E-Book, Deutsch, 144 Seiten
Keller Bedingungslos geliebt
4., Neuausgabe mit neuem Cover und neuem Vorwort 2015
ISBN: 978-3-03848-714-2
Verlag: Fontis
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Von zwei verlorenen Söhnen und einem liebenden Vater
E-Book, Deutsch, 144 Seiten
ISBN: 978-3-03848-714-2
Verlag: Fontis
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Das Geheimnis der Liebe Gottes: Sie ist vorleistungsfrei zu haben. Jederzeit und mit Ewigkeitshorizont. Das ist die Lehrstunde fürs Leben von großen und kleinen Brüdern und Schwestern. Nach seinem ersten Buch The Reason for God nannte die amerikanische Zeitschrift Newsweek Timothy Keller einen 'C. S. Lewis für das 21. Jahrhundert'. Diesmal legt Keller das Gleichnis vom verlorenen Sohn aus - oder das Gleichnis von den zwei verlorenen Söhnen, wie es besser heißen müsste. Denn Keller zeigt, dass der ältere Sohn ebenso verloren ist wie der jüngere. Mit frischer, ungestelzter Sprache, scharfsinniger Menschenkenntnis und Beispielen aus aktuellen Büchern und Filmen führt Keller uns vor Augen, dass Jesus in diesem Gleichnis seinen Zuhörern die gesamte biblische Botschaft in einer unnachahmlich verdichteten Form präsentierte. 'In einer Flut von Bestsellern, geschrieben von Skeptikern und Atheisten, die einen nichtexistenten Gott des Verbrechens gegen die Menschlichkeit anklagen, ragt Timothy Keller als schlagkräftiger Kontrapunkt und Verteidiger des Glaubens heraus.' The Washington Post
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1
Die Menschen um Jesus
«Viele … kamen immer wieder zu Jesus, um ihn zu hören.»
Zwei Arten von Leuten
Die meisten Auslegungen dieses Gleichnisses haben sich auf die Flucht und die Rückkehr des jüngeren Bruders konzentriert – des «verlorenen Sohnes». Dies geht jedoch an der eigentlichen Botschaft der Geschichte vorbei, denn es gibt ja zwei Brüder, von denen jeder eine andere Form der Entfremdung von Gott und eine andere Art und Weise darstellt, nach Aufnahme im Himmelreich zu streben.
Es ist entscheidend, das historische Umfeld zu beachten, in das der Autor diese Predigt Jesu stellt. In den ersten beiden Versen des Kapitels nennt Lukas zwei Gruppen von Leuten, die gekommen waren, um Jesus zuzuhören. Zunächst waren da die «Zolleinnehmer und andere verrufene Leute». Diese Männer und Frauen entsprechen dem jüngeren Bruder. Sie beachteten weder die Moralgesetze der Bibel noch die Vorschriften für die kultische Reinheit, an die religiöse Juden sich hielten. Sie «leisteten sich, was immer sie wollten». Wie der jüngere Bruder verließen sie ihre Heimat, indem sie die moralischen Traditionen ihrer Familien und der angesehenen Gesellschaft hinter sich ließen.
Die zweite Zuhörergruppe waren die «Pharisäer und Schriftgelehrten», die durch den älteren Bruder repräsentiert wurden. Sie hielten an der traditionellen Moral fest, in der sie erzogen worden waren. Sie studierten die Heilige Schrift und gehorchten ihr. Sie besuchten treu die Gottesdienste und beteten ohne Unterlass.
Mit sparsamsten Mitteln zeigt Lukas, wie unterschiedlich diese beiden Gruppen auf Jesus reagierten. Die progressive Zeitform des griechischen Verbs, das mit «kamen immer wieder» übersetzt wird, macht deutlich, dass die Anziehungskraft Jesu auf die «jüngeren Brüder» ein beständiges Merkmal seines öffentlichen Wirkens war. Sie scharten sich permanent um ihn.
Dieses Phänomen war den rechtschaffenen und religiösen Leuten ein Rätsel und ein Dorn im Auge. Deren Empörung darüber fasst Lukas so zusammen: «Mit welchem Gesindel gibt der sich da ab! Er setzt sich sogar mit ihnen an einen Tisch!» Sich mit jemandem an einen Tisch zu setzen und mit ihm zu essen, war im antiken Orient ein Zeichen, dass man ihn akzeptierte. «Wie kann Jesus es wagen, sich mit solchen Sündern abzugeben?», fragten sie. «Diese Leute kommen in Gottesdienste! Wieso kommen sie dann in Scharen gelaufen, wenn Jesus predigt? Was der ihnen verkündigt, kann ja wohl nicht die Wahrheit sein, so wie wir es tun. Er sagt ihnen bestimmt nur das, was sie gerne hören wollen!»
An wen richtet sich also Jesu Lehre in erster Linie in diesem Gleichnis? Sie richtet sich an die zweite Gruppe, an die Schriftgelehrten und Pharisäer. Als Antwort auf ihre Herzens-Einstellung beginnt Jesus mit der Erzählung des Gleichnisses. Das Gleichnis von den zwei Söhnen wirft einen gründlichen Blick in die Seele des älteren Bruders und gipfelt in einem eindringlichen Appell an ihn, seine Haltung zu ändern.
Wann immer dieser Text im Lauf der Jahrhunderte in Kirchen oder im Religionsunterricht behandelt wurde, lag das Augenmerk fast ausschließlich darauf, wie großzügig der Vater seinen bußfertigen jüngeren Sohn wieder bei sich aufnimmt. Als ich das Gleichnis zum ersten Mal hörte, stellte ich mir vor, wie Jesu ursprünglichen Zuhörern die Tränen kamen, als sie hörten, dass Gott sie immer lieben und willkommen heißen wird, was auch immer sie getan haben. Aber wenn wir das tun, ziehen wir das Gleichnis ins Sentimentale.
Die Zielgruppe dieser Geschichte sind nicht die «verrufenen Leute», sondern die Frommen, die alles tun, was die Bibel fordert. Jesus appelliert nicht so sehr an die unmoralischen Außenstehenden, sondern vielmehr an die rechtschaffenen Säulen der Gesellschaft. Ihnen will er ihre Blindheit, Engstirnigkeit und Selbstgerechtigkeit vor Augen führen und zeigen, wie diese Dinge sowohl ihre eigenen Seelen als auch das Leben der Menschen um sie her kaputtmachen. Es ist also ein Fehler, zu glauben, Jesus erzähle diese Geschichte vor allem, um die jüngeren Brüder seiner bedingungslosen Liebe zu versichern.
Nein, die ursprünglichen Zuhörer zerschmolzen nicht in Tränen, als sie diese Geschichte hörten, sondern im Gegenteil, sie waren davon wie vom Donner gerührt, beleidigt und empört. Das Ziel Jesu ist es nicht, unsere Herzen zu erwärmen, sondern unsere Denkschubladen zu zertrümmern. Durch dieses Gleichnis stellt Jesus das infrage, was fast jeder bisher über Gott, die Sünde und das Heil dachte. Seine Geschichte offenbart die zerstörerische Selbstsucht des jüngeren Bruders, aber sie lässt auch kein gutes Haar an dem moralistischen Leben des älteren Bruders.
Jesus bringt zum Ausdruck, dass sowohl die Gottlosen als auch die Frommen geistlich verirrt sind, dass beide mit ihrem Leben in einer Sackgasse stecken und dass jede Vorstellung, die die Menschheit sich bisher davon gemacht hat, wie man Verbindung zu Gott bekommt, falsch war.
Warum Leute Jesus mögen, aber nicht die Kirche
Sowohl die älteren als auch die jüngeren Brüder sind auch heute noch unter uns, in ein und derselben Gesellschaft und oft sogar in ein und derselben Familie.
Häufig ist das älteste Kind in einer Familie das Musterkind, das verantwortungsbewusst ist und den Vorgaben der Eltern gehorcht. Das jüngere Geschwister ist oft der Rebell, ein Freigeist, dem die Gesellschaft und die Anerkennung von Gleichaltrigen lieber ist. Das erste Kind wächst heran, nimmt eine konventionelle Arbeit an und lässt sich in der Nähe von Mama und Papa nieder, während sich das jüngere Geschwister aus dem Staub macht und in die angesagt-verruchten Wohngegenden von New York und Los Angeles zieht.
Solche natürlichen Temperaments-Unterschiede haben sich in letzter Zeit noch verstärkt. Anfang des neunzehnten Jahrhunderts entstand durch die Industrialisierung eine neue Mittelklasse – das Bürgertum –, die ihre Legitimation aus einer Ethik harter Arbeit und moralischer Rechtschaffenheit schöpfte.
Als Gegenreaktion auf das, was als bourgeoise Heuchelei und Unbeweglichkeit wahrgenommen wurde, entstanden Gemeinschaften von Bohemiens, von Henri Murgers Paris der 1840er-Jahre über die Bloomsbury-Gruppe in London und die Beat-Poeten von Greenwich Village bis zu den Indie-Rockszenen der heutigen Zeit. Bohemiens legen viel Wert auf Freiheit von Konventionen und auf persönliche Unabhängigkeit.
Bis zu einem gewissen Grad treffen in den sogenannten Kulturkämpfen ebendiese widerstreitenden Temperamente in der modernen Gesellschaft aufeinander. Immer mehr Menschen betrachten sich heute als unreligiös oder sogar als antireligiös. Sie glauben, dass moralische Fragen höchst komplex sind, und sind argwöhnisch gegenüber Leuten oder Institutionen, die moralische Autorität über das Leben anderer beanspruchen.
Trotz (oder vielleicht gerade wegen) dieser verbreiteten säkularen Geisteshaltung sind auch die konservativen, orthodoxen religiösen Bewegungen beträchtlich gewachsen. Alarmiert durch den moralischen Relativismus, den sie auf dem Vormarsch sehen, haben sich viele organisiert, um «die Kultur zurückzuerobern», und sie stehen den «jüngeren Brüdern» ebenso ablehnend gegenüber wie damals die Pharisäer.
Auf welcher Seite steht nun Jesus? Als die Hobbits in den alten Baumbart fragen, auf welcher Seite er stehe, antwortet dieser: «Ich bin nicht ganz und gar auf der von irgendjemandem, denn niemand ist ganz und gar auf meiner Und dann gibt es natürlich einige Lebewesen, auf deren Seite ich ganz und gar bin.»3 Jesus gibt durch das Gleichnis eine ganz ähnliche Antwort auf diese Frage. Er steht weder auf der Seite der Gottlosen noch auf der der Frommen, aber er hebt den frommen Moralismus als einen besonders tödlichen geistlichen Zustand hervor.
Uns fällt es heute schwer, uns das klarzumachen, aber als das Christentum erstmals auf den Plan trat, wurde es nicht als eine Religion bezeichnet. Es war die Nicht-Religion. Stellen Sie sich vor, wie die frühen Christen von ihren Nachbarn über ihren Glauben ausgefragt wurden. «Wo ist euer Tempel?», werden sie gefragt haben. Die Antwort der Christen war, dass sie keinen Tempel hatten. «Aber wie geht denn das? Wo verrichten denn eure Priester ihren Dienst?» Worauf die Christen antworteten, sie hätten keine Priester. «Aber … aber», werden die Nachbarn gestammelt haben, «wo bringt ihr denn dann eure Opfer dar, um euren Göttern zu gefallen?» Darauf werden die Christen erwidert haben, dass sie keine Opfer mehr darbrachten. Jesus selbst war der letzte Tempel, der letzte Priester und das letzte Opfer.4
So etwas hatte damals noch nie jemand gehört. Deshalb nannten die Römer sie «Atheisten», weil das, was die Christen über die geistliche Wirklichkeit sagten, einzigartig war und sich in keine der anderen Weltreligionen einordnen ließ. Dieses Gleichnis erklärt, warum sie völlig recht damit hatten, sie Atheisten zu nennen.
Die Ironie, die darin liegt, dürfte uns wohl kaum entgehen, da wir doch inmitten der modernen Kulturkämpfe stehen. Für die meisten Leute in unserer Gesellschaft ist das Christentum gleichbedeutend mit Religion und Moralismus. Die einzige Alternative dazu (abgesehen von irgendeiner anderen Weltreligion) ist der säkulare Pluralismus. Doch am Anfang war das nicht so. Das Christentum wurde als ein – «ein drittes Etwas» – gesehen, als etwas völlig Andersartiges, das weder in die eine noch in die andere Kategorie passte.
Der springende Punkt hier ist, dass diejenigen, die ihre...




