E-Book, Deutsch, 80 Seiten
Keilson Komödie in Moll
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-402041-9
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählung
E-Book, Deutsch, 80 Seiten
ISBN: 978-3-10-402041-9
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hans Keilson wurde 1909 in Bad Freienwalde geboren. Der Arzt und Schriftsteller emigrierte 1936 in die Niederlande, wo er bis zu seinem Tod 2011 lebte. Sein erster Roman ?Das Leben geht weiter? erschien 1933 bei S. Fischer. Die Novelle ?Komödie in Moll? wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und 2010 zum Weltbestseller. Hans Keilson wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, zuletzt mit dem Johann-Heinrich-Merck-Preis, der Moses-Mendelssohn-Medaille, der Humboldt-Medaille und dem »Welt«-Literaturpreis. Literaturpreise: 'Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay' der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung 2005 Moses-Mendelssohn-Medaille 2007
Autoren/Hrsg.
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I
»Da sind sie wieder«, sagte der Doktor plötzlich und richtete sich auf. Unversehens wie seine Worte hatte sich das Geräusch der nahenden Flugzeugmotoren in die Stille des Sterbezimmers geschlichen. Er legte den Kopf in den Nacken, kniff die Augen halb zu und lauschte.
Als wenn versteckt irgendwo in dem Hause ein kleiner Dynamo zu laufen begonnen hätte, der schnell auf Touren kam, so verstärkte sich der Summerton der anfliegenden Nachtgeschwader. Er hätte auch – so schien es zu Beginn – aus dem Keller kommen können, oder aus dem Nachbarhaus … Aber es waren die Nachtbomber, unzweifelhaft, die sich da ankündigten. In großer Flugbreite kamen sie von England her über den Strand, der nur wenige Kilometer von hier die Nordsee auffing, warfen ihre Lichtfackeln aus, die den nachkommenden den Anflugsweg über Holland anweisen mußten, und verschwanden über der östlichen Grenze in der Nacht. Wenige Stunden später konnte man sie an einer anderen Stelle mehr nördlich oder südlich im Lande zurückkommen hören. Ihr Geräusch entfernte sich in Richtung des Meeres.
Auch der Mann und die Frau, die unschlüssig um das Bett herumstanden, wie Menschen stehen, die Angst und Trauer zugleich bewegen, hoben ein wenig den Blick und lauschten.
»So früh schon«, flüsterte der Doktor vor sich hin.
Wim sah ihn verwirrt von der Seite an, als sei er im Zweifel, auf was sich diese Bemerkung bezog.
Die ersten Schüsse der Nacht, knallend, dumpf, sie kontrastierten eigentümlich zu dem feinen, fast musikalischen Geräusch der Flugzeuge. Die Glasfenster und Türen klirrten und rammelten, das ganze, zu leicht gebaute Haus antwortete mit einem feinen, kurzstößigen Zittern auf die Explosionen. Der Beginn war immer erregend, wie oft man ihn auch schon miterlebt hatte.
Er war gegen Ende März, die Tage wurden wieder länger. Als der Doktor gegen sieben Uhr erschien, war es draußen noch hell.
Trotzdem hatte Marie, wie sie es seit Monaten tat, das Zimmer auf der ersten Etage, in dem »er« wohnte, verdunkelt. Es war ein ziemlich kompliziertes System von Schnüren und Haken. Sie tat es lieber selbst, da sie fürchtete, man könne ihn von der Straße aus sehen – eine etwas übertriebene Sorge, denn sie hatten kein vis-á-vis.
Ihr Haus stand am Westrand der Stadt in einer Straße von gleichförmigen Neubauten – Suite unten, drei Zimmer mit Bad oben und Dachkammer mit Boden – gegenüber einem Park, hinter dem sich, unterbrochen von Kanälen und Dämmen, das unermeßliche Westland mit seinen Treibhäusern und den durch den Krieg entvölkerten Weideplätzen bis an den Horizont ausbreitete. Dahinter dampfte das Meer. Eine silberne Naht hielt dort wie ein glitzernder Reif Erde, Himmel und Wasser zusammen.
Diese allabendliche Verdunkelungszeremonie gehörte zu einer Reihe von vorbeugenden Sicherheitsmaßnahmen, die am gleichen Tag mit dem Fremden ihren Einzug in das Haus gehalten hatten. Als dann die Krankheit dazukam, hatte sie mit nur noch größerer Sorgfalt diese Handlung vollzogen in dem unbestimmten Gefühl, daß der Kranke eine noch größere Gefahr für sie bedeute als der Gesunde.
Seit ungefähr zwei Wochen lag er zu Bett. Das Fieber verlieh seinem Gesicht Farbe und Rundung, nachdem ein Aufenthalt von rund einem Jahr tagein, tagaus in dieser Kammer die letzten Spuren von Leben ausgemergelt hatte. In den letzten Tagen sprach er fast kein Wort mehr. Es ging zu Ende.
Wenn Marie am Abend in seinem Zimmer das Licht einschaltete, drehte er in alter Gewohnheit noch das Gesicht der Wand zu. Im Wechsel vom schummrigen Tageslicht zu dem matt-trüben der elektrischen Birne erschien es fahl, pergamenten. Aber der geschwächte Körper blieb dumpf und bewegungslos unter den wollenen Decken. Die Lampe in halber Höhe in der Mitte des Zimmers verbreitete mehr Schatten als Licht.
Sie hatten, seit er bei ihnen Unterschlupf gefunden hatte, eine kleinere Kerzenstärke eingeschraubt, um zu sparen. Und um den milchig weißen Schirm noch ein bläuliches Tuch gehängt, um ausstrahlendes Licht zu dämpfen.
Wim und Marie waren nicht ängstlich von Natur. Als sie den Entschluß faßten, jemanden bei sich zu verstecken, hatten sie das Risiko, das sie damit auf sich nahmen, ziemlich deutlich vor Augen – bis zu einem gewissen Maße, soweit man ein Risiko a priori einschätzen kann. Denn es fällt unter die Kategorie »Überraschung«, und diese ist eben nicht im voraus zu berechnen.
Wenn es ihm einmal in den Sinn kam, über Tag eigenmächtig das Fenster zu öffnen und seinen Kopf herauszustecken? Oder mitten in der Nacht das Licht anzudrehen, nachdem er vorher eigenhändig die Verdunkelung entfernt hatte? Nicht aus Mutwillen oder um ihnen einen Streich zu spielen … Jedoch bei einem Menschen in seiner Lage konnte man nie wissen, ob er nicht in der nächsten Minute eine Dummheit begehen würde. Schließlich ist es auch kein Pappenstiel, zwölf Monate oder oft noch länger, freiwillig, immer mit einer gewissen Gefahr vor Augen allein in einem Zimmer zu sitzen oder herumzuschleichen – in Filzschuhen natürlich.
Denn um alles in der Welt: die Putzfrau, die zweimal in der Woche einen halben Tag kam, oder die Nachbarn durften nicht wissen, daß sich hier ständig jemand auf der ersten Etage aufhielt, obgleich man ihnen »Gott sei Dank« völlig vertrauen konnte. In dieser Straße waren alle Menschen »gut«. Und wer weiß, ob bei ihnen nicht auch jemand in Filzschuhen durch eine Kammer schlich, der lieber nicht über Tag seine Nase vor die Tür steckte. Enfin, man sprach über derlei Dinge besser nicht. Es wurde soviel geklatscht …
»Kein Mensch darf es wissen, hörst du … nur unter dieser Bedingung«, – hatte Marie damals gesagt.
»Natürlich –« erwiderte Wim geruhsam »kein Mensch, das versteht sich doch von selbst. Aber du mußt es dir gut überlegen, es bringt eine Menge …«
»Ich habe es mir bereits überlegt«, entgegnete Marie. Er konnte wissen, daß sie nichts unüberlegt tat … »Kein Mensch, auch Coba nicht.«
»Auch Coba nicht, einverstanden«, bekräftigte Wim.
Coba war seine Schwester. Sie wohnte in der Nähe, in einem Vorort der Residenz, eine halbe Stunde Fahrt mit der Straßenbahn. Die beiden Frauen standen ausgezeichnet miteinander. Coba kam so oft zu ihnen, daß es auf die Dauer unmöglich war, es vor ihr geheimzuhalten. Und dann, warum vor Coba? … Aber Wim hatte »einverstanden« gesagt. Die Zeit würde es lehren. Und schließlich liegt in jeder Angelegenheit eine gewisse Entwicklungsmöglichkeit.
»Und Erik?« fuhr Marie fort.
»Erik?« fragte Wim entgeistert, noch einmal: »Erik?« Kein Zweifel, sie hatte Angst. Die unsinnigsten Namen fielen ihr ein. »Ja, wie kommst du darauf? Solange wir verheiratet sind, ist er … einen Augenblick …« Er dachte nach. »… Ich glaube, einmal ist er bei uns gewesen. Von ihm haben wir doch nichts zu erwarten … Viel eher, wenn Mutter kommt, was dann?«
Marie erschrak. »An die Möglichkeit habe ich noch nicht gedacht …« Sie strich sich mit beiden Händen über den Kopf und steckte ihre Haare neu auf, obwohl an ihnen nichts zu stecken war … »Ja … überhaupt wenn wir Gäste bekommen … Wie wird Mutter es aufnehmen?«
»Du willst es ihr also sagen?«
»Wenn sie bei uns logiert, Wim – natürlich werde ich es ihr sagen.«
»Ich finde es gar nicht so natürlich«, hatte Wim gesagt und seine Krawatte zurechtgezupft …
Die erste Welle der Flugzeuge flog jetzt über die Häuserreihe.
Sie verharrten alle drei in der gleichen etwas geduckten Haltung, – ganz frei fühlte man sich nie –, den Kopf leicht zur Seite geneigt; bei den Schüssen, die jetzt in kurzen Abständen hintereinander dröhnten, zitterten ihre Nackenmuskeln in der Anspannung des Lauschens und der Gefahr, die über ihren Häuptern dahinrollte und das ganze Haus wie in einer unsicheren Erwartung beben ließ. Mächtig schlugen die Motoren. Die künstlichen Gebilde aus Gestäng und gewelltem Blech, aufgerufen zu einem starr geflügelten, kurzfristigen Leben, erfüllten Land und Himmel mit dem Takt ihrer eisernen Pulse.
Hier in der Kammer starb ein Mensch.
»Da sind sie wieder …« Das waren auch immer seine Worte gewesen. Mitunter wenn sie noch beim Abendessen zusammen in dem Hinterzimmer saßen – das einzige Mal am Tage, daß er, wie verabredet, nach unten kam – hatte er mitten im Bissen seinen Kopf jäh in den Nacken geworfen, so daß seine großen, behaarten Nasenlöcher unter dem stark gekrümmten Nasenrücken sichtbar wurden, und mit vollen Backen, während seine Hände das Eßbesteck senkrecht auf den Tisch pflanzten, diese vier Worte gesprochen: »Da sind sie wieder!« Als wenn er darauf gewartet hätte.
Wenn sie später kamen und er befand sich allein in seinem Zimmer, zuweilen sogar in seinem Bett, richtete er sich auf und sprach diese Formel in die stumme Kammer hinein.
Von ihnen dreien war er immer der erste, der sie hörte.
Wim ließ sich nicht stören. »Sooo«, antwortete er, mehr fragend als zustimmend. Aber auch nicht direkt ungläubig oder abweisend. Vielmehr auf jene taktvoll-uninteressierte Weise, mit der man eine Sache unentschieden läßt, die an sich möglich ist, wenn auch nicht gerade zu diesem Zeitpunkt. Auf keinen Fall unterbrach er deswegen seine Mahlzeit.
»Doch«, sagte Marie und zögerte, bis sie den nächsten Bissen von der gezückten Gabel nahm – »doch, Nico hat recht … hörst du?« … und sie spießte das Messer in die Luft.
»So...




