Kern Homo Sapiens 404 Band 2: Mit dieser Waffe
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-95662-002-7
Verlag: Rohde, Markus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 78 Seiten
Reihe: Homo Sapiens 404
ISBN: 978-3-95662-002-7
Verlag: Rohde, Markus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Claudia Kern sah 'Star Trek' mit vier, 'Dawn of the Dead' mit zwölf und ihre erste Webseite mit zwanzig. Nach einigen Umwegen über die Heftromanserien 'Maddrax' und 'Professor Zamorra', eine Fantasy-Trilogie und zwei historische Romane hat sie diese Erfahrungen nun endlich in 'Homo Sapiens 404' verarbeitet. Ihre Kolumnen und Kritiken erscheinen im Magazin Geek!, auf www.robotsanddragons.de und auf www.claudia-kern.com.
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1
»Das mit eurem Arzt tut mir leid«, sagte Auckland.
»Ja.« Rin stand am Bullauge der Schleuse und beobachtete, wie Jourdains Körper durch das Trümmerfeld trudelte. Das kalte weiße Licht einer weit entfernten Sonne schuf Schatten, in denen er immer wieder verschwand. Nach einer Weile tauchte er nicht mehr daraus auf. Sie wandte sich ab.
Kipling setzte seine VR-Brille auf und räusperte sich. »Also dann …« Er ließ den Satz in der Luft hängen, so als wisse er nicht, wie er fortfahren solle. Die Stille zog sich in die Länge.
Es war kein Gebet gesprochen worden während der kurzen Beerdigung, niemand hatte Jourdain einige letzte Worte gewidmet. Stumm hatten sie ihn und die Toten, die bei dem Zusammenstoß mit der nicht ins All gerissen worden waren, verabschiedet. Es kam Rin so vor, als hätten sie all die Worte, die sie hätten sagen können, schon bei anderen, viel zu ähnlichen Gelegenheiten verbraucht. Sie hatten keine mehr.
»Also dann«, nahm Auckland schließlich Kiplings Satz auf, »sollten wir aufbrechen. Die Reparatursysteme haben getan, was sie konnten, der Antrieb hat erste Belastungstests bestanden. Trotzdem werden wir wohl fast eine Woche bis zur Station NG27 brauchen.«
»NG27?« Kipling hob die Augenbrauen. »Warum nicht MY59? Der Zoo liegt viel näher.«
Zoo. Wieder eines dieser Worte, die aus dem Nichts aufgetaucht und sich rasend schnell verbreitet hatten. Die Jockeys hassten den Begriff, aber sie hassten ›Jockeys‹ auch. Keinen Menschen interessierte das.
Auckland schloss die äußere Schleuse mit einem Knopfdruck. »Wir fliegen NG27 an.«
»Das hast du schon gesagt.« Arnest machte einen Schritt auf ihn zu. »Wir möchten wissen, weshalb.«
Rin spürte die plötzliche Spannung zwischen ihm und Auckland. »Wir sind Gäste hier«, sagte sie. »Und so werden wir uns auch benehmen, okay?«
Arnests Blick zuckte zu ihr herüber, dann zu seinem Bruder. Auf ihn musste es so wirken, als fiele sie ihm in den Rücken, dabei hatten sie keine Wahl und mussten Aucklands Entscheidung akzeptieren. Er trug das Headset, mit dem er die gesamten Schiffssysteme kontrollieren konnte. Sich mit ihm zu streiten, würde zu nichts führen. Sie waren ihm ausgeliefert.
»Okay.« Arnest wich demonstrativ zurück. »Ich hab nur gehört, dass es eine Menge Haie auf NG27 gibt. Man muss den Ärger ja nicht herausfordern.«
»Das werde ich nicht.« Auckland ging an ihm vorbei den Gang hinunter, in Richtung der Antriebssektion. Er bewegte sich steif, und Rin konnte sehen, dass er Schmerzen hatte. , dachte sie. .
»Kommt«, sagte er, ohne sich umzudrehen. »Ich will euch etwas zeigen.«
Er ging schneller, vielleicht absichtlich, um ihnen einen Moment Privatsphäre zu verschaffen, den Arnest auch direkt nutzte. »Da stimmt was nicht, Rin. Warum fliegen wir nicht MY59 an, wenn die näher liegt?«
»Laut Wikipedia sind sogar drei Zoos nicht so weit von uns entfernt wie NG27«, sagte Kipling. »Ich versuche gleich mal, mit jemandem von dort zu chatten. Könnte ja sein, dass es auf NG27 etwas Besonderes gibt.«
»Gut.« Rin sah Arnest an. »Wir werden vorsichtig sein, aber dazu gehört auch, dass du Auckland nicht unnötig provozierst.«
»Ich halte es für keine Provokation, nach unserem Ziel zu fragen«, sagte Lanzo.
»Es ist mir egal, zu welchem Zoo wir fliegen. Und wenn wir ein paar Tage länger Zeit zum Nachdenken haben, kommt mir das sogar ganz gelegen.« Rin wandte sich ab und folgte Auckland. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Arnest den Mund öffnete, als wolle er etwas sagen, aber Lanzo ihn mit einer Geste zurückhielt.
, dachte sie. Auch sie vertraute Auckland nicht, aber im Gegensatz zu Arnest und Lanzo hatte sie akzeptiert, dass sie von ihm abhängig waren. Solange er sich ihnen gegenüber fair verhielt, würde sie weder versuchen, sein Schiff zu stehlen, noch ihn irgendwie anders zu hintergehen. Sie glaubte, dass Kipling das ähnlich sah, aber bei Lanzo und Arnest war sie sich nicht sicher.
Nein, das war falsch. Sie sich sicher, dass die Gedanken der beiden nur um die Frage kreisten, wie sie die in ihren Besitz bringen konnten. Befehle würden sie nicht davon abhalten, einzig die Erkenntnis, dass das unmöglich war. Rin hoffte, dass Lanzo die Einsicht haben würde, bevor etwas geschah.
Vor ihr duckte sich Auckland unter den Resten des gehärteten Schaums hindurch, der am Vorabend noch den Gang verschlossen hatte. Der Schaum war eine der wenigen Erfindungen, die die Menschheit zur Raumfahrt beigesteuert hatten. Bakterien darin sorgten dafür, dass er sich nach einem erfolgten Druckausgleich selbst zerfraß.
Auckland blieb vor einer Tür in der rechten Seitenwand des Gangs stehen. »Ich habe übrigens den Exploit gepatched«, sagte er, während er die Hände in die Taschen seiner grauen Cargohose steckte. »Die Türen lassen sich jetzt nur noch über einen Barcodeleser oder die Sprachsteuerung öffnen.«
Er zog schmale, stumpfsilbrige Metallringe hervor und warf sie ihnen einzeln zu. Rin fing ihren und drehte ihn zwischen den Fingern. Er war leicht und an der Oberfläche angeraut. »Öffnen die alle Türen?«, fragte sie.
»Natürlich nicht.« Auckland schien zu bemerken, wie hart seine Stimme klang, denn er fügte freundlicher hinzu: »Das wäre zu gefährlich. Einige Bereiche der sind noch voll mit Toten.«
Sie glaubte nicht, dass das der wahre Grund war, behielt das aber für sich. Zu ihrer Überraschung sagte auch sonst niemand etwas.
Auckland öffnete die Tür und trat in den kurzen Gang dahinter. Er endete vor einer Tür, neben der in großen schwarzen Buchstaben stand. »Ich nehme an, dass ihr ursprünglich nach diesem Raum gesucht habt. Die war voll beladen und auf dem Weg zu den äußeren Kolonien, als es losging. Sie konnte ihre Fracht nicht mehr zustellen.«
Die Tür zog sich mit einem Zischen in die Wand zurück. Rin hielt unwillkürlich die Luft an, als sie sah, was sich hinter dem unscheinbaren Namen verbarg. Die Halle, die sie betrat, war drei Stockwerke hoch und größer als die . Kisten stapelten sich in Regalen, die bis zur Decke reichten und mit Metallgittern gesichert waren. Zwischen ihnen führten breite Gänge hindurch, auf denen Buchstaben und Zahlen standen, die wohl zur Orientierung dienten. Greifarme hingen an langen Schienen von der Decke, aber es gab auch Leitern, die zu den höher gelegenen Regalböden führten. An jedem Regal befand sich ein Bildschirm. Rin konnte nicht einmal annähernd schätzen, wie viele Kisten in dem Raum untergebracht waren, aber es mussten Tausende sein.
»Heilige Scheiße«, sagte Arnest neben ihr leise. »Hier sieht’s aus wie bei Ikea.«
Seine Stimme hallte von den Wänden wider. Kipling ging in die Halle und drehte sich langsam um sich selbst. Dann sah er Auckland an. »Hast du die Bundeslade schon gefunden?«
»Nein, aber vielleicht sollte ich danach suchen.« Auckland lächelte. Er wirkte wie jemand, der einen großen Schatz zu lange allein gehütet hatte und nun froh war, ihn endlich teilen zu können.
»Und all das hast du monatelang vor Piraten und Gangs versteckt?«, fragte Lanzo. Auch er konnte den Blick nicht von den Regalen nehmen. »Kann nicht leicht gewesen sein.«
»Das All ist groß. Ich habe mich von den wichtigsten Handelsrouten ferngehalten, und wenn ich doch einmal jemandem begegnet bin, hab ich behauptet, das Schiff wäre leer.«
»Und das haben sie geglaubt?«
»Sie haben den Waffen geglaubt, die auf sie gerichtet waren.«
Arnest blieb neben dem ersten Regal stehen und steckte die Hand durch das Metallgitter. Seine Finger liebkosten eine der Kisten. »Also wissen nur du und jetzt wir davon, richtig?«
Rin hätte ihn am liebsten geschlagen.
Das Lächeln verschwand aus Aucklands Gesicht. »Sollte ich das als Problem betrachten?«
»Nein«, sagte Rin. »Arnest drückt sich manchmal nur etwas unglücklich aus.«
Sie nickte ihm aufmunternd zu. »Stimmt doch, oder?«
»Ja.« Arnest ließ die Kiste los und steckte die Hände tief in die Hosentaschen. »Is’ nich’ so meine Stärke, das mit den Worten. Ich kann andere Dinge...




