E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Khider Die Orangen des Präsidenten
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-96054-113-4
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-96054-113-4
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren. 1996 floh er nach einer Verurteilung aufgrund 'politischer Gründe' und nach einer zweijährigen Gefängnisstrafe aus dem Irak. Von 1996 bis 1999 hielt er sich als illegaler Flüchtling verschiedenen Ländern auf, seit 2000 lebt er in Deutschland. Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft in München und Potsdam. Lyrik in verschiedenen Publikationen. Khiders Debütroman 'Der falsche Inder' wurde mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet. 2011 folgte der Roman 'Die Orangen des Präsidenten'. Khider erhielt im selben Jahr ein sechsmonatiges Arbeitsstipendium der Robert-Bosch-Stiftung sowie ein dreimonatiges Arbeitsstipendium der Villa Aurora in Los Angeles, USA. 2013 ist er Stipendiat im Künstlerhaus Edenkoben und hat außerdem die Poetik-Dozentur der Universität Landau inne. Abbas Khider erhält 2013 den Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil, eine Auszeichnung, die nur alle drei Jahre vergeben wird. In der Begründung der Jury heißt es: 'Wie schon in seinem autobiografisch inspirierten Gefängnis- und Taubenzüchter-Epos 'Die Orangen des Präsidenten' erweist sich Abbas Khider als ein ebenso lakonischer wie heiterer Chronist, als Meister der Situationskomik und geborener Erzähler.' Abbas Khider lebt in Berlin.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Erstes Kapitel
Untersuchungshaft
1989
Ein Haufen uniformierter, bewaffneter Männer und ein paar in Zivil Gekleidete kreisten Ali, seine beiden Freunde und mich ein, richteten ihre Waffen auf uns und brüllten: »Polizei!« Einer der Zivilen stand direkt vor mir und schlug mir völlig unerwartet mit seiner Pistole auf den Kopf, sodass sich die Erde wie ein Karussell um mich herum drehte. Ich schwankte. Der Mann umklammerte meinen Oberkörper, drückte mich nieder und presste mir ein Knie gegen den Hals. »Keine Bewegung!« Schließlich drehte er mir die Hände auf den Rücken und legte mir Handschellen an.
Völlig überrumpelt lag ich auf dem Boden. Der Zivile steckte seine Hand in meine Tasche und holte meinen Geldbeutel heraus. Dann half er mir, mich aufzurappeln und begleitete mich zu einem Auto, das neben ein paar anderen hinter der Treppe des Tempelturms geparkt war.
Der Mann am Steuer fuhr scharf an, und das losrasende Auto zog eine dichte Staubwolke hinter sich her. Ich drehte mich um und sah sechs oder sieben Autos hinter uns. Ein Uniformierter saß neben mir auf dem Rücksitz. Der andere steuerte das Auto, und der Zivile saß neben ihm.
»Darf ich fragen, was los ist?«, fragte ich.
Der neben mir drückte mit der Hand meinen Kopf nieder, schimpfte grob »Halt’s Maul!« und verband meine Augen mit einem Tuch.
Die Welt war ausgeknipst. Pulsierende Wellen in meinen Augenhöhlen. Ein komisches Gefühl, gefesselt zu sein. Polizei? Wieso?
Die Polizisten schalteten Musik ein. Die sanfte Stimme der libanesischen Sängerin Fairuz drang an mein Ohr: »Ich liebe dich im Sommer. Ich liebe dich im Winter …«
Draußen tobte der übliche Nachmittagslärm der Stadt, der sich mit menschlichen Stimmen vermischte, sobald das Auto irgendwo anhielt. Kurze Zeit später vernahm ich das Geräusch eines starken Windes, der heftig an das Autofenster schlug. Nach einer Weile war nichts mehr zu hören außer der Musik. Das Auto rollte einige Minuten lang sehr langsam und blieb dann unvermittelt stehen.
Ich hörte, wie die Wagentüren aufgerissen wurden, und die Schritte der Polizisten, die ausgestiegen waren. Einer griff nach meinem Arm: »Beweg dich!«, schnarrte er. Ich stieg aus und hörte die vielen Schritte um mich herum, das stärker gewordene Klopfen meines Herzens. Wir marschierten los. Nach ungefähr dreihundert Metern das Knarren einer Tür. Noch einige Schritte. Dann durfte ich mich auf einen Stuhl setzen. Die Schritte entfernten sich. Ich hörte gar nichts mehr.
Es war kalt. Seltsame Geräusche nebenan. Sie näherten sich. Ein flüsterndes Pfeifen in meinen Ohren. Es kam näher und entfernte sich wieder. Dann nichts mehr. Stille. Wieder ein Pfeifen. Ob hier einer mit mir spielte? Stille.
Fragen schwirrten durch meinen Kopf. Was ist los, verdammt noch mal?! Warum? Ich konnte mich nicht konzentrieren. Mich an nichts Konkretes erinnern. Ich fühlte aber die Angst in mir, die wie Sandkörner in meinem leeren Inneren durcheinanderwirbelte. Ich wusste nicht genau, wie lange ich dasaß. Fünf Minuten oder eine Viertelstunde? Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit.
Plötzlich ein Krach. Eine Tür war zugeschlagen worden. Dann eine andere Tür, näher als die erste. Schritte näherten sich. Einer legte die Hand auf meine Schulter. »Steh auf!« Ich ging einige wenige Schritte. Der Bewacher klopfte an eine Tür. »Komm rein!«, sagte einer. Wieder einige Schritte. Der Begleiter salutierte: »Zu Befehl!« Dann flüsterte er mir ins Ohr: »Setz dich!«
Noch einige Sekunden Lautlosigkeit. Dann hörte ich leise Geräusche. Irgendjemand blätterte vermutlich in einem Buch oder in einer Zeitung. Nach mehr als einer Minute ertönte eine sehr harte, kräftige Stimme: »Bist du Mahdi Muhsin?«
»Ja. Mit wem spreche ich?«
»Antworte auf die Frage! Bist du es?«
»Ja. Bin ich.«
»Wie alt bist du?«
»Achtzehn.«
»Beruf?«
»Schüler.«
»Wie heißt dein Vater?«
»Muhsin Hussein.«
»Der Beruf deines Vaters?«
»Geografielehrer.«
»Und wie heißt die Mutter?«
»Haiat Mozan.«
»Wo leben deine Eltern?«
»Sie sind tot.«
»Wo bist du geboren?«
»In Babylon. Hilla.«
»Seit wann wohnst du in Nasrijah?«
»Über ein Jahr.«
»Bei wem?«
»Bei meinem Onkel.«
»Habt ihr in der Familie einen, der im Gefängnis war?«
»Nein.«
»Also, ich rate dir etwas. Es gibt eine Redewendung: ‹Die Rettung liegt in der Ehrlichkeit.› Wenn du ehrlich bist, bist du gerettet.« Die Stimme näherte sich meinem Gesicht. Ich bemerkte den Gestank von Rauch. »Junge! Wenn du lügst, dann werde ich dir das Leben zur Hölle machen.«
»Ich sag Ihnen alles, was Sie wollen.«
»Ich will aber nicht, dass du uns sagst, was wir wollen, sondern nur die Wahrheit. Mehr will ich von dir nicht hören.«
Der Mann schwieg eine Weile. Dann fragte er: »Möchtest du Tee, Kaffee oder Wasser?«
»Wasser, bitte.«
Mir wurden die Handschellen geöffnet und das Tuch abgenommen. Das grelle Licht der Glühbirne blendete mich. Ich sah einen großen Raum. Ohne Fenster. Weiße Wände. Dann erkannte ich einen etwa fünfzigjährigen Mann, der mir gegenübersaß. Weiße Haut, graue Haare und ein schwarzer Anzug. Zwischen uns nur ein weißer Tisch. Darauf ein großer blauer Ordner, in dem der Grauhaarige ruhig blätterte. Außerdem noch eine Flasche Wasser und zwei Gläser. Hinter dem Grauhaarigen hing ein Bild des Präsidenten mit Zigarre an der Wand. Daneben ein Bild, auf dem dieser Grauhaarige und der Präsident nebeneinanderstanden und direkt in die Kamera schauten, mit geheimnisvollem, ernstem Lächeln. Rechts neben dem Bild ein weißer, geschlossener Schrank. An der linken Seite die Nationalflagge. Ich drehte den Kopf nach hinten und sah vier weitere Männer auf Stühlen neben der Tür, die ebenfalls schwarze Anzüge trugen und mich mit durchdringenden Augen musterten. Daneben standen zwei Uniformierte, die Augen geradeaus gerichtet. Ein weiterer Uniformierter, dessen Gesicht ich nicht sehen konnte, stand hinter mir. Als ich mich umdrehte, schlug er mir mit der Hand auf den Kopf und drehte ihn mir nach vorne. Der Grauhaarige klappte den Ordner zu, schüttete Wasser ins Glas und stellte es vor mir auf den Tisch.
»Nun, erzähl!«
»Was?«
»Alles, was du weißt.«
»Was wollen Sie wissen? Ich kann Ihnen alles sagen, was Sie wollen. Aber was?«
»Wer ist dein Führer? Und wer war mit dir in eurer Organisation? Was sind eure Ziele?«, fragte der Grauhaarige.
»Welche Organisation?«
Wieder ein Schlag von hinten. Der Grauhaarige gab mit der Hand ein Zeichen, dass der Uniformierte gehen solle. Er öffnete den Ordner, blätterte noch einmal darin, schaute mir ins Gesicht und grinste. »Du hast gesagt, du bist bereit, uns alles zu sagen.«
»Ja, hab ich gesagt, aber Sie wollen die Wahrheit. Ich bin niemals in irgendeiner Organisation gewesen.«
»Ach so, und das Auto? Ali und die anderen?«
»Ich kenne nur Ali.«
»Und du arbeitest mit ihm?«
»Nein. Ich schwöre es. Wir sind nur Nachbarn und in derselben Klasse.«
»Und das Auto?«
»Es gehört seinem Freund.«
»Wem?«
»Ich kenne ihn nicht. Wir haben heute die letzte Abiturprüfung gehabt. Und Ali wollte das mit mir feiern. Deswegen hat Ali das Auto von seinem Freund ausgeliehen. Mehr nicht.«
»Und du willst, dass ich das glaube?«
»Ja.«
Der Grauhaarige schaute mir ins Gesicht. Seine tiefschwarzen Augen glänzten merkwürdig. »Ich gehe jetzt und kehre in ein paar Minuten zurück. Überlege es dir gut!«
Er stand auf. Alle Anwesenden salutierten. Er schritt langsam durch den Raum. Ein kleiner Mann mit großem Bauch. Er öffnete die Tür und verschwand.
Schweigen.
Ich überlegte, wie ich mich verhalten sollte. Was für eine Scheiße! Ich verfluche dich, Ali!...




