Kerckhoven / Chirlek | Fernand, der Seeräuber | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 81 Seiten

Kerckhoven / Chirlek Fernand, der Seeräuber


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7431-8960-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 81 Seiten

ISBN: 978-3-7431-8960-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Neuausgabe des Buches aus dem Jahr 1846. Aus dem Ínhalt: Der Kapitän war ein junger Mann von ungefähr dreißig Jahren und von mittlerer Größe. Sein Körper, obwohl eisenstark, war schlank und feingebaut; seine Hände zeugten nicht von täglicher Arbeit; doch eine Narbe, die quer über die fünf Finger der rechten Hand lief, ließ vermuten, dass er dem blutigen Kriegshandwerk nicht fremd war. Seine Schultern waren breit und stämmig, seine Brust stark gewölbt. Sein Kopf war schön, so schön ihn nur ein Maler zum Nachbilden hätte wünschen mögen. Eine gut geformte Stirne, über welche die kurzen schwarzen Haare ordnungslos herabhingen, deutete auf reiche Geisteskräfte des jungen Mannes, und die brennend schwarzen Augen, die in seinen Augenhöhlen glühten, zeigten, dass heftige Leidenschaften seine Seele durchwühlen mussten. Seine feingeschnittene und etwas gebogene Nase, seine eher dicken als eingekniffenen Lippen, waren zwei Gegenstände, die zu gleicher Zeit vermuten ließen, dass es dem jungen Manne von Natur weder an Tapferkeit noch an Verwegenheit fehlte. Das Merkwürdigste von allem war eine gewisse träumerische Schwermut, die über sein ganzes Gesicht verbreitet lag. Seine Kleider waren für die warme Jahreszeit eingerichtet. Ein Strohhut bedeckte ihm den Kopf, eine rote Schärpe umschloss seine Hüften und diente dazu, seine weiten, weißen Beinkleider festzuhalten. Eine seidene Binde war lose um seinen gebräunten Hals geschlungen und stach kräftig gegen sein feines Linnenhemd ab. Eine blaue Jacke, mit goldenen Knöpfchen besetzt, umfing seinen Leib. Ein silbernes Pfeifchen hing ihm an einer seidenen Schnur auf die Brust herab, und in seiner Schärpe sah man einen einfachen Dolch stecken. Dieser junge Mann nannte sich Fernand van Imschote.

Pieter Frans van Kerckhoven (geboren 10. November 1818 in Antwerpen / gestorben 1. August 1857 in Antwerpen) war ein flämischer Schriftsteller.
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I. Die schwarze Schwalbe.


„Ihr mögt sagen, was Ihr wollt, Herr Claessens; ich bleibe auf meiner Behauptung, dass die Goelette *) nicht ist, was sie zu sein scheint.“ 

*) Die Goelette oder Goeljette wird, obgleich ein kleines Schiff, für langen Cours gebraucht und oft für den Seeraub ausgerüstet. Sie hat zwei Masten, die nach dem Spiegel des Schiffes überhängen. Die Größe der Goelette ist zwischen 40 und 100 Tonnen. Ihr Bugspriet hat eine fast horizontale Richtung. 

„Bah! Vater Theunissen, alle Tage sehen wir solche aus der neuen Reede kommen: ich weiß wahrhaftig nicht, weshalb Ihr etwas Besonderes an ihr findet?“

„Aber, mein lieber Junge, besehet doch die Sache einmal genau. Ihr versteht Euch doch wohl auch etwas auf Schiffe, will ich hoffen; Euer Vater selig, Gott sei seiner Seele gnädig, er war ein braver Mann und mein bester Freund; Euer Vater selig, sag’ ich, hat lange genug die See befahren, um sich auf die Schiffe zu verstehen und wird Euch ohne Zweifel mehr als einmal den Unterschied zwischen dem einen und dem andern Schiffe gezeigt haben.“

„Ja wohl, Vater Theunissen; aber mit all dem...“

„Nun, seht einmal. Ich will Euch von dem Bau des Fahrzeuges gar nicht sprechen: Ihr seht ja schon, hinlänglich an seinem Gemäche, dass es ein feiner Segler sein muss. Seht Ihr das lange Bugspriet, die schlanken und doch festen Masten, die ein wenig nach dem Hintersteven überhängen?“

„Ja doch, aber was wollt Ihr?...“

„Nun, das will noch nichts heißen; es ist nur, um davon zu reden. Aber seht Ihr denn auch, wie viele Mannschaft die kleine Goelette an Bord hat? Seht Ihr die überflüssigen Waffen und was die Matrosen für ein Aussehen haben? Ha, ha! Vater Theunissen ist nicht so alt geworden, um noch nicht zu wissen, wo das kleine Tau befestigt ist...“

„Aber, Ihr wisst doch, dass seit dem, unter uns gesagt, wunderlichen Kriege, den Kaiser Bonaparte zur See mit den Engländern führt, die Schiffe für ihre Sicherheit sorgen und sich in den Stand setzen müssen, ihre Ladung verteidigen zu können.“

„Ha! Da hab’ ich Euch, da habt Ihr Euch schön geirrt, mein leichtgläubiger Junge! Welche Ladung hat die Goelette zu verteidigen, wenn’s beliebt? Sie hat keine Ladung, Freundchen, und dies ist es eben, was mich in meiner Vermutung bestärkt. Es ist ein Kaper, ein Seeräuber, sag’ ich Euch, nichts mehr und nichts weniger als ein Seeräuber!...“

Dieses kleine Gespräch fand auf dem Schelde-Ufer bei Antwerpen, in den letzten Jahren des französischen Kaiserreiches statt, während man eine Goelette auf den Strom zog. Das Fahrzeug besaß wirklich etwas Außergewöhnliches, wie der alte Vater Theunissen bemerkt hatte. Von schlankem Baue und mit hohen Masten versehen, konnte man leicht erkennen, dass es ein flinker Segler sein musste. Zehn Stück leichte Kanonen befanden sich auf dem Decke und konnten mit einigermaßen gegründetem Rechte für ein gewöhnliches Kauffahrteischiff als überflüssig betrachtet werden. Ferners entdeckte man hinter dem Steuer noch eine Schanze, aus welcher man den Feind bekämpfen konnte. Doch, bekennen wir es nur, Vater Theunissen hatte nicht schlecht geraten, und die Goelette war wirklich ein Schiff, das für den Seeraub ausgerüstet und gleich so vielen andern, welche aus den französischen und belgischen Häfen ausliefen, um in der See zu kreuzen, dazu bestimmt war, die englischen Kauffahrtei- und Transportschiffe anzugreifen. Das stolze Albion unterließ es seinerseits ebenfalls nicht, auf dieselbe Weise zu handeln, und täglich sahen Britannien und Frankreich überwundene und ausgeplünderte Fahrzeuge in ihre Häfen bringen.

Während Vater Theunissen mit seinem jungen Freunde, der sich bei diesen letzten Worten nun auch überzeugt hatte, dass die Goelette ein Raubschiff war, das Gespräch noch fortsetzte, war das Fahrzeug aus der breiten Mündung der Reede ausgelaufen und steuerte langsam nach der Mitte des Flusses, dem flämischen Damme gegenüber, wo es bald seinen Anker fallen ließ.

Noch keine Viertelstunde lag „die schwarze Schwalbe“, dies war nämlich der Name dieser Goelette, ruhig auf den ebenen Scheldefluten, als drei Mann sich in das Boot hinabließen und nach dem Damme fuhren. Sie machten mehr als eine Fahrt vom Schiffe nach dem Damme, und vom Damme nach dem Schiffe, ehe es vollkommen Abend geworden war, und jedes Mal brachten sie Lebensmittel und Kistchen und Päckchen an Nord, welche sogleich an den ihnen bestimmten Platz gestellt wurden. Als vollkommene Nacht herabgesunken war, machte das Boot noch einige Fahrten und brachte immer neue Mannschaft mit. Als diese vollzählig war, und niemand mehr erwartet wurde, sprach der Kapitän, indem er auf dem Deck hin und her ging:

„Die Mannschaft hinab! Sechs Mann vom Backbord *) für die Wacht!“ 

*) Backbord ist die linke Seite des Schiffes, von hinten nach vorne gesehen; Steuerbord die entgegengesetzte Seite. 

Kaum waren diese Worte ausgesprochen, als von den vierzig Mann, aus denen die Bemannung bestand, nicht mehr als sechs sichtbar wurden. Die andern gingen hinab, um ihre Kojen aufzusuchen, und so gut als möglich auszuruhen. Einige, die noch vom Abschiednehmen wirr und trübe im Kopfe waren, legten sich am ersten besten Platz nieder, und gaben sich gar nicht die Mühe, nach ihren Hängematten zu gehen. Auch der Kapitän begab sich für einige Stunden zur Ruhe.

Kaum zeigte sich im Osten der erste Schimmer der Sonne, als der Kapitän schon auf dem Verdeck war, und mit einer Donnerstimme rief:

„Steuerbordswacht, herauf!“

In weniger als drei Minuten standen zwanzig Mann auf dem Deck, den Befehl des Kapitäns erwartend.

„Löst die Segel!“, rief dieser, und in einem Augenblick war alles in Bewegung. Wie Katzen kletterten die Matrosen zwischen dem Tauwerke hinauf.

„Brasst *) die Raaen **)!“ Klang es nun, und immer wurden die Befehle mit wunderbarer Schnelligkeit ausgeführt. 

*) Brassen: anziehen.

**) Die Raaen, lange und runde hölzerne Stangen, an welchen man die Segel befestigt. Sie sind in horizontaler Lage angebracht und bilden Kreuze mit den Masten. 

„Anker auf!“

Und man begann, den Anker heraufzuwinden, während einer der Matrosen langsam ein trauriges Liedchen sang, dessen Töne sich mit dem Knarren des Braadsspils *) vermischten.  

*) Eine Winde, mit welcher man den Anker lichtet und aufwindet. 

Nun sah man bald die Goelette in Bewegung kommen, man hörte die leichten Wellen der Schelde um den Bug plätschern und mehr als ein Matrose wandte seine Blicke nach dem Damme zurück, als wollte er der Stadt Antwerpen das letzte Lebewohl sagen. Man fuhr mit einer leichten Kühlung stromabwärts, und inzwischen wurde die Zeit damit hingebracht, sich seeklar zu machen.

„Sag’ einmal, Lukas, wie findest du den Kapitän?“, fragte einer der Matrosen seinen Gefährten, während beide damit beschäftigt waren, die Leesegel zu schoren.

„Er scheint mir ein Teufelskerl zu sein, Jan. Bei meiner ewigen Seele, ich glaube, er läuft nicht aus, um die Segel mit der Nase in den Wind zu hängen *), und setzt lieber in Top **), als dass er etwas Anderes tut.“ 

*) Um das Schiff träge dahinsegeln zu lassen.

**) Die Segel so hoch als möglich hinaufziehen. 

„Ja, er sieht mir auch wie ein höllischer Pranger *) aus“, sagte Jan. 

*) Prangen: gegen den Wind lavieren. – Die Segel straff anspannen. 

„Er ist noch jung.“

„Ja, aber ein alter Seewolf, Freund Lukas. Der Teufel bewahre unsere Rücken, Junge; ich glaube, wir dürfen gar nicht viel tun, um mit dem starken Dagh *) Bekanntschaft zu machen.“ 

*) Dagh, ein kurzees, dickes Tau, womit man die Matrosen züchtigt. 

„Pah, pah“, sagte Lukas, „er wird so schlimm nicht sein, wie wir wohl glauben; ich habe schon anderen Kerls in die Augen sehen müssen.“

„Und der Steuermann?“, fragte Jan.

„Der Steuermann scheint wohl kein übler Bursche zu sein; aber seine kleinen grauen Augen stehen mir nicht an. Findest du nicht auch, dass er so seltsam unter seinem Hute hervorblinzeln kann? Es ist wahr, dass er ein lachendes Gesicht hat. Nun, es wird schon gehen. Es lebe die Freude, Junge, in wenigen Tagen sind wir vielleicht schon mit Kartaunen und Säbeln im Zuge, und beschäftigt, unsere Börsen zu spicken.“

Hier wurden die beiden Matrosen durch das Wort „Überall!“ *), das wie ein Donner erschallte, in ihrem Gespräch unterbrochen.  

*) Auf diesen Ruf muss die ganze Mannschaft heraufkommen. 

In einem Augenblicke stand die ganze Mannschaft bereit und vollbrachte die Befehle des Kapitäns. Dieser schritt, die Hände auf dem Rücken, auf dem Verdecke hin und her, und seine Augen, aus denen zwei Feuerströme sich ergossen, wendeten sich mit unglaublicher Schnelligkeit von einem Punkte zum andern, in Folge der Befehle, die er austeilte.

Der Kapitän war ein junger Mann von ungefähr dreißig Jahren und von mittlerer Größe. Sein Körper, obwohl eisenstark, war schlank und feingebaut; seine Hände zeugten nicht von täglicher Arbeit; doch eine Narbe, die quer über die fünf Finger der rechten Hand lief, ließ vermuten, dass er dem blutigen Kriegshandwerk nicht fremd war. Seine Schultern waren breit und stämmig, seine Brust stark gewölbt. Sein Kopf war schön, so schön ihn nur ein Maler zum Nachbilden hätte wünschen mögen. Eine gut geformte Stirne, über welche die kurzen schwarzen Haare ordnungslos herabhingen, deutete auf reiche Geisteskräfte des jungen Mannes, und die brennend schwarzen...



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