Kern Death de LYX - Der Unsterblichmacher
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8025-9627-8
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 85 Seiten
Reihe: Death-de-LYX-Reihe
ISBN: 978-3-8025-9627-8
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine packende Kurzgeschichte passend zu Oliver Kerns Krimis rund um die Kommissarin Kristina Reitmeier - exklusiv als E-Book: Der Mord ist aufgeklärt, der Ehemann geständig. Wäre da nicht die zweite Blutspur. Das Blut einer vermissten Frau. Für Kommissarin Kristina Reitmeier eröffnet sich daraus ein neuer Fall, der sie zu einem Maler führt. Ein Genie, sagt die Kunstszene. Und womöglich ein Mörder, der sich darauf versteht, seine Geliebten unsterblich zu machen. (ca. 85 Seiten) Death de LYX - regelmäßig spannende Kurzgeschichten mit Nervenkitzel-Garantie als E-Book. Stöbern Sie auch in den anderen Titeln der Reihe!
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2
Samstag
Das Kratzen im Hals war schlimmer geworden. Die Erkältung hockte wie eine dicke Kröte hinter Kristinas Stirn, bereit, Schleim abzusondern. Noch verharrte sie lauernd, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis sie durch Kristinas Nasennebenhöhlen kriechen und alles verstopfen würde.
Im Besprechungszimmer war es kalt. Oder es kam ihr nur so vor. Ines Mehnert, die Dezernatssekretärin, hatte wahrscheinlich gelüftet, nachdem Kristina sie gebeten hatte, das Team einzubestellen und für Kaffee und Laugenbrezeln zu sorgen. Obwohl Samstag war, waren alle ohne Nörgeln angetreten. Kristina hatte noch nichts über die neue Entwicklung im Fall Bissinger verraten. Sie wollte auf Sampo warten, weshalb die ungeduldigen Blicke der anderen auf ihr ruhten. Vor dem Fenster rüttelte der Wind an den nun kargen Ästen. Über Nacht war das gelbbraune Blattwerk verschwunden. Der Regen hielt an und raubte dem Herbst sein farbenprächtiges Gewand.
Die Tür öffnete sich, und alle wandten die Köpfe. Daniel Wolf betrat schwungvoll das Besprechungszimmer. Er grüßte mit einem spitzbübischen Grinsen, das wohl als Entschuldigung für sein Zuspätkommen herhalten sollte. Kristina behielt sich vor, einen Kommentar abzugeben. Sie war es gewesen, die ihn in die Abteilung geholt hatte, obwohl sie genau über seine Unzulänglichkeiten Bescheid wusste. Deshalb konnte sie sich über sein gelegentlich unangebrachtes Verhalten auch nicht ständig beschweren. Sie gerieten oft genug aneinander.
Daniel setzte sich und sah erwartungsvoll in die Runde. An dem ovalen Holztisch saßen Kommissaranwärterin Sonja Lachenmeier, Kriminalkommissar Diego Carvaja und Ines Mehnert, die den Laptop vor sich aufgeklappt hatte und an einer Brezel knabberte.
Sampo komplettierte die Runde nach weiteren drei Minuten. Der Kriminaltechniker legte den Aktenordner vor sich auf den Tisch und schenkte sich Kaffee ein. Erst dann richtete er den Blick der eisblauen Augen auf Kristina. Sie nickte, und Sampo zog ein Foto aus der Akte und hielt es hoch.
»Andrea Sailer, vermisst seit dem 28. Oktober 2012. Rückstände ihres Bluts haben wir im Schlafzimmer des Ehepaars Bissinger gefunden.«
Zwei knappe Sätze, die das Besprechungszimmer mit erstauntem Raunen füllten.
»Wir nehmen uns im Anschluss den Tatort noch einmal vor, um diese neue Spur genau einzugrenzen und die tatsächliche Blutmenge zu bestimmen«, fuhr Sampo fort, nachdem sich alle beruhigt hatten. »Ich hoffe, danach ein deutlicheres Bild aufzeigen zu können.«
»Gut«, übernahm Kristina, »Daniel und ich befragen Bissinger zu Andrea Sailer. Sonja und Dirk, ihr lasst euch die Akte der Frau von der Vermisstenstelle kommen und geht sie durch. Vielleicht findet sich eine Verbindung zu den Bissingers, die bislang keine Beachtung gefunden hat. Diego, du informierst den Staatsanwalt. Nachdem gestern die Ermittlungen augenscheinlich abgeschlossen schienen, wird er wegen der neuen Indizien mit der Anklageschrift wohl noch warten müssen. Was nicht weiter schlimm sein dürfte, vor Montag wäre ohnehin nichts passiert.«
Für Prognosen und Spekulationen war es noch zu früh, deshalb löste Kristina die Runde auf, nachdem die grundlegenden Fragen geklärt waren. Die Aufgaben waren verteilt, die Maschinerie begann zu brummen.
Daniel stand an der Tür und wartete, bis sie den Aktenstapel sortiert hatte. Kristina hatte erst seit zwei Wochen ihren Führerschein zurück, den man wegen ihrer ständigen Raserei den Sommer über einbehalten hatte. Deshalb war Kommissaranwärter Daniel Wolf zu ihrem Chauffeur abgestellt worden. Nach einer nervenaufreibenden Mordermittlung, die sie auf eigentümliche Weise zusammengeschweißt hatte, hatte sie ihm angeboten, weiterhin im Waiblinger K1 Dienst zu tun. Nicht nur weil sie durch den Ausfall von drei Kollegen unterbesetzt waren, sondern vor allem weil sie ihn für einen guten Polizisten hielt. Berufsbegleitend absolvierte er zwar noch ein Psychologiestudium an der Polizeiakademie, aber er schien die Doppelbelastung gut wegzustecken. Zumindest hörte sie keine Klagen, auch wenn er sonst kein einfacher Charakter war. Doch das war sie auch nicht. Und auch sie hatte ihre Chance bekommen. Das wollte sie zurückgeben, und Daniel Wolf erschien ihr dafür ein geeigneter Kandidat zu sein.
Gelegentlich stieß sie sich an seiner unkonventionellen Vorgehensweise, die ihn schon mehrmals in brenzlige Situationen gebracht hatte. Aber wenn sie ehrlich war, hielt er ihr damit einen Spiegel vor.
Manchmal reizte er Situationen dieser Art aus. Sie wusste, dass er sie hinter ihrem Rücken die Rote Zora nannte. Nicht nur wegen ihrer Haarfarbe, vermutete sie. Kristina hatte eine private und sehr intime Erfahrung mit Daniel gemacht, die sie am liebsten verdrängte. Auch er hielt sich an dieses unausgesprochene Stillschweigeabkommen, selbst wenn er gelegentlich mit kleinen Provokationen darauf abzielte. In den meisten Fällen schaffte sie es, damit umzugehen. Der letzte heftige Streit zwischen ihnen lag schon ein paar Wochen zurück. Sie hoffte, dass dieser Friede weiter anhielt und nicht als die Ruhe zu deuten war, die den nächsten großen Sturm ankündigte.
Kristina drückte sich an ihm vorbei, hinaus in den Gang.
Hans-Peter Bissinger war bislang nicht in die JVA Stammheim überstellt worden. Noch war er in einer der Untersuchungszellen im Waiblinger Präsidium untergebracht. Dadurch ersparten sie sich den Weg nach Stuttgart. Manchmal hatte die Trägheit der deutschen Bürokratie ihre Vorteile.
Kristina ordnete an, den Unternehmer in einen der Vernehmungsräume bringen zu lassen, und ließ ihn dort eine Viertelstunde warten, während sie ihn im Nebenraum über eine Videokamera beobachtete. Daniel stand hinter ihr, den Rücken gegen die Wand gelehnt, und nippte an einem Kaffee.
»Er hat nicht viel geschlafen«, kommentierte er das Bild auf dem Monitor.
»Wer hätte das schon in seiner Situation. Und nun wird er darüber grübeln, was wir noch von ihm wollen.«
»Ich möchte wetten, er sagt kein Wort ohne seinen Anwalt«, prognostizierte Daniel. »Vor allem jetzt nicht, nachdem dem Kautionsantrag immer noch nicht zugestimmt worden ist.«
Der Einwand war nicht abwegig. Doch Kristina hoffte auf das Überraschungsmoment. Hans-Peter Bissinger führte ein Unternehmen, das Jahresumsätze im dreistelligen Millionenbereich machte. Er war in der Lage, knallhart zu verhandeln. Er war aber auch angeschlagen, übermüdet, gedanklich vielleicht schon für die nächsten Jahre hinter Gittern. Womöglich schmälerte das seine Abgebrühtheit. Außerdem hatte er seine Frau ermordet. Wenn er diese Tat wirklich in der Art bereute, wie er es am Tag zuvor beim Verhör zu Protokoll gegeben hatte, dann würde er sich im Moment nicht ganz als der harte Hund fühlen, als der er galt. In diesem Gemütszustand konnte sie ihn tatsächlich überraschen, davon war sie überzeugt.
»Packen wir’s«, sagte Kristina und stand auf.
Mit Daniel im Schlepp betrat sie den Vernehmungsraum. Die Jalousien waren geschlossen, kaltes Neonlicht spiegelte sich in dem hellgrauen Tisch, auf dem Bissingers Hände lagen. Die Hände eines Mannes, der anpacken konnte. Gleichwohl die Hände eines Mörders. Ausdruckslos sah er auf. Die Übermüdung zeichnete tiefe Schatten in sein bleiches Gesicht und machte ihn hohlwangig. Er war noch keine vierzig, sah aufgrund der Umstände aber deutlich älter aus. Sein lichtes Haar saß nicht mehr so perfekt wie bei ihrer ersten Begegnung, doch seine grauen Augen wirkten wacher, als der Rest seines Äußeren vermuten ließ.
»Frau Oberkommissarin!«
Sie nickte und setzte sich ihm gegenüber. Daniel nahm auf dem Stuhl an der Wand Platz, von dem aus er Bissinger im Profil sehen konnte.
»Wir zeichnen das Gespräch auf«, belehrte ihn Kristina.
Bissinger zuckte mit den Schultern. Misstrauen legte sich über sein Gesicht, und er konnte die Ungeduld nun nicht mehr verbergen.
»Was verschafft mir das Vergnügen, erneut mit Ihnen sprechen zu dürfen?«
Kristina zog das Foto von Andrea Sailer aus der Aktenmappe und schob es über den Tisch. Er nahm es in die Hand, die leicht zitterte, und betrachtete es.
»Und?«, fragte er nach ein paar Sekunden.
»Kennen Sie diese Frau?«
Bissinger legte das Foto zurück auf den Tisch und sah Kristina in die Augen. »Nein.«
»Sie heißt Andrea Sailer.«
Bissinger schüttelte den Kopf. »Was soll das hier?«
»Frau Sailer ist vor zwei Jahren spurlos verschwunden. Wir haben Blutspuren von ihr in Ihrem Schlafzimmer gefunden. Können Sie uns das erklären?«
Er grinste sarkastisch und fuhr sich mit den Händen durchs Haar. »Das ist doch lächerlich.«
»Das sind Fakten«, sagte Kristina.
»Hören Sie, ich habe diese Dame noch nie gesehen, und ganz sicher war sie niemals in meinem Schlafzimmer. Zumindest nicht mit mir«, fügte er an. Der blauschwarze Bartschatten um sein kantiges Kinn verstärkte seine Blässe.
»Könnte sie eine Freundin Ihrer Frau gewesen sein?«
»Eine Freundin, die Désirée mit ins Schlafzimmer genommen hat? Diese Neigung wäre mir neu.« Die Vorstellung schien ihn für zwei Sekunden zu erheitern. »Haben Sie schon mal an verunreinigtes Laborzubehör gedacht? Das hört man ja immer wieder, dass so entstandene falsche Ergebnisse die Ermittler in die Irre führen.«
Sampo hatte ihr bestätigt, die Indizien dreimal geprüft zu haben. Kristina schüttelte den Kopf. »Nein, wir sind uns sicher.«
»Sie sind die...




