E-Book, Deutsch, Band 3, 384 Seiten
Reihe: Ein Adam-Bolitho-Roman
Kent Unter Segeln vor Kanonen
17001. Auflage 2017
ISBN: 978-3-96048-124-9
Verlag: Econ
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Adam Bolitho im Kielwasser von Sir Richard
E-Book, Deutsch, Band 3, 384 Seiten
Reihe: Ein Adam-Bolitho-Roman
ISBN: 978-3-96048-124-9
Verlag: Econ
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alexander Kent kämpfte im Zweiten Weltkrieg als Marineoffizier im Atlantik und erwarb sich danach einen weltweiten Ruf als Verfasser spannender Seekriegsromane. Er veröffentlichte über 50 Titel (die meisten bei Ullstein erschienen), die in 14 Sprachen übersetzt wurden, und gilt als einer der meistgelesenen Autoren dieses Genres neben C.S. Forester. Alexander Kent, dessen richtiger Name Douglas Reeman lautet, war Mitglied der Royal Navy Sailing Association und Governor der Fregatte »Foudroyant« in Portsmouth, des ältesten noch schwimmenden Kriegsschiffs.
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I Neue Horizonte
Vom Vordeck hatte es achtmal geglast. Das untere Deck wurde aufgeklart, während das Schiff stetig – zielbewußt, hätten manche gesagt – auf die sich ständig weiter öffnenden Arme des Landes zuhielt, das sich zu beiden Seiten vor ihnen erstreckte. Dies waren die Augenblicke, mit denen sich jeder Seemann in Gedanken beschäftigt hatte: der Landfall. Dieser spezielle Landfall. In der Heimat.
Die Segel, von denen nur noch Bram- und Stagsegel standen, füllten sich kaum mit Wind. Aus der groben Leinwand sprühte so viel Nässe, als hätte es in der letzten Nacht geregnet. Im wäßrigen Sonnenlicht tauchte die hügelige Steilküste aus dem Schatten, der sie bisher verhüllt hatte. Landmarken wurden sichtbar, den älteren Matrosen wohlvertraut. Den jüngeren wurden ihre Namen von den Ausguckposten im Topp zugerufen, während das Land Gestalt und Farbe gewann: mancherorts dunkelgrün, anderswo noch winterlich braun. Denn man schrieb erst Anfang März 1817, und die kalte Luft schnitt messerscharf in die Lungen.
Acht Tage seit Gibraltar. Das war eine respektable Zeit für die Überquerung des Golfs von Biskaya bei dem Gegenwind, dem sie jede Meile hatten abtrotzen müssen, während sie Orte mit so altbekannten Namen wie Brest und Ushant passierten, die lange als Feindesland gegolten hatten. Es fiel immer noch schwer, zu glauben, daß der Krieg vorbei war. Zuviel hatte sich seither verändert, für jeden Mann an Bord dieser schnittigen, bedächtig segelnden Fregatte, Seiner Britannischen Majestät Schiff Unrivalled, mit 46 Kanonen und einer Besatzung von 250 Matrosen und Seesoldaten.
So viele waren es jedenfalls gewesen, als sie von Plymouth und ebendiesem Hafen aufgebrochen waren. Jetzt verspürten alle unterdrückte Erregung und Ungewißheit. Seit dem Auslaufen des Schiffs waren aus Jungen gestandene Männer geworden, auf die völlig andere Lebensumstände warteten. Die Älteren wie der Segelmeister Joshua Cristie oder der Stückmeister Stranace dachten wahrscheinlich an die vielen Schiffe, die ausgemustert worden waren, abgewrackt oder sogar verkauft an den früheren Feind.
Denn ein Schiff war alles, was sie hatten. Ein anderes Leben kannten sie nicht.
Der lange Wimpel im Topp hob sich plötzlich und versteifte sich in einer überraschenden Brise. Partridge, der beleibte Bootsmann, rief: »An die Brassen! Klar zum Manöver, Leute!« Doch selbst er, dessen Stimme die wütendsten Stürme und das Krachen der Breitseiten übertönt hatte, schien nicht gewillt, die gespannte Stille zu stören.
Nur die Schiffsgeräusche waren zu hören, das Knarren der Spieren und Blöcke, das gelegentliche Poltern des Ruderkopfes – ihre gewohnte Geräuschkulisse seit Jahren, seit Unrivalleds Kiel genau hier, in Plymouth, zum erstenmal Salzwasser geschmeckt hatte.
Doch niemand, der bis heute überlebt hatte, war sich so klar wie Kapitän Adam Bolitho der Herausforderung bewußt, die ihn erwartete.
Er stand an der Achterdecksreling und beobachtete, wie sich das Land vor ihm langsam zur endgültigen Umarmung öffnete. Einzelne Häuser und sogar eine Kirche nahmen Gestalt an, und ein Lugger näherte sich auf Konvergenzkurs; der Fischer kletterte ins Rigg, um der Fregatte zuzuwinken, während ihr Schatten über ihn hinweg glitt. Wie viele hundertmal hatte Adam schon hier gestanden? Wie oft war er an Deck auf und ab getigert oder bei dem einen oder anderen Zwischenfall aus seiner Koje gesprungen?
Wie zuletzt in der Biskaya, als ein Seemann über Bord gefallen war. Das war nicht ungewöhnlich: ein vertrautes Gesicht, ein Aufschrei in der Nacht – und dann Vergessen. Vielleicht hatte auch er schon an die Heimkehr gedacht. Oder an eine Abmusterung. Es brauchte nur eine Sekunde. Das Schiff übte keine Nachsicht, vergab keine noch so kurze Unachtsamkeit.
Sich straffend, tastete Adam unter dem Bootsmantel nach dem alten Säbel: auch eine dieser Gesten, die ihm nicht mehr bewußt waren. Dabei ließ er den Blick über sein Schiff gleiten: die ordentliche Batterie der Achtzehnpfünder, jede Mündung exakt in Linie mit der Gangway darüber ausgerichtet; die sauberen, aufgeklarten Decksflächen, jede unbenutzte Leine aufgeschossen auf ihrem Belegnagel, während die Buchten der Brassen und Schoten fürs Manöver bereits abgenommen wurden. Die Narben ihres letzten grausamen Gefechts vor Algiers, das schon eine Ewigkeit zurückzuliegen schien, waren sorgfältig beseitigt worden, überstrichen oder geteert, unsichtbar außer für das erfahrene Auge.
Ein Block quietschte, und ohne den Kopf zu wenden, wußte Adam, daß die Signalgasten die Erkennungsnummer der Unrivalled gesetzt hatten. Nicht daß viele Beobachter sie zur Identifizierung brauchen würden.
Erst jetzt fiel es ihm wieder ein: Ihr bisheriger Signalfähnrich war Roger Cousons gewesen, eifrig, engagiert und beliebt. Noch ein Gesicht, das er vermißte. Er fühlte den Nordwestwind wie eine kalte Hand über seine Wange streichen.
Eine Stimme meldete gedämpft: »Das Wachboot, Sir.« Gelassen und unaufgeregt wie eine beiläufige Bemerkung bei zufälliger Begegnung auf der Landstraße.
Adam Bolitho nahm von einem anderen Fähnrich ein Teleskop entgegen, während sein Blick über vertraute Gesichter glitt, die ihm vorkamen wie ein Teil seiner selbst: die Rudergänger, zu dritt für den Fall, daß ihnen Wind oder Tide in letzter Minute einen Streich spielten; der Master, eine Hand auf der Karte, aber das Land nicht aus den Augen lassend; ein Trupp Seesoldaten, makellos wie bei der Parade und jederzeit bereit, die Achterdeckswache an den Besanbrassen zu unterstützen; der erste Offizier und ein Bootsmannsgehilfe; zwei Trommelbuben, die mächtig gewachsen waren, seit sie Plymouth zum letztenmal gesehen hatten.
Er richtete das Glas aufs Wachboot aus, das in der Ferne mit eingezogenen Riemen reglos im Wasser lag. Seine Wangenmuskeln arbeiteten. Dabei taten die Leute doch nur das, was sein Onkel die Karte für uns markieren genannt hatte.
Es wurde Zeit.
Nicht zu früh und niemals zu spät. »Aufschießen und ankern, Mr. Galbraith«, befahl er.
Fast konnte er den Blick des Ersten Offiziers im Nakken spüren. Überraschung? Einverständnis? Doch der Moment ging vorbei, die Formalitäten gewannen wieder die Oberhand.
»An die Leebrassen! Klar zum Anluven!«
»An die Bramsegelschoten!«
Schräg nach hinten gestemmt, hievten die Matrosen an den Leinen. Ein Bootsmannsgehilfe schob zwei zusätzliche Mann in ihre Reihe, zur Unterstützung, während die Unrivalled auf den Ankerplatz glitt.
»Leeruder!«
Ein kurzes Zögern, dann begann das große Doppelrad zu wirbeln, während die drei Rudergänger sich wie ein einziger Mann bewegten.
Adam Bolitho beschattete seine Augen vor den durch die Takelage stechenden Sonnenstrahlen, als das Schiff, sein Schiff, mit schlagenden Segeln langsam in den Wind drehte.
Er sah seinen Bootsführer das dicht bevölkerte Deck mustern, bereit für den Befehl, die Gig auszusetzen, aber auch für das Unerwartete.
»Laß fallen!« Der große Anker löste sich von seinem Kranbalken und fiel aufspritzend ins Wasser, die schöne Galionsfigur mit einem Schwall Gischt tränkend.
Nach all den vielen Meilen, nach all den Tragödien und Triumphen, zu Glück oder Unglück, war die Unrivalled endlich heimgekehrt.
Leutnant Leigh Galbraith spähte ins Rigg, um sich zu vergewissern, daß in der Aufregung über ihre Rückkehr keine Schlampereien eingerissen waren.
Doch jedes Segel war sauber aufgetucht, der Wimpel im Masttopp stand steif im ablandigen Wind, und die neue Nationale wehte hoch über der Heckreling knatternd aus; ihre Farben leuchteten frisch vor dem ländlichen Hintergrund, denn noch vor Tagesanbruch hatte man sie anstelle der alten ausgeblichenen und zerfetzten Flagge gesetzt. Seesoldaten standen Wache, um unerlaubten Besuch zu verscheuchen, etwa Händler oder Huren, die alle ahnten, daß die Besatzung in den letzten Monaten kaum Gelegenheit gehabt hatte, ihren Sold auszugeben. Außerdem kursierten Gerüchte über Prisengeld und Prämien für die Befreiung von Sklaven.
Galbraith sah das Wachboot mit dem hochaufgerichteten Offizier im Heck näherkommen: seit Gibraltar ihr erster Kontakt mit der Autorität. Wahrscheinlich wurde die Unrivalled jetzt bald von Zimmerleuten und Riggern überschwemmt; einige von ihnen mochten schon vor zwei Jahren bei ihrem Bau geholfen haben.
Wieder schauderte es ihn, aber das lag nicht am beißenden Märzwind.
Er hatte die Reihen aufgelegter Schiffe bemerkt, groß oder klein, als sie über die Reede gekreuzt waren. Stolze Schiffe waren darunter, mit berühmten Namen. Manche hatten schon hier gelegen, als sie vor acht Monaten Richtung Mittelmeer und Algiers aufgebrochen waren.
Wer kam wohl als nächster dran?
Der Erste stellte sich dieser Frage so kühl, wie ein Vorgesetzter vielleicht die Chancen eines Untergebenen geprüft hätte. Seine Akte allerdings mußte makellos sein. Er hatte in Algerien und davor an jedem Gefecht teilgenommen. Kapitän Bolitho hatte ihn schriftlich dem Flaggoffizier hier in Plymouth als Kommandant empfohlen, schon vor ihrem Aufbruch. Doch angenommen, diese Empfehlung war verlorengegangen? Dann mochte er zum nächsten Einsatz wieder nur als Erster Offizier abkommandiert werden und danach schließlich ganz übergangen werden.
Verärgert verbot er sich diese Überlegungen. Er hatte ein Schiff, ein stattliches dazu, und das war mehr, als viele andere von sich sagen konnten.
Forsch trat er zur Eingangspforte und tippte...




