Kessler | Vier Führungsprinzipien der Bibel | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 96 Seiten

Kessler Vier Führungsprinzipien der Bibel

Dienst, Macht, Verantwortung und Vergebung
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7655-7660-7
Verlag: Brunnen Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Dienst, Macht, Verantwortung und Vergebung

E-Book, Deutsch, 96 Seiten

ISBN: 978-3-7655-7660-7
Verlag: Brunnen Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Wie gehe ich mit dieser Verantwortung um?' 'Darf ich überhaupt Macht einsetzen?' 'Als Christ soll ich lieben und vergeben - wie passt dies zu meiner Führungsaufgabe?' Wer andere Menschen führt, wird sich immer wieder diese und ähnliche Fragen stellen. Volker Kessler rät, sich dabei am wichtigsten Gebot zu orientieren: Gott von ganzem Herzen unf mit ganzer Hingabe zu lieben, und seinen Mitmenschen wie sich selbst. Er enfaltet das Wesen christlicher Führung in vier Facetten: Dienst, Macht, Verantwortung und Vergebung. Dabei geht es mehr um die innere Einstellung als um Handlungsanweisungen, denn wenn die innere Haltung nicht passt, nützen alle Tipps der Managementliteratur nichts. Damit diejenigen, die wirklich das Potenzial zu leiten haben, es auch tun, und nicht immer nur die Falschen bereit sind, zu führen.

Prof. Dr. Volker Kessler. Geb. 1962. Mathematiker und Theologe. Verheiratet, vier Kinder, zwei Enkelkinder. Leiter der Akademie für christliche Führungskräfte und Professor für Christian Leadership an der University of South Africa. Vorher 12 Jahre in einem internationalen Großunternehmen. Mehrere Publikationen im In- und Ausland.
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2. Führen als Dienst


2.1 Dienende Führung als Leitbild


Dienende Führung ist das Leitbild christlicher Führung überhaupt. Sie hat ihren Ausgangspunkt in einem bekannten Dialog, den Jesus führte. Als sich die Söhne des Zebedäus (bzw. im Matthäusevangelium deren Mutter) an Jesus wenden mit der Bitte, ob sie denn später zu seiner Rechten und Linken sitzen könnten, nutzt Jesus diese Anfrage, um deutlich zu machen, was „christlich führen“ bedeutet:

Ihr wisst, dass die, die als Herrscher über die Völker betrachtet werden, sich als ihre Herren aufführen und dass die Völker die Macht der Großen zu spüren bekommen. Bei euch ist es nicht so. Im Gegenteil: Wer unter euch groß werden will, soll den anderen dienen; wer unter euch der Erste sein will, soll zum Dienst an allen bereit sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele hinzugeben.

(Markus 10,42-45)

Jesus gibt mit diesen Worten eine zeitlos gültige Weisung für christliche Führungspersonen. Die traditionelle Herrschaftspyramide stellt er damit auf den Kopf:

Exemplarisch wird Jesu Haltung beim letzten Passahmahl deutlich. Jesus übernahm dort die Aufgabe, die normalerweise Sklaven übernahmen: Er wusch seinen Jüngern die Füße (Joh 13,1-17). Und er forderte seine Jünger auf, ebenso zu handeln (Vers 15)

Der Apostel Petrus greift den Dienstgedanken von Jesus in einem seiner Briefe auf:

Jetzt noch ein Wort an die Gemeindeältesten unter euch. Ich bin ja selbst ein Ältester … Deshalb bitte ich euch eindringlich: Sorgt für die Gemeinde Gottes, die euch anvertraut ist, wie ein Hirte für seine Herde. Seht in der Verantwortung, die ihr für sie habt, nicht eine lästige Pflicht, sondern nehmt sie bereitwillig wahr als einen Auftrag, den Gott euch gegeben hat. Seid nicht darauf aus, euch zu bereichern, sondern übt euren Dienst mit selbstloser Hingabe aus. Spielt euch nicht als Herren der Gemeinden auf, die Gott euch zugewiesen hat, sondern seid ein Vorbild für die Herde.

(1. Petrus 5,1-3)

Nun, mir ist noch kein Gemeindeleiter oder Leiter einer christlichen Organisation begegnet, der diesen Versen bewusst widersprochen hätte. Viele behaupten, sie würden dienend führen. Die Frage ist allerdings: Was verstehen sie darunter? Und wie leben sie es?

2.2 Missverständnisse über dienende Führung


Zunächst seien drei Missverständnisse über dienende Führung korrigiert:

Ein bekannter Pastor hat dienende Leitung einmal so definiert: Die Gemeinde dient, der Pastor führt. – Es ist wohl offensichtlich, dass diese „Aufgabenteilung“ nicht im Sinne der oben zitierten Antwort von Jesus ist.

Dieses Missverständnis dreht das erste Missverständnis um. Manche Leiter sind so verunsichert, dass sie gar nicht mehr führen. Sie praktizieren von der „Dienenden Führung“ nur das „Dienen“. Aber nicht jeder Dienst ist Führung. Wenn jemand die Toiletten im Gemeindehaus putzt, ist dies ein wichtiger Dienst. Und es kann auch eine gute Übung für die Gemeindeleiter sein, sich an solch einem Dienst zu beteiligen. Aber dieser Dienst an sich ist im Normalfall keine Führung (es sei denn, man setzt damit bewusst ein Exempel).

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Führungskräfte, die diesem Missverständnis erliegen, setzen die ihnen verliehene Autorität nicht ein. Sie führen nicht. Führung findet nur statt, wenn andere folgen. Andere können nur folgen, wenn der Führende vorangeht, vorausdenkt, voraussieht. Eine Führungskraft kann sich zu einem gegebenen IST-Zustand immer einen besseren SOLL-Zustand vorstellen. Der Wunsch, diesen Zustand zu realisieren, treibt sie an.

Das biblische Bild vom Leiter als Hirten hat eine Schattenseite, wenn man es überzieht: Wer das Bild des Hirten zu wörtlich nimmt, sieht die anderen als Schafe an, als dumme Schafe. Und er meint dann, alles selbst machen zu müssen, weil die Schafe es ja nicht können. Der Theologe Klaus Eickhoff hat dies im Einführungsvortrag auf dem ersten Kongress christlicher Führungskräfte veranschaulicht:

Es ist ein Dienen, das doch ein heimliches Herrschen ist – ein Herrschen, das sich mit der Maske des Dienens tarnt. Die Dienstmaske ist dem wirklichen Dienen so täuschend ähnlich – dienen viele Leiter doch bis an den Rand ihrer Kraft. Dieses ‚Dienen‘ ist in etwa so, als wenn eine Mutter ihrem Kind sagt: ‚Du brauchst nie laufen zu lernen. Ich laufe ein Leben lang für dich.‘ Und sie läuft und läuft. Und so liegt das Kind ein Leben lang mit unentwickelten Beinen im Bett. Dieses Dienen der wohlmeinenden Mutter ist ein schreckliches Beherrschen des Kindes.

(Eickhoff 1999:38-39)

Selbst Machtmenschen können rein äußerlich vorbildliche Diener sein. Sie dienen für alle sichtbar – und beherrschen dadurch die Gemeinde. Sie sind immer als Erste da, wenn Not am Mann ist. Sie springen überall bereitwillig ein – und machen sich so unersetzlich. Durch unentgeltliches Dienen stehen die „Bedienten“ in ihrer Schuld.

2.3 Servant Leadership – Führen durch Dienen


Dienende Führung ist in einem gewissen Sinne ein Paradoxon. Sie ist vor allem . Ein Leiter „von oben“ kann einfach anordnen und Befehle erteilen. Er kann sich auf seine Amtsautorität berufen. Aber wie führt man „von unten“?

Ein „Klassiker“ auf diesem Gebiet ist von Robert Greenleaf. Greenleafs Definition eines dienenden Führers ist die beste, die ich kenne:

Der dienende Führer ist zuallererst Diener … Es beginnt mit dem natürlichen Verlangen, dienen zu wollen, zuerst zu dienen. Erst dann bringt eine bewusste Entscheidung einen dazu, eine Führungsaufgabe anzustreben. Eine solche Person unterscheidet sich deutlich von jemandem, der zuallererst Leiter ist … Der „Leiter-zuerst“-Typ und der „Dienerzuerst“-Typ stellen zwei extreme Idealtypen dar.

Der beste Test für dienende Führung – allerdings schwierig zu beurteilen – ist: Wachsen die, denen man dient, als Persönlichkeiten? Werden sie durch den Dienst des Leiters zu gesünderen, weiseren, freieren, selbstständigeren Menschen – zu Menschen, die ihrerseits bereit werden, anderen zu dienen?

(Greenleaf 1977:13-14)5

Diese Definition stammt aus dem Artikel „The Servant as Leader“6, den Greenleaf 1969 für die Geschäftswelt(!) schrieb. Wenn heute in der Mitarbeiterführung viel von Servant Leadership die Rede ist, geht dies auf Greenleafs Initialzündung zurück.7 Obwohl Greenleaf selbst Quäker war, wählte er als Ausgangspunkt seiner Ausführungen über dienende Führung nicht die Aussagen von Jesus, sondern die Novelle „Die Morgenlandreise“ von Herrmann Hesse.

Im kirchlichen Kontext könnte man die Frage stellen: Darf man denn für die Gemeindeleitung von „säkularen“ Managementbüchern wie jenem von Greenleaf lernen? Lehrt nicht Jesus gerade in Markus 10,43, dass es unter seinen Jüngern nicht so sein soll wie in der Welt? Einerseits ja, andererseits ist zu bedenken, wie sich die heutigen Ideen entwickelt haben. Christliches Gedankengut hat das christliche Abendland nachhaltig mitgeprägt. Etliches, was heute in Managementbüchern über Führung steht, wäre ohne das christliche Erbe gar nicht denkbar, auch wenn sich manche Autoren dieses Erbes vielleicht gar nicht bewusst sind.

Zwei Beispiele dafür, wie sehr der Dienstgedanke das christliche Abendland geprägt hat: Das erste Beispiel befindet sich sehr anschaulich im Wappen des Prinzen von Wales. Dieses trägt bis heute die deutsche(!) Inschrift „Ich dien“ (Prince of Wales 2011). Dieser Spruch wurde von Edward of Woodstock, dem zweiten Prince of Wales, eingefügt im Gedenken an seinen Feind(!), König Johann von Luxemburg. Der böhmische König Johann von Luxemburg zog 1346 in die Schlacht von Crécy, obwohl er blind war. Der Prince of Wales Edward fand seinen Leichnam und war so von Johanns Ritterlichkeit beeindruckt, dass er...



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