Keating | Inspector Ghote zerbricht ein Ei | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Reihe: Ein Inspector-Ghote-Krimi

Keating Inspector Ghote zerbricht ein Ei

Kriminalroman. Ein Inspector-Ghote-Krimi (1)
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-293-30374-4
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kriminalroman. Ein Inspector-Ghote-Krimi (1)

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Reihe: Ein Inspector-Ghote-Krimi

ISBN: 978-3-293-30374-4
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Detective Inspector Ghote vom CID Bombay wird aufs Land geschickt. Als Hühnerfuttermittelvertreter getarnt soll er für einen Politiker die Todesursache der Gattin eines Konkurrenten ermitteln. Dummerweise ist besagte Gattin schon fünfzehn Jahre tot und niemand in der Kleinstadt hat die geringste Lust, sich mit dem örtlichen Machthaber anzulegen, der vor keinem Mittel zurückschreckt, um Ghote zu stoppen. Und dann tritt auch noch ein heiliger Mann in den Hungerstreik und wiegelt die Bewohner auf, damit Ghote endlich abreist. Die Situation wird mehr als brenzlig. Inspector Ghote muss sich etwas einfallen lassen, denn er ist zwischen alle Fronten geraten.

H(enry) R(eymond) F(itzwalter) Keating, geboren 1926, war gelernter Rundfunktechniker, wurde dann Journalist und schließlich freier Schriftsteller. Fünfzehn Jahre lang war er der Krimi-Kritiker der Times und blieb zeitlebens eine der großen Autoritäten auf diesem Gebiet. Für seine Romane um den bescheidenen Inspector Ghote aus Bombay, der sich mit den Reichen und Mächtigen anlegt, wurde Keating mehrfach ausgezeichnet; für sein Gesamtwerk erhielt er 1996 den Cartier Diamond Dagger. Er starb 2011 in London.
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2


Dem Chairman schien Ghotes Erklärung nicht allzu viel auszumachen. Und doch war sein blitzendes Grinsen vielleicht ein wenig gedämpfter, während er das Fenster des großen Wagens langsam heraufkurbelte. Er brummte dabei: »Wie Sie wollen, ganz wie Sie wollen.« Und als das mächtige Fahrzeug langsam und spritzend durch den Matsch und die großen Pfützen davonfuhr, sah Ghote, dass das Muttermalgesicht hinter der Scheibe entschieden nachdenklich wirkte.

Er war selber recht nachdenklich.

Von Anfang an war ihm klar gewesen, dass an einem solchen Ort Ermittlungen nur gegen zähe Opposition vorangetrieben werden konnten. Aber gerade die Offenheit, mit der der Chairman seine Karten auf den Tisch gelegt hatte, ließ die vor ihm liegenden Schwierigkeiten zu einem noch höheren Gebirge anwachsen.

Bestimmt hatte der Bursche aber auch ein bisschen geprahlt. Dass er einen Distriktrichter ganz und gar in der Tasche hatte, war unwahrscheinlich. Und sicher waren ihm auch nicht alle anderen Beamten, die er da angeberisch aufgezählt hatte, so stark verpflichtet, wie er behauptete. Andererseits … ein so vermögender Mann wie Vinayak Savarkar hatte selbstverständlich einen Haufen Goondas, die nur auf einen Wink seinerseits warteten. Und er konnte es mit Leichtigkeit arrangieren, dass sie wegen einer Schlägerei unbehelligt blieben. In einem solchen Fall würden genügend Anwälte bereit sein, etwas Nachteiliges über den Constable auszugraben oder sich aus den Fingern zu saugen, der sie festgenommen hatte.

Und wenn ein Mann wie der Chairman sogar, wie es den Anschein hatte, von den Kräften des Guten unterstützt wurde, in Gestalt eines heiligen Mannes, der tagelang fasten wollte, um ihn vor allen weiteren Nachforschungen zu bewahren, dann waren die Aussichten wirklich düster.

Aus der Tonga ausgestiegen, verschaffte sich Ghote ein wenig Genugtuung dadurch, dass er dem Kutscher das bloße Minimum zahlte. Dann ging er auf der schlammigen Straße zum Polizeigebäude zurück, wobei er, so gut es ging, den auffallenden Eierkarton unter dem angewinkelten Arm verbarg, solange man das verdammte Ding noch mit dem Inspector in Zusammenhang bringen konnte, mit dem soeben der Chairman gesprochen hatte.

Wenn dieser Bursche nicht mit allem durchkommen sollte, so sagte er sich, dann hatte er selber nur eine Chance: Er musste so verflucht rasch sein, dass sogar der Chairman sich verkalkulierte.

Im Innern der Polizeistation verstärkte sich der tröstliche Eindruck, den ihm schon die frisch gekalkte Fassade vermittelt hatte. Eingangshalle und Gänge waren im Zustand handgeschrubbter Sauberkeit – jede scheuerbare Fläche war gescheuert und alles, was sich polieren ließ, auf Hochglanz poliert. Die wachhabenden Constables sahen jeder wie aus dem Ei gepellt aus, ordentlich bis zur letzten tadellosen Turbanfalte.

Einer trat sofort vor, als sich Ghote dem aufgeräumten Anmeldepult näherte, und kaum hatte Ghote mit absichtlichem Unterton seinen Namen genannt, da kam prompt und aufmerksam die erwartete Reaktion.

»O ja, Sahib. Sonderbefehl von Superintendent Chavan. Man soll Sie ek dum zu ihm führen.«

Ghote spürte in sich erfreuliche Wärme aufsteigen. Er befand sich auf vertrautem Boden.

Ghote folgte dem Mann durch einen Gang in das Innere des Gebäudes – sorgfältig gestrichene Türen, an jeder in schimmernd poliertem Messingrähmchen eine saubere Karte mit Namen und Dienstgrad. Nicht lange, da blieb der Constable stehen, klopfte respektvoll an die letzte Tür, wartete auf das gebellte »Koi hai?« und antwortete schneidig: »Inspector Ghote, Superintendent Sahib. Laut Befehl sofort hergeführt.«

Gleich darauf wurde die Tür von innen aufgerissen, und auf der Schwelle stand Superintendent Chavan.

Der Superintendent war groß, gut einen halben Kopf größer als Ghote. Trotz dem gewichtigen Körperbau und dem breiten, ein wenig aufgedunsenen Gesicht wurde der unpolizeimäßige Eindruck, den dies hervorrufen mochte, durch die absolute Korrektheit der Uniform vollkommen aufgewogen. Sie war zu äußerster Glätte gebügelt, was ihrem Träger das ideale Aussehen gab.

Während der Constable die Hacken zusammenschlug und grüßte, bat der Superintendent breit lächelnd Ghote in sein Büro.

»Nehmen Sie Platz, mein lieber Inspector, nehmen Sie Platz. Sie rauchen?«

Eine auf Hochglanz polierte Messingdose wurde ihm hingeschoben. Ghote ließ sich auf dem Stuhl nieder, der genau im rechten Winkel zu dem mächtigen Schreibtisch stand. »Sehr freundlich«, sagte er, »aber ich rauche nicht.«

»Nein? Sehr vernünftig. Ich wünschte, ich könnte mir die verdammte Sache auch abgewöhnen.«

Superintendent Chavan rückte geschäftig seinen gut gepolsterten Stuhl näher an den Schreibtisch. Er streckte die Hand aus und schob die mit Litzen besetzte Uniformmütze zurecht, die auf der einen Seite der gut aufgeräumten Tischplatte lag.

»Mein lieber Inspector«, sagte er, »ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie verdammt froh ich bin, Sie hier zu sehen.«

»Ich freue mich ebenfalls, hier zu sein«, sagte Ghote.

Superintendent Chavan blickte überrascht auf. »Sie freuen sich, hier zu sein?«, fragte er. »An diesem Ort? Gerade jetzt?«

Ghote lächelte ein wenig schuldbewusst. »Nicht eben das, nein«, gab er zu. »Aber ich bin wirklich froh, in einer Polizeistation zu sein, und besonders in einer so gut in Stand gehaltenen.«

Der Superintendent dehnte unauffällig die breite Brust. »Ich darf wohl sagen, dass ich weiß, wie eine Polizeistation geleitet werden muss, selbst wenn wir hier von euch Burschen in Bombay meilenweit weg sind«, sagte er.

»Ihre Station hier scheint tatsächlich so gut geleitet zu sein, dass ich mich wundere, wieso man es überhaupt für nötig gehalten hat, mich hierherzuschicken«, antwortete Ghote.

Superintendent Chavan klopfte nachdenklich mit den langen Fingern auf den Rand seiner Litzenmütze.

»Ja«, sagte er. »Da liegt das Problem.«

Ehe er fortfuhr, gab er der Mütze einen abschließenden kleinen Klaps, als zöge er aus der Berührung Kraft.

»Vielleicht haben Sie, mein lieber Inspector, keine allzu genaue Vorstellung davon, was es heißt, in einem Ort wie diesem zu leben. Wir sind hier nicht in Bombay, wissen Sie. Wir sind hier nicht ganz auf der Höhe der Zeit. Hier sehen Sie keine Frauen in langen Hosen, hier gibts keine Heiraten zwischen den Kasten. Und hier kommen wir nicht darum herum, dass ein gewisser Jemand unbestreitbar der Boss ist.«

Die Bestätigung dessen, was der »gewisse Jemand« ihm schon selbst gesagt hatte, legte sich kalt auf Ghotes wiedererwachten Optimismus.

»Er mag der Boss sein«, versuchte er sich trotzig selbst Mut zu machen. »Aber er steht nicht über dem Gesetz.«

»Gewiss nicht, gewiss nicht«, versicherte der Superintendent. »Hoffentlich denken Sie nicht, ich hätte das sagen wollen.«

Ghote spürte, wie die Wärme in ihn zurückkehrte. Wie stark der Druck von außen auch sein mochte – bei der Polizei wenigstens herrschte völlige Solidarität.

»Nein«, sagte er. »In dem Augenblick, in dem ich Ihre Station betreten habe, war mir klar, dass es kein Problem dieser Art ist.«

Der Superintendent bedachte seine Litzenmütze mit einem beglückwünschenden kleinen Klaps.

»Trotzdem …«, sagte er. »Es gibt schwer wiegende Probleme. Stellen Sie sich diesen Ort vor, mein lieber Inspector. Wir bilden eine sehr kleine Gemeinschaft und sind in vieler Hinsicht isoliert. Wir haben hier unsere Arbeiter von der Baumwollspinnerei und -verarbeitung. Und dann haben wir unsere oberen Gesellschaftsschichten. Unsere Akademiker, unsere Leute mit eigenem Vermögen. Aber – und darauf will ich hinaus, mein lieber Inspector – es gibt hier nicht allzu viele von uns.«

»Und deshalb kennen Sie sich alle untereinander sehr gut?«, sagte Ghote.

Der Superintendent nickte beifällig.

»Genau, genau. So ist es in der Tat.« Die langen Finger streckten sich wieder in Richtung der Mütze, doch er versagte es sich im letzten Moment, sie zu berühren.

»Infolgedessen, verstehen Sie«, fuhr er fort, »wäre es für mich nicht leicht, in einem Fall zu ermitteln, in dem sich womöglich herausstellt, dass die führende Persönlichkeit der kleinen Gruppe, zu der ich auch gehöre, ein Verbrechen verübt hat, und es war auch für meinen Vorgänger nicht leicht, vor fünfzehn Jahren. Er lebt nicht mehr, der Arme.«

Abwehrend hob er die Hand.

»Nicht dass ich davor zurückgeschreckt wäre, die Ermittlungen wieder aufzunehmen, da sie nun einmal fortgesetzt werden müssen«, fuhr er fort. »Aber wie weit käme ich denn? Natürlich könnte ich den Mann, von dem die Rede ist, ins Verhör nehmen. Ich könnte ihn sogar scharf verhören. Aber ich würde nichts erreichen, und dann müsste ich auch seinen Freunden Fragen stellen. Und wie sieht es damit aus, hm?«

»Sie würden auf große Schwierigkeiten stoßen, wenn Sie Leute vernehmen, mit denen Sie selbst befreundet sind«, sagte Ghote, »und die wiederum würden alles tun, um Sie zu hindern, die Dinge für ihre eigenen Freunde zu erschweren.«

»Besser hätte man es nicht ausdrücken können,...


Keating, H. R. F.
H(enry) R(eymond) F(itzwalter) Keating, geboren 1926, war gelernter Rundfunktechniker, wurde dann Journalist und schließlich freier Schriftsteller. Fünfzehn Jahre lang war er der Krimi-Kritiker der Times und blieb zeitlebens eine der großen Autoritäten auf diesem Gebiet. Für seine Romane um den bescheidenen Inspector Ghote aus Bombay, der sich mit den Reichen und Mächtigen anlegt, wurde Keating mehrfach ausgezeichnet; für sein Gesamtwerk erhielt er 1996 den Cartier Diamond Dagger. Er starb 2011 in London.

Lipcowitz, Marianne
Marianne Lipcowitz übersetzt vorwiegend Kriminalromane aus dem Englischen und Französischen.



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