Kenyon | Diablo: Der Orden - Roman zum Game | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Reihe: Diablo

Kenyon Diablo: Der Orden - Roman zum Game


Neuauflage 2022
ISBN: 978-3-7367-9832-8
Verlag: Panini
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Reihe: Diablo

ISBN: 978-3-7367-9832-8
Verlag: Panini
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Auf der Suche nach den verlorenen Mitgliedern der Horadrim, sieht sich Deckard zu einer Allianz mit einer ungewöhnlichen Verbu?ndeten gezwungen: Leah, ein 8-jähriges Mädchen, von dem viele glauben, sie stehe unter dämonischem Einfluss. Was verbirgt sie? In welchem Zusammenhang steht sie mit dem prophezeiten Ende aller Tage? Und falls es wirklich weitere Horadrim gibt, werden sie dazu in der Lage sein, die drohende Vernichtung abzuwenden? Dies sind die Fragen, die Deckard Cain beantworten muss... bevor es zu spät ist.

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Prolog

Erinnerung – Tristram, 1213

Obwohl die Flammen des Feuers so heiß waren, dass sich der weiche Flaum auf seinen Wangen kräuselte, schob der Junge die Hände in seine wollene Tunika, als wollte er sie wärmen. Er hatte schmächtige Schultern, und trotz der Jugend war sein Gesicht schmal und ausgezehrt, sodass er viel älter als elf Jahre wirkte. Um den Hals trug er einen Beutel aus Rehleder, und in einer seiner Taschen steckte ein schweres Buch, das gegen seinen Körper drückte und rote Flecken in seine Haut zwickte. Doch es kümmerte ihn kaum, ebensowenig wie das, was die anderen über ihn sagen mochten. Er hatte keine echten Freunde, war von Natur aus ein Einzelgänger, der sich nur bei seinen Schriften zu Hause fühlte, und genauso – fand er – sollte es auch sein.

Der Schein des Feuers zuckte und tanzte über die anderen Kinder, die hier saßen, ihre Gesichter machten einen verzückten und glühenden Eindruck, in spiritueller Ekstase nach oben gerichtet, als wäre die Gestalt, die vor ihnen stand und ihnen Geschichten erzählte, der Erzengel Auriel selbst, herabgestiegen, um zwischen ihnen zu wandeln.

Nein. Das stimmte nicht. Unmerklich schüttelte der Junge den Kopf, von Abscheu erfüllt. Vor ein paar Jahren hätte er einen solchen Vergleich vielleicht noch angestellt, jetzt aber nicht mehr. Die Gestalt, die mit einer derartigen Zuversicht zu ihnen sprach, war nur seine Mutter, eine Sterbliche, die trotz ihrer Blutlinie kein tieferes Wissen besaß als sonst irgendjemand. Und falls die Erzengel tatsächlich existierten, würden sie ihre Zeit ganz sicher nicht damit vergeuden, einen so gottverlassenen Ort wie diesen hier zu besuchen.

Ein Holzscheit knackte und sandte einen solchen Schauer greller Funken in die Nacht hinauf, dass die anderen Kinder zusammenzuckten. Rauch waberte und trieb um ihre Köpfe herum. Mit sich trug er einen beißenden, bitteren Geruch, der den Gestank des Stalls unter ihnen noch überdeckte. Sie hatte die Kinder ganz in ihren Bann geschlagen, so wie immer. Die Alten im Dorf mochten die Augen verdrehen, wenn sie vorbeiging, und der Gastwirt und die Stadtwache konnten hinter ihrem Rücken darüber flüstern, dass sie nicht ganz richtig im Kopf sei, doch die Kinder kamen jedes Mal wieder, um ihr zu lauschen. Und sie glaubten an das, was sie hörten.

Bis sie älter wurden, dachte Deckard Cain, bis ihre Augen die Wahrheit erkannten.

„Das letzte der Großen Übel und der jüngste der Brüder, Diablo, der Herr des Schreckens, war der Stärkste von allen, und schrecklich anzuschauen. Es heißt, dass diejenigen, die ihn Auge in Auge ansahen, vor Furcht wahnsinnig wurden. Doch die Horadrim ließen in ihrem Streben niemals nach. Sobald Tal Rasha mit dem Herrn der Zerstörung für alle Ewigkeit unter der Wüste von Aranoch eingesperrt war, führte Jered Cain die verbliebenen Magier durch Khanduras, wo sie wieder und wieder gegen Diablos Horden kämpften.“ Aderes sah die Kinder der Reihe nach an und hielt ihre Blicke mit ihrem eigenen gefangen. Als sich ihre glänzenden Augen dann schließlich auf Cain richteten, wandte er den Kopf ab, als suchte er außerhalb des Feuerscheins nach etwas.

Die Stimme seiner Mutter stockte kurz, vielleicht holte sie aber auch nur Atem. „Mit ihrer mächtigen Magie fügten die Horadrim der Armee des Dämons großen Schaden zu. Doch aus den Brennenden Höllen beschwor Diablo weitere Tausend seiner schrecklichen Diener herbei, damit sie für ihn kämpften. Und schließlich entschied Jered, es auf einen letzten Kampf ankommen zu lassen. Der Erzengel Tyrael hatte die Horadrim aus einem einzigen Grund geformt: um die Großen Übel zu bekämpfen und sie aus unseren schönen Landen zu verbannen. So würde er nicht zulassen, dass sie an diesem Ziel scheiterten.“

Aderes Cains Haut hatte einen wachsartigen Schein, und die kohlschwarzen Locken klebten nass an ihrer Stirn. In ihren leer starrenden Augen lag der Blick der Verdammten. Deckard hatte diese Geschichte schon viele Male gehört, und jedes Mal, wenn sie sie erzählte, wurde sie noch pompöser und großartiger. Längst kannte er all die Wendungen und Überraschungen. Jetzt gleich würde sie die Kinder schockieren, indem sie ihnen offenbarte, dass die heldenhaften Magier ihre letzte Schlacht hier, in diesen Landen geschlagen hatten, und dass der Boden unter ihren Füßen dereinst schwarz gewesen war – vom Blut der Dämonen. Ihre Stimme würde noch lauter werden, während Jered und seine Brüder von den Horadrim Welle um Welle der monströsen Kreaturen zurückschlugen, bis sie Diablo schließlich in den Seelenstein einsperrten und ihn tief unter der Erde vergruben, wo er heute noch lag.

Früher hatte ihn die Legende fasziniert, doch heute war er kein kleines Kind mehr, und seine Mutter und ihr zunehmender Wahnsinn erfüllten ihn inzwischen mit Unbehagen. Jetzt gab es Wichtigeres, womit er sich beschäftigen wollte, und er konnte es nicht ertragen, ihr noch weiter zuzuhören. Als sie sich kurz abwandte, um die anderen anzublicken, schob er sich nach hinten aus dem Kreis heraus und verschwand in der kühlen Nacht.

Abseits des Feuers war die Luft feucht und viel kühler. Barfuß schritt Deckard durch das glitschige Gras und zog die Tunika dabei enger um seinen dürren Körper. Er konnte seinen Atem in der Luft sehen, der wie eine Kreatur aus einer anderen Welt emporzusteigen schien. Irgendwo weiter unten, in der Nähe des Stalls, fluchte ein Mann, als ein Schaf auf der Schlachtbank schrie, und der Wind trug den süß-sauren Geruch von Blut herbei. Rings um die Bäume am Rande des Waldes wogte der Nebel, und ein Schauder rann wie die Berührung von Geisterfingern über Deckards Nacken. Er fröstelte und hielt auf sein Zuhause zu, das sich keine fünfzig Schritte entfernt befand.

Im Innern brannten nahe dem schmalen Eingang zwei Laternen. Doch keine davon hob er auf, sondern hüllte sich weiter in Dunkelheit, während er geräuschlos zu seinem Zimmer stapfte. Den Weg kannte er auswendig. Auch im Haus war es kalt, kälter, als er eigentlich erwartet hätte. Seine Finger berührten den Einband des Buches in seinem Beutel und streichelten es, holten es aber nicht hervor. Noch nicht. Er zog den Augenblick genüsslich in die Länge, wie ein Trunkenbold, der sich den Geschmack des Weines eine Sekunde länger vorenthält, bevor er das Glas schließlich an die Lippen hebt. Es war ein Buch über die Geschichte der Westmark und der Söhne von Rakkis, eine Gelehrtenschrift, so ganz anders als jene Texte, die seine Mutter gerne las: Das waren die Geschichten von noblen Helden und unmöglichen Welten – über und unter dieser Welt –, deren Bewohner stets knapp außer Sicht der Menschen umhertänzelten. Das war der Stoff, aus dem Folklore gemacht war.

Er wollte eine Weile allein sein. Doch nur Sekunden später hörte er, wie sich die Tür erneut öffnete, als seine Mutter eintrat und ihre schweren Holzschuhe bei der Feuerstelle auf den Boden fallen ließ. Bald würde sie ein Feuer machen und einen Kessel für den Tee aufsetzen, und dann würde er ihr tonloses Summen hören, wenn sie in ihrem Schaukelstuhl saß und strickte oder las. Doch er irrte sich: Sie kam geradewegs auf sein Zimmer zu, und er hatte eben noch Zeit, das Buch unter seinem Bett zu verstauen und sich hinzusetzen, bevor sie an der Tür klopfte und hereintrat.

„Deckard?“ Sie hob eine Laterne, um die Dunkelheit zu vertreiben, und blickte aus zusammengekniffenen Augen zu ihm hinüber. „Du hast den Kreis verlassen, bevor ich fertig war.“ So wie ihr das Haar in dem warmen, gelben Schein in schweren Locken über die Schultern fiel, sah sie aus, als löste sie sich auf. An ihrer rechten Schläfe war der Ansatz einer grauen Strähne zu erkennen. Das war Cain zuvor noch gar nicht aufgefallen.

„Ich habe die Geschichten doch schon viele Male gehört. Ich war jetzt müde und wollte mich ausruhen.“

„Das sind nicht einfach nur Geschichten, Deckard. Jered ist dein Blut, und du – du bist der Letzte in einer stolzen Reihe von Helden.“

„Die Horadrim.“

„Genau. Unmittelbare Nachkommen der großen Magier, deren Aufgabe es ist, Sanktuario vor den Dämonen zu beschützen, die auf dieser Welt umherstreifen. Das weißt du doch.“

Cain zuckte die Achseln. Er sah ihr nur ungern so direkt in die Augen, da er nicht wusste, was ihn dort erwartete. Einen Moment lang saß er schweigend da, dann sagte er: „Warum durfte ich Vaters Namen nicht annehmen?“

Er hatte selbst keine Ahnung, warum er das jetzt sagte. Sein Vater war vor ein paar Wochen an einer zehrenden Krankheit gestorben, nachdem er den Großteil seines Lebens in der Gerberei gearbeitet hatte, zuerst hatte er den Boden gefegt, dann war er zum Lehrling geworden, und die letzten beiden Jahre hatte er schließlich als Leiter des Geschäfts gewirkt. Er war schweigsam gewesen, außerdem hatte er nur selten irgendwelche Gefühle gezeigt. Deckard hatte kaum Ähnlichkeit mit ihm. Andererseits – vielleicht doch.

Seine Mutter stellte die Laterne auf dem Tisch neben dem Bett ab und setzte sich zu ihm, dann streckte sie den Arm aus, um ihn an der Schulter zu berühren. Doch er drehte sich von ihr fort, zwar nur um eine Winzigkeit, aber weit genug, dass sie ihre Hand zurückzog, als hätte sie sich verbrannt. „Du bist verletzt, und du bist wütend“, sagte sie. „Ich verstehe das. Aber das bringt ihn auch nicht zurück.“

Er starrte seine Finger an, die er im Schoß verschränkt hatte, und spürte das Stroh unter der Decke, die an manchen Stellen grau und fadenscheinig geworden war, weil man sie so oft gewaschen hatte. Seitdem er der Krippe entwachsen war, war dies sein Bett gewesen, in diesem Zimmer, in diesem...



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