Kelly | Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

Kelly Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen


1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-446-24387-3
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

ISBN: 978-3-446-24387-3
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)



Calpurnia ist zwölf, als sie begreift, dass ihr vorgezeichneter Lebensweg, nicht ihren Vorstellungen entspricht. Wie die anderen Mädchen soll auch sie Kochen, Stricken und Klavierspielen lernen, damit sie bald heiraten und eine Familie gründen kann. Doch Cal streift viel lieber durch die Natur, beobachtet Pflanzen und Tiere und macht sich Notizen über ihre Entdeckungen. Der Einzige, der sie versteht, ist ihr Großvater, ein eigenwilliger Forscher und Tüftler. Er schenkt ihr Bücher und öffnet ihr die Augen für den technischen Fortschritt und die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse des anbrechenden 20. Jahrhunderts. So erobert sich Cal ihren Weg in eine selbstbestimmte Zukunft.

Jacqueline Kelly arbeitete als Ärztin und Rechtsanwältin, bevor 2012 ihr erfolgreiches Debüt Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen erschien. 2015 folgte Calpurnias faszinierende Forschungen. 2018 startete ihre neue Reihe Calpurnias Tierstation mit dem Band Ein neues Lämmchen gefolgt von Ein Zuhause für das Stinktier.
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Erstes Kapitel

DIE ENTSTEHUNG

DER ARTEN

Wenn ein junger Naturforscher eine ihm ganz unbekannte Gruppe von Organismen zu studieren beginnt, so macht ihn anfangs die Frage verwirrt, was für Unterschiede die Arten bezeichnen … denn er weiß noch nichts von der Art und der Größe der Abänderungen, deren die Gruppe fähig ist …

Die Dunkelheit wussten wir 1899 bereits zu zähmen, doch nicht die texanische Hitze. Wir standen in tiefer Nacht auf, Stunden vor Sonnenaufgang, wenn sich am östlichen Himmel kaum mehr als ein tiefblauer Streifen abzeichnete, während der Horizont ansonsten pechschwarz war. Wir zündeten unsere Kerosinlampen an und trugen sie im Dunkeln vor uns her wie unsere eigenen schwankenden winzigen Sonnen. Die Arbeit eines ganzen Tages musste bis Mittag geschafft sein, wenn die tödliche Hitze ihre schwitzenden Opfer in das große, mit Holzläden verschlossene Haus zurücktrieb, wo wir uns in den dämmrigen hohen Räumen hinlegten. Mutters übliche Methode, im Sommer die Laken mit erfrischendem Eau de Cologne einzusprühen, verschaffte uns nur kurz Erleichterung. Nachmittags um drei, wenn es Zeit war, wieder aufzustehen, war die Hitze immer noch mörderisch.

Für uns alle in Fentress waren diese Temperaturen eine Qual, am meisten jedoch litten die Frauen in ihren Korsetts und Petticoats. (Ich selbst war noch einige Jahre zu jung für diese besondere, den Frauen vorbehaltene Form der Tortur.) Sie lockerten ihre Korsettstangen, seufzten in einem fort und verfluchten die Hitze und ihre Ehemänner, die sie nach Caldwell County verschleppt hatten, um dort auf vielen Morgen Land Baumwolle und Pekannussbäume anzupflanzen. Mutter verzichtete vorübergehend auf ihre Haarteile, die falschen Stirnlocken und ein gewelltes Rosshaarkissen, auf dem sie ihr eigenes Haar täglich zu einen kunstvollen Turm frisierte. Sie machte es sich sogar zur Angewohnheit, an Tagen, an denen wir keine Gesellschaft hatten, den Kopf unter die Wasserpumpe in der Küche zu halten, während Viola, unsere Köchin, so lange pumpte, bis die Haare durch und durch nass waren. Uns Kindern war es strengstens untersagt, während dieser erstaunlichen Vorführung zu lachen. Ebenso wie unser Vater lernten wir bald, Mutter möglichst aus dem Weg zu gehen, während sie nach und nach kapitulierte und einen Teil ihrer sonst so würdevollen Erscheinung der Hitze opferte.

Mit vollem Namen heiße ich Calpurnia Virginia Tate, aber damals nannten mich alle nur Callie Vee. In jenem Sommer war ich elf und das einzige Mädchen unter sieben Geschwistern. Kannst du dir etwas Schlimmeres vorstellen? Ich bildete genau die Mitte zwischen drei älteren Brüdern – Harry, Sam Houston und Lamar – und drei jüngeren – Travis, Sul Ross und Jim Bowie, unserem Jüngsten, den wir nach seinen Anfangsbuchstaben nur Jay Bee nannten. Die kleinen Jungen schafften es sogar, mittags zu schlafen, manchmal in einem wilden Haufen übereinander, wie feuchte, dampfende Hundewelpen. Auch die Männer, die von der Feldarbeit kamen, sowie mein Vater, der aus seinem Büro nach Hause kam, hielten auf der Schlafveranda ihren Mittagsschlaf. Nachdem sie sich vor dem Haus mehrere Blecheimer lauwarmes Wasser über den Kopf gekippt hatten, fielen sie auf ihre Seilbetten, als hätte man ihnen einen Schlag auf den Kopf verpasst.

Ja, die Hitze war eine Qual, aber mir verschaffte sie Freiheit. Während der Rest der Familie sich unruhig auf den Betten hin und her warf oder döste, schlich ich mich unbemerkt zum Ufer des San Marcos River und genoss meine tägliche Ruhepause ohne Schule, ohne lästige Brüder und ohne Mutter. Direkt erlaubt war mir dieser Ausflug nicht, aber verboten hatte ihn auch niemand. Es gelang mir auch nur, weil ich ein eigenes Zimmer hatte, ganz am Ende des Gangs, während meine Brüder sich ihre teilen mussten, und sie hätten mich sofort verpetzt. Das Privileg eines eigenen Zimmers war vermutlich das einzig Gute an der Tatsache, dass ich ein Mädchen war.

Zwischen unserem Haus und dem Fluss lag ein fünf Morgen großes, sichelförmiges, nie gerodetes Dickicht. Mir selbst einen Weg da hindurch zu bahnen wäre unendlich mühsam gewesen, doch die anderen regelmäßigen Flussbesucher – Hunde, Wild, Brüder – sorgten stets für einen schmalen freien Pfad inmitten des tückischen Stachelgrases, das mir bis zum Kopf reichte und sich an meinen Haaren und meiner Schürze festzukrallen versuchte, obwohl ich mich schon so dünn wie möglich machte, um hindurchzukommen. Sobald ich am Fluss angekommen war, zog ich mich bis auf mein Unterkleid aus, und gleich darauf ließ ich mich auf dem Rücken treiben und genoss die Kühle des Wassers. Mein Hemd blähte sich in der leichten Strömung, ich war eine Wolke im Fluss, die sich sanft in den Strudeln drehte. Über mir, in den dunkelgrünen Kronen der Eichen, die sich über den Fluss neigten, sah ich das weiße Gespinst der Bärenspinner. Fast wie mein Spiegelbild sahen sie aus, diese Falter, wie sie in Ballons aus weißem Gespinst vor dem blass türkisfarbenen Himmel schwebten.

Bis auf meinen Großvater Walter Tate ließen sich in jenem Sommer alle Männer die Haare ganz kurz schneiden, außerdem rasierten sie sich die dichten Bärte und Schnauzer ab. Der Anblick ihrer bleichen, schutzlosen Gesichter war zunächst ein Schock für uns, nackt wie texanische Brunnenmolche kamen sie uns anfangs vor. Seltsamerweise schien nur Großvater, dem ein schwerer weißer Vollbart auf die Brust hing, die Hitze gar nicht zu stören. Er behauptete, das liege daran, dass er ein Mann fester und moderater Gewohnheiten sei, der niemals vor zwölf Uhr mittags Whiskey trank. Sein Schwalbenschwanz, ein muffiger alter Frack mit langen Rockschößen, war damals schon hoffnungslos aus der Mode, aber er wollte nichts davon hören, sich von ihm zu trennen. Obwohl unser Dienstmädchen SanJuanna ihn regelmäßig mit einem Schwamm und Benzin abrieb, behielt der Frack doch immer seinen muffigen Geruch und seine merkwürdige Farbe, die weder schwarz noch grün war.

Großvater lebte mit uns unter einem Dach, trotzdem war er so etwas wie eine Schattengestalt. Schon vor vielen Jahren hatte er die Leitung des Familienbetriebs seinem einzigen Sohn übertragen, meinem Vater Alfred Tate. Seitdem verbrachte er seine Tage mit »Experimenten« in seinem »Laboratorium« hinterm Haus. Dieses Laboratorium war nichts weiter als ein alter Schuppen, der einmal zu den Sklavenunterkünften gehört hatte. Wenn Großvater nicht in seinem Laboratorium war, dann war er entweder auf der Jagd nach Insekten für seine Sammlung, oder er hatte sich mit seinen modrigen Büchern in einen dämmrigen Winkel der Bibliothek zurückgezogen, wo niemand ihn zu stören wagte.

Ich fragte Mutter, ob ich mir die Haare abschneiden lassen dürfe, die mir schwer und warm weit auf den Rücken hingen, doch sie lehnte es rundweg ab; sie werde es nicht dulden, dass ihre Tochter wie eine kurz geschorene Wilde herumliefe. Ich fand das entschieden unfair, ganz abgesehen davon, dass mir unerträglich heiß war. Also entwickelte ich einen Plan: Jede Woche würde ich mir meine Haare einen Zollbreit abschneiden, also gerade so viel, dass es Mutter nicht auffiel. Sie würde es vor allem deswegen nicht merken, weil ich mich mit Wohlverhalten tarnen würde. In der Verkleidung einer wohlerzogenen jungen Dame gelang es mir oft, Mutters gestrengem Blick zu entgehen. Gewöhnlich hielten die Anforderungen des Haushalts und der ständige Trubel, den meine Brüder verursachten, sie dauernd beschäftigt. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viel Trubel und Unruhe sechs Brüder verursachen. Hinzu kam, dass Mutters lähmende Kopfschmerzen durch die Hitze nur noch schlimmer wurden, und so musste sie immer wieder Zuflucht zu Lydia Pinkhams Kräuterelixier nehmen, dem, wie es hieß, »besten Blutreinigungsmittel für Frauen«.

Am Abend nahm ich mir eine Stickschere und schnitt mir mit klopfendem Herzen und großer Begeisterung zum ersten Mal einen Zollbreit von meinen Haaren ab. Dann betrachtete ich den weichen kleinen Heuhaufen aus Haaren in meiner gewölbten Hand. Ein großer Augenblick, wie ich fand. Ein erster großer Schritt auf dem Weg in meine Zukunft, in das leuchtende neue Jahrhundert, das in wenigen Monaten beginnen würde. In der Nacht schlief ich schlecht, aus Angst vor dem Morgen.

Am nächsten Tag ging ich mit angehaltenem Atem zum Frühstück hinunter. Die Pekannuss-Pfannkuchen schmeckten wie Pappe. Und was passierte? Absolut gar nichts. Keinem ist auch nur das Mindeste an mir aufgefallen. Einerseits war ich ungeheuer erleichtert, andererseits dachte ich: Das sieht meiner Familie mal wieder ähnlich! Ganze vier Wochen und vier Zollbreit abgeschnittener Haare später sah Viola, unsere Köchin, mich eines Morgens sehr scharf an. Doch gesagt hat sie nichts.

So heiß war es, dass Mutter beim Abendessen nicht mehr die Kerzen im Leuchter anzündete, das hatte es in der Familiengeschichte noch nie gegeben. Harry und ich durften sogar zwei Wochen lang unsere Klavierstunden ausfallen lassen. Das war auch gut so, denn Harrys verschwitzte Hände hinterließen eine feuchte Spur auf den Tasten, die er für das Menuett in G-Dur anschlug, und was immer Mutter oder SanJuanna versuchten, sie schafften es nicht, das Elfenbein wieder zum Schimmern zu bringen. Außerdem war unsere Musiklehrerin, Miss Brown, schon uralt, und ihr klappriges Pferd musste ihren Einspänner drei Meilen von Prairie Lea bis zu uns hinaus ziehen. Vermutlich würden beide auf dem Weg zusammenbrechen und müssten eingeschläfert werden. Eigentlich gar keine so schlechte Idee.

Als Vater hörte, dass unsere Klavierstunden erst einmal ausfielen, sagte er: »Umso besser. Ein Junge braucht ein Klavier genau so dringend wie eine Schlange...


Kelly, Jacqueline
Jacqueline Kelly arbeitete als Ärztin und Rechtsanwältin, bevor 2012 ihr erfolgreiches Debüt Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen erschien. 2015 folgte Calpurnias faszinierende Forschungen. 2018 startete ihre neue Reihe Calpurnias Tierstation mit dem Band Ein neues Lämmchen gefolgt von Ein Zuhause für das Stinktier.

Jacqueline Kelly, in Neuseeland geboren, wuchs in Kanada auf und lebt in Texas. Sie studierte Medizin und Jura, arbeitete als Ärztin und Rechtsanwältin, und begann nebenbei das Schreiben. 2009 erschien ihr Debüt „Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen“, das u.a. mit dem Newbery Honor, dem Josette Frank Award und als ALA Best Book for Young Adults ausgezeichnet wurde. In der Schweiz erhielt sie für die deutsche Fassung den Prix Chronos 2014. Im Herbst 2015 erscheint die Fortsetzung des hoch gelobten Jugendromans über die neugierige Calpurnia Tate „Calpurnias faszinierende Forschungen“.



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