E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Keilson Das Leben geht weiter
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-10-401698-6
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-10-401698-6
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hans Keilson wurde 1909 in Bad Freienwalde geboren. Der Arzt und Schriftsteller emigrierte 1936 in die Niederlande, wo er bis zu seinem Tod 2011 lebte. Sein erster Roman ?Das Leben geht weiter? erschien 1933 bei S. Fischer. Die Novelle ?Komödie in Moll? wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und 2010 zum Weltbestseller. Hans Keilson wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, zuletzt mit dem Johann-Heinrich-Merck-Preis, der Moses-Mendelssohn-Medaille, der Humboldt-Medaille und dem »Welt«-Literaturpreis. Literaturpreise: 'Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay' der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung 2005 Moses-Mendelssohn-Medaille 2007
Autoren/Hrsg.
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Die Zeit verging, man gewöhnte sich daran, daß Fritz nicht mehr da war, zuerst wurde viel über den Fall gesprochen, doch allmählich versickerte das Gerede, Neues kam auf den Plan, das wichtiger war und regere Anteilnahme erforderte. In der Nachbarstadt hatte sich ein Kaufmann erschossen, aus Not, Verzweiflung, Scham, Gott weiß, was ihn in den Tod trieb. Seine Not hatte nun ein Ende, dabei war es noch gar nicht so schlecht um ihn bestellt, einige Zeit hätte er noch durchhalten können, aber er wartete nicht, er erschoß sich.
»Eine verdammte Zeit ist das jetzt«, sagte der Kaufmann Seldersen, spuckte in das Feuer und rieb sich die Hände über dem eisernen Ofen, der in der Mitte des Ladens stand, »hier ist es wenigstens schön warm.«
Heute hatte er noch nicht viel Geld in der Kasse, aber das machte nichts. In letzter Zeit wechselte seine Stimmung häufig. Da kam er zufrieden und guter Laune nach Ladenschluß hinauf in die Wohnung, auch wenn er tagsüber ohne gute Einnahmen unten gesessen hatte, er sagte: »Jetzt bin ich oben, jetzt geht mich alles nichts mehr an, hier will ich wenigstens meine Ruhe haben.« Aber er kam doch nicht daran vorbei.
»Haben wir es nicht gut«, fing er wieder an, »eine warme Stube, immer noch reichlich zu essen, wer hat das heute noch?«
Es bereitete ihm sichtlich Vergnügen und steigerte sein Wohlbefinden, sich in diesen Gedankengängen zu bewegen. Die Mutter sagte weiter nichts dazu als: »Ja, du hast natürlich recht.« Aber bei sich glaubte sie doch, daß sie beide zu höheren Forderungen berechtigt seien, als eine warme Stube und genügend Essen zu haben. Doch sie ließ sich nichts anmerken, sollte sie wieder eine verzweifelte Stimmung heraufbeschwören? Sie war froh, wenn der Vater von selbst vorschlug, am Abend noch ein wenig auszugehen. Dann saßen sie im Lokal, zusammen mit vielen Bürgern der Stadt, aber alleine an einem Tisch, oder sie gingen ins Kino. Vorher beleuchteten sie diesen Schritt von allen Seiten, man müßte sich doch einmal auf andere Gedanken bringen und ein wenig Abwechslung suchen; das brachte sie wieder auf das Alltägliche zurück. Es gab Tage, an denen sie beide grundlos vergnügt waren. Der Vater nannte sie »meine liebe Frau«, umarmte und küßte sie, wie lange nicht zuvor. Die Mutter wehrte sich, sicherlich schämte sie sich ein wenig. In ihrer Verwirrtheit entschlüpften ihr die Worte: »Wir haben ja keinen Grund dazu.« – »Aber Trudel«, entgegnete der Vater und verzog sein Gesicht zu einer Grimasse, »du bist doch nicht böse, was, ich kann nichts dafür, mein Trudel.«
Sein Gesicht wird ganz ernst, und er lehnt sich an die Tür, in den Augen stehen ihm Tränen. In der Tat, er konnte nichts dafür, es war nicht seine Schuld.
Jeden Tag kann es hereinbrechen, jede Minute kann die Entscheidung bringen, man ist darauf gefaßt, wie der Sterbende auf das Begräbnis. Und eines Tages wird sie kommen. Zuerst war es Scham, Herr Seldersen schämte sich vor sich selbst, vor seiner Frau und den Kindern, vor allen übrigen Menschen, daß es so mit ihm stand. Was sollte er denn tun, er hatte alles getan, was in seiner Macht lag. Dennoch schämte er sich. Dabei hatte niemand einen Vorwurf gemacht, daß es ihn nun auch ergriffen hatte, das Schicksal, das vielen gemeinsam wurde, was sollte da die Scham? Wenn es bei ihm gelegen hätte, was würde er nicht alles wagen, daransetzen, um sich zu helfen und wieder voran zu bringen. Aber mit der Zeit ergriff sie die Erkenntnis immer tiefer, daß bei ihm nichts mehr lag, daß er getrieben wurde, unaufhaltsam, ein grausamer Gedanke, dem Ende zu. Und dann kam die Verzweiflung, die beim geringsten Anlaß ausbrach und schlimmer war als das Ende selbst. Ja, was war denn eigentlich das Ende, um das sich so viel Schmerz rankte? Es war der Bankrott, die Aufgabe des Geschäftes, der Abschluß einer Existenz, die sich ein Menschenalter hindurch gehalten hatte. Was war das für ein Abschluß? Nicht der Schlußstrich unter eine Rechnung, die aufging und nach allen Seiten hin stimmte, wie es sich für sein Alter gebührte, es war der Weg ins Uferlose, ins Ruhelose, ohne Sicht auf Erlösung. Es wurde nicht fein säuberlich beendet und auf einer höheren Stufe etwas Neues angefangen, es war der Weg eines zum Leben verdammten oder begnadeten Menschen, der alt in seiner Zeit ist, während sie sich in jeder Minute neu erfüllt. Wenn sie beide, Mann und Frau, unbewegt am Tisch saßen und ins Endlose starrten, so war das beredter als der laute verzweifelte Aufschrei. Es war noch nicht einmal eine Anklage, denn wer sollte als Angeklagter vor den Richtertisch gezerrt werden? Nur eine Feststellung dessen, was ist, und im Unterton eine leise Verwunderung über das, was sich umgestaltend da vollzog. Sie hatten es sich beide anders gedacht, im Alter wenigstens wollten sie ruhig leben. Es ist anders gekommen, so, wie man es nicht erwartet hat.
Auch ein alter Gaul lebt weiter, er zieht seinen Karren langsam über den Weg, auch wenn er lahmt, er kommt vorwärts. Dem Kaufmann Seldersen ging es nicht viel anders, er hinkte mit seinen Zahlungen nun eine gute Weile nach, wurde gemahnt, schrieb zurück, sandte ab und zu eine kleine Geldsumme, für eine kurze Spanne hatte er dann wieder Ruhe, nicht lange, aber doch genug, um Luft zu schöpfen. War dieser Zustand noch erträglich und würdig eines Mannes, der sein Lebtag seine Geschäfte redlich besorgt und zu einem glatten Ende gebracht hatte? Die Luft um ihn herum war modrig und dumpf, wie von stickiger, verbrauchter Wäsche, wohin er sich auch wandte, alles klebte und hing an ihm, riß an seinem Körper, an seinen Händen, besudelte ihn. Er hatte ein Gefühl, als müsse er sich dauernd waschen – nein, so ging es nicht weiter, er nahm seinen Mut zusammen und gedachte endgültig ein wenig Ordnung in seine Angelegenheiten zu bringen. Ordnung, wie wollte er sie schaffen, aus eigener Kraft, oder von welcher Seite sah er eine Hilfe?
Eines Tages ging er hinüber auf das Rathaus und ließ sich bei dem Vorsteher der Stadtsparkasse melden. Er wurde vorgelassen, zuvorkommend begrüßt, wie man eben einen Kunden empfängt, den man sich geneigt halten will. Solange er hier ansässig war, arbeitete Herr Seldersen schon mit der Bank. Den jetzigen Vorsteher kannte er, als er noch ein einfacher Angestellter war und später zum Rendanten aufrückte. Sein Bankkonto, die Sparkassenbücher seiner Frau und seiner Kinder lagen hier aufbewahrt, keine großen Summen mehr, man war mit dem Sparen vorsichtig geworden nach den Erfahrungen der Inflation. Das Mit-der-Bank-Arbeiten war im Grunde nichts anderes als ein einfaches Verrechnen. Herr Seldersen brachte die Gelder, die er im Laufe der Woche einnahm, auf die Bank, nachher hob er den Betrag wieder ab und bezahlte seine Schulden damit. Schließlich, als die Einnahmen nicht mehr ausreichten, um die Schulden abzutragen, mußte er borgen. Er tat es mit Vorsicht, da er es nicht gewöhnt war, früher hatte er nie dazu seine Zuflucht nehmen müssen, ja, ja … später schon mit mehr Verwegenheit, aber ganz wohl fühlte er sich nie dabei. Der Betrag, den man ihm zugestand, hielt sich in maßvollen Grenzen, er entsprach dem Rufe und dem Ansehen des Kaufmanns Seldersen, die eine ideelle Sicherheit boten.
Als Herr Seldersen sich diesmal zu einer Unterredung bei dem Vorsteher melden ließ, kam er mit der Absicht, diese feststehende Summe zu überschreiten. Er dachte es sich im geheimen beileibe nicht so leicht mit diesem Anfang, aber er wagte den Versuch, weiß der Himmel, woher er auf einmal den Mut nahm.
Der Vorsteher zeigte sich im Augenblick nicht unterrichtet, einen wie hohen Betrag man dem Herrn Seldersen einräumte, entschuldbar, natürlich, zuviel mußte er zu gleicher Zeit im Kopfe haben, wie sollte er gerade hier die Summe auswendig wissen. Schnell holte er die Akten, blätterte nach; als er den Betrag verglich, den der Vater jetzt verlangte, stutzte er ein wenig und sagte vorerst nur: »Das ist ein bißchen sehr hoch gegriffen, Herr Seldersen.« Er sah ihn an. Herr Seldersen erklärte, wozu er diesen Betrag benötigte, er beabsichtige ein Geschäft abzuschließen, und es sei das beste, wenn er die ganze Summe sofort zur Verfügung habe. Im Augenblick bedeute es eine große Belastung, gewiß, das gestehe er zu, aber dann sei es auch ein gewaltiger Vorteil, das könne ebensowenig geleugnet werden.
Der Vorsteher überlegte eine Weile hin und her.
Für diese hohen Kredite, erklärte er in vornehmer Zurückhaltung, hafte er persönlich, er müsse also doppelt vorsichtig jeden Schritt genau überprüfen. Die Sicherheit, wie steht es mit einer Sicherheit? Es sei nicht kaufmännisch gedacht, einen größeren Kredit zu gewähren, wenn nicht für das ausgeliehene Geld eine Sicherheit auf den ersten Blick verbürgt scheint; anders zu handeln, sei leichtsinnig, unverantwortlich, zumal noch an seiner Stelle, da er ja sozusagen die Ersparnisse, das Vermögen der Stadt und ihrer Bürger verwaltet.
»Was nun Sie betrifft, Herr Seldersen, so kenne ich Sie schon lange genug, daß ich alle Bedenken zurückstellen kann. Aber da ich der Stadt verantwortlich bin, muß ich wenigstens, um der äußeren Form zu genügen, mir auch bei Ihnen eine ausreichende Sicherheit verschaffen, zumal es sich ja um einen größeren Betrag handelt, den Sie von uns bewilligt haben wollen.«
»Eine Sicherheit?«
»Ja, ja.«
Herr Seldersen hatte schon recht zugehört und genau verstanden, was der andere mit der Sicherheit meinte, natürlich, er mußte sich sichern, das sah er ein. Aber in welcher Form sollte dies nun vor sich gehen?
Herr Seldersen fragte ziemlich schwerfällig und unvermittelt, was man von ihm als Sicherheit verlange.
Darüber ließe sich schon reden, irgend etwas, was einen geeigneten Gegenwert darstellt, ohne ihn, Herrn Seldersen, gleichzeitig zu sehr zu...




