Keller | Das Sinngedicht | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 330 Seiten

Keller Das Sinngedicht

Bereicherte Ausgabe. Regine + Die arme Baronin + Die Geisterseher + Don Correa + Die Berlocken + Von einer törichten Jungfrau + Worin eine Frage gestellt wird und andere
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-7583-862-9
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Bereicherte Ausgabe. Regine + Die arme Baronin + Die Geisterseher + Don Correa + Die Berlocken + Von einer törichten Jungfrau + Worin eine Frage gestellt wird und andere

E-Book, Deutsch, 330 Seiten

ISBN: 978-80-7583-862-9
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Gottfried Kellers Werk 'Das Sinngedicht' ist ein meisterhaftes Gedichtband, der die tiefe emotionale Intensität der menschlichen Erfahrung einfängt. Durch seine lyrische und zugleich eindringliche Sprache erzählt Keller von den Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens, von Liebe, Schmerz und Hoffnung. Das Werk ist ein Meilenstein der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts und zeigt Kellers immense Fähigkeit, komplexe Themen auf poetische Weise darzustellen. Mit seinem Sinn für Details und lebendige Beschreibungen entführt der Autor die Leser in eine Welt voller Leidenschaft und Empfindungen, die sie lange nach der Lektüre nicht loslassen wird. Gottfried Keller, als einer der bedeutendsten Schweizer Schriftsteller seiner Zeit, schöpft aus seiner eigenen Lebenserfahrung und Beobachtungen, um diese zeitlosen Gedichte zu erschaffen. Sein tiefes Verständnis für die menschliche Seele spiegelt sich in jeder Zeile wider und macht seine Werke zu unvergesslichen Schätzen. Empfohlen für alle, die sich von lyrischen Meisterwerken berühren lassen wollen, ist 'Das Sinngedicht' ein Buch, das Herzen öffnet und Gedanken anregt.

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Die arme Baronin


Er war zwar bald und fest eingeschlafen; doch der neue Inhalt, die Schatzvermehrung seiner Gedanken weckte ihn vor Tagesanbruch, wie wenn es ein lebendiges Wesen außer ihm wäre, das freundlich seine Schulter berührte. Er mußte sich lange besinnen, wo er sei, und erst als er das von der Morgendämmerung erhellte Viereck des großen Fensters aufmerksam betrachtete, kam er seinen gestrigen Erlebnissen auf die Spur. Es wurde ihm beinahe feierlich angenehm zu Mut, und indem er in diesem Gefühle so hindämmerte, entschlief er wieder und erwachte erst, als das schöne Landgebiet, in das er hinausschaute, schon im vollen Sonnenscheine lag und der Fluß weithin schimmerte. In den Platanen war großes Vogelkonzert, eine Schar dieser Musikanten flatterte und saß an den Marmorschalen des Brunnens, in dessen Nähe ein Tisch zum Frühstücke gedeckt war.

»Lux, mein Licht! wo bleibst du?« hörte er eine alte, obwohl noch kräftige Stimme rufen und sah darauf den vermutlichen Oheim, vom Diener gestützt und mit einer Krücke versehen, hinter dem Hause hervorkommen. Der Ruf Lux galt natürlich der Nichte, deren Namen Lucia er sich dergestalt zugestutzt hatte. Es schien ein ehemaliger Kriegsoberst zu sein, da er einen langen grauen Schnurrbart trug sowie einen Rock von halbmilitärischem Zuschnitt und ein verschlissenes Bändchen am Knopfloch. Nun erschien auch das Fräulein auf dem morgenfrischen Schauplatze, und so säumte Reinhart nicht länger, sich fertigzumachen und auch hinunterzugehen, wo er den Herrn und die Dame am Tische sitzend antraf, dicht neben dem Brunnen mit seinem klingenden kristallklaren Wasser. Reinhart verhinderte rasch, daß der alte Herr sich erhob, als er ihm von Lucien vorgestellt wurde.

Der Oheim fixierte ihn aufmerksam mit der Freiheit alter Soldaten oder Sonderlinge, indem er nach und nach, ohne sich zu eilen, vorbrachte, sein Name sei ihm wohlbekannte, es komme nur darauf an, ob er etwa der Sohn der Professors gleichen Namens in X sei; denn wenn er sich recht besinne, so sei ein Freund aus jungen Jahren dort hängengeblieben und ein berühmter Pandektenpauker geworden.

Reinhart bestätigte lachend seine Vermutung, und Lucie erklärte das Ereignis für ein sehr artiges, welches sie teilweise herbeigeführt zu haben sich etwas einbilde. Der Oheim jedoch fuhr fort, das Gesicht des jungen Gastes zu studieren und immer tiefer in seiner Erinnerung nachzugraben, indessen sein eigenes Gesicht einen säuerlich süßen Ausdruck annahm, dann in ein halb spöttisches Lächeln, dann in einen weichen Ernst überging und zuletzt von einem vollen biedern Lachen erhellt wurde. Er faßte kräftig die Hand des jungen Reinhart, schüttelte sie und fragte: »Haben denn Ihre Eltern nie von mir gesprochen?«

Reinhart dachte nach und schüttelte den Kopf, sagte aber nach einem weitern Besinnen: »Es müßte denn sein, was auch wahrscheinlich ist, daß Sie erst auch ein Leutnant gewesen sind, ehe Sie Herr Oberst wurden. Dunkel entsinne ich mich aus meinen Kinderjahren, daß die Eltern, bald der Vater, bald die Mutter, meistens diese, von einem Leutnant sprachen, und zwar hieß es scherzend: das hätte der Leutnant nicht getan, oder: Was würde der Leutnant zu dem Falle sagen, und so weiter. Dann verlor sich die Gewohnheit, wenn es eine war, und ich habe die Sache vergessen.«

»Sehen Sie, es ist richtig!« rief der Oberst, »der Leutnant bin ich! In Ihrem angenehmen Angesicht habe ich die Spuren von beiden verehrten Eltern herausgefunden, vom Herrn sowohl wie von der Dame, und es geht mir fast ein Licht auf, wie wenn meine junge Lux hier an meinem engen Altershorizont aufgeht als meine tägliche Morgensonne! Seien Sie uns willkommen und bleiben Sie jedenfalls, einige Tage, oder besser, machen Sie Ihre Reise fertig und kommen Sie bald wieder für länger! Spielen Sie Schach?«

»Leider nein, ich spiele überhaupt gar nichts!«

»Ei, das ist schade, warum denn nicht?« rief der Alte.

»Ich bin zu dumm dazu!« erwiderte Reinhart, der in der Tat weder die Aufmerksamkeit noch die Voraussicht aufbrachte, welche zum ernsthaften Spielen erforderlich sind. Lucie sah ihn unwillkürlich mit einem dankbaren Blicke an, da sie einen Genossen in dieser Art von Dummheit in ihm fand.

»Nun«, sagte der alte Herr, »solang man jung ist, spürt man eben keine Langeweile und braucht kein Spiel. Die hat's auch so, die hier sitzende Jugendfigur! Später wird sie's wohl noch lernen; denn ich hoffe, es gibt eine schöne alte Jungfer aus ihr, die ewig bei mir bleibt und auf meinem Grabe fromme Rosen züchtet und okuliert.«

»Das kann geschehen«, sagte die Nichte, »wenn über das Heiraten solche Anschauungen aufkommen, wie ich sie aus dem Munde des Herren Ludwig Reinhart habe hören müssen! Denke dir, Onkel, wir haben gestern bis Mitternacht uns verunglückte Heiratsgeschichten erzählt! Die gebildeten Männer verbinden sich jetzt nur mit Dienstmädchen, Bäuerinnen und dergleichen; wir gebildeten Mädchen aber müssen zur Wiedervergeltung unsere Hausknechte und Kutscher nehmen, und da besinnt man sich doch ein bißchen! Sagen Sie, Herr Reinhart, haben Sie nicht noch eine Treppenheirat zu erzählen?«

»Freilich hab ich«, antwortete er, »eine ganz prächtige, eine Heirat aus reinem Mitleiden!«

»O Himmel!« rief Lucie, »wie glücklich! Magst du sie auch hören, lieber Onkel?«

»Da ihr Faulpelze nichts spielen und nur schwatzen wollt, so ist es das Beste, was wir tun können, wenn wir uns einige blaue Wunder vormachen?«

Der Tisch wurde abgeräumt, Lucie ließ sich einen Arbeitskorb bringen, und Reinhart suchte den Eingang seiner Geschichte zusammen. »Denn«, sagte er, »die Personen, die es angeht, stehen in der Blüte ihres Glückes, und um sie in keiner Weise darin zu stören, ist es nötig, sie in eine allgemeine Form der Unkenntlichkeit zu hüllen. Es dürfte daher am zweckmäßigsten sein, die Sache gleich in der Art zu erzählen, wie ein gezierter Novellist sein Stücklein in Szene setzt. Ich würde zugleich damit in meiner Erzählungskunst, die mir wie ein Dachziegel auf den Kopf gefallen, einen Fortschritt anstreben können, man weiß ja nie, wo man es brauchen kann.« Es würde also etwa so lauten:


»Brandolf, ein junger Rechtsgelehrter, eilte die Treppe zum ersten Stockwerk eines Hauses empor, in welchem eine ihm befreundete Familie wohnte, und wie er so in Gedanken die Stufen übersprang, stieß er beinahe eine weibliche Person über den Haufen, die mitten auf der Treppe lag und Messer blank scheuerte. Es war ihm, als ob mit einem Messer nach seiner Ferse gestochen würde; er sah zurück und erblickte unter sich das zornrote Gesicht eines, soviel er wegen des umgeschlagenen Kopftuches sehen konnte, noch jugendlichen Frauenzimmers, welches er für ein Dienstmädchen hielt. Grollend, ja böse blickte sie nieder auf ihre Arbeit, und Brandolf trat unangenehm betroffen in die Wohnung seiner Freunde. Dort untersuchte er den Absatz seines Stiefels und fand, daß wirklich eine kleine Schramme in das glänzende Leder gestochen war.

›Es ist doch ein Elend mit uns Menschen!‹ rief er aus; ›täglich sprechen wir von Liebe und Humanität, und täglich beleidigen wir auf Wegen, Stegen und Treppen irgendein Mitgeschöpf! Zwar nicht mit Absicht; aber muß ich mir nicht selbst gestehen: wenn eine Dame im Atlaskleide auf den Stufen gelegen hätte, so würde ich sie sicherlich beachtet haben! Ehre dieser wehrbaren scheuernden Person, die mir wenigstens ihren rächenden Stachel in die Ferse gedrückt hat, und wohl mir, daß es keine Achillesferse war!‹

Er erzählte den kleinen Vorfall, alle riefen: ›Das ist die Baronin!‹ und der Hausvater sagte: ›Lieber Brandolf! Diesmal hat Ihre humane Düftelei den Gegenstand gänzlich verfehlt! Die Dame auf der Treppe ist eine wahrhafte Baronin, die aus reiner Bosheit, um den Verkehr zu hemmen, und aus Geiz, statt ihre Innenräume zu brauchen, die gemeinsame Treppe mit Hammerschlag beschmutzt und Messer blank fegt und dabei aus Adelstolz uns Bürgerliche weder grüßt noch auch nur ansieht!‹

Verwundert über diese seltsame Aufklärung, ließ sich Brandolf das Nähere berichten. Die Baronin war vor einigen Wochen in das Haus gezogen, in die jenseitige kleinere Hälfte des Stockwerkes, und hatte alsobald ihren prunkenden Namen an die Türe geheftet, zugleich aber einen Zettel vor das Fenster gehängt, welcher eine möblierte Wohnung zum Vermieten ausbot. Schon waren einige Fremde dagewesen, aber keiner hatte es länger als ein paar Tage ausgehalten, uns sie waren mittels Bezahlung einer tüchtigen Rechnung entflohen. Wer in die aufgestellte Falle dieser Miete ging, der durfte in seiner Stube nicht rauchen, nicht auf dem prunkhaften Sofa liegen, nicht laut umhergehen, sondern er mußte die Stiefel ausziehen, um die Teppiche zu schonen; er durfte nicht im Schlafrock oder gar in Hemdsärmeln unter das Fenster liegen, um die freiherrliche Wohnung nicht zu entstellen, und überdies befand er sich wie ein hilfloser Gefangener, weil die Baronin keinerlei Art von Bedienung hielt, sondern alles selbst besorgte und daher jede Dienstleistung rundweg verweigerte, welche nicht in der engsten Grenze ihrer Pflicht lag. Sie stellte alle Morgen eine Flasche frischen Wassers hin und füllte am Abend das Waschgeschirr, sonst aber reichte sie nie ein Glas Wasser, und wenn der Mietsmann am Verschmachten gewesen wäre. Das alles begleitete sie mit unfreundlichen, oder vielmehr meistens mit gar keinen Worten. Niemand kannte ihre Verhältnisse und woher sie kam; mit niemandem ging sie um, und wenn ihre häuslichen Beschäftigungen sie an den Brunnen, in den Hof, unter die Mägde und Dienstleute führten, so fuhr sie wie ein böser Geist...



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