E-Book, Deutsch, 380 Seiten
Keller Martin Salander (Historischer Roman)
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-7583-890-2
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bereicherte Ausgabe. Klassiker des Heimatromans
E-Book, Deutsch, 380 Seiten
ISBN: 978-80-7583-890-2
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In Gottfried Kellers historischem Roman 'Martin Salander' wird die Geschichte eines jungen Künstlers im 16. Jahrhundert erzählt, der durch die Wirren der Reformation navigieren muss. Mit einer poetischen und detaillierten Sprache beschreibt Keller das Leben in dieser turbulenten Zeit und bringt die Leser in eine Welt voller Leidenschaft, Konflikte und Dramatik. Der Roman zeugt von Kellers intensiver Recherche und seinem tiefen Verständnis für die historischen Ereignisse, die er meisterhaft in eine fesselnde Handlung verpackt. 'Martin Salander' ist ein eindringliches Werk, das sowohl historische Fakten als auch die menschliche Natur einfühlsam beleuchtet.
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VIII
Die Söhne Weidelich fuhren fort, kräftig emporzuwachsen und leiblich zu gedeihen; sie gingen in guter Haltung einher, voll sichtlicher Zufriedenheit mit dem Aufsehen, das sie erregten, wenn sie beisammen waren. Auch an geistigen Gaben litten sie nicht eben Mangel, wohl aber an der Ausdauer, die vorgenommenen Studien zu vollenden. Als sie in die oberen Klassen rückten und das Leben und Lernen ihnen täglich ernster und tiefsinniger wurde, war Julian der erste, der nicht mehr »wollte«. Er sprang ab und ging auf die Schreibstube eines Notars. Isidor hielt aus, bis zum Schlusse, machte aber die Prüfungen zum Übergang an die Hochschule nicht mehr mit, sondern besuchte als sogenannter Zuhörer ein halbes Jahr lang einige juristische Vorlesungen und stand dann auch auf einer Notariatskanzlei unter.
Beide besaßen eine regelmäßig schöne Handschrift, wie sie der angehenden Gelehrsamkeit, die andere Bedürfnisse hat, sonst nicht eigen zu bleiben pflegt, und beide liebten gleichmäßig, sich im Malen kalligraphischer Kunststücke zu ergehen. Sie erwiesen sich als sehr brauchbar in den vorkommenden Geschäften und eigneten sich durch die tägliche Erfahrung beinahe spielend die diesem Kanzleiwesen zugrunde liegenden Kenntnisse an.
Dem Vater Weidelich wollte ein solcher Ausgang zwar nicht gefallen; er fragte, ob das die ganze Herrlichkeit sei, die man habe erreichen wollen? Die Mama hingegen war höchlich zufrieden. »Die Buben sind klüger als wir,« sagte sie, »die wissen schon, wo sie hinaus müssen! Können sie nicht alles, was man ihnen zu tun gibt? Warum sollen sie sich ihre jungen Köpfe zerbrechen wie andere Narren?«
Und weil sie nun, anstatt fernere unabsehbare Kosten zu verursachen, bereits selber etwas Geld verdienten, fand sich auch der Vater zufriedengestellt und blieb es, als im Alter von knapp zwanzig Jahren die Zwillinge von den Vorgesetzten zu ihren Amtsvertretern befördert wurden und demgemäß bereits gerichtliche Zeugnisse über ihre Wahlfähigkeit als Notare besaßen.
Um diese Zeit ungefähr ereignete es sich, daß ein seltsames Phänomen verliebter Leidenschaft mehr in der Welt war oder ruchbar wurde.
Martin Salander glaubte wahrzunehmen, daß seine zwei Töchter und deren Mutter nicht mehr in einem vertraut unbefangenen Verhältnis zueinander standen, daß die Töchter in einer geheimnisvollen Übereinstimmung zusammenhielten und lebten, die Mutter dagegen von einem tiefen Ernst, wo nicht Kummer, erfüllt schien, den sie nicht immer zu verhehlen wußte, besonders seit sie nicht mehr in ihrer Handlung beschäftigt war. Denn Salander, dessen Hauptverkehr ohne besondere Anstrengung fortwährend ordentlich blühte, vielleicht gerade weil er nicht künstelte und spekulierte, mehr von seinen bürgerlichen Liebhabereien oder Pflichtleistungen eingenommen: Salander mochte nicht länger ansehen, wie Frau Marie ohne alle Not sich als Handelsfrau plagte. Er hatte daher das Filialwesen einem tätigen jungen Kaufmann um gutes Geld überlassen und die treffliche Gattin zur Ruhe gesetzt, was sie sich ohne überflüssige Reden gefallen ließ. Den ganzen Gewinn, der ein schönes Kapital ausmachte, hatte er, ohne Widerspruch zu dulden, zu ihrem längst versicherten Frauengute geschlagen, damit sie unabhängig von ihm selbst und seinem Stern oder Unstern, und im Falle seines Todes auch unabhängig von den Kindern sein sollte in einer unsichern Zeit. Da sie also nun mit Gedanken und Sorgen, die sie drückten, nicht mehr hinter dem Kaufmannspult untertauchen konnte, lag ihr Angesicht offen vor dem Manne, und dieser fragte, was vorgehe?
Wenn die gute Frau reden mochte, so hätte sie es ja von selbst getan. Sie sah vor sich nieder, rieb sich die Hände als ob es sie frösteln würde. Dann sagte sie:
»Ein Ziegel ist uns auf den Kopf gefallen!«
»Ein Ziegel? Von welchem Dache denn?« fragte Martin betreten, da er aus dem Ernste der Gattin auf etwas Bedenkliches, ja Gefährliches schließen mußte.
»Ich kann es doch nicht länger für mich allein verwinden! Unsere Töchter haben eine Liebschaft!«
»Zusammen dieselbe?« fragte der Mann lächelnd, etwas erleichtert, daß es nicht auf Schrecklicheres hinauslief.
Die Frau verharrte in strengem Ernste.
»Nein, es ist eine Doppelliebschaft, kurz und gut, sie haben sich mit den Zwillingsschreibern aus dem Zeisig verlobt!«
»Die Hexen! Wie kommt denn das, wann, wie, wo denn? Da muß ich mich allerdings langsam hineinfinden! Das ist fast eine Nachricht wie ein Dachziegel, wenn es auch nicht gleich ein Loch in den Kopf macht!«
»Mir hat es den Kopf genug durchlöchert. Denke dir doch, zwei Mädchen von fünf- und sechsundzwanzig Jahren wollen zwei zwanzigjährige Zwillinge heiraten! Das ist ein ungehöriges Abenteuer, beides, das Alter und die Zwillinge! Wären es alte Weiber, die sich junge Männer nehmen, so kommt das ja oft vor, man lacht, und damit ist’s gut! Aber Mädchen, in der Blüte ihrer Jahre und doch an der Grenze ihrer Jugend stehend, eine solche Wahl treffen, flaumbärtige Gecklein, zwei Schwestern zwei Zwillinge!«
»Nun, es ist schon eine Art Roman und auch mir nicht just angenehm; allein die Liebe macht ja stets fort solche Streiche; sagt man nicht hundertmal, was man erlebe, sei oft krasser als alles, was man erfinde?«
»Ja, ja! Es ist dann auch meistens danach, ich danke dafür! Ach, liebster Mann, wir haben gewiß gefehlt, daß wir die Kinder nirgends in die Welt geschickt haben und auch nichts erlernen ließen, was einem Berufe ähnlich war! Du sagtest, wer Töchter im Hause zu behalten vermöge, der solle es tun, und von Pensionen wolltest du nichts wissen, noch weniger von Berufssachen. Das nanntest du den Ärmeren das Brot vor dem Munde wegnehmen und eine Hungerschluckerei, wo es sich nicht um bestimmte Talente handle, die zu pflegen seien. Du schwärmtest für die freien Töchter des Hauses und für die freien Hausfrauen, welche nicht der Dienstbarkeit zu verfallen brauchen, und ich stimmte dir bei, weil ich selbst von unserm Glück betört war, obgleich ich wußte, wie gut es mir gekommen wäre, wenn ich einstmals einen Beruf gelernt hätte! Du mußt das nicht übelnehmen, es soll nicht der leiseste Vorwurf sein!«
»Ich versteh es auch nicht so, mein liebes Weib, weil ich genau weiß, wie gut du dich durch die Welt schlägst! Daß sie dir auf der Kreuzhalde die Bäume weggeschlagen haben, war nicht deine oder meine Schuld!«
»Lassen wir das; ich will nur sagen, hätten die Mädchen nicht über eine so vollkommene Muße und Freiheit verfügt, so hätten sie schwerlich das widerwärtige Abenteuer zusammen ausspintisiert! Jetzt, was sollen wir mit dem Zwillingsgemüse anfangen? Und die aufgeblasene Waschfrau obendrein!«
»Ei, was die betrifft, so ist es gewiß eine rohe Muschel; aber auch sie birgt die Perle der Muttertreue! Doch mit alledem, erfahre ich nicht, was eigentlich vorgeht. Haben sie sich dir offenbart?«
»Gott bewahre, sie sind ja volljährig! Sie würden die Eltern allerdings zur gutfindenden Zeit begrüßt haben; auch wäre, wie ich sicher glaube, keines der Kinder für sich allein so verschlagen, so rücksichtslos gegen uns gewesen, aber das verwünschte Doppelgespann hat die traurige Geschichte zu einer verschworenen Heimlichkeit gemacht –«
»Liebe Marie,« unterbrach Martin, »wir wollen die Frage der Zulässigkeit einstweilen ruhen lassen! Du kannst doch nicht im Ernste behaupten, daß Zwillinge sich nicht verehelichen dürfen, und ebensowenig, daß es zwei Schwestern, denen sie gefallen, verboten sei, sie zu nehmen.«
»Das behaupte ich alles nicht, ich sage nur, daß es mir in unserem Falle nicht gefällt, nicht konveniert, mich bekümmert, weil es eine ungesunde Laune ist! Denke dir, wie ein paar unreife Knaben unsere erwachsenen Töchter aufs Korn gefaßt und sie förmlich erobert haben, während die törichten Mädchen im Besitze des schönen Geheimnisses die besten Anlässe verschmähten, zu Männern zu kommen! Und wir freuten uns bald ihrer Zurückgezogenheit, wenn sie wie Nonnen hausten und in dunklen Kleidern, verschleiert, einhergingen, bald bedauerten wir, daß sie das junge Leben nicht froher genießen wollten! Freilich, sie haben es auf ihre Weise genossen – du mußt wissen daß die jungen Leutchen Zusammenkünfte halten, wenn es ihnen beliebt; Mondscheinnächte, Sonnenaufgänge im Sommer, lange Spaziergänge im Frühling, im Winter die Eisbahn – unsere alte Magd hat mir alles hinterbracht, nachdem sie jahrelang geschwiegen. Und warum? Weil sie sich mit der Weidelichsfrau auf dem Markte gezankt hat, die ihr schon von obenherab aufspielen wollte. Sie klatschte nämlich, unsere Töchter seien jedenfalls eine halbe Million wert, das Stück, das höre man allenthalben sagen! Diese Schwätzerei und Vertraulichkeit wollte sich die Magdalene doch nicht gefallen lassen, sie gab eine ablehnende Antwort, sie forsche nicht nach, was die Herrschaft besäße und dergleichen, worauf die andere entgegnete, da möge sie als Dienstbote recht haben, sie, die Frau Weidelich, sei eben im Falle, sich eher darum zu kümmern, was diese oder jene Leute für Vermögen hätten. Sie solle nicht zu neugierig sein, sagte wiederum unsere Magd, noch sei nicht aller Tage Abend. Wenn eine Waschfrau aus dem Kalten waschen wolle, so möge sie immerhin zwei Zuber in den Regen hinausstellen, das gebe ein schönes Wasser zum Reinspülen; wenn sie aber eine Million auffangen wolle, so genüge es nicht immer, zwei Zwillinge auf die Welt zu stellen und auf die Suche zu schicken! Worauf sie sich ausschalten, bis es hinreichte und die Magdalene ganz erhitzt nach Hause gelaufen kam und mir alles hinterbrachte und beichtete. Als ich ihr natürlich die...




