E-Book, Deutsch
Kern Nur Hannah.
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-99129-841-0
Verlag: Morawa Lesezirkel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch
ISBN: 978-3-99129-841-0
Verlag: Morawa Lesezirkel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kloster oder Psychiatrie? Die Wahl fällt Hannah nicht leicht. Aber der Aufenthalt in einem Kloster auf einer süditalienischen Insel scheint das geringere Übel zu sein. Aber nicht nur der verbotene Pavillon im Klostergarten birgt ein Geheimnis, auch die Nonnen haben etwas zu verbergen. Und obwohl Hannah meint, dass sie in Österreich niemand vermisst, ist jemand verzweifelt auf der Suche nach ihr. Die Facebook-Gruppe 'Wir suchen Hannah' zählt schließlich über 30.000 Mitglieder. Nur Hannah bekommt davon nichts mit, weil ihr eine der Klosterregeln verbietet, das Handy zu benutzen.
Isabella Maria Kern ist 1968 in Oberösterreich geboren und lebt dort mit ihrem Ehemann und vielen Tieren. Sie hat drei Söhne. Sie liebt lange Spaziergänge mit dem Hund 'Chilli' und widmet sich mit ihrem Mann dem Tanzsport. Wenn sie nicht gerade schreibt, arbeitet sie als Krankenschwester und betreibt nebenbei ein Kleinwasserkraftwerk. Ihren ersten Roman 'Li - Tote Mädchen machen keinen Sex' gibt es bereits als Drehbuch. 'Nur Hannah.' ist ihr vierter Roman. Derzeit arbeitet sie an ihrem siebten Buchprojekt. ?
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Das Verbot Hannah spazierte gedankenverloren durch den Park. Sie strich mit der Hand über den Rosmarin, der hier im Süden eine hüfthohe Hecke bildete, während sie Rosmarin zuhause nur als kleine Topfpflanze kannte, oder als getrocknetes Gewürz im Supermarkt erwarb. Hier lebte, duftete und atmete alles nach Rosmarin, und eine laue Brise trug den Geruch der Hecken in ihre Lungen. Ihre Nase nahm alle Düfte in nie dagewesener Weise in sich auf und speicherte das beruhigende Gefühl dieser Entdeckung. Aber da gab es noch andere Gerüche, wie warme, trockene Erde, die mit Piniennadeln und -zapfen bedeckt war, und die ebenfalls einen atemberaubenden Duft verströmte. Dazu gesellte sich ein salziges Lüftchen, das vom Meer zu ihr wehte und mit ihren braunen Locken spielte. Hannah blieb stehen und bückte sich nach einem der herumliegenden Pinienzapfen, den sie an ihre Nase führte und den harzigen Geruch in sich aufnahm. Den Zapfen weiter an die Nase haltend setzte sie ihren Weg durch den Park fort und kam am Ende der Pinienallee wieder zur Klostermauer, an welcher sie entlangschlenderte. Es waren etwa hundert Schritte bis zum Ende des Gebäudes. Dort angekommen spähte sie um die Ecke. Der Garten rund um das Kloster war voller Überraschungen. Nicht nur die Vielfalt der Pflanzen war beeindruckend, sondern auch die Art und Weise wie die Hecken und Sträucher geschnitten waren. Auch stieß sie bei ihrem Spaziergang auf eine Reihe von alten Gräbern, auf deren Grabsteinen Inschriften bis ins 16. Jahrhundert zurückreichten. Sehr angetan war sie von einem Pavillon, der im hintersten Teil des Pinienwaldes stand. Von weitem hatte Hannah eine Kapelle erwartet, doch das Gebäude aus Holz, welches sehr verwahrlost wirkte, war keine heilige Stätte. Es sah eher aus wie ein kleines Lusthaus. Hinter der Mauer, hinter der sie nun hervorlugte, tat sich zwischen den beiden Hauptgebäuden ein großer Gemüsegarten auf. An der vorderen Seite des Gartens, dem Kloster zugewandt, fanden sich einige Glashäuser, in denen sich mannshohe Tomatenstauden rankten. Die Seitenteile der Glaskonstruktionen waren zur Seite geschoben und die Dächer aufgespreizt. „Um diese Jahreszeit gedeiht das Gemüse auch ohne Schutz vor Wind und Wetter“, dachte Hannah, „aber vermutlich gibt es hier das ganze Jahr über frisches Gemüse und Tomaten mögen bekanntlich keinen Regen.“ Hannah ließ ihren Blick über die Beete rund um die Glashäuser schweifen und näherte sich zwei Klosterfrauen, die mit ihren langen, schwarzen Kutten zwischen den Pflanzen hockten und Unkraut jäteten. Als sie die Nonnen erreicht hatte, richtete sich die größere der beiden auf und lächelte Hannah an, die mit „Buon giorno“ auf das Lächeln reagierte, nicht wissend, ob man um diese Zeit nicht schon „Buona sera“ sagen musste. Ohne ihr auch einen guten Tag zu wünschen, beugte sich die Suora wieder nach vorne und setzte ihre Arbeit fort. Von der zweiten Frau bekam sie nur ein Kopfnicken. Hannah fühlte sich angesichts der mageren Begrüßung durch die beiden Nonnen nicht wohl und verließ, obwohl sie sich den Garten gerne noch näher angesehen hätte, die Gemüsebeete, ohne einen weiteren Blick auf die beiden Frauen zu werfen, die sich ohnehin nicht stören ließen. Eilig ging sie wieder in Richtung Allee und stieß, als sie um die Ecke bog, beinahe mit Pater Pio zusammen, der herzhaft zu lachen begann, als er Hannahs Gesichtsausdruck sah. „Ah! Ecco la Signorina! Da sind Sie ja! Schwester Oberin, also Schwester Maria, möchte Sie sprechen“, sagte er und zeigte seine strahlend weißen Zähne, die er sich auch noch mit Ende Sechzig erhalten hatte. Mit Pater Pio hatte sie bereits beim Frühstück im Speisesaal, der mit Holzvertäfelungen ausgestattet war und sie durch seine Höhe und die gotischen Fenster sehr beeindruckte, ein paar Sätze italienisch gesprochen. Hannah freute sich, dass sich durch den Aufenthalt in Italien wenigstens ihre Italienischkenntnisse verbessern würden, wenn sie sich auch sonst nicht viel von ihrer Anwesenheit im Kloster versprach. Hannah nickte und folgte dem Pater über den Haupteingang in die „heiligen Gemächer“ der Oberschwester, die sich von ihrem Stuhl erhob, als Pater Pio von Hannah gefolgt, den Raum betrat. Auch diese Räume bestanden hauptsächlich aus Stein: Steinwände, Steinboden und eine Holzdecke. An der Wand hinter der Oberschwester, die hinter einem riesigen, dunklen Holzschreibtisch stand, hingen ein paar Heiligenbilder und ein Portrait des amtierenden Papstes. Die Fensterläden waren, wie überall im Haus, fest verschlossen, um die Hitze der italienischen Sommersonne auszusperren, was angesichts der dumpfen Kühle in den alten Gemäuern, gut zu gelingen schien. Von draußen drang das Zirpen der Zikaden bis in das Büro der Oberin, die ihre Lesebrille von der Nase nahm und Pater Pio aufforderte, sie mit Hannah allein zu lassen. Pater Pio neigte das Haupt und verließ augenblicklich das Büro. Oberschwester Maria deutete auf den hölzernen Stuhl, der dem Schreibtisch gegenüberstand und Hannah setzte sich ohne ein Wort. Die Oberin seufzte, lächelte vage, und ohne Hannah aus den Augen lassend, nahm sie auch wieder Platz. Hannahs Hände begannen zu schwitzen. Sie wischte die Handflächen in ihrer Hose ab. „Haben Sie sich schon bei uns eingewöhnt, Hannah?“ Hannah gab dem Drang nicht nach, den Kopf zu schütteln, sondern nickte und beobachtete eine Fliege, die sich frech auf die fleckige, alte Hand der Oberschwester setzte und sich mit den Hinterbeinen die Flügel putzte. „Pater Pio hat mir erzählt, dass Sie sich im Park etwas umgesehen haben.“ Ihre Stimme klang ernst, und ihr Lächeln war einem harten Gesichtsausdruck gewichen, als sie fortsetzte: „Wir gehen nicht zum Pavillon im Pinienwald.“ Hannah brauchte eine Weile, bis sie den Sinn des Satzes verstanden hatte und fragte sich, ob mit „wir“ alle gemeint waren, die im Kloster wohnten. Nachdem der mit Nachdruck gesagte Satz noch immer zwischen ihnen nachzuhallen schien, und sich Schwester Maria nicht anschickte eine Erklärung abzugeben, beschloss Hannah nachzufragen. „Warum gehen Sie nicht zum Pavillon? Er ist hübsch.“ Das Kompliment prallte augenblicklich an den dunkelblauen Augen ab, die noch dunkler zu werden schienen, und mit hochgezogenen Augenbrauen und einem Ton, der keine Widerrede duldete, meinte sie: „Non ci andiamo. Nessuno, capito? Ich sagte, wir ALLE gehen nicht zum Pavillon. Das gilt auch für unsere Gäste. Verstanden?“ Die Fliege entging nur knapp dem Tod. Ihre Hand klatschte ohne Erfolg auf den Handrücken. Hannah zuckte zusammen. Suora Maria vertraute anscheinend darauf, dass Hannah ihre Weisung verstanden hatte, räusperte sich, griff nach einem Brief, der vor ihr auf dem Schreibtisch lag und setzte mit etwas freundlicherer Stimme fort: „Schwester Rosalia, ihre Tante, hat mich gebeten, Ihnen mitzuteilen, dass sie morgen Abend mit der Fähre auf der Insel ankommen wird. Sie können sie mit Pater Pio gegen neunzehn Uhr abholen. Ihr Gesundheitszustand hat sich so weit gebessert, dass sie die Strapazen der Reise auf sich nehmen kann.“ „Oh, das ist schön“, sagte Hannah und war sich sicher, dass die Oberschwester an ihrem Ton erkennen konnte, dass sie ohne Tante Rosalia keinen Tag länger hiergeblieben wäre. Schwester Maria setzte ihre Lesebrille wieder auf die Nase und sah Hannah über den Brillenrand hinweg an. Die Zikaden zirpten lauter. In der Ferne schlug ein Fensterladen im Takt gegen die Mauer. „Ich werde Ihnen unsere Klosterregeln noch erläutern. Auch für Gäste gibt es Regeln, an die sie sich zu halten haben. Störungen dulden wir hier nicht.“ Die Oberin räusperte sich und Hannah, die im Grunde nicht vorhatte, irgendwelche Regeln zu brechen, kam sich bei diesen Worten vor wie ein kleines Kind. Sie dachte an ihre Schulzeit und ein Schauer lief über ihren Rücken. Nur weil sie sich den Pavillon näher angesehen hatte, war sie doch noch lange kein Störenfried. „Um fünf Uhr werden Sie geweckt. Fünf Uhr dreißig ist Morgengebet. Anschließend gibt es Frühstück. Danach können Sie entweder im Klostergarten helfen oder getrocknete Kräuter bündeln. Vor dem Mittagessen gibt es ein zweites Gebet in der Kapelle und nachmittags können Sie machen, was Sie wollen.“ Die Oberin holte Luft, dann sprach sie weiter. „In den Ort können Sie über einen Pfad zu Fuß gehen oder mit dem Rad die Straße entlangfahren. Pater Pio wird Ihnen auf Wunsch ein Rad zur Verfügung stellen. Zum Abendgebet um achtzehn Uhr sind Sie wieder zurück. Dem Nachtgebet vor dem Schlafengehen können Sie meinetwegen...




