E-Book, Deutsch, 594 Seiten
Kelly Die irischen Freundinnen
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98690-369-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman | »Klug, warmherzig und einfühlsam«, empfiehlt Bestsellerautorin Marian Keyes
E-Book, Deutsch, 594 Seiten
ISBN: 978-3-98690-369-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Cathy Kelly arbeitete als Redakteurin, Filmkritikerin und »Kummerkastentante« bei der Dubliner Sunday World, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Romanen widmete, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden und regelmäßig die Bestsellerlisten erobern. Am liebsten schreibt sie warmherzige, einfühlsame Geschichten über ihre irische Heimat. Cathy Kelly lebt mit ihrer Familie und ihren drei Hunden in County Wicklow. Die Website der Autorin: www.cathykelly.co.uk/ Bei dotbooks veröffentlichte Cathy Kelly ihre Romane: »Heimkehr nach Irland« »Der Duft von irischem Lavendel« »Eine irische Hochzeit« »Die irischen Freundinnen« »Der Glanz von irischem Klee« »Wie küsst man einen Iren?« »Wie angelt man sich einen Iren?« »Wie heiratet man einen Iren?« »Die Schwestern von Ballymoreen« »Die Freundinnen von Cloud's Hill« »Die Frauen von Ardagh's Crown«
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Kapitel 1
Die Sonne von New Mexico hatte bereits ihren Zenit erreicht, als das Shooting für den Zest-Modekatalog endlich unterbrochen wurde und man in die Mittagspause ging. Izzie Silver erhob sich von ihrem Platz, streckte ihren einen Meter dreiundsiebzig langen Körper in der einschläfernden Hitze aus und blickte auf die unzähligen Sommersprossen, die sich auf ihren Armen gebildet hatten, obwohl jeder Zentimeter freiliegender Haut dick mit Sonnenmilch mit Lichtschutzfaktor 50 eingekleistert war.
Der echte, helle Keltentyp – mit Haut wie Milch, karamellfarbenen Sommersprossen und bläulich schimmernden Venen an den Handgelenken – nahm in der Sonne nämlich höchstens eine Farbe an. Hummerrot. Und Hummerrot war ganz eindeutig nicht als Modefarbe, sondern einzig und allein als Hinweis auf ein frühes Stadium von Hautkrebs anzusehen.
Es war der zweite Tag des Shootings und Izzie spürte, dass sich die Gemächlichkeit des Wüstenlebens auf sie übertrug, und dass ihr Blut, das in ihrer Wahlheimat New York ständig in Wallung war, überraschend ruhig durch ihre Adern rann. Manhattan und die Modelagentur Perfect!, für die sie als Booker tätig war, und in deren Auftrag sie hier ein Model vom Typ Lolita während ihres ersten lukrativen Katalog-Shootings betreute, schienen endlos weit entfernt.
In New York säße sie jetzt mit einem Headset hinter ihrem Schreibtisch, kämpfte sich durch einen Haufen neuer Nachrichten, und währenddessen würde ihr Magermilch-Latte kalt. Das Büro lag in einem hübschen Sandsteinhaus unweit der Houston Street, war aber von einem Menschen eingerichtet worden, dem eindeutig mehr an Glasbausteinen und Plexiglasleuchtern als an der Wahrung der Privatsphäre der dort arbeitenden Menschen lag.
In ihrer Mittagspause würde sie in den kleinen Schönheitssalon in der Siebten rennen und sich die Augenbrauen zupfen lassen, wenn sie nicht einen kleinen Umweg ins Anthropologie am West Broadway machte, um zu sehen, ob es dort vielleicht noch ein paar dieser süßen kleinen, wie Muscheln geformten Seifenschälchen gab. Nicht, dass sie noch irgendwelches Zeug in ihrem Badezimmer bräuchte: Es sah darin schon jetzt aus wie in einem Drugstore.
Und während sie die Leben anderer verplante, ginge sie in Gedanken nebenher auch ihren eigenen Terminkalender durch, dächte an den Pilates-Kurs am Abend, den sie besuchen würde, wenn sie nicht zu erschossen wäre. Und natürlich an ihn. An Joe.
War es nicht einfach seltsam, dass man jahrelang durchs Leben gehen konnte, ohne einen Menschen zu kennen, der dann mit einem Mal der Lebensmittelpunkt für einen war? Wie konnte so etwas geschehen?
Und warum gerade er? Sich in ihn verliebt zu haben, war nicht nur furchtbar unpraktisch, sondern vor allem grundverkehrt. Gerade, als sie sich eingebildet hatte, sie hätte ihr Leben vollkommen im Griff, war er anspaziert gekommen und hatte ihr gezeigt, dass nie etwas so lief, wie man es sich wünschte. Dass man einfach keine Kontrolle über sein Leben hatte – dass alles dem Zufall überlassen war.
Izzie hasste Zufälle, hasste, verabscheute sie. Sie hatte einfach gern das Heft selber in der Hand.
Zumindest hatte sie hier in New Mexico den erforderlichen Abstand, um über ihr Leben nachzudenken, selbst wenn sie deshalb nicht zu ihrem Augenbrauentermin, ihrem Pilates und – vor allem – ihrer Verabredung zum Abendessen kam. Denn Joe nahm so viel Raum in ihrem Kopf und ihrem Herzen ein, dass sie einfach nicht klar denken konnte, wenn er in der Nähe war.
Hier auf der Chaco Ranch, umgeben von Wüstensand und unter einem endlos blauen Himmel, der sich noch über den Horizont hinaus zu erstrecken schien, war klares Denken beinahe ein Gebot.
Izzie fühlte sich hier so zu Hause, als säße sie auf der Veranda hinter dem Haus der Großmutter in Tamarin, wo Moororchideen das Gras übersäten und einem der Geruch des Ozeans in die Nase stieg.
Die nur dreißig Minuten vom quirligen Santa Fe entfernte Chaco Ranch, ein ausgedehntes, weiß gestrichenes Haus, lag wie ein teurer Edelstein inmitten des leuchtend roten Sands.
Und obwohl er geografisch ziemlich weit entfernt von dem kleinen irischen Küstenstädtchen lag, in dem Izzie aufgewachsen war, strahlte dieser Ort die gleiche, viel zu seltene, wunderbare Ruhe aus, in der das Wort morgen viel zu eilig klang, und sicher auch noch übermorgen früh genug für alles war.
Während die Ranch zwischen riesigen Kakteen, den Mesquitebäumen, die das Haus bewachten, und den Bergen eingeschlossen war, lag Tamarin auf einer Reihe steil abfallender Felsen, die den Eindruck machten, als risse sie das Brüllen des Atlantiks eines Tages ein.
An beiden Orten, dachte Izzie, machte die Landschaft dem Menschen bewusst, dass er nur ein winziger Bestandteil des Universums war.
Die Stille auf der Ranch hatte auf sie alle eine beruhigendere Wirkung als zwei Stunden anstrengenden Bikram-Yogas gehabt.
Was keine geringe Leistung war bei einem Mode-Shooting mit lauter waschechten New Yorkern, deren stetes Schwanken zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt den Anschein erweckte, sie stünden unmittelbar davor, ein Heilmittel gegen Krebs zu finden.
Natürlich war ein Shooting nie wirklich eine entspannte Angelegenheit, denn die Models, Fotografen, Make-up-Künstler, Frisöre, Stylisten und Klienten erfüllten jedes Set mit nervöser Energie. Man brauchte, wie sie wusste, endlos viel Humor, um in der Modebranche arbeiten zu können. Sonst glaubte man früher oder später wirklich, dass ein Paar falscher Schuhe eine Tragödie war, die der der globalen Erwärmung in nichts nachstand.
Aber das Shooting für Zest machte tatsächlich Spaß.
»Ich liebe diesen Ort«, hatte Izzie zu der Besitzerin der Ranch am Morgen des Vortages gesagt, als die gesamte Crew mit genügend Kleidern, Make-up, Haarspray und fotografischer Ausrüstung, um einen kurzen Film drehen zu können, auf der Ranch erschienen war. Der Strom, unter dem sie alle gestanden hatten, hätte bestimmt für die Versorgung einer ganzen Stadt gereicht.
Die Frau hatte mit ihren schlanken, sonnengebräunten, mit Silber- und Türkisreifen geschmückten Armen ausgeholt und ihr erklärt, der Chaco Canyon, wo sie einen Teil der Fotos machen würden, wäre die Heimat einer Fliege, die den Erreger der Beulenpest in sich trug.
»Könnten wir vielleicht ein paar von diesen Fliegen fangen?«, hatte Izzie sie gefragt. »Nicht für mich, aber es gibt da ein paar Leute, denen habe ich schon öfter mal die Pest gewünscht.«
Die blonde Frau hatte gegrinst. »Ich hätte nicht gedacht, dass ihr Modefritzen auch nur eine Spur von Humor besitzt.«
»Ich fürchte, ich bin die berühmte Ausnahme«, hatte Izzie ihr erklärt. »Was tatsächlich ein gewisser Nachteil in der Modebranche ist. Ein paar von diesen Leuten liegen nämlich beispielsweise abends in ihren Betten und heulen sich die Augen aus dem Kopf, weil irgendeine Saumlänge nicht richtig ist. Und wenn man kein solcher Modefreak ist wie sie, erstechen sie einen mit ihren High Heels von Manolo oder erschlagen einen mit der neuesten Ausgabe der Vogue. Aber ich persönlich finde, dass einem etwas Sinn für Humor bei jeder Arbeit hilft.«
»Sie sind also kein echter Modefreak?«, hatte ihre Gesprächspartnerin wissen wollen und ihr hochgewachsenes, rothaariges Gegenüber neugierig angesehen.
»He, sehen Sie sich mich doch nur mal an«, hatte Izzie sie lachend aufgefordert, während sie mit ihren Händen über ihren straffen, üppig gerundeten Leib gefahren war.
»Echte Modefreaks bilden sich ein, Essen wäre nur etwas für Schwächlinge, aber das denke ich ganz sicher nicht. Ich habe weder jemals die South Beach- noch die Atkins-Diät probiert, weil ich nämlich auf Kohlehydrate ganz einfach nicht verzichten kann. Was man in der Modebranche aber einfach muss.«
In einer anderen Welt hätte sie problemlos modeln können. Das hatten ihr die Menschen schon als Kind gesagt. Sie hatte einfach den dafür erforderlichen Look. Hatte riesengroße, rauchig blaue, von dichten Wimpern eingerahmte Augen und einen vollen, wohlgeformten Mund, der auf ihre Wangen zwei entzückende Grübchen zauberte, wenn er sich zu einem Lächeln verzog. Mit ihrer dichten, roten Lockenmähne und dem manchmal majestätischen Gesichtsausdruck sah sie aus wie eine Walküre, die in ihrem eigenen Langboot stand. Gleichzeitig war sie ziemlich groß, mit langen, wohlgeformten Beinen, die perfekt für das Ballett waren, bis sie weiter gewachsen und am Ende deutlich größer als die anderen kleinen Ballerinas in dem Kurs war.
Seither war ihre Größe das Hauptthema, wenn man von ihrem Aussehen sprach. Schon mit zwölf Jahren war sie einen Meter fünfundsechzig gewesen und hatte fast fünfzig Kilo auf die Waage gebracht.
Jetzt, mit neununddreißig, trug sie Kleidergröße vierzig und hob sich dadurch wie durch viele andere Dinge von den anderen Frauen in der Branche ab, in der das höchste Gut extreme Schlankheit war.
Mit ihrer perfekten Sanduhr-Figur sah sie aus wie eine überlebensgroße Venus und war der lebende Beweis für die Behauptung ›groß ist schön‹. Sie war eine begeisterte Esserin, die alle Blicke auf sich zog und die hohläugigen Mode-Junkies wie zerbrechliche, dürre Zweige aussehen ließ.
Sie liebte ihre Größe und machte nie Diät.
Was in der Welt der Mode gleichbedeutend damit war, dass jemand erklärte, Polyester wäre sein Lieblingsmaterial.
Joe Hansen war leicht überrascht gewesen, als er bei ihrer ersten Begegnung während eines Wohltätigkeitsessens – eines Events, an dem Izzie nur durch eine Reihe merkwürdiger Umstände teilgenommen hatte, was ein weiterer Beweis für ihre These vom alles regierenden Zufall war –...




