E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Keller Vergeben - warum eigentlich?
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7655-7868-7
Verlag: Brunnen Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Und wenn ja - wie? Vergebung: Warum wir sie brauchen und warum sie echt sein muss. Dieses Buch zeigt detailliert die Schritte, die man gehen muss, um wirklich zu vergeben.
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-7655-7868-7
Verlag: Brunnen Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Timothy Keller, 1950-2023, gründete zusammen mit seiner Frau Kathy die Redeemer Presbyterian Church in New York City. Er hat u. a. auch 'Warum Gott?', 'Jesus - seine Geschichte, unsere Geschichte', 'Gott im Leid begegnen' und 'Hoffnung in Zeiten der Angst' und 'Über den Tod' geschrieben.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1 Eine Geschichte der Vergebung
WILL MUNNY: Es ist eine höllische Sache, einen Menschen zu töten, nicht wahr? Man nimmt ihm alles, was er hat, und alles, was er je haben wird.
THE SCHOFIELD KID: Na ja, ich schätze, sie haben es … verdient.
WILL MUNNY: Wir haben es alle verdient, Kid.
(Im Film „Erbarmungslos“, 1992)
Eine Geschichte vom Scheitern der Vergebung
Tom war professioneller Investor. In den letzten Jahren hatte er mit seinem Aktienportfolio gute Ergebnisse erzielt. Voller Zuversicht wandte er sich an seinen wohlhabenden Freund Joseph und bat ihn um einen enormen Kredit, um damit große Anteile an verschiedenen heißen Aktien zu kaufen. Er versprach Joseph eine hohe Rendite, und angesichts der bisherigen Ergebnisse schien dies auch durchaus möglich. Allerdings verheimlichte er Joseph eine Reihe von Fakten über die Unternehmen, in die er investierte.
Als eines der Unternehmen in eine Krise geriet und sich der Markt gegen Toms Aktien entwickelte, verlor Joseph Millionen. Als er sah, was passiert war, schrieb er:
„Wie konntest du mir das antun, Tom? Ich habe deinem Wort vertraut, und du hast mir das Risiko verschwiegen, dem du mich ausgesetzt hast. Du hast mich betrogen. Ich verlange, dass du mir mein Geld zurückzahlst, und ich werde vor Gericht gehen und dafür sorgen, dass das geschieht.“
Tom suchte Joseph auf. Er ging in Josephs Büro, setzte sich und brach in Tränen aus. „Wenn du mich auf diesen Betrag verklagst, werde ich buchstäblich nichts mehr haben! Bitte verzeih mir!“
Und Joseph vergab ihm. Es war ein erstaunlicher Akt der Barmherzigkeit. Joseph hatte wegen Toms Fehlspekulation ein Vermögen verloren, aber er vergab ihm.
Toms Freunde waren fassungslos, als er ihnen von Josephs Großmut und Großzügigkeit erzählte. Aber ebenso fassungslos waren sie, als sie sahen, was Tom als Nächstes tat. Ein Mann in ihrem Freundeskreis, Harry, hatte gerade eine schmerzhafte Scheidung hinter sich. Seine Frau hatte das Haus und das Sorgerecht für die Kinder bekommen, und Harry lebte in einem kleinen gemieteten Zimmer mit sehr geringem Einkommen.
„Hey“, sagte Tom einige Tage nach seinem Treffen mit Joseph zu Harry, „ich habe dir letztes Jahr fünftausend Dollar geliehen, und ich brauche sie jetzt zurück.“
„Du hättest mich nicht zu einem schlechteren Zeitpunkt fragen können“, sagte Harry. „Das ist fast alles, was ich an Ersparnissen habe. Wenn ich dir das Geld geben würde, stünde ich auf der Straße. Bitte gib mir mehr Zeit – oder, wenn du dazu bereit wärst, erlass mir die Schulden einfach ganz. Das könnte ich gerade ziemlich gut brauchen.“
„Wofür hältst du mich?“, lachte Tom. „Wenn du es mir nicht gibst, werde ich Wege finden, dir das Leben ziemlich ungemütlich zu machen! Bezahl jetzt, sonst wirst du mich kennenlernen.“
Einer von Toms entsetzten Freunden wandte sich an Joseph und erzählte ihm die ganze Geschichte. Joseph rief Tom an und sagte: „Hättest du deinem Freund nicht seine Schulden erlassen sollen, so wie ich dir deine erlassen habe? Morgen reiche ich meine Klage gegen dich wegen des Verlusts meines Geldes erneut ein. Sollen sich doch die Gerichte mit dir befassen.“
Das Gleichnis vom Diener, der keine Schuld erlassen wollte
Sicher haben Sie schon erkannt, dass ich hier ein Gleichnis von Jesus selbst nacherzählt habe (es ist auch am Anfang dieses Buchs abgedruckt). Es ist vielleicht die ausführlichste Behandlung des Themas Vergebung im Neuen Testament. Aber Jesus wählt nicht die Form einer Abhandlung oder eines Essays. Vielmehr handelt es sich um eine fesselnde, tragische Geschichte. Dieser realistische Bericht über das Leben in dieser Welt zeigt, wie ein Akt der Vergebung trotz seines heilenden, lebensverändernden Potenzials in einer Weise missbraucht werden kann, die alle Beteiligten ins Verderben stürzt.
Da wandte sich Petrus an Jesus und fragte: „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er immer wieder gegen mich sündigt? Siebenmal?“ – „Nein“, gab Jesus ihm zur Antwort, „nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal!“ (Matthäus 18,21-22).
Jesus hat dem Thema Vergebung in seiner Verkündigung einen hohen Stellenwert eingeräumt. Der einzige Zusatz zum Vaterunser selbst ist Matthäus 6,14-15. Hier sagt Jesus mit Nachdruck, dass Gott uns die Vergebung verweigern wird, wenn wir anderen die Vergebung verweigern.
Die Jünger sind perplex angesichts der Feststellung Jesu, dass die Vergebung durch Gott und die Vergebung gegenüber anderen voneinander abhängig sind. Die Frage von Petrus zeigt seine Besorgnis, dass das Gebot Jesu von einem skrupellosen Täter dazu benutzt werden könnte, sich an anderen zu versündigen, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. Deshalb schlägt Petrus eine Grenze vor. „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder oder meiner Schwester vergeben, wenn sie immer wieder gegen mich sündigen? Siebenmal?“ Petrus’ Vorschlag ist ihm selbst wohl großzügig erschienen – nach dem jüdischen Talmud (b. Yoma 86b-87a) müssen wir ein und derselben Person nur dreimal vergeben.1
Jesus weigert sich, eine Grenze für die Vergebung gelten zu lassen. Seine schockierende Feststellung lautet, dass wir „nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal“ vergeben müssen. Der von ihm verwendete Begriff wird manchmal so übersetzt, dass er siebzig mal sieben oder 490 Mal bedeutet. Aber wenn man sich auf die genaue Zahl fixiert, verfehlt man völlig, was Jesus meint. Die Zahl sieben steht für Vollständigkeit. „Und das bedeutet, dass diese Aussage Jesu […] die Sprache der Übertreibung, nicht der Berechnung verwendet. Wer sich Gedanken darüber macht, ob die Zahl 77 oder 490 lauten soll, hat das Wesentliche nicht begriffen. […] Es gibt keine Grenze, keinen Platz dafür, darüber Buch zu führen, wie viel Vergebung bereits verbraucht wurde. Die Frage von Petrus ging völlig an der Sache vorbei: Wenn man noch zählt […], dann vergibt man nicht.“2
Um diese verblüffende Behauptung zu untermauern, erzählt Jesus das Gleichnis vom Diener, der keine Schuld erlassen wollte (Matthäus 18,21-35, vgl. S. 7).
Das Vergehen. Ein König hatte einen Diener, der ihm zehntausend Talente schuldete. Alle Ausleger weisen darauf hin, dass diese Summe bewusst unrealistisch angesetzt ist. Ein gewöhnlicher Arbeiter konnte damit rechnen, in einem Jahr vielleicht ein einziges Talent zu verdienen. Umgerechnet auf heute, wo ein Arbeiter vielleicht 40.000 Euro im Jahr verdient, macht das eine Schuld von 400 Milliarden Euro – mehr als das heutige Bruttosozialprodukt von 80 Prozent aller Länder der Welt. Auch wenn wir davon ausgehen, dass es sich um eine Fiktion handelt, müssen wir dennoch verstehen, was Jesus damit sagen wollte. Warum hat er eine unvorstellbar hohe Zahl gewählt? Im Rahmen der Geschichte kann es sich nicht um einen geschäftlichen oder persönlichen Kredit gehandelt haben. Kein König im wirklichen Leben hätte einem Diener zehntausend Talente geben können oder wollen.
Manche meinen, Jesus wolle, dass sich die Zuhörer einen Diener vorstellen, der ein reicher Statthalter oder Satrap im Reich ist und der durch epische Misswirtschaft und Pflichtverletzungen die gesamte Wirtschaft und das Reich selbst in Gefahr gebracht hat. Andererseits könnte es sein, dass das Matthäusevangelium bewusst sagen will, dass es hier um etwas geht, was das Gefüge der weltlichen Realitäten sprengt. Das Talent war die größte Währungseinheit im Reich, und Zehntausend war die höchste Zahl, für die es in der griechischen Sprache ein eigenes Wort gab.3 Vielleicht spricht Jesus einfach anschaulich von einer grenzenlosen, nicht zu bemessenden Schuld.
Der König stellt den Diener zur Rede und verlangt von ihm, dass er seine Schulden begleicht, aber das ist etwas Menschenunmögliches. Der in den Kulturen des Altertums übliche Weg, um mit einem Bankrott umzugehen, war, den Schuldner zum Sklaven zu machen, und so fordert der König seinen Verkauf, obwohl er dadurch natürlich seine Verluste nicht wieder wettmachen kann.
Die Bitte. Der Diener bittet den König: „Hab Geduld mit mir, ich will es dir zurückzahlen.“ Dass er auf die Knie fällt, zeigt tiefe Emotionen, echten Kummer über das begangene Unrecht. Das Angebot, „alles zurückzuzahlen“, ist nicht nur ein Ausdruck des Bedauerns, sondern ein Angebot zur Wiedergutmachung. Doch selbst die aufrichtigsten Bemühungen des Dieners könnten das Geld, das König und Reich verloren haben, nicht ersetzen.
Der Freispruch. Daraufhin „ließ der König ihn frei“ und „auch die Schuld erließ er ihm“. Er spricht ihn frei von jeder Haftung und Verpflichtung. Die Bitte des Dieners...




