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E-Book

E-Book, Deutsch, Band 4, 400 Seiten

Reihe: Ein Adam-Bolitho-Roman

Kent Schattenjagd

Adam Bolithos Sondermission
17001. Auflage 2017
ISBN: 978-3-96048-121-8
Verlag: Econ
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Adam Bolithos Sondermission

E-Book, Deutsch, Band 4, 400 Seiten

Reihe: Ein Adam-Bolitho-Roman

ISBN: 978-3-96048-121-8
Verlag: Econ
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine große Verantwortung drückt auf die Schultern des jungen Captain Adam Bolitho. Unter den Nachkriegsfolgen der postnapoleonischen Zeit leidend, erwartet die Royal Navy von ihm, daß er seinem berühmten Onkel Richard Bolitho, der 1815 als Admiral im Gefecht fiel, an Seemannschaft und Mut in nichts nachsteht. Und deshalb wird er mit der Sondermission beauftragt, dem Spuk der Renegaten, die den englischen Handelsschiffen in der Karibik zusetzen, ein Ende zu bereiten. Eine gefährliche Schattenjagd beginnt ...

Alexander Kent kämpfte im Zweiten Weltkrieg als Marineoffizier im Atlantik und erwarb sich danach einen weltweiten Ruf als Verfasser spannender Seekriegsromane. Er veröffentlichte über 50 Titel (die meisten bei Ullstein erschienen), die in 14 Sprachen übersetzt wurden, und gilt als einer der meistgelesenen Autoren dieses Genres neben C.S. Forester. Alexander Kent, dessen richtiger Name Douglas Reeman lautet, war Mitglied der Royal Navy Sailing Association und Governor der Fregatte »Foudroyant« in Portsmouth, des ältesten noch schwimmenden Kriegsschiffs.
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I Von Angesicht zu Angesicht


Die nach Falmouth bestimmte Kutsche zögerte vor dem Anstieg zu einem kleinen Hügel, ihre Räder ruckten und drückten sich in den gefrorenen Schlamm. Die Pferde, ein Vierergespann, legten sich kraftvoll ins Geschirr, sie stampften heftig, und ihr Atem dampfte in dem fahlen, dunstigen Sonnenlicht, und die Tiere wußten besser als die Menschen, daß ihr Anteil an der Reise fast zu Ende war.

Es war Februar und noch immer so bitterkalt wie schon seit Anbruch des Jahres 1818. Eigentlich war es schon lange nicht mehr so kalt gewesen, meinten viele, die an der Südküste Cornwalls wohnten. Die Bäume ragten wie schwarze Knochen in die Landschaft, als würden sie nie wieder ein Blatt oder eine Knospe austreiben; die Einfassungsmauern der Felder und gelegentlich auftauchende Dächer der Bauernhäuser glänzten wie poliertes Metall. Der Kutscher, groß und unförmig in seinem schweren Mantel, zuckte kurz aufmunternd mit den Zügeln. Keine Eile, keine Hast ging von ihm aus, er kannte seine Pferde und die Straße so gut, wie er seine eigene Stärke kannte, und seine Fahrgäste und das Gepäck kamen immer erst an zweiter Stelle.

Hinten auf der Kutsche rieb sich ein Wachmann, der unter mehreren Schichten aus Kleidungsstücken und Decken kaum zu erkennen war, die Augen, dann starrte er über die Rücken der beanspruchten Zugtiere hinweg und entdeckte einen Schwarm Möwen, der von irgendwo aufstieg. Die Vögel begannen zu kreisen – vielleicht suchten sie nach Nahrung –, während das Fahrzeug vorbeirollte. Die See war eben nie weit entfernt. Schließlich wurden die Pferde in den dafür vorgesehenen Stationen getauscht, aber er und der Kutscher blieben wie schon den ganzen Weg von Plymouth herauf stets bei der Kutsche. Der Wachmann rückte seinen Hintern hin und her, um seine Blutzirkulation wieder in Gang zu setzen, und spürte dabei hart den Druck seines Gewehrs unter der Decke, denn die Kutsche transportierte außer den Passagieren auch Post. Das Wappen, das auf den beiden Türen prangte, stand für das damit verbundene Risiko, aber auch für Ehre und Stolz.

Auf dem Weg zum Moor und dann um die trostlose Wildnis des Bodminsumpfes herum hatte er ein paar zerlumpte, Vogelscheuchen ähnelnde Figuren gesehen, die neben dem Straßenrand hingen. Sie sollten einerseits den Krähen als Futter dienen, aber man ließ sie außerdem als Warnung für potentielle Straßenräuber dort verrotten, obwohl es von dieser Sorte Mensch immer wieder mehr als genug geben würde.

Er sah, wie der Kutscher die Faust kurz hob. Nicht mehr. Doch mehr war auch nicht nötig. Ein weiteres Stück schlechter Wegstrecke! Er fluchte verhalten. Jemand sollte vielleicht die Sträflinge aus ihren warmen Zellen treiben, damit sie endlich die Straße reparierten, schließlich gab es für diese Arbeiten keine französischen Kriegsgefangenen mehr. Waterloo lag fast vier Jahre zurück und verblaßte bei allen, denen die konkrete Gefahr und die Schmerzen erspart geblieben waren, mehr und mehr in der Erinnerung.

Dann hieb der Mann auf dem Bock mit der Faust auf das Dach der Kutsche: »Festhalten da unten!«

Unter den Passagieren war eine junge Frau, und die heftigen Bewegungen der Kutsche – trotz ihrer neuen Federung – hatten die Schwangere schon mehrmals dazu gezwungen, sich zu übergeben. Das hatte jedesmal einen Aufenthalt bedeutet, sehr zum Mißfallen des Mannes in ihrer Begleitung: ihres Vaters. Wir haben trotzdem Glück, daß wir ohne Zwischenfall so weit gekommen sind, überlegte der Wachmann, während die Pferde ihre Geschwindigkeit verlangsamten und ihre Ohren nach hinten drehten, als erwarteten sie einen Ruf oder Pfiff. Er sah ein paar Farmgatter, eins stack halb im Boden. Hatte der Bauer das noch nicht bemerkt oder kümmerte es ihn nicht? Der Kutscher öffnete den Kasten, der das lange Horn enthielt, um ihre Ankunft anzukündigen. Das letzte Wegstück …

Von innen wurde wieder heftig gegen das Kutschendach geklopft, der jungen Dame war wohl erneut schlecht geworden. Aber die Pferde verfielen in ihren Trott, denn die Räder drehten sich auf dem nächsten Straßenabschnitt leichter. Die Tiere dachten vermutlich voller Vorfreude an ihren Stall, das Klopfen hörte wieder auf, also hob der Mann das Horn und befeuchte das Mundstück mit der Zunge. Es war eisig.

Im Inneren der Kutsche war es nicht viel wärmer, trotz der abgedichteten Fenster und einiger blauer Lederkissen. Es gab sogar Decken, aber wegen der heftigen Schaukelei war es seit der Abfahrt schwierig gewesen, sie an Ort und Stelle zu halten.

Midshipman David Napier verkeilte seine Schulter in den Sitz und blickte hinaus zu den Bäumen, die ihre Zweige ausstreckten, als ob sie nach den Fenstern greifen wollten, und in einiger Entfernung ragten die hellen Schatten eines Hauses oder einer Scheune auf.

Die Phantasie spielte Napier keinen Streich: Der Himmel war bereits dunkler geworden. Der Midshipman mußte eingeschlafen sein, und das trotz seiner trüben Gedanken und des ununterbrochenen Rüttelns des Fahrzeugs. Er hätte nicht sagen können, wie oft sie seit ihrer Abfahrt von der Straße abgebogen waren, um die Pferde zu wechseln und währenddessen ein paar erholsame Schritte zu tun, um Körper und Geist zu entspannen. Oder um der jungen Frau, die ihm gegenübersaß, zu erlauben, hinter einem Busch oder Baum zu verschwinden.

Doch ihr Vater wurde in seiner Ungeduld über jede Verzögerung immer ärgerlicher. Übernachtet hatte die Reisegesellschaft in einer kleinen Gastwirtschaft irgendwo außerhalb von St. Austell, doch sogar das war ihm irgendwie wie im Traum vorgekommen. Ein harter Sitzplatz auf einer Bank, eine hastige Mahlzeit, dann hatte er sich allein in einer winzigen Kammer über dem Stall wiedergefunden, unten hatten rauhe Stimmen erst gesungen, dann war betrunkenes Gelächter laut geworden, das schließlich in einer Mischung aus Drohungen und Verwünschungen endete, was Napiers Unsicherheit nur noch verstärkt hatte.

Wieder zuckte er zusammen und bemerkte, daß er instinktiv unter der Decke an sein Bein gefaßt hatte. Die tiefe Wunde brachte sich stets und ständig in Erinnerung und war leider weder ein Traum oder ein Nachtmahr. Sie war ganz real.

Weitere Häuser kamen ins Blickfeld, einige lagen bereits im Schatten, die Straße wurde härter, fester, die Räder klapperten vor sich hin, und plötzlich blökte das Horn. Es klang lauter als bisher, weil der Ton von den massiven Hauswänden zurückgeworfen wurde.

Napier leckte sich über die Lippen und hatte den Eindruck, daß sie nach Salz schmeckten. Zweimal hatte er das Glitzern einer Wasserfläche ausgemacht, und auch der Passagier, der den ganzen Weg seit Plymouth kaum etwas gesagt hatte, schreckte auf seinem Platz in die Höhe und schaute sich um.

»Sind wir da?« erkundigte er sich und unterdrückte ein Husten. Er hat einen dünnen, gekrümmten Körper und war ganz in Schwarz gekleidet: als Büroleiter eines Advokaten, wie er Napier enthüllt hatte. In einer Ledertasche, die aufwendig versiegelt war, beförderte er wahrscheinlich Dokumente, die ganz offensichtlich noch nicht einmal für seine Augen bestimmt waren.

»Wir fahren gerade in Falmouth ein.« Napier schaute sich die Häuser genauer an, in denen schon Lichter brannten.

Der Sekretär schniefte jetzt. »Natürlich wißt ihr Seeleute immer, wo ihr euch befindet, nicht wahr?« Er kicherte, umklammerte dann aber hektisch seine Tasche, die ihm vom Schoß zu rutschen drohte.

Napier starrte weiter nach draußen. Die Kutsche hatte in Plymouth eine Kirche passiert, an die er sich noch undeutlich von seinem letzten Besuch her erinnerte. Damals war sein Schiff, die Fregatte Unrivalled, nach Hause gekommen, um dringend notwendige Reparaturen durchführen zu lassen; es hatte sich um die Schäden aus dem Angriff auf Algier gehandelt. Die Besatzung war abgemustert und ausgezahlt worden, und die Fregatte war ins Vergessen versunken, allerdings nicht bei den Männern, die auf ihr gedient und überlebt hatten, auch der Kommandant, Adam Bolitho, der trotz des herausfordernden Gefechts, des schwierigen Kommandos und der bitteren Tatsache der Entlassungen sein Versprechen hielt, das er Napier damals in Plymouth gegeben hatte. Er erinnerte sich auch an die Fore Street und die Schneiderei, in der er seinerzeit kaum hatte glauben können, was mit ihm geschah. Der Schneider hatte sich verbeugt, sich die Hände gerieben und den Kapitän gefragt, was es denn sein dürfe.

»Ihre Dienste für diesen jungen Gentleman. Messen Sie ihm die Uniform eines Midshipman an«, hatte Bolitho ganz ruhig gesagt und eine Hand auf Napiers Schulter gelegt. Das war ein Augenblick, den der junge Seemann niemals vergessen würde. Mittlerweile trug er aber diese Uniform nicht mehr, denn er hatte sich in Antigua neu eingekleidet, wo man, wie die alten Muschelrücken sagten, alles kaufen konnte, solange man Geld in der Tasche hatte.

Sein erstes Schiff als Midshipman, die Fregatte Audacity, war von der Küstenartillerie von San José mit glühenden Kugeln in die Luft gejagt worden. Die Erinnerungen daran waren nur verschwommen: das Donnern der Kanonen … Männer brüllten und schrien … dann im Wasser… der Wahnsinn, die Männer, die noch dazu in der Lage waren, begeistert brüllen zu hören, als das Flaggschiff sich dem Feind näherte, zum Angriff überging, um zu siegen… Kapitän Bolithos Schiff.

Napier hatte kaum die Zeit gehabt, alle Mitglieder von Audacitys Besatzung kennenzulernen. Trotzdem war es wie eine große Familie, nach Art der Navy: Es waren die Kameraden, für die man kämpfte … Er dachte an den toten Midshipman am Strand, den er nach dem Untergang des Schiffes aus dem Wasser...


Kent, Alexander
Alexander Kent kämpfte im Zweiten Weltkrieg als Marineoffizier im Atlantik und erwarb sich danach einen weltweiten Ruf als Verfasser spannender Seekriegsromane. Er veröffentlichte über 50 Titel (die meisten bei Ullstein erschienen), die in 14 Sprachen übersetzt wurden, und gilt als einer der meistgelesenen Autoren dieses Genres neben C.S. Forester.
Alexander Kent, dessen richtiger Name Douglas Reeman lautet, war Mitglied der Royal Navy Sailing Association und Governor der Fregatte 'Foudroyant' in Portsmouth, des ältesten noch schwimmenden Kriegsschiffs.



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