E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Keynes Krieg und Frieden
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-949203-88-6
Verlag: Berenberg Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die wirtschaftlichen Folgen des Vertrags von Versailles
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-949203-88-6
Verlag: Berenberg Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
John Maynard Keynes, geboren 1883, gestorben 1946, gilt als der überragende Wirtschaftswissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Seine Kritik des Versailler Friedensvertrags machte ihn 1920 mit einem Schlag berühmt. Mit seinen Schriften zu Inflation und Geldwertpolitik wurde er einer der Väter des modernen Weltwährungssystems. Joachim Kalka, geboren 1948, lebt als Autor, Kritiker und Übersetzer in Leipzig. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verlieh ihm für sein Übersetzungswerk den Johann-Heinrich-Voß-Preis und wählte ihn 1997 zum Mitglied. Bei Berenberg erschienen zahlreiche seiner Essaybände und Übersetzungen aus dem Englischen und Französischen.
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II. EUROPA VOR DEM KRIEG
Vor 1870 hatten sich bereits verschiedene Teile des kleinen europäischen Kontinents auf bestimmte Produkte spezialisiert, doch versorgten sich die Staaten Europas insgesamt weitgehend selbst. Und die Bevölkerungszahl verhielt sich dieser Sachlage entsprechend.
Nach 1870 entwickelte sich in großem Maßstab eine ganz neue Lage; der wirtschaftliche Zustand Europas wurde während des nächsten halben Jahrhunderts instabil und eigenartig. Der Einfluss der wachsenden Bevölkerung auf die Lebensmittelerzeugung, schon zuvor durch die Verfügbarkeit von Importen aus Amerika weitgehend ausgeglichen, kehrte sich zum ersten Mal in der Geschichte tendenziell um. Die Bevölkerungszahl wuchs immer mehr, und doch war es gleichzeitig leichter geworden, Nahrung für alle zu beschaffen. In der Landwirtschaft – nicht nur in der Industrie – führte eine erweiterte Produktion zu proportional höheren Erträgen. Mit dem Anwachsen der europäischen Bevölkerung gab es einerseits mehr Auswanderer, welche den Boden neuer Länder bestellten, andererseits standen in Europa mehr Arbeitskräfte zur Verfügung, um die Industrieerzeugnisse und Investitionsgüter zu produzieren, mit welchen die Auswandererbevölkerung in ihrer neuen Heimat versorgt wurde, und die Eisenbahnen und Schiffe zu bauen, welche Nahrungsmittel und Rohstoffe aus entlegenen Gebieten nach Europa holten. Bis etwa 1900 besaß eine bestimmte fixe Einheit industrieller Arbeitskraft Jahr um Jahr eine höhere Kaufkraft für Nahrungsmittel. Möglicherweise begann dieser Prozess sich um 1900 umzukehren; das Quantum dessen, was man für menschliche Arbeit von der Natur erhielt, mochte sinken. Doch die tendenzielle Erhöhung der Getreidepreise wurde durch andere vorteilhafte Verbesserungen aufgewogen; die Ressourcen des tropischen Afrika wurden – eine von vielen Neuerungen – zum ersten Mal umfangreich genutzt, und ein bedeutender Handel in Ölfrüchten brachte alte Grundnahrungsmittel der Menschheit in neuer und billiger Form auf den Tisch Europas. In diesem Eldorado der Wirtschaft, diesem ökonomischen Utopia (wie es den früheren Ökonomen erschienen wäre) sind die meisten von uns aufgewachsen.
Dieses glückliche Zeitalter verlor jene einstige Welt ganz aus dem Blick, welche seinerzeit die Begründer der Politischen Ökonomie mit tiefer Melancholie erfüllt hatte. Vor dem 18. Jahrhundert gab sich die Menschheit keinen falschen Hoffnungen hin. Und als gegen Ende dieses Zeitalters gewisse Illusionen entstehen wollten, wies Malthus auf einen unentrinnbaren Teufel hin. Das nächste Halbjahrhundert hindurch behielten alle ernst zu nehmenden ökonomischen Theoretiker diesen Teufel fest im Blick. Das wiederum nächste Halbjahrhundert jedoch fesselte und verbannte ihn. Jetzt haben wir ihm vielleicht wieder die Ketten abgenommen.
Was für eine außergewöhnliche Episode in der wirtschaftlichen Entwicklung der Menschheit war doch jenes Zeitalter, das im August 1914 an sein Ende kam! Der größte Teil der Bevölkerung musste zwar hart arbeiten und lebte bescheiden, war aber allem Anschein nach recht zufrieden mit seinem Schicksal. Doch war für jeden, dessen Begabung oder Charakter das Durchschnittsmaß überstieg, das Entfliehen in die Mittel- und Oberklasse möglich. Und diesen Schichten bot das Leben zu geringem Preis und ohne jede Mühe Bequemlichkeiten und Freuden, die weit über die Möglichkeiten der reichsten und mächtigsten Potentaten vergangener Zeitalter hinausgingen. Der Bewohner Londons konnte, während er morgens im Bett den Tee trank, telefonisch die diversen Produkte des ganzen Erdballs in gewünschtem Umfang bestellen und durfte erwarten, alles rasch ins Haus geliefert zu bekommen, er konnte gleichzeitig auf spekulative Abenteuer ausgehen und sein Vermögen in die Rohstoffe und neugegründeten Unternehmen aller Weltteile investieren und sich mühelos seinen Anteil an ihren voraussichtlichen Erträgen und Vorteilen sichern, oder er konnte seine Investitionen dem Finanzmarkt irgendeiner bedeutenden Stadt auf irgendeinem Kontinent anvertrauen, die ihm seine Phantasie oder Information empfahl. Er konnte, wenn er wollte, preiswert und komfortabel ohne Pass oder Formalitäten in jegliches Land und Klima reisen, konnte seinen Dienstboten in die nächste Bankfiliale schicken und ihn dort so viel an Gold- oder Silbermünzen holen lassen, wie opportun erschien, und konnte sich dann ohne irgendwelche Kenntnisse der lokalen Religion, der Sprache oder der Gebräuche an jeden beliebigen Ort begeben, versehen mit diesem gemünzten Geld, und wenn man ihn irgendwie behindert oder aufgehalten hätte, wäre er höchst empört gewesen. Doch das Wichtigste von allem war: Er hielt diesen Zustand für normal, sicher und dauerhaft, veränderlich höchstens im Sinne noch weiterer Verbesserungen, und jegliche Abweichung von diesem Standard erschien ihm pervers, skandalös und vermeidbar. Die Projekte und politischen Schachzüge des Militarismus und Imperialismus, die Rivalitäten von Rassen und Kulturen, die Monopole, Zölle und Beschränkungen, all das also, was die Schlange in diesem Paradiese abgeben sollte, das nahm er eigentlich nur wahr als das amüsante Auf und Ab der Meldungen in den Tageszeitungen, und es schien kaum einen Einfluss auf das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben zu haben, dessen Internationalisierung de facto nahezu vollständig war.
Es wird zur richtigen Einschätzung der Eigenschaften und Folgen jenes Friedens beitragen, den wir unseren Feinden aufgezwungen haben, wenn ich die Hauptelemente der Instabilität noch ein wenig erläutere, die schon bei Kriegsausbruch im Wirtschaftsleben Europas vorhanden waren.
1.
Bevölkerung
Im Jahre 1870 hatte Deutschland eine Bevölkerung von etwa 40 Millionen. 1892 hatte sich diese Zahl auf 50 Millionen erhöht, und am 30. Juni 1914 auf etwa 68 Millionen. In den Jahren unmittelbar vor dem Krieg betrug der Zuwachs etwa 850.000, wovon nur ein unbedeutender Teil auswanderte.1 Dieser große Zuwachs war nur durch eine weitreichende Umwandlung der Wirtschaftsstruktur des Landes möglich geworden. Deutschland verwandelte sich aus einem vorwiegend landwirtschaftlich orientierten, in der Hauptsache sich selbst versorgenden Land in eine große, komplexe Industriemaschine, deren gleichmäßiges Funktionieren von vielen Faktoren innerhalb seiner Grenzen wie außerhalb abhing. Nur durch die ununterbrochene Operation dieser Maschine mit voller Kraft konnte man Arbeit für die heimische Bevölkerung finden und die Mittel, die Nahrung für sie im Ausland zu kaufen. Die deutsche Maschine war wie ein Kreisel, der sich, um im Gleichgewicht zu bleiben, rascher und rascher drehen muss.
In der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie, deren Bevölkerung von etwa 40 Millionen im Jahre 1890 auf mindestens 50 Millionen bei Kriegsausbruch anwuchs, war dieselbe Tendenz zu bemerken, wenn auch nicht so stark ausgeprägt. Der jährliche Geburtenüberschuss lag bei etwa einer halben Million, doch wanderten etwa halb so viel Bewohner jedes Jahr aus.
Um die gegenwärtige Lage zu begreifen, müssen wir uns deutlich vor Augen führen, welch außerordentlicher Bevölkerungsschwerpunkt Zentraleuropa im Zeitalter des neuen deutschen Systems geworden war. Vor dem Krieg überstieg die Bevölkerung von Deutschland und Österreich-Ungarn zusammen nicht nur die der USA, sie entsprach etwa jener des gesamten nordamerikanischen Subkontinents. In dieser hohen Menschenzahl, die auf einem kompakten Gebiet vereint war, lag die militärische Stärke der Zentralmächte. Doch ebendiese Zahl – denn auch der Krieg hat sie nicht wesentlich verringert2 – stellt nun, wenn einer so großen Bevölkerung die Möglichkeit zur Lebensfristung fehlt, eine kaum geringere Gefahr für die europäische Ordnung dar.
Das europäische Russland hat seine Bevölkerung in sogar noch stärkerem Maße vermehrt als Deutschland – von weniger als 100 Millionen im Jahre 1890 auf etwa 150 Millionen bei Kriegsausbruch,3 und in der Zeit unmittelbar vor 1914 lag der Geburtenüberschuss dort jährlich bei der beachtlichen Zahl von 2 Millionen. Dieser riesige Zuwachs der russischen Bevölkerung, der in England kaum Aufmerksamkeit erregt hat, ist eine der bedeutsamsten Tatsachen der letzten Jahre.
Die großen Ereignisse der Geschichte gehen oft auf epochale Veränderungen im Bevölkerungswachstum und in anderen grundlegenden ökonomischen Faktoren zurück, auch wenn man sie – weil deren langsames Fortschreiten sich dem Blick der zeitgenössischen Beobachter entzieht – meist eher auf die Torheiten von Staatsmännern oder auch den Fanatismus von Atheisten zurückführt. So könnten die außerordentlichen Ereignisse der letzten zwei Jahre in Russland, diese tiefgreifende Umwälzung der Gesellschaft, welche auch das scheinbar Stabilste gestürzt hat (die Religion,...




