmal gewesen.« Helenas Schwager wiederholte geduldig den Satz.

»Du gehst also öfters hierher zum Essen?« fragte Helena zum dritten Mal. Ihre Stimme schien nicht zu den Ohren ihrer Mutter vorzudringen. Erneut musste ihr Schwager den Satz in für Nora verständliche Worte fassen.

»Ja«, bestätigte die Frau, die ihre Mutter war, »ja, ganz regelmässig. Ich fahre aber kein Auto mehr. Die Freundin, mit der ich immer hier bin, wir trinken ein Glas Champagner und nehmen uns dann ein Taxi. Das geht nicht, dass man Alkohol trinkt und anschliessend Auto fährt.«

»Erinnerst Du Dich noch an diese Reise, es ist lange her?« sprang Helenas Schwager hilfsbereit in die Bresche, nachdem Helena es zum dritten Mal erfolglos versucht hatte.

»Ja«, sagte die Frau, »ja, ich war da, und es war sehr schön«.

Sie ist alt geworden, dachte Helena bei sich, aber schau dir die Augen an und hör, was sie sagt, genau dieselben Sätze wie früher, genau derselbe Mist. Und sie versteht dich nicht, weil du nicht das sagst, was sie hören will.

Helena warf einen strengen Blick auf die rebellische Helena in sich und brachte sie energisch zum Schweigen.

Zur Erholung schwatzte sie ein wenig mit Schwester und Nichten.

Ein neuer Anlauf.

»Oh ja, dieses Essen ist wirklich ganz ausgezeichnet. Ich finde dieses Lokal eine wirklich gute Wahl. Und der Blumenschmuck, ganz wundervoll«, versicherte Helena in Richtung der Frau auf dem Platz neben ihr, ihrer Mutter.

Die Blumen auf der elterlichen Terrasse waren für die Frau, die ihre Mutter war, eine ganz wichtige Sache. Welche Blumen, welche Farbe, in welchen Übertopf. Manche Sorten wurden nie wieder gesetzt. Sie hatten sich als aufwendig erwiesen. Täglich um dieselbe Uhrzeit wurden die Blumen getränkt. Wenn es heiss war, zwei Mal. Die Töpfe bekamen die beste Erde vom Gärtner, Dünger und eine genau dosierte Menge Wasser aus der Giesskanne. Regelmässig. Morgens wurde gegossen, da gab es Wasser, und die Blumen hatten diese Pflege zu schätzen. Was nicht blühte, war nicht geeignet. Für komplizierte Blumen war kein Platz im Hause Neumann. Die Terrasse war sehr hübsch und grosszügig angelegt. Gelbe Markisen. Die bunt bepflanzten hölzernen Kübel trugen zur Fröhlichkeit bei.

Helena nippte an ihrem Wein. Zu viel Alkohol kam jetzt nicht in Frage. Trink aus, das entspannt dich, stichelte die rebellische Helena aus den Tiefen ihrer Seele. Hast du jetzt endlich die Augen gesehen, du Feigling? Helena atmete tief ein und wieder aus. Kontrolliert. Eine Hitzewelle liess sie ihre Jacke ausziehen.

Es reicht, wenn ich anwesend bin, dachte sie. Ich bin hier. Ich esse und rede, bin freundlich und trinke, was man mir vorsetzt, nicht zu viel. Alle sind schrecklich nervös und besorgt und essen Speisen, die wie ein Gemälde aussehen. Ich werde jetzt einfach sitzen bleiben und tun, was zu tun ist. Und passende Antworten von mir geben.

Helena trug keine Uhr. Im Restaurant gab es auch keine. Wie im Kaufhaus, dachte sie bei sich. Man läuft herum und wird berieselt von dieser unsäglichen Musikkonserve aus den Lautsprechern – bald gibt es wieder oder – jedenfalls etwas, das alle unwillkürlich lächelnd mitsingen lässt, weil man es kennt und dabei in irgendwelchen Stapeln wühlt, etwas Bestimmtes oder eine Verkäuferin sucht und dann was ganz anderes findet. Sie hasste Kaufhäuser. Irgendwie kaufte man dort doch immer etwas. Grelle Lampen, die jeden Winkel energiesparend ausleuchten, lassen dich aussehen wie hundert. Und Spiegel sind stets zur Stelle, wenn man sich gerade nicht sehen möchte.

Zeit wird mit dem Gefühl gemessen, meldete sich die rebellische Helena wieder. Die Zeitmesser haben die Menschen doch bloss erfunden, damit sie selbst das Gefühl haben, Herr der Lage zu sein. So können sich alle vormachen, etwas Unbeherrschbares zu beherrschen. Und um sich zu treffen, giftete sie weiter. Ach, ja, ich habe gehört, es soll jetzt ein Projekt geben, bei dem Düfte zur Verkaufsförderung eingesetzt werden, also nicht nur Musik. Unsinn, meinte die rebellische Helena, das wird nie passieren, da geht ja höchstens Vanille, aber das ist bereits omnipräsent. Ich fürchte mich schon vor der zimtgeschwängerten Luft vor Weihnachten. Zimt ist prima, wehrte Helena entschlossen ab.

Helena stand am Familientisch weiterhin Rede und Antwort, versehen mit den passenden Lauten, je nach Situation ein Mmmh...



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