E-Book, Deutsch, 184 Seiten
Kecmanovic Sibirien
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95757-196-0
Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein serbischer Liebesthriller, in den sich Kroaten eingemischt haben
E-Book, Deutsch, 184 Seiten
ISBN: 978-3-95757-196-0
Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Vladimir Kecmanovi?, geboren 1972 in Sarajevo, lebt in Belgrad. Er studierte Philosophie und ist Autor, Kolumnist, Filmemacher sowie Verleger. Bislang erschienen fünf Romane, 'Sibirien' ist die erste Übersetzung ins Deutsche. Kecmanovi? zählt zu den profiliertesten jungen literarischen Stimmen des neuen Serbien.
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Die Nacht ist ein Typ mit einer Kapuze auf dem Kopf.
Der Mund verzieht sich zu einem Grinsen.
Als wolle er sagen:
Was ist los, Mann, regnet es?
Es ist dein Mund.
Dein Kopf ist es, der sich zum Himmel hebt.
Deine Hand, die ausgestreckt wird, um zu prüfen, ob es regnet.
Nein, es regnet nicht.
Und der Typ hat die Kapuze nicht nur auf dem Kopf. Sondern – überm ganzen Gesicht. Bis unter die Nase.
Wie konnte er dich bloß sehen? Etwa durch die Kapuze?
Aber er hat dich gesehen.
Denn er stellte sich dir in den Weg. Schob die Kapuze zurück. Packte deine Hand.
Und sagte:
Hey.
Ätzend, wenn dir ein Typ ohne Gesicht den Weg versperrt.
Sogar wenn du drauf bist.
Und wenn der Typ ohne Gesicht ein Gesicht bekommt. Und eine Stimme.
Und wenn dir das Gesicht und die Stimme bekannt sind.
Deine Augen.
Im Gesicht eines Fremden.
Die Nase fremd und doch dein.
Die Stimme, die du von klein auf kennst.
Papa!
Wieso bist du hier, sagst du. Nichts Besonderes, sagt er, Interpol, Steckbrief, dies und das …
Er schiebt dich in den Hauseingang, neben dem er stand. Zieht dein Gesicht an seines heran. Schaut dir lange in die Augen.
Deine Hand, bislang zärtlich gehalten, drückt er jetzt fest.
Du bist total dicht, sagt er wütend.
Ich nicht, du vielleicht, sagst du.
Die Hand, mit der er deine nicht drückt, hebt er hoch. Als winke er.
Durch die Droge sind deine Reflexe verlangsamt.
Aber immer noch schneller als der Verstand.
Du zuckst. Ziehst den Kopf ein. Hebst die Hände. Sozusagen: Du schützt dein Gesicht.
Dein Kopf wird langsam klarer. Wie nach einer saftigen Ohrfeige.
Blut steigt dir in den Kopf.
Du ziehst deine Hand aus seiner.
Ballst die Hände zu Fäusten.
Kommst mit dem Gesicht seiner Visage nahe.
Was ist, sagst du, willst du mich schlagen?
Du siehst, wie deine Augen in seinem Gesicht größer werden. Als sei er verlegen. Fast – als habe er Angst.
Kleine, sagt er, du weißt, dass ich dich noch nie geschlagen habe.
Und weiter:
Erzähl keinen Scheiß.
Deine Augen in seinem Gesicht betrachten dich unentwegt. Als hypnotisierten sie dich.
Lass uns nicht streiten, sagt er. Jetzt ist keine Zeit für solchen Blödsinn.
Er drückt dir die Schulter. Umarmt dich.
Schaut dir wieder in die Augen.
Hör mir gut zu, sagt er. Alles wird gut. Du musst nur auf mich hören.
Du gehst jetzt mit einem Freund von mir, er wird ein paar Tage auf dich aufpassen, sagt er. Bis ich diese Scheiße in Ordnung gebracht habe.
Der Mann ist mehr als zuverlässig, sagt er. Solange du bei ihm bist, kann dir nichts passieren.
Mach dir keine Sorgen, sagt er. Ich hab alles unter Kontrolle. Du musst nur ein paar Tage keine Dummheiten machen.
Ich hab es auch Mirjana versprochen, sagt er, danach ist Schluss mit den Dummheiten.
Er hebt die Hand. Winkt.
Von irgendwoher taucht ein riesiger Typ auf. In einer Lederjacke.
Dein Alter legt dir die Hand auf die Schulter.
Das ist Miki, sagt er. Miki, das ist meine Prinzessin. Hüte sie wie deinen Augapfel. Sie hat versprochen, auf dich zu hören.
Miki nickt.
Sozusagen: Er begrüßt dich.
Sozusagen: Er ist mit den Worten deines Alten einverstanden.
Sein Gesicht – ein Stein. Er sieht wirklich gefährlich aus. Ein Van Damme-Verschnitt.
Du sagst:
Ich habe nichts versprochen.
Dein Alter drückt dich. Zärtlich, aber fest.
Dann versprich es jetzt. Sagt er.
Und weiter:
Ich bitte dich sehr darum!
Zum ersten Mal siehst du ihn besorgt. Zum ersten Mal hörst du seine Stimme zittern.
Hast du genickt?
Denkt er, dass du genickt hast?
Tut er so, als würde er denken, du hättest genickt?
Danke, Kleine, sagt er. Du bist doch Papas kluges Töchterchen.
Und weiter:
Komm, gib Papa dein Handy.
Und weiter:
Komm, ich bitte dich, mach keine Schwierigkeiten, das ist nur zu deiner Sicherheit.
Du holst das Handy aus deiner Handtasche. Gibst es ihm.
Er nimmt es, steckt es in die Manteltasche.
Lächelt.
Hebt den rechten Zeigefinger. Sozusagen: Er droht.
Er sagt:
Das andere auch, auch das andere.
Du gibst ihm auch das andere Handy. Auch das steckt er in die Manteltasche.
Noch immer das Lächeln. Noch immer der rechte erhobene Zeigefinger.
Und die linke Hand ausgestreckt.
Du breitest die Arme aus.
Er sagt:
Schon gut, ich glaub es dir: Du hast kein drittes.
Er küsst dich auf die Stirn.
Drückt Miki die Hand.
Schiebt die Kapuze übers Gesicht.
Verschwindet im Dunkel des Hauseingangs.
Miki hebt die Hand.
Sozusagen: Du sollst ihm folgen.
Du marschierst los. Dann bleibst du stehen.
Miki dreht den Kopf zu dir. Sein Arm bildet ein Dreieck.
Sozusagen: Er wartet darauf, dass du dich bei ihm einhakst.
Er steht.
Du stehst.
Der Arm wird gestreckt. Die Hand packt deinen Arm. Seine zweite Hand packt deine Hand. Der erste Arm schließt wieder ein Dreieck. Um deinen Arm.
Du hakst dich bei ihm ein.
Ihr überquert die Straße. Geht zu einem Durchgang zwischen zwei Häusern.
Genau gegenüber dem Hauseingang, in dem dein Alter verschwunden ist.
Ihr kommt in einen Hof. Im Hof steht ein Auto.
Ein gepimpter BMW.
Das Dreieck um deinen Arm wird gerade. Dein Arm fällt wie tot auf deine Hüfte.
Miki öffnet die Tür des BMW. Gibt dir ein Zeichen einzusteigen.
Mein Auto steht am Ende der Straße, sagst du. Scheiße, was soll ich jetzt machen?
Er sagt:
Ich würde sagen, das ist das geringste Problem.
Er ist schon um den Wagen herum und hat die Tür aufgemacht.
Er setzt sich. Lässt den Motor an.
Stützt sich mit dem Ellbogen auf die Rückenlehne. Durchbohrt dich mit seinem Blick.
Kleine, sagt er, lass den Blödsinn und setz dich rein!
Du sagst:
Leck mich!
Im Dunklen siehst du die Hand nicht, die deine packt.
Spürst nur den Griff, mit dem er dich in den Wagen zerrt.
Du fällst quer über den Sitz. Auf den Bauch. Hörst, wie die Tür zuknallt.
Es ruckt – der Wagen fährt.
Mit einiger Mühe drehst du den Arsch Richtung Polster.
Stemmst dich kurz hoch und setzt dich.
Die Straßenbeleuchtung blendet dich.
Du brüllst:
Geht’s noch, du Affe, hat mein Alter gesagt, du sollst auf mich aufpassen oder mich verprügeln?
Seine Stimme – feinster Tranquilizer.
Er sagt:
Vergiss deinen Alten. Und zwing mich nicht, dich zu verprügeln.
Die Straßenbeleuchtung blendet dich noch eine Weile.
Dann – Dunkelheit.
Ab und zu ein Licht.
Die Scheinwerfer vorbeifahrender Autos.
Keine Ahnung, wie lange die Fahrt dauert.
Wenn du dicht bist, ist dir die Zeit scheißegal.
Deshalb bist du ja gerne dicht.
Nach dem Motto: Ein Augenblick ist die Ewigkeit, die Ewigkeit ist ein Augenblick. Und so.
Er schweigt wie ein Grab.
Du sagst:
Du bist wirklich ein sehr gesprächiger Typ.
Und er:
Und du bist voll wie ein Arsch.
Und du:
Oho, jetzt werden wir schon ausfällig!
Und er:
Warum kokst du nicht wie alle reichen Mädchen. Warum nimmst du diesen Mist?
Und du:
Koks putscht auf, ich will aber, dass es mich runterbringt.
Und er:
Du bist wohl so was wie eine Retro-Tussi?
Und du:
…
Keine Ahnung, was du gesagt hast.
Aber vielleicht hat er auch nichts gesagt.
Vielleicht hast du ihn auch nach gar nichts gefragt.
Vielleicht redest du mit dir selbst.
Im Halbschlaf. Oder im Schlaf.
Ich liege in einem Bett. Unter einer Steppdecke.
Ich erinnere mich: Er hat mich aus dem Wagen geholt. Und über einen Rasen geführt. In ein Haus.
Das war – wahrscheinlich – das Haus, in dem ich jetzt liege.
Ich schaue an die Zimmerdecke aus Holz.
Das Holz sieht krass aus.
Eine gigantische Holzverkleidung.
Das Bett ist bequem. Mein Kopf schwer.
Ich kann ihn nur langsam bewegen.
Ich sehe nichts außer der Verkleidung, an der ist nicht gespart worden.
Ich betrachte die Linien auf dem Holz.
Versuche, daraus ein Bild zu formen.
Es klappt nicht.
Mein Blick ist trüb.
Wo ein Muster ist, sehe ich zwei.
Aber ich schaffe es trotzdem.
Aus den doppelten Mustern bilde ich Hügel. Die schweben vor meinen Augen.
Auch Wolken. Die schweben über den Hügeln.
Kinderkram.
Ich bewege den Kopf. Er tut weh.
Ich schaue mir das Zimmer an.
Krasse Schiffsplanken unter einer krassen Holzdecke.
Vor zwanzig Jahren war das in, würde Džejson sagen.
In fünfzig Jahren wird es retro sein.
Jetzt ist es out.
Auf den Schiffsplanken ein rustikaler Teppich.
Und eine kitschige Kiste, die auf Schatztruhe macht.
Mit Schloss und...




