E-Book, Deutsch, Band 1, 224 Seiten
Reihe: Klimaschutzserie
Keim Was Schildkröten im Schilde führen
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-492-99989-2
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 1, 224 Seiten
Reihe: Klimaschutzserie
ISBN: 978-3-492-99989-2
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Maria Keim, Jahrgang 1997, ist in Köln aufgewachsen und studiert Medizin in Bonn. Sie mag Schildkröten, hat aber noch nie eine eigene besessen. Aber das kann sich beim nächsten Besuch des Kölner Doms schnell ändern ...
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 3
Als ich unsere Outdoor-Fritteuse anmache, erinnere ich mich, dass ich eigentlich abnehmen will. Seit heute Morgen schon. Egal. Morgen ist dann wirklich der Tag. Versprochen.
»Was hast du vor?« Die Schildkröte sonnt sich in dem späten Licht. Sie sitzt auf dem Gartentisch auf unserer Terrasse und beäugt skeptisch das mobile Frittiergerät, das neben ihr steht. Darin brutzelt und spritzt es. Die schwüle Sommerluft wird geschwängert von dem Geruch nach heißem Fett.
Ich schüttele den Karton, den ich aus der Tiefkühltruhe mitgebracht habe. Ein paar Brocken Eis lösen sich ab. »Chicken Nuggets.«
»Ah.« Die Schildkröte sieht weg. »Ich hatte mal eine beste Freundin, weißt du?«
»Nö. Ich habe dich heute erst kennengelernt.«
»Meine beste Freundin, das war ein Huhn. Ein radikales Huhn. Mal links, mal rechts. Unwichtig für so einen Vogel, der keinen vernünftigen Orientierungssinn hat.«
»Willst du mir damit etwa sagen, dass ich keine Chicken Nuggets essen soll?«
Sie ignoriert meine Frage. »Das Huhn ist aus der Bodenhaltung geflohen. Sechsundzwanzig Hühner pro Quadratmeter. Lebenserwartung sieben Wochen. Sie bekam nicht nur ungesundes Essen, es wurde auch noch jede Menge Medizin beigemischt. Ihr Schnabel wurde …«
Ich seufze so laut, dass die Schildkröte verstummt. »Na gut. Dann esse ich halt keine Nuggets.« Ich gehe durch die Glastür in die Küche zum Kühlschrank und nehme eine andere Box aus dem Gefrierfach heraus. Meine nackten Füße tapsen zurück nach draußen über das warme, dunkle Holz unserer Terrasse, das noch feucht ist vom Regen. Dort öffne ich die Packung Fischstäbchen.
»Ernsthaft?«, fragt die Schildkröte. »Das könnten meine Nachbarn gewesen sein.«
»Du bist eine Landschildkröte.«
»Landschildkröten leben auch am Wasser. Einmal kannte ich einen Seelachs, der …«
»Was isst du eigentlich?«, unterbreche ich sie, um mir Geschichten über das Meeresmassensterben zu ersparen. Die Fischstäbchenverpackung ist eh leer. Papa oder Oma. Fifty-fifty. Entweder hat mein Vater nach einem wieder mal zu stressigen Arbeitstag den leeren Karton ins Kühlfach statt in den Papierkorb geschmissen. Oder Oma hat die gefrorenen Stäbchen wie Eis gelutscht. Vielleicht hat sie die auch an unsere Katze verfüttert.
»Salat«, sagt die Schildkröte. »Oder am liebsten Mangold. Hast du Mangold?«
»Ja, baut meine Oma hier im Garten an.« Ich deute auf die Mischbeete neben der Wiese. In der fruchtbaren Erde wuchert das Gemüse nur so vor sich hin. Verschiedene Tomatenpflanzen tragen rote und goldene Früchte. Je bunter die Ernte, desto verrückter meine Oma. »Nicht mehr regional, sondern schon lokal, ist das nicht cool?«
Sie schweigt, während ihr Blick über Romanasalat, Schwarzkohl und rote Bete schweift.
»Also«, sage ich, »bist du vegan?«
Die Schildkröte zieht den Kopf ein. »Ich bin ganz und gar nicht vegan. Das Panzerknacken ist zudem ziemlich mühselig. Und schmecken tu ich nicht mal mit ordentlich Salz und Pfeffer.«
»Sicher? In China oder so seid ihr doch ein super Leckerbissen.«
Aus dem Gehäuse dringt kein Laut hervor. Dann sagt sie leise: »Ich bin weder schmackhaft, noch besitzt mein Panzer Wunderheilkräfte.«
Da ich merke, dass das Tier sich wirklich zu ängstigen scheint, hebe ich beschwichtigend die Hände. »Sorry, war nur ein Witz. Ich würde dich nie essen.« Es sieht immer noch verkrampft aus. »Ehrenwort. Was ich eigentlich fragen wollte: Bist du Veganer?«
»Immer diese Bezeichnungen: Veganismus, Paleoismus, Fruganismus.« Mit jedem Wort kommt der Kopf ein Stückchen weiter hervor. »Low-Carbismus, Rohkostismus …«
»Dann mache ich uns einen Salat«, sage ich schnell.
»Flexitarismus, Bananaananasismus, Pseudokannibalismus …«
»Einen großen Salat.« Ich schalte unauffällig die Fritteuse aus und hoffe, dass die Schildkröte jetzt nicht anfängt, über meine Energiebilanz zu reden.
Ich, mittlerweile wieder trocken, habe den Tisch gedeckt und serviere uns Salat in einer Glasschüssel.
Papa ist auch schon von der Arbeit zurück. Er hat sich gleich gestresst mit seinem Laptop an den Esstisch im Wohnzimmer gesetzt. Mir bleibt nichts anderes übrig, als ihm einen Teller Salat hinzustellen und wieder zurück zu dem Panzertier auf die Terrasse zu gehen.
Wenn eine Schildkröte Salat kaut, sieht es einerseits sehr genüsslich aus, andererseits frage ich mich, ob sie sich gleich ihr Kiefergelenk ausrenkt. Oder wie viele Kiefergelenke sie eigentlich hat. »Isst du eigentlich noch was anderes außer Salat?«
»Kaum.«
»Aha! Dann bist du also ein … Salatist!«
Unbeeindruckt kaut sie weiter.
»Die wahre Ernährungsweise ist ganz am Anfang der Nahrungskette geschrieben!«, sage ich und unterzeichne alles mit theatralischen Gesten. »Zeigt Nächstenliebe, brecht das Salatblatt.«
»Iss einfach, Marlin.«
»Nicht das Essen so kochen, dass es zu uns passt, sondern uns ändern, sodass wir zum Essen passen.«
Ihr Blick bleibt unverändert kühl. »Dein Salat wird gleich kalt.«
Ich stelle mich auf den wackeligen Gartenstuhl. »Keine Akzeptanz von Gewalt gegen Tofu und Getreide! Esst für etwas! Da habt ihr euren Salat!«
Da das Reptil weiter kommentarlos Salatblätter ab-
reißt, verliere ich den Spaß an der Sache und lasse mich wieder auf meinen Stuhl hinuntergleiten. »Wie hat das Huhn es eigentlich geschafft, aus dem Knast auszubrechen?«, frage ich stattdessen.
»Mit radikalen Mitteln natürlich«, antwortet die Schildkröte, als wären radikale Mittel so geläufig wie die Milch im morgendlichen Kaffee.
»Du meinst, so mit Stickstoffmonoxid?«
»NO! Eher mit Gewalt.« Sie untersucht eingehend die diversen Blättersorten auf ihrem Teller.
»Oha.« Schweigen. Einen Augenblick beobachte ich, wie das Abendlicht die feuchten Grashalme vergoldet. »Wieso war das Huhn eigentlich deine beste Freundin? Zumal sie ja so linksrechtsradikal war, quasi geradeausradikal.«
Die Schildkröte schluckt ihren Bissen hinunter. »Hat Freundschaft wirklich etwas mit politischen Einstellungen zu tun?«
Ich weiß nicht recht, was ich darauf antworten soll, da ich wenig mit anderen zu tun habe. Im Übrigen hört sich dieser Satz aus dem Mund der Schildkröte recht komisch an. Sie hat immerhin auf der Fahrradfahrt alle Autos als Klimasünder beschimpft. Ziemlich zwecklos, zumal die Menschen hinter den Glasscheiben sie gar nicht gehört haben. »Hm. Man sagt ja: Gleich und gleich gesellt sich gern«, sage ich. »Aber ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie die meisten Menschen in meinem Umfeld politisch eingestellt sind.« Ich überlege, wonach ich mir Freunde aussuchen würde. Hauptsache, nett und nicht nervig, vermutlich.
Die Schildkröte versucht erfolglos, Zitronenlimonade aus einem Glas zu trinken, das ungefähr zweimal so hoch ist wie sie selbst. Meinen Vorschlag, zwei Plastikstrohhalme so zusammenzustecken, dass sie besser herankommt, hat sie heftig abgelehnt. »Das Huhn hatte richtig Eier! Und man hat sie ihm weggenommen. Ein Großteil davon landete letztendlich im Müll. Außerdem ist sein ökologischer Fußabdruck praktisch gleich null, weil es, seit es in Freiheit lebt, jeden Morgen Blumen sät, um das ganze CO2e auszugleichen, das bei seiner Aufzucht entstanden ist.«
»Alter Falter, du suchst dir deine Freunde also nach ihrem ökologischen Fußabdruck aus?« Ich frage mich kurz, wie groß mein eigener ökologischer Fußabdruck wohl ist. Da habe ich, ehrlich gesagt, noch nie drüber nachgedacht, aber ich bin ja auch keine Umweltaktivistin.
»Das möchte ich nicht vollkommen bestreiten, nein.«
Ich lache. »Das heißt, dein allerbester Freund wäre dann ein Mehlwurm, oder was?«
»Ich habe mich schon mit deinem Baum hier angefreundet.« Sie nickt dem Baum mit Baumhaus zu, der unsere Wiese dominiert, während sich alle anderen Bäume mit respektvollem Abstand im angrenzenden Wald tummeln. »Er hat sogar eine negative Bilanz. Bäume sind wie Staubsauger: Sie saugen den Kohlenstoff aus dem CO2 und befreien das O2 – setzen also reinen Sauerstoff frei.«
»Okay«, sage ich, »aber …«
»Bäume sind wie Klimaanlagen: Sie kühlen Städte, indem sie Wasser verdunsten.«
»Aber mit einem Baum kann man sich doch gar nicht richtig unterhalten.«
Der Baum schweigt zustimmend.
Die Schildkröte schaut vielsagend seine Rinde an und raunt dann in seine Richtung: »Es war zu ahnen, dass das von einem Menschen kommt.«
»Wieso?«, frage ich und stecke mir eine Gabel Salat in den Mund.
Das Reptil mustert mich. »So, wie ihr mit Bäumen umgeht. Sie abholzt. Häuser in sie reinbaut. Sie verbrennt und euch vor Kaminfeuern genüsslich ausstreckt.«
Ich schlucke. »Irgendwie müssen wir uns warm halten. Nicht jeder ist so ein tolles wechselwarmes Kriechtier wie du. Ich würde keinen Tag in einem Kühlfach überleben. Du hingegen kannst dort überwintern.«
»Das ist genauso wie mit den Tieren«, übergeht sie meinen Kommentar. »Sie sprechen nicht, also haben sie nichts zu sagen. Man kann sie einsperren, züchten, mit ihnen experimentieren! Ihr seid alle Speziesisten[1]!«
»Chill mal«, sage ich und nehme mir einen weiteren Bissen Salat. »Ich zum Beispiel bin immer nett zu Tieren.«
»Du wolltest gerade klein geschredderte, in Dinosaurierform gepresste Hühnchen in deine Fritteuse werfen. Das nennst du netten Umgang mit Tieren?« Sie schüttelt heftig den Kopf. »Eure jahrtausendalte Ethik ist von extremem Anthropozentrismus durchwirkt!«
Ich seufze und frage diesmal nach: »Was...




