Kerkhoff | Die von der Liebe träumen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 141 Seiten

Kerkhoff Die von der Liebe träumen


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-96008-775-5
Verlag: Engelsdorfer Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 141 Seiten

ISBN: 978-3-96008-775-5
Verlag: Engelsdorfer Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Mit »Die von der Liebe träumen« liegt ein weiteres Buch von Winfried Kerkhoff aus dem märchenhaft-phantastischen Bereich vor, schon seit Jahren angekündigt. Die Geschichten sind teils in Prosa, teils in Versform dargeboten, einige von ihnen wurden in der Idee schon vor vielen Jahren (2004) erfunden, andere dieses Jahr erst für dieses Buch entwickelt: Der Autor stellt darin 13 neue Geschichten vor, in denen von der Liebe geträumt und in der Liebe gelebt wird. Die Geschichten erzählen: Liebe kann wunderbar und vergnüglich sein, sie kann Geborgenheit, Sicherheit und Kraft geben, sie ist verletzlich, ein Wagnis. Wer Liebe als stetig leben und erleben will, muss sie immer wieder neu erfinden. Stillstand ist der Tod der Liebe. Sie fordert Einsatz und Anstrengung. Sie ist hilfreich und ist auf Hilfe angewiesen, vor allem auf Gegenseitigkeit. - Winfried Kerkhoff war in Berlin an der Freien Universität und an der Humboldt Universität als Professor tätig und ist u. a. Mitherausgeber der Enzyklopädie der Sonder- und Heilpädagogik. Nach seiner universitären Zeit verfasste er Bücher im belletristischen Bereich. Als erstes Buch erschien »Golden sind meine Märchen«, danach: »Na dann, Herr Prof. K.«, »Unsere schwarzweiße Kuh.« Zuletzt »Sechzehn geschenkte Jahre«, eine Hommage an seine verstorbene behinderte Frau.

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1

Wer kennt nicht das Bild mit einem großen Vogel, in dessen Schnabel eine Windel hängt, darin ein Kind?

Vor unendlich langer Zeit lebte ein König, dessen Staatswappen ein solch großer weißer Vogel mit langen Beinen und einem spitzen Schnabel zierte. In dem Schnabel hing auch ein solches Tuch, in dem ein kleines Kind lag.

Eigentlich waren sich, seit man sich erinnern konnte, alle Leute unter diesem König einig gewesen, wen denn dieser große Vogel darstellen sollte. Es war der Storch, der ein Kind brachte.

Nun war aber ein Streit entstanden. Eine große Zahl der Bürger stand der alten Meinung, dass der Wappen-Vogel ein Klapperstorch sei, kritisch gegenüber. Ein Storch habe rote Beine und nicht dunkle wie beim Wappen. Ein Storch habe einen langen rötlichen Schnabel und nicht einen dunklen und kurzen, er trage kein Federhäubchen. Überdies müsse man das alles neu deuten, denn jeder wisse, dass der »Klapperstorch« keine Kinder bringe und auch niemals gebracht habe.

Als der König Fachleute in einer Sitzung fragte, um welchen Vogel es sich denn handle, meinten sie, es müsse ein Kranich sein. Sie wiesen darauf hin, man könne sich eigentlich nicht wundern, dieses Tier hier in diesem Lande als Wappentier vorzufinden; denn Kraniche aller Arten lebten schon seit frühen Zeiten überall in dem Königreich, sogar zahlreich beim Schloss. Außerdem weise der Wappen-Vogel eindeutig Eigenschaften eines Kranichs auf: nicht zu langer dunkler Schnabel, dunkle lange Beine und ein Federhäubchen wie bei einem Königskranich. Und die weiße Färbung der Federn sei kein Argument dagegen; denn weiße Kraniche habe es immer wieder gegeben.

Der König meldete Bedenken an: »Ich kann mir gar nicht denken, dass ein Kranich in das Wappen des Königreiches passt, wenn ich an eine Begebenheit denke, die vor vielen, vielen Jahrhunderten am Königshof passierte. Ich will sie euch erzählen.«

2

Der König begann: »Der damalige König wollte im Schlosshof eine Attraktion für die Besucher haben. Er beauftragte einen Jäger, ein paar Kraniche für ein Vogelgehege zu fangen, das er gerade bauen wollte. Der Jäger lieferte die Vögel. Sie gewöhnten sich schwer an die Gefangenschaft im Käfig. Sie flatterten immer wieder wild mit den Flügeln, so dass vieles vom Luftzug wegflog. Es war nicht ein Vogel allein, der dieses Verhalten zeigte, nein, meist schlugen alle Vögel immer wieder plötzlich und gemeinsam im Takt mit den Schwingen. Es war wohl Protest gegen die Gefangenschaft, vielleicht auch ein Symptom des Unwohlseins. Das Fressen wurde vom Windzug gegen die Käfigwände und Zäune geschleudert und beschmutzte die Kleidungsstücke der Besucher, wenn mal welche kamen; Hüte sausten durch die Luft, manchmal flogen auch einzelne Kleidungsteile davon. Manchmal ärgerten die Besucher sogar die unruhigen Tiere. Der König duldete dass, hatte sogar seinen Spaß daran.

Eine Publikumsattraktion, wie der König erhofft hatte, wurden die Ställe der Kraniche nicht. Als dann zum Herbst, wenn die Vögel gewohnt waren, in warme Länder zu fliegen, die Kraniche laut lärmten und sogar gegen die Gitter flogen, ließ der König die Käfige zunageln, dass kaum noch Licht eindringen konnte. Die Kraniche, die schon von nah und weit auf dem Wege zum Süden waren und in der Nähe des Schlosses Pause machten, besuchten stets ihre gefangenen Verwandten. Sie umlagerten sie richtig.

Eines Morgens berichtete ein Diener dem König, dass es bei den Stallungen auffallend ruhig sei, störender Lärm von dort sei schon seit Stunden im Schloss nicht zu hören. Kein wilder Kranich außerhalb der Käfige sei zu sehen.

Der König ahnte etwas Schlimmes. Er eilte zu den Käfigen. Was er sah, erfüllte ihn mit Schrecken und mit Zorn. Die Bedachung der Käfige war zerfetzt, die Wände waren auseinandergerissen und demoliert. Alle Vögel waren entkommen.

Was der König aber dann erlebte, lehrte ihn das Grausen. Auf einmal war die Luft mit dem Sausen der Schwingen und dem Trompetenrufen der Kraniche erfüllt. Sie stürzten sich von oben auf ihn, schlugen ihn mit ihren Flügeln und hieben mit ihren Schnäbeln auf ihn ein. Das jüngste Gericht konnte nicht ärger sein.

Des Königs Kleider hingen bald in Fetzen von seinem Körper, Haare wurden ihm vom Kopf gerissen. Dann trieben die Kraniche ihn vor sich her, hieben ihre Schnäbel in seine Haut, dass sie blutete. Nackt, verletzt und stolpernd floh er vor den Hieben der Schnäbel und den peitschenden Flügeln in das Dickicht des Waldes. Den König hat man nie wieder gesehen.«

3

Die Experten zeigten sich nach der Geschichte erstaunt: »Typisch für einen Kranich ist das geschilderte Verhalten nicht. Den Kranichen werden im Allgemeinen Eigenschaften wie Weisheit und Erhabenheit zugeschrieben, sie werden Glücks- und Himmelsvögel genannt.«

Doch ein Vogelkundler widersprach: »Wenn Tiere gereizt oder gestresst werden, kommen sie in einen Ausnahmezustand und können so aggressiv werden, wie wir gehört haben. Umgekehrt hört man aber auch von einmaligen Hilfeleistungen, die diese Tiere vollbringen. Ich habe eine solche märchenhafte Begebenheit in den handschriftlichen Annalen des Königreiches gefunden. Dabei geht es witzigerweise um das Wappentier, das wir hier ja jetzt wohl als Kranich identifiziert haben.

Anfangs, vor vielen Jahren, als der König sich ein Wappen für das Königreich zulegte, zierte es ein Kranich ohne Kind. Wie der Wappen-Kranich zum Säugling kam, will ich jetzt erzählen.

In einem Teil des königlichen Schlosses war ein Brand ausgebrochen. An der Tür war Panik: Männer wollten helfen und löschen und drängten ins Gebäude, Frauen und Kinder kamen entgegen und stürzten heraus. Im zweiten Stock platzten die ersten Scheiben. Mehrere Fenster wurden geöffnet, Menschen schauten hilflos heraus und starrten nach unten, andere gestikulierten wortlos mit den Händen. Eine Frau lehnte sich weit hinaus und schrie: ›Wir kommen nicht raus! Überall sind Flammen!‹

Einige Feuerwehrmänner wollten helfen, sie hatten aber keine Rutsche.

Plötzlich fiel ein Schwarm Kraniche ein. Andere Kraniche tauchten förmlich aus dem Nichts auf. Sie hoben die Flügel und drängten sich dicht aneinander und übereinander. Sie sprangen aufeinander. Bauten sie einen Turm? Nein, eine Rutsche bis zum Fenster. Dick, dicht und gut gefedert.

Ein Mann wagte aus dem brennenden Haus die Fahrt in die Tiefe, dann der nächste, Frauen folgten. Alle wurden unten am Rutschen-Ende von hilfreichen Händen aufgefangen.

Zuletzt stand eine Frau oben mit einem Bündel. Darin lag ein kleines Kind. Man winkte ihr zu, es fallen zu lassen – auf den Federberg. Sie zögerte, dann ließ sie es los.

Da stieß ein Kranich aus der Luft herab, fing das Bündel am Tragetuch im Fluge mit dem Schnabel auf und landete in einem eleganten Bogen auf der Erde. Vor Schreck verlor die Mutter das Gleichgewicht an der Fensterbrüstung, kullerte über die Federpolsterung der Kraniche und landete in den Armen der Menschen. Der Kranich, der das Kind geschnappt hatte, flatterte heran und drückte der verdutzten Mutter das Bündel mit dem Kind in die Arme.«

Der Erzähler machte eine Pause. Dann schaute er lächelnd in die überraschte Runde. »Ja«, sagte er, »ein neues Königswappen wurde damals im Königreich beschlossen. Das Wappen des Kranichs mit dem Kind im Tragetuch, das wir heute noch haben!«

Die Ratsrunde klatschte.

Der König nickte eifrig: »Ich kann und will nichts mehr dagegen einwenden, dass der Vogel auf dem Wappen ein Kranich ist.«

»Seit dieser Zeit«, so der Erzähler von eben, »tauchten in den königlichen Jahresbüchern immer wieder Berichte vom Zusammenleben von Menschen und Kranichen auf.«

»Für heute«, entschied der König, »haben wir von unserm Königswappen genug Neues gehört. Ich bin gespannt auf die nächste Sitzung.«

4

Schon bald setzte der König eine nächste Sitzung an. Als Fachmann war jemand eingeladen, der auch in den früheren königlichen Jahresnotizen gestöbert hatte und etwas Interessantes über ein altes Denkmal berichten wollte.

Der König hatte dieses Mal nicht nur den Rat eingeladen, sondern alle, die neugierig waren, Neues aus früheren Zeiten des Königreiches zu erfahren.

Der Experte begann mit seiner Geschichte: »In unserem Königreich lebten vor vielen Jahren zwei Königssöhne. Sie waren große Naturfreunde und beobachteten immer wieder die Kraniche, die ja hier lebten und im Moor und am See rund um das Schloss nisteten.

Eines Tages fanden die beiden Königsbrüder einen jungen Kranich, der schwer verletzt war. Sie konnten ihn fangen und brachten ihn ins Schloss, denn ihr Vater, der König, war wirklich ein Kranichexperte.

›Oh je‹, sagte der Vater, ›der sieht aber mitgenommen aus.‹

›Wir wollen ihn gesund pflegen‹, meinte der jüngere Bruder.

›Da habt ihr aber viel Arbeit.‹ Der Vater zeigte, dass er für einen Flügel eine Schiene benötigte. ›Der muss schon eine vielseitige Ernährung haben und ob er das Fliegen wieder lernen kann, ist ungewiss.‹

›Dann lassen wir ihn besser sterben‹, meinte der ältere Bruder. Der jüngerer Bruder war empört: ›Dann pflege ich ihn allein.‹ Dabei blieb es.

Der Vater tröstete noch: ›Wenn du ihn wieder gesund pflegst, wirst du deine Freude haben. Der Kranich wird später schneeweiße Federn bekommen, er ist ein seltener Kranich. Vielleicht ist es ein Schneekranich, vielleicht wächst ihm auch eine Federkrone auf dem Kopf. Viel Glück bei der Pflege!‹

Bald lief der Vogel dem jungen...



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