E-Book, Deutsch, 148 Seiten
Kerling Die Equipe
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7504-8947-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der letzte Sitzkreis
E-Book, Deutsch, 148 Seiten
ISBN: 978-3-7504-8947-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Svea Kerling, als Sonntagskind anno 1974 in Kroatien geboren, verbrachte ihre Kindheit in einer kleinen Gemeinde inmitten der hügeligen Landschaft im österreichischen Weinviertel. Auf der Suche nach Freunden und Akzeptanz fand sie ihre treuesten Begleiter: Bücher. Heute lebt die Autorin mit Kind & Katz unweit der österreichischen Bundeshauptstadt.
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Sitzkreis II
»Was genau ist es denn, was Sie so traurig stimmt?«
Diesen Unfried konnte sie nicht leiden. Diesen konnte sie nicht leiden. Sie konnte im Raum leiden. Wer war dieser Unfried überhaupt? Keine Ahnung, wer das wieder war und was er da für einen Schund von sich gab.
»Wie soll ich das erklären?«
Hanna sah Unfried bohrend an, als wartete sie auf seine Zustimmung. Sie suchte krampfhaft nach Worten. Reden war ihr noch nie leichtgefallen. Wozu reden, es hörte ihr sowieso niemand zu. Hanna blickte argwöhnisch zu Unfried, doch er schien sie zu ignorieren. Kein Nicken, kein Blick. Keine noch so kleinste Reaktion seinerseits.
Hannas Gedanken begannen zu kreisen. Kjell quatschte in einer Tour. Als gäbe es nur ihn auf dieser gottverdammten Welt, rumorte es in Hanna. Andererseits, überlegte sie, müsste sie niemandem Rede und Antwort stehen, solange Kjell im Mittelpunkt glänzte. Natürlich hätte Hanna etwas zu sagen gehabt und in ihrem Kopf hatte sie schon längst all die perfekten Sätze zusammengetragen. Ganze Reden hätte sie halten können, wenn sie bloß wer nach ihren Antworten fragen würde. Irgendwer. Alles, was es dazu brauchte, waren die passenden Fragen. Ihr Kopf war voller zurechtgelegter Antworten, doch auf welche Menschen sie in ihrem Leben auch getroffen war, niemand hatte ihr jemals die richtigen Fragen gestellt. So blieben die Antworten ihr Geheimnis. Vielleicht sollte sie ein Buch schreiben. Darüber, warum jeder nach Antworten suchte, ohne auch nur einen verfluchten Gedanken an die relevanten Fragen zu verschwenden. Nein, Hanna korrigierte ihren letzten Gedanken. Keine Verschwendung, vielmehr eine Notwendigkeit. Ein Muss. brodelte es in Hanna, Im Übrigen hatte sie keinen blassen Schimmer davon, was dies alles hier zu bedeuten hatte. Dieses Therapiezimmerszenario. Sie fühlte sich wie in einem Traum. Sie fühlte sich gefangen. Sie fühlte sich bedrängt. Sie fühlte sich bereit, aufzuwachen. Ja, sie war bereit für etwas Neues. Sie musste nur aufwachen. Nur raus aus diesem Traum. Es war einer dieser Träume, die so real schienen, als wäre man wirklich dort. Das war die einzige erklärbare Lösung. Sie konnte sich an keine der um sie sitzenden Personen erinnern. Nichts an diesem Ort war ihr Ort. Keiner dieser Menschen um sie herum weckte Erinnerungen. Links saß der blonde Typ, der die ganze Zeit vor dem Therapeuten schwadronierte. Groß gewachsen. Eher der nordische Typ. Sie assoziierte ihn mit einem Wikinger. Fjell, Sven, Kjell … Kjell, genau so hieß der Typ. Es sah so aus, als würde er dem Therapeuten gleich die Faust ins Gesicht rammen. Was hatte Kjell hier zu suchen? Er machte nicht gerade einen therapierbaren Eindruck und sah auch nicht so aus, als würde er Hilfe brauchen. Er war eher der Typ Mann, der nicht lange fackelte und sich das nahm, was er brauchte. Oder wen. Wen oder was er wollte. Hilfe gehörte ganz gewiss nicht zu den Dingen. Ganz gewiss jedoch hatte er ein Autoritätsproblem, aber das stellte in Hannas Augen keine Schwierigkeit dar, eher war es eine Charaktereigenschaft, um die sie ihn sogar beneidete. Auf eine spezielle Art und Weise. Ja, Hanna musste es sich eingestehen, nicht gern, aber doch. Allmählich gefiel ihr dieses Schauspiel. Sie fand Gefallen am Machtgeplänkel zwischen dem Therapeuten und Kjell. Auf welcher Seite sie stand, war offensichtlich. Sie blickte erneut zu Kjell und war sich sicher. Ja, Kjell gefiel ihr. Ob er auch Valerie aufgefallen war? Valerie – rechts neben Hanna – machte einen sehr verlorenen Eindruck. Vielleicht bekam sie die besseren Pillen – die richtig guten Pillen.
Vielleicht war das genau ihr Ding – die richtige Welt.
Vielleicht war sie nicht nur von allen guten Geistern verlassen, sondern auch von den bösen.
Vielleicht war sie mit sich im Reinen.
Dies konnte man von Valeries Schuhen nicht behaupten. Diese strotzten vor Dreck, als ob Madame damit durch sämtlichen Morast dieser Erde gestapft wäre. Und wieder retour. Dünne, weiße Sneakers. Im Grunde hübsche Schuhe, musste Hanna sich eingestehen. Ein ziemlich teures Exemplar. Hanna war etwas neidisch. Es waren nicht die Schuhe – sie gefielen ihr nicht einmal. War nicht ihr Ding. Doch das Kaufen können, wenn man kaufen wollte, das war ihr Ding. Wäre es gewesen, denn Hanna hatte es nie zusammengebracht, auf etwas zu sparen oder auch nur ein wenig Geld auf die Seite zu legen. Egal, was und wie sie es anstellte, spätestens Mitte des Monats war kaum noch Geld für Essen übrig. Das wenige, das ihr an Geld blieb, gab sie für Katzenfutter aus. Ihre Stubentiger waren wichtiger. Sie sollten keinen Hunger leiden. Ihre Katzen sollten gar nicht leiden. Welche Erklärung könnte sie ihnen liefern dafür, dass kein Geld mehr für Futter da war? Nein, das kam gar nicht infrage. Es ergab weitaus mehr Sinn, wenn sie selbst hungerte. Sie wusste ja, warum. Hanna zeigte sich nicht überrascht. Wozu auch? Es war offensichtlich, dass sie zu blöd war. Zu blöd. Das war es. Mehr steckte nicht dahinter. Es war kein Geheimnis. Anfangs hatte sie sich noch Geld geborgt in ihrer Not. Doch was anfänglich als Übergangslösung gedacht war, entpuppte sich schnell als unendliche Geschichte. Bald reichte das Geld an allen Ecken und Enden nicht mehr. Sie schaffte es nicht, das geborgte Geld zurückzugeben. Mit geliehenem Geld zahlte sie fällige Schulden zurück. Es begann sich im Kreis zu drehen. Hanna selbst drehte sich im Kreis. Alles in ihrem Kopf begann sich zu drehen. Ihre Welt drehte sich, nur nicht so, wie sie sich drehen sollte. Sie sah schlussendlich keinen Ausweg mehr.
Ein Rascheln lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die Frau rechts neben Valerie. Sie als mollig zu umschreiben, würde es nicht treffen. Sie war schon sehr rund. , argumentierte Hannas innere Stimme. Ja, einfach fett, wiederholte Hanna. Ihr wollte der Name der dicken Frau nicht einfallen. Sie überlegte. Nein, es hat keine dieser äußerst peinlichen Vorstellungsrunden gegeben. Daran würde sie sich erinnern. Ganz bestimmt. Das würde sie. Hoffte sie. Sie erinnerte sich nicht. Es gab viele Dinge, die Hanna hasste, und eines davon war, sich einer fremden Runde vorzustellen. Sich generell vorzustellen. Es interessierte sie schlicht und ergreifend nicht, wer oder was andere waren, was sie taten und warum sie etwas taten. Oder nicht taten. Oder nicht waren. Leute sollten sich mehr um ihren eigenen Kram kümmern.
Vielleicht taten sie das ja auch. Und sie selbst war diejenige, die an allem und jedem herumnörgelte.
Vielleicht war der eigene Kram einfach nicht klar abgegrenzt vom restlichen Kram.
Vielleicht war alles einfach ein Scheißkram.
Vielleicht war ja …
Vielleicht war ja die dicke Frau gar nicht dick, nur sie selbst dünn. Hanna linste zur dicken Frau. Sie hatte eine dieser Designertaschen auf ihrem Schoß und schien sich förmlich an ihr festzukrallen, als hätte sie Angst, jemand könnte ihr die Tasche rauben. Die Tasche hatte zweifellos ihre besten Tage hinter sich, genauso wie die alte Frau. Sie war längst verschlissen; wer wollte sie denn haben wollen? Die Tasche. Nicht die Frau. Oder … Ja, Hannas Stimme im Kopf hatte recht. Wieder einmal.
Und Unfried? Wer zum Teufel war dieser Unfried noch mal? Genau, dem Anschein nach der Therapeut. Er unterschied sich kaum von all den anderen Therapeuten, denen sie im Laufe ihrer Patientenlaufbahn begegnen durfte. Er war vielleicht etwas pragmatischer. Nein, das traf es nicht ganz. Ruhiger? Nein. Phlegmatisch vielleicht. bestätigte die Stimme in ihrem Kopf. Hanna überlegte weiter. Hanna begann sich zu fragen, ob es wirklich ein kleines Männchen in ihrem Kopf gab, das mit ihr sprach. Oder sie sich alles einbildete, so wie es alle immer behaupteten.
Es hatte kurzerhand keinen Sinn. Egal, was man sagte, dieser Unfried zog doch wirklich alles ins Lächerliche. Schlimmer noch, er zog sie selbst ins Lächerliche. Das, was sie sagte, zog er ins Lächerliche. Hanna fiel es wieder ein. Stets wurde sie blöd angemacht für das, was sie sagte. Für das, was sie nicht sagte. Ausgelacht für das, wer sie war. Für das, wer sie nicht war. Es wurde mit dem Kopf geschüttelt und in ihrer Nähe geflüstert. Man prangerte sie dafür an, wie schlecht sie mit Geld umgehen konnte und sie ohnehin selbst schuld an ihrem Elend sei. Alle hätten es sowieso gewusst, dass sie es zu nichts bringen würde....




