E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Khalifa Memoiren einer unrealistischen Frau
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30691-2
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-293-30691-2
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sahar Khalifa, geboren 1941 in Nablus, Palästina, ging mit achtzehn Jahren eine traditionelle Ehe ein, die dreizehn Jahre dauerte. Nach der Scheidung begann sie sich verstärkt dem Schreiben zu widmen, studierte in den USA und arbeitete als Dozentin an der Universität Bir Zeit. In Nablus gründete sie ein palästinensisches Frauenzentrum, das sie neben ihrer schriftstellerischen Arbeit leitet. Sie lebt in Nablus und Amman.
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1
Mit den Dingen verbinden mich Geschichten. Für mich existiert keine Trennungslinie zwischen Menschen, Tieren, Pflanzen und Gegenständen. Sie sind in meinen Augen alle Dinge. Auch die Menschen sind Dinge? Gott bewahre! Aber Dinge sind Menschen. Für mich leben die Dinge in ihrer eigenen Welt und die Menschen ebenso in einer eigenen Welt. Die Welt der Menschen und die der Katzen, die Welt der Äpfel, die der Geschichten und der Lieder. Lauter eigene Welten. Ich behandle die Dinge mit einer Zärtlichkeit, die fast schon kindisch ist. Gehe ich mit ihnen freundschaftlich um, erwidern sie meine Gefühle. Ganz anders die Menschen. Nähere ich mich ihnen, fügen sie mir Leid zu. Doch war es nicht meine Schuld. Ich wurde so geboren, nein, vielmehr wurde ich zu dem geformt. Ein Mädchen zu sein, das erkannte ich, ist ein Unglück. Das Männliche bäumte sich vor mir auf, eingehüllt in ein königliches Gewand. Ich begriff, dass Liebe Schande ist, deshalb bedeutete mir das Männliche den kürzesten Weg ins Grab. Auch verstand ich, dass es Hochachtung ohne Folgsamkeit und Gehorsam nicht gibt. Ich gehorchte, bis ich es leid war. Ich explodierte. Ich drückte das Wörterbuch an mich. Ich fand »Anbar«, verbarg sie an meiner Brust und versteckte mich mit ihr.
Mit dem Apfel verbindet mich eine Geschichte. Mein Vater hielt mich an der Hand, während wir durch die Straßen gingen. Ich sah Männer mit Hüten und Ziegenbärten, hohe Gebäude und Läden, voll mit bunten Dingen, die den Blick einfingen. Ich war ein Kind von der Größe einer Katze und hatte Phosphoraugen. Zum ersten Mal erblickte ich Frauen mit ärmellosen Kleidern. Wir befanden uns in Jaffa. Die Stadt war immer noch eine besondere Stadt. Wir kamen an einem Apfelverkäufer vorbei, der die Äpfel auf seinem Wagen zu einer Pyramide aufgetürmt hatte. Wie immer war ich hin und weg. Ich blieb wie angewurzelt stehen und ging keinen Schritt weiter. Mir wurde ein Apfel, riesig wie ein Ballon, ausgesucht. Er war rot und glänzte wie ein Rubin. Obwohl mein Vater drängte, aß ich ihn nicht. Als er sah, wie ich den Apfel in den blendenden Sonnenstrahlen drehte und wendete, lachte er. Er holte ein Taschentuch hervor, polierte den Apfel, sodass er noch stärker glänzte und meine Begeisterung zunahm. Mal rieb ich ihn an der Brust, mal betrachtete ich ihn, hüpfend, in der Sonne. Ich war so sehr mit dem Apfel beschäftigt, dass ich mich selbst vergaß. Ich schwieg und sah nichts außer meinem Apfel. Mein Vater summte beim Autofahren. Denn trotz seiner respektablen Stellung liebte er es zu summen. Ich bewegte meinen Kopf im Takt dazu, während mein Blick wie gebannt an der roten Farbe hing. Ich rieb ihn, und er glänzte; ich betrachtete ihn lächelnd, und mein Vater lächelte. Da ich noch klein war, lächelte mein Vater nur und sagte: »Iss ihn!« Aber ich drückte ihn an meine Brust, und er erwiderte meine Berührung. Der Apfel war kein Apfel, er war ein lebendiges Wesen. Wäre sein Name nicht Apfel, hätte ich ihn Samira oder Amira genannt.
Als wir zu Hause ankamen, versammelten sich die Kinder um mich und schrien: »Ein Apfel, ein Apfel!« Ich erschrak. Ich umklammerte ihn, und mir war, als würde mir die Seele aus dem Leib gerissen. Sie versuchten, mir den Apfel zu entwinden, doch kämpfte ich um ihn. Ich hörte, wie meine Mutter meinen Vater nach dem Arztbesuch fragte. Ich wünschte mir so sehr, er würde sagen, ich sei krank und müsse bald sterben. Vielleicht ließen sie dann den Apfel in Ruhe. Um mich waren nur noch Kindergeschrei und der Apfel.
Meine Mutter tadelte den Vater auf sanfte Weise. Er erwiderte, die Stadt sei voll von Äpfeln, und ich sei nicht krank. Sie versuchten, mir den Apfel zu nehmen. Ich rollte mich um ihn und wurde zu seiner menschlichen Hülle. Schließlich trennte meine Mutter mich doch von dem Apfel. Ich hängte mich an sie, weinte, schimpfte. Sie schlug mich. Aber ich hängte mich nur noch fester an sie. Ich fühlte, wie meine Haut brannte, als die Kinder »Ein Apfel, ein Apfel!« schrien. Sie hatten mir den Apfel entrissen, und ich wurde gewahr, wie ein gewaltiges Messer den Apfel schlachtete und ihn in Stücke zerteilte. Als ich sah, wie meine Mutter die rote Schale abzog, stellte ich mir sein Blut vor und fürchtete mich; ich hasste. Ich vergoß Tränen um ihn. Der Apfel hatte gelebt, und jetzt war er tot. Ich hatte ihn und er mich geliebt. Ich hatte ihn an meine Brust gedrückt und er sich an mich geschmiegt. Er war von mir, von meiner Welt. Und da war die Mutter; sie hielt mir ein geschältes Stück hin, das auf einem Messer aufgespießt war. Ich sollte das Fleisch des Apfels essen! Ich warf mich auf den Boden und stellte mich tot; sie glaubten mir nicht. Ein Verwandter fragte, was mit mir sei, näherte sich mir und hätschelte mich, denn ich war noch klein. Er fragte nach dem Grund meines Todes, sie antworteten: »Der Apfel!«
Er wandte sich an mich, obwohl ich tot war: »Stimmt es, dass du so gierig bist und den Apfel allein essen willst?«
Ich erwachte plötzlich aus dem Tod und schrie: »Ich, den Apfel essen? Wie könnte ich je den Apfel essen?«
Als sie in Gelächter ausbrachen, explodierte ich. Meine Kehle war zugeschnürt, und ich schlug meinen Kopf auf den Boden, dass es widerhallte. Unaufhörlich brüllte ich: »Dieser Apfel ist anders, anders!«
Während ich den Kopf auf den Boden schlug, äfften sie mich fortwährend nach: »Dieser Apfel ist anders, dieser Apfel ist anders!«
Auch meine Katze ist anders. Sie liebt mich, hört mir zu und erzählt mir Geschichten. Geschichten für Kleine, Geschichten für Große und die Geschichte, die mich mit dieser Welt verbindet. Ich fand sie auf einem Müllhaufen. Ich nahm sie mit, putzte sie und machte aus ihr einen Menschen. Dann sagte ich zu ihr: »O meine Katze, meine Katze! Ich nenne dich Anbar!«
Sie sagte: »Miau!«
Sofort verstand ich: »Miau« bedeutete »Ja«. Prüfend sagte ich: »O meine Katze, meine Katze, wenn du mich ärgerst, werfe ich dich aus dem Fenster.«
Sie sagte: »Miau!«
Sofort übersetzte ich »Miau«: Es war ein »Nein«.
Ich freute mich, lachte, und Anbar lachte auch. Wir waren sehr glücklich miteinander. Anbar hatte Afaf, Afaf aber Anbar gefunden. Als Afaf jedoch verloren ging, fand ich Anbar.
Eine wunderschöne Katze. Sie hat weißes, geflecktes, buschiges Fell. Ihr Gesicht ist eine Jasminblüte, und ihre Ohren sind zwei Blüten Arabischen Jasmins. Ihre Nase ist eine Hyazinthe und ihr Schwanz ein Federbündel. Sie reizte ihn. Sie durchschaute seine List, was ihn wütend machte. Immer wieder verpasste er ihr einen Fußtritt, sodass sie gegen die Badezimmerwand prallte. Dann hörte ich ein unterdrücktes Wimmern, das von einem Häufchen Fell und Knochen herrührte. Heimlich weinte ich, und wenn er nicht aufpasste, nahm ich sie auf den Schoß. Ich flüsterte: »Hat er dich geschlagen?«
»Miau!«
»Hat dich das Tier geschlagen?«
»Miau!«
»Mich schlägt er auch!« Und ich grub mein Gesicht in ihr Fell und weinte noch mehr.
Er wollte sie unbedingt loswerden, dennoch ließ ich mich nicht abbringen. Wie gewöhnlich sagte er, wobei der Whisky seine Stimme beeinträchtigte: »Du bist verrückt!« Ich antwortete nicht, hielt Anbar auf dem Schoß, und meine Augen waren auf den Fernseher geheftet. Darin sang eine Frau: »Wer geliebte Menschen hat in seinem Land.« An dieser Stelle begann die Spirale sich einzubohren, als dringe eine brennende Pfeilspitze in meine Brust, grabe sich hinein und bleibe zwischen meinen Rippen stecken. »Wer geliebte Menschen hat in seinem Land, hat geliebte Menschen in seinem Land.« Meine Tränen begannen still zu rinnen, die Katze richtete ihre Ohren auf. Ich nahm sie und ging ins Badezimmer.
Ich fürchtete mich, vor Leuten zu weinen. Dennoch tat ich es. Ich weinte vor ihnen, weil meine Tränen schneller waren als ich. Sie entrannen mir, bevor ich entrinnen konnte. Meine Tränen rannen, sie fielen nicht tropfenweise, sondern flossen wie ein reißender Strom. Es bildete sich eine heiße Linie, die sich von den Augen hinab zum Kinn entlangzog. Eins habe ich mir während meiner Gefängnisjahre angeeignet, nämlich mein Schluchzen zurückzuhalten, bis ich das Badezimmer erreichte. Dies lehrte mich nicht die Scham, sondern die Angst. Ich hatte Angst davor, »Verrückte« genannt zu werden. Trotzdem behielt ich Anbar. Denn Anbar war kein Apfel.
Anbar war zugleich meine Katze, mein Kind und meine Großmutter, wenn sie Geschichten erzählte. Seit meiner Kindheit bin ich in die Geschichten vernarrt. Wir nannten sie »Geschichtchen«. An Wintertagen sammelten wir uns um den Ofen, auf dem wir Käse brieten, sodass sich im Haus ein warmer satter Duft verbreitete. Wir wärmten das Brot auf der Glut, bis es sich rötete. Manchmal vergaßen wir es auf dem Feuer, dann verkohlte es, und das Haus füllte sich mit Rauch. Aber wir lauschten nur der Geschichte von Hasan, dem Tüchtigen, der nächtlichen Siham und den drei Rosen. Von den Rosen war jede eine schöne Frau, so schön, dass sie einen blendete wie das Sonnenlicht. Deshalb bedeckten die Leute beim Vorübergehen ihre Augen. Nur Hasan, der Tüchtige, bedeckte seine Augen nicht, und sein Herz wurde getroffen. Plötzlich verstummte die warme Stimme meiner Großmutter, und die Wolke, auf der wir schwebten, erzitterte.
Wir baten sie, fast schon schmerzerfüllt flehten wir sie an: »In Gottes Namen, Oma, bitte!« Darauf sagte sie: »Habt Geduld, meine Kehle ist ganz trocken!« Eine von uns beeilte sich,...




