E-Book, Deutsch, Band 3, 128 Seiten
Reihe: Die Quadratur des Geldes
Kenawi Das kapitalistische Geldsystem
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7557-3247-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Entwirrte Krisendynamik
E-Book, Deutsch, Band 3, 128 Seiten
Reihe: Die Quadratur des Geldes
ISBN: 978-3-7557-3247-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kapitalismus bedeutet profitorientiertes Wirtschaften. Wie diese Idee entstand, wurde in der "Geschichte des Geldes" erzählt. Dieser Band zeigt, welche Auswirkung die Profitorientierung auf die Geldversorgung und den Wirtschaftskreislauf hat. Das Buch erklärt, das Geldakkumulation nicht grundsätzlich von Gier angetrieben wird. Es analysiert auch die Mechanismen, die zu einer immer schlechteren Geldverteilung im Kreislauf führen. Auf verständliche Weise wird das erschreckend banale Wesen der Finanzmärkte beschrieben. Vor allem aber wird der Ursprung der erstaunlichen Kreativität und Wandlungsfähigkeit des Kapitalismus blossgelegt.
Samirah Kenawi 1962 in Ostberlin geboren. Als Tischlerin und (Diplom)Ingenieurin gleichermaßen an Hand- und Kopfarbeit wie an praktischen und theoretischen Fragen interessiert. Während des Zusammenbruchs der DDR und der anschließenden Annexion in der Frauenbewegung aktiv, später Archivarin und Holzgutachterin. 2005 bis 2009 autodidaktisches Ökonomiestudium. Heute freiberufliche Autorin.
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3. Nachfragelücke Einfallstor für systematischen Diebstahl ... so zirkuliert das Geld immer weiter, bis eines Tages jemand ein Darlehen zurückbezahlt. Dann verschwindet das Geld, kehrt es wieder in das Nichts zurück, aus dem es geschaffen wurde ... Bernard A. Lietaer 5 Eine Grundthese der Schulökonomie besagt, dass die Produktion stets ihren eigenen Absatz schafft.A Gemeint ist, dass das durch die Produktionskosten in Umlauf gebrachte Geld ausreicht, die produzierten Waren zu kaufen. Mit anderen Worten: die Summe aller Arbeitseinkommen entspricht theoretisch der Summe aller Warenpreise. Doch diese Grundannahme, sämtlicher an den Universitäten gelehrten Volkswirtschaftstheorien, ist falsch. Ein Grund dafür findet sich in den geltenden Kreditgesetzen. Diese bewirken, dass die betrieblichen Ausgaben fremdfinanzierter (d.h. zumindest teilweise kreditfinanzierter) Unternehmen höher sind als die daraus entstehenden Arbeitseinkommen. Ein zweiter Grund findet sich in der ProfitideologieB. Machen wir zunächst tabellarisch transparent, warum die Summe der Arbeitseinkommen nicht ausreicht, die Gesamtheit der produzierten Waren zu kaufen. Analysieren wir, warum die Summe aller Warenpreise stets höher ist als die Summe aller Arbeitseinkommen. Die strukturelle Differenz zwischen Warenpreisen und Kaufkraft führt dazu, dass die Nachfrage nach Waren geringer ist als das Warenangebot. Es entsteht eine chronische Nachfragelücke. Im Kapitel 8: Geldkreislauf wird schrittweise gezeigt, wie diese Lücke durch immer neue Geldquellen geschlossen wird. Doch bevor wir im Weiteren untersuchen, welche ökonomische Dynamik durch die chronische Nachfragelücke erzwungen wird, soll untersucht werden, wodurch sie entsteht. Die folgende Tabelle zeigt die zwei oben benannten Ursachen für das Entstehen der Nachfragelücke: die Kreditgesetze sowie die Profitideologie. Tabelle 1: Preiskalkulation – Nicht alle Ausgaben werden zu Einkommen Betriebsausgaben/Preisanteile resultierende Einkommen/Kaufkraft Materialkosten
inklusive Strom, Gas etc. Einkommen in Zuliefer, Netzbetreiber-
sowie Versorgungsbetrieben + Lohnkosten + Einkommen der Beschäftigten + Steuern + Einkommen im Staatsdienst + Krankenversicherung + Einkommen im Gesundheitssektor + Rentenversicherung + Renteneinkommen + Ausgaben für
Miete oder Pacht + Einkommen der Verwalter*innen
und/oder Eigentümer*innen Kreditrate/Kapitalkosten bestehend aus: + Zinsrate
+ Tilgungsrate + Einkommen der Bankangestellten
Kein Einkommen ? Geldvernichtung Weitere Unternehmenskosten +Gewinnauszahlung
+ Rücklagenbildung +Unternehmer*inneneinkommen
+ Reinvestitionen ins Unternehmen Profit (möglicher, aber nicht
+ zwingender Gewinnanteil) Keine Kaufkraft ? Einnahmen der
Unternehmen, die oft direkt oder indirekt in die Finanzwirtschaft fließenC Summe Warenpreise >Summe Kaufkraft In der linken Spalte wurden alle betrieblichen Ausgaben aufgelistet. Diese Ausgaben muss ein Unternehmen natürlich später wieder einnehmen und deshalb in seine Preise einkalkulieren. Die betrieblichen Ausgaben bilden zugleich die Geldmenge, aus der spätere betriebliche Einnahmen entstehen können, denn die Ausgaben des Unternehmens werden bei anderen zu Einkommen. Die Preiskalkulation zeigt nun aber, dass nicht alle Ausgaben der Unternehmen zu Einkommen werden. Zwischen der Summe der Ausgaben (aus der die Preissumme folgt) und der Summe der Einkommen (aus der die Kaufkraft folgt) besteht eine Differenz. Sie entsteht zum einen, weil das vom Unternehmen für die Kredittilgung ausgegebene Geld nicht zu Einkommen wird, da die Banken dieses Geld vernichten. Denn im heutigen Kreditgeldsystem führt Kredittilgung folgerichtig zum Verschwinden des zuvor für die Kreditvergabe geschaffenen Geldes. Aus diesem Grund müssen getilgte Kredite stets durch neue ersetzt werden, was z.T. ökologische Probleme erzeugt. Zum anderen wird die Differenz zwischen Warenpreisen und Kaufkraft durch einen Geldabfluss aus der Realwirtschaft vergrößert, den ich Profit nenne.6 Infolge dieses Geldabflusses reicht es nicht aus, getilgte Kredite einfach durch gleich große, neue zu ersetzen. Profit erzwingt, dass getilgte Kredite stets durch größere Kredite ersetzt werden müssen. Der durch die Profitideologie erzeugte stetige Geldabfluss aus der Realwirtschaft erzwingt so ein ständiges Wachstum der Gesamtgeldmenge. Doch folgen wir zunächst der ersten Ursache der Nachfragelücke. So wie Geschäftsbanken bei Kreditvergabe Geld schöpfen, vernichten sie es bei Kredittilgung wieder. Wegen dieser Geldvernichtung werden die in den Preisen enthaltenen Tilgungsraten nicht zu Einkommen. Infolgedessen ist die Summe der Preise notwendigerweise höher, als die Summe der aus der Produktion resultierenden Arbeitseinkommen. Ohne ständigen Geldzufluss unabhängig von Warenproduktion würde der chronische Mangel an Arbeitseinkommen zu einer permanenten AbsatzkriseD führen, da die Summe der Arbeitseinkommen nie ausreicht, die Gesamtheit der Waren zu kaufen. Infolge des chronischen Mangels an Lohngeldern hat der Kapitalismus die Arbeitserlaubnis erfunden. Erwerbsarbeit wird zum Privileg, denn sie erlaubt, bei der Verteilung der knappen Arbeitseinkommen dabei sein zu dürfen. Menschen durch Verweigern einer Arbeitserlaubnis der Möglichkeit zu berauben für sich selbst zu sorgen, gehört zu den entwürdigenden, sozial zerstörerischen Elementen kapitalistischer Ökonomie. Vergrößert wird die Differenz zwischen der Summe aller Preise und der Summe aller Arbeitseinkommen durch die zweite Ursache der Nachfragelücke: den Profit. Gewinne werden nach meiner Definition zu Profit, wenn sie aus der Realwirtschaft abfließen. Das geschieht, wenn Gewinnanteile weder durch Konsumausgaben der Unternehmer*innen noch durch Reinvestitionen ins Unternehmen in die Realwirtschaft zurückfließen. Profit ist der Teil der Einnahmen, der zum Kauf von KapitaleigentumE verwendet wird. Die Existenz von Finanzmärkten macht einen Abfluss von Geld aus der Realwirtschaft nicht nur möglich, Renditeaussichten machen ihn auch verlockend. Da Profit als Gewinnanteil nur aus betrieblichen Einnahmen gezahlt werden kann, muss er in den Preisen enthalten sein. Ob Gewinn zu Profit gemäß meiner Definition wird, entscheidet sich jedoch erst durch die Geldverwendung. In Tabelle 1 ist Profit deshalb als möglicher, aber nicht zwingender Gewinnanteil ausgewiesen, da Profit eine schwer zu fassende ökonomische Größe ist. Profit wird oft mit Gewinn gleichgesetzt. Doch Gewinn und Profit sind nicht unbedingt identisch. Beispielsweise muss, wer freiberuflich tätig ist, jährlich eine Gewinn- und Verlustrechnung beim Finanzamt einreichen. Der in dieser Rechnung ausgewiesene Gewinn ist zunächst das Einkommen der steuerpflichtigen Freiberufler*in. Eine Aktiengesellschaft weist in ihrer Gewinnund Verlustrechnung hingegen einen Gewinn aus, der nach Bezahlung aller im Unternehmen Tätigen, einschließlich der Manager*innen, verbleibt. Während der von freiberuflich Tätigen ausgewiesene Gewinn also deren Arbeitseinkommen darstellt, ist der von einer Aktiengesellschaft ausgewiesene Gewinn das Geld, das nach Auszahlung aller Arbeitseinkommen übrig bleibt. Der Gewinn einer AG wird zu Kapitaleinkommen, wenn er als Dividende ausgezahlt wird. Hier zeigt sich, wie unbrauchbar der Begriff „Gewinn“ für eine kreislauftechnische Untersuchung ist. Zum einen sagt der Begriff nichts über die Herkunft des Geldes aus, also nichts darüber, ob es sich um Arbeitseinkommen oder um Kapitaleinkommen handelt. Zum anderen sagt er nichts über die Verwendung aus. Erst die Verwendung von Geld entscheidet aber über seine Wirkung im Geldkreislauf; darüber ob der Kreislauf gesichert oder gestört wird. Eine realwirtschaftliche Geldverwendung (für Konsum oder Investitionen) sorgt auch künftig für Lohngelder. Eine Geldverwendung für Wertpapierkäufe oder andere Vermögenswerte lässt, wie sich zeigen wird, Lohngelder knapp werden. Um die Wirkung von Geldflüssen im Kreislauf Schritt für Schritt untersuchen zu...




