Kennedy Schreiben
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-446-25423-7
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Blogs & Essays
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-446-25423-7
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
A. L. Kennedy, 1965 im schottischen Dundee geboren, wurde bereits mit ihrem ersten Roman Einladung zum Tanz (2001) berühmt und zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen britischen Autor:innen. Sie wurde mit zahlreichen wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnet. 2007 erhielt sie den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur, 2016 den Heine-Preis, 2020 den Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels. Kennedy lebt in Schottland und schreibt u. a. für The Guardian und die Süddeutsche Zeitung. Bei Hanser sind Das blaue Buch (Roman, 2012), Ein schlechter Sohn (Hanser-Box, 2014), Der letzte Schrei (Erzählungen, 2015), Schreiben (Blogs & Essays, 2016), Süßer Ernst (Roman, 2018) und Als lebten wir in einem barmherzigen Land (Roman, 2023) erschienen.
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Wie einige von Ihnen wissen, habe ich jahrzehntelang an literarischen Veranstaltungen teilgenommen, und bei vielen werden auch Fragen aus dem Publikum beantwortet. Ich bin also an Zuhörerfragen gewöhnt, von denen manche schlicht verrückt sind oder Bezug auf finstere Verschwörungen nehmen, die verhindern, dass die Fragesteller selbst veröffentlicht oder angemessen gewürdigt werden, während hinterhältige Illuminaten und/oder Echsenmenschen wie ich auf einen Wink hin günstige Buchverträge und Eimer voller Mäusebabys bekommen. Ich kenne Fragen, die gelegentlich in der Wirklichkeit, eher aber in verschiedenen Episoden von Mord ist ihr Hobby gestellt werden: »Schreiben Sie mit einem Stift, oder benutzen Sie ein aufgearbeitetes Schiffchen von einem alten portugiesischen Handwebstuhl?« oder »Wie lange arbeiten Sie, bevor Sie eine Pause einlegen und ein paar Mäusebabys essen müssen?« und das unvermeidliche »Woher kriegen Sie Ihre Ideen?«
Viele dieser Erkundigungen gelten inzwischen als uncool und werden vom erfahrenen Literaturpublikum umschifft, auch wenn ein aufmerksamer Jungautor es womöglich ermutigend findet, von X zu erfahren, dass sie eine Vorliebe für gelbe Notizblöcke hat, oder von W, dass er am liebsten auf Pergament schreibt, oder von Ns Angewohnheit, auf die Rückenpartien rothaariger Holzfäller zu kritzeln. Und wenn so ein Publikum halb vorwurfs-, halb erwartungsvoll vor einem sitzt, nachdem die »Woher?«-Frage gestellt wurde, dann muss schon irgendeine Antwort kommen. Ich kenne Schriftsteller, die sich gewohnheitsmäßig weigern, auf der Bühne Fragen zu beantworten, aber falls sie nicht gerade unverschämt bedrängt werden, kommt mir das vor wie jemand, der mich beim Rendezvous aufs Ohr küsst und mir dann eine runterhaut, weil ich ihn oder sie gelassen habe. Wenn man die »Woher?«-Frage nicht beantwortet, bleibt irgendwie in der Luft hängen, dass der befragte Schreibende seine Ideen womöglich in abgelegenen Gassen unterm Ladentisch einer schmuddeligen Inspirationshöhle erwirbt, oder dass er billige ausländische Ideen kauft, die unter grausamen und unhygienischen Bedingungen aufgezogen wurden. Und dann gibt es natürlich noch die Option, dass die Ideen vom Teufel persönlich kommen, als Gegenleistung für meine sterbliche Seele.
Beantworte ich die »Woher?«-Frage gern? Nicht unbedingt. Das liegt zum Teil daran, dass der ganze Bereich – wenngleich kaum genau definiert – von Aberglauben umgeben ist: Wird die Inspiration verschwinden, wenn ich sie zu genau untersuche? Und zum Teil daran, dass meine Antwort in einem größeren Kontext stehen wird, der sie absurd erscheinen lässt. Ich glaube, nicht zufällig verblasste die Vorstellung vom Teufelspakt gerade zu der Zeit, als man Autoren nicht mehr kleine Wundertaten an Schöpfung und Erfindung zuschrieb. Man hielt es einst für wahrscheinlich, dass Menschen, die aus dem Nichts etwas schufen, göttlich inspiriert oder aber von Dämonen besessen waren, jedenfalls mit irgendetwas »in Verbindung« standen. Das machte Dichter zu Priestern – was niemandem guttun kann –, doch es verhalf dem Handwerk zu Ansehen und ließ möglich erscheinen, dass Phantasie und Kreativität zugleich menschlich und göttlich sind. Dann trat die Literaturkritik auf den Plan – zu der notwendigerweise Nachforschung und Recherche gehören – und definierte den Schriftsteller neu als eine Art selbstbezogenen Kopierer, der billige Abziehbilder der Wirklichkeit wiederkäute, Aspekte von Freunden, Geliebten und Bekannten klaute, das Ganze dann zusammennähte und mit den hinkenden, monströsen Ergebnissen wenig überraschende kleine Welten bevölkerte. Aus Fiktion wurde Autobiographie. Oder Kommentar. Oder Essay. Will sagen, gar keine Fiktion mehr: nicht kraftvoll, mysteriös, wundervoll und überwältigend, sondern etwas, was sich ordentlich in eine Dissertation einfügen lässt, oder in eine Rezension, die nahelegt, dass der Rezensent gewisse intime Details über Charakter und Lebensumstände des Autors kennt, ohne die der Leser aufgeschmissen ist. Wäre der Leser tatsächlich ohne diese Fakten aufgeschmissen, dann wäre das literarische Werk natürlich nicht gelungen. Beim Schreiben geht es um Kommunikation, nicht darum, welche Partys man frequentiert.
Jetzt wedelt also der Hund mit dem Schwanz. Leser, die jede Art von fiktionalem Schreiben mögen – darunter auch die phantastischsten Phantasieprodukte – müssen über ihre Leidenschaften schweigen, damit man sie nicht für albern hält. Schriftsteller, die ihr Leben lang Geistern, Engeln, Dämonen, Silben und der Form des Unbekannten nachjagen, dürfen nicht aussprechen, wie verstörend und phantastisch und wundersam dieser Vorgang sein kann. Die Aufsätze und Rezensionen hingegen blühen und gedeihen in dem Kontext, den sie selbst geschaffen haben. Das ist größtenteils ein toter Kontext. Ein Kontext, den viele gute Literaturwissenschaftler verabscheuen. In dem jeder Geist traumlos ist, keine Launen hat, keine Gedanken an die Vergangenheit, die über bloßes Aufzählen hinausgehen, keine Hoffnungen für die Zukunft, keine Intuitionen über die Gegenwart und vor allem keine Inspiration. Inspiration meinte ursprünglich, wie Sie sicher wissen, den Hauch des göttlichen Geistes, ein verwandelndes, brennendes Anderes, das Gefühl, dass einem eine Idee, ein Gedanke, ein Bedürfnis direkt in die Lungen geblasen wird. Als Autorin und als Leserin möchte ich nicht, dass Autoren oder Lesern diese Macht und diese Schönheit verschlossen bleiben. Jedes Individuum interpretiert sie vielleicht anders, aber ihr völliges Fehlen wäre auf jeden Fall überhaupt kein Spaß. Und sie zu verleugnen wäre emotional, psychologisch und sogar moralisch lähmend. Ich will damit nicht sagen, dass jede Schöpfung gut ist – das ist sie sicher nicht. Aber ganz ohne Kreativität werden uns die Heilmittel gegen das Schlechte ganz schnell ausgehen, und die Geschichten, die wir uns erzählen, werden kleiner und enger, werden uns glauben lassen, dass wir weniger sein können.
Um aber auf die Publikumsfragen zurückzukommen: Es gibt inzwischen, das ist eine ganz natürliche Entwicklung, die Erwartung, dass die »Woher?«-Frage mit einem Bezug auf die Persönlichkeit und das Leben der Autorin beantwortet wird, auf die Personen, von denen sie dieses oder jenes geklaut hat, auf ihre Plagiate der Wirklichkeit. Das aber wäre, abgesehen von allem anderen, hauptsächlich vernichtend vereinfacht. Ja, sicher, die Geschichte kommt durch den Autor und vom Autor. Die Geschichte des mörderischen, einäugigen Bäckers klingt von John Banville erzählt vielleicht ganz anders als von Richard Curtis. Das Werk spiegelt die Leidenschaften des Autors wieder – er wird sich wahrscheinlich nicht auf einen Roman über Philatelie einlassen, wenn er sich mit dem Thema nicht monatelang beschäftigen will. Wenn allerdings eine Idee zu ihm kommt und hartnäckig wiederkehrt und sich um Briefmarkensammeln dreht, dann muss er eben Begeisterung für die klebrigen kleinen Dinger entwickeln, denn eine Vorstellung braucht die Sicherheit der erlebten Erfahrung (ich weiß, wir leben im Zeitalter der Castingshows und der sofortigen Ergebnisse, doch die Phantasie einer gelebten Erfahrung, die für andere nachvollziehbar ist, lässt sich am besten durch harte Arbeit erzeugen, nicht durch das Durchleben der Erfahrung – das ist der Job des Schreibenden, nicht des Lesers). Die fundamentalen Ansichten des Autors oder der Autorin werden wahrscheinlich auch nicht verworfen werden – ich werde kaum freiwillig über eine Frau schreiben, die Angst vor Mäusen hat und nichts weiter als für ihren Mann kochen möchte, aber … wenn sie sich mir aufdrängt, dann muss ich ihr auch Ausdruck verleihen. Diese Prozesse des persönlichen Einsatzes, der Erkundung, des Verlustes, der Überraschung und der Verwirrung fließen ineinander und übereinander. Anfängliche Ideen werden geformt und wieder umgeformt, manchmal bewusst, manchmal – ich sage es erneut – unter einem Druck, der tatsächlich äußerlich erscheinen kann.
Ich habe keine aussagekräftige Ahnung, wo meine Figuren herkommen. Abgesehen von jenen Schriftstellern, die ihre wichtigen Beziehungen in Prosa abarbeiten, habe ich noch niemanden getroffen, der die Ursprünge seiner Figuren angeben konnte, ohne dabei höchst vage zu werden. Wir haben alle unsere Methoden, Charaktere zu entwickeln, doch ihre Quellen bleiben im Verschwommenen. Ich habe das Gefühl, literarische Figuren und ihre Landschaften können ebenso fesselnd und intuitiv sein wie Ungeheuer der Kindheit, Lieblingsspielzeuge oder Abenteuerlandschaften.
Und jetzt soll ich Ihnen eine technische Erklärung liefern, wie Sie Ihre Welten und Ihre Figuren geliefert kriegen. Aber wie kann ich das tun? Die gute Nachricht ist: Das ist einfach Ihr Job. Das ist leider auch die schlechte Nachricht, aber nicht so richtig – wenn wir einfach beschließen, offen gegenüber allem zu bleiben, was zu uns kommt, dann wird sicher auch etwas kommen. Dafür sind weder Diebstahl noch Patchwork notwendig. Jedes Teil von jedem Stück wird maßgeschneidert sein, so gewachsen, dass es an seinen Ort passt und nirgendwo anders hin. Und die Freude darüber, etwas aus dem Nichts geschaffen zu haben, wird ganz echt sein. Genauso aber auch – zweifellos – die Unsicherheiten und Ängste. Wenn ich höre »Ja aber … die Figur muss doch auf irgendwem basieren …«, dann vernehme ich jemanden, der noch nicht loslassen und einfach warten kann, was passiert, der Angst hat, sich Sachen einfach auszudenken, Angst vor etwas Schlichtem, Kindlichem, unermesslich Einflussreichem, vor einem Geschenk. Wir haben es hier mit Glauben zu tun: erschreckender, enthüllender, großzügiger, außerordentlicher Glaube – wenn Sie so wollen,...




