Khorchide | Ohne Judentum kein Islam | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Khorchide Ohne Judentum kein Islam

Die verleugnete Quelle
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-451-83864-4
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die verleugnete Quelle

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ISBN: 978-3-451-83864-4
Verlag: Verlag Herder
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Spätestens mit dem 7. Oktober wurde deutlich, wie verbreitet der Antisemitismus unter Muslimen weltweit, aber auch in Deutschland ist. Der muslimische Theologe Mouhanad Khorchide geht in seinem neuen Buch u.a. den Fragen nach, warum der Antisemitismus unter Muslimen so viel Anklang findet, welche koranischen und theologischen Quellen als Grundlage des muslimischen Antisemitismus dienen, welche Allianzen ein radikalisierter islamischer Antisemitismus eingeht. Doch Khorchide bleibt nicht bei dieser Bestandsaufnahme stehen. Er versteht das Judentum als Grundlage des Islams und legt dar, wie das Judentum von Beginn an dem Propheten Mohammed als Grundlage und Legitimation für seine Verkündigung diente.

Mouhanad Khorchide, Prof. Dr., geb. 1971, in Beirut, aufgewachsen in Saudi-Arabien, studierte Islamische Theologie und Soziologie in Beirut und Wien. Seit 2010 Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster und dort inzwischen auch Leiter des Zentrums für Islamische Theologie. Khorchide studierte in Beirut Islamische Theologie und in Wien Soziologie, wo er mit einer Studie über islamische Religionslehrer promovierte. Er hat zudem als Imam und Religionslehrer gearbeitet. Seit 2011 ist er Koordinator des Graduiertenkollegs Islamische Theologie der Stiftung Mercator und seit 2013 Principle Investigator des Exzellenzclusters »Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und Moderne« an der Universität Münster.
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II. Muslime und das antisemitische Problem – ein empirischer Befund


Einer aktuellen Erhebung der Jewish Agency for Israel zufolge beläuft sich die Zahl der weltweit lebenden Angehörigen des jüdischen Glaubens auf 15,2 Millionen. Etwa 27 000 von ihnen leben in mehrheitlich muslimisch geprägten Ländern, wobei mehr als die Hälfte davon – rund 14 500 – in der Türkei ansässig ist.3 Zugleich zeigt ein Vergleich der Anti-Defamation-League-Studien von 2014 und 2024 eine dramatische weltweite Zunahme antisemitischer Einstellungen. Die Anti-Defamation League (ADL), eine international tätige Organisation zur Bekämpfung von Antisemitismus und Hass, führt seit 2014 unter dem Titel Global 100 umfassende und repräsentative Umfragen durch. Dabei werden in über 100 Ländern zehntausende Erwachsene befragt – 2014 waren es über 53 000 Personen in 102 Ländern, die zusammen rund 88 Prozent der Weltbevölkerung abbilden. Ziel ist es, das Ausmaß antisemitischer Vorurteile weltweit vergleichbar zu machen.

Die Ergebnisse sind alarmierend: 2014 gaben 26 Prozent der Befragten an, antisemitische Einstellungen zu teilen – das entsprach etwa 1,09 Milliarden Menschen. In der aktuellen Erhebung von 2024 stieg dieser Anteil auf 46 Prozent an, was bedeutet, dass sich die Zahl der Menschen mit judenfeindlichen Ansichten in nur zehn Jahren nahezu verdoppelt hat. Diese Entwicklung macht deutlich, dass Antisemitismus nicht nur fortbesteht, sondern weltweit auf dem Vormarsch ist – quer durch Gesellschaften, Kulturen und politische Systeme.4

Die empirischen Befunde lassen keinen Zweifel daran, dass antisemitische Einstellungen auch unter Musliminnen und Muslimen – in Deutschland wie international – in signifikantem Maße verbreitet sind. Diese Tatsache darf jedoch nicht isoliert oder monokausal interpretiert werden. Vielmehr ist sie in die komplexen Verflechtungen gesellschaftlicher, religiöser und politischer Dynamiken einzuordnen. Die fehlende klare Trennlinie zwischen Antisemitismus und Antizionismus, die Eskalation des Nahostkonflikts infolge der Zweiten Intifada im Jahr 2001 sowie die zunehmend polarisierende Debatte um die Politik des Staates Israel – insbesondere seit dem Terroranschlag der Hamas am 7. Oktober 2023 und den darauf folgenden militärischen Reaktionen Israels – begünstigen die Verbreitung judenfeindlicher Einstellungen. Diese Entwicklungen markieren zugleich prägende Zäsuren innerhalb des globalen antisemitischen Diskurses.5 Ein verantwortungsvoller Umgang mit dieser Problematik erfordert daher eine sensible Balance: zwischen kritischer Analyse, theologischer Reflexion, pädagogischer Aufklärung und einem ernst gemeinten interreligiösen Dialog.

Auch wenn die empirischen Untersuchungen deutliche Hinweise darauf liefern, dass antisemitische Einstellungen in vielen mehrheitlich muslimischen Ländern weit verbreitet sind, variieren Ausmaß, Ursachen und Ausdrucksformen in Abhängigkeit vom jeweiligen regionalen, politischen und historischen Kontext jedoch erheblich. Besonders aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang die Erhebungen des Pew Research Center sowie die internationalen Studien der Anti-Defamation League, die repräsentative Daten zu antisemitischen Haltungen in unterschiedlichen Ländern bereitstellen.

Die vom Pew Research Center durchgeführte Umfrage zu Einstellungen gegenüber verschiedenen Bevölkerungsgruppen hat ergeben, dass die Bevölkerung nahezu aller mehrheitlich muslimischen Länder eine negative Haltung gegenüber Juden einnimmt. Diese Studie, die Mitte 2009 in 25 Ländern stattfand, ergab, dass 98 Prozent der Libanesen, 97 Prozent der Jordanier und Palästinenser sowie 95 Prozent der Ägypter eine ungünstige Meinung über Jüdinnen und Juden haben. Dagegen äußerten sich nur 35 Prozent der arabischen Israelis in diesem Sinne. In der Türkei stieg der Anteil negativer Einstellungen gegenüber Juden von 32 Prozent im Jahr 2004 auf 73 Prozent im Jahr 2009. Auch in den überwiegend muslimischen Ländern Asiens waren antisemitische Einstellungen weit verbreitet. In Pakistan äußerten 78 Prozent der Befragten eine negative Meinung, in Indonesien – dem bevölkerungsreichsten muslimischen Land der Welt – 74 Prozent. In Nigeria war das Meinungsbild insgesamt gemischt, jedoch stark entlang religiöser Linien gespalten: 60 Prozent der nigerianischen Muslime hatten eine ungünstige Haltung gegenüber Jüdinnen und Juden, verglichen mit nur 28 Prozent der Christen im Land. Insgesamt erhielten Christen etwas positivere Bewertungen als Juden, obwohl auch gegenüber Christen in vielen mehrheitlich muslimischen Ländern beträchtliche Vorbehalte geäußert wurden. Besonders deutlich war dies in der Türkei, wo über zwei Drittel der Befragten eine negative Meinung über Christen äußerten.6

Bei der oben erwähnten weltweiten Umfrage der Anti-Defamation League zu antisemitischen Einstellungen aus dem Jahr 2014 wurden, wie schon gesagt, mehr als 53 000 Menschen in 102 Ländern und Territorien befragt.7 Rund 70 Prozent der antisemitisch eingestuften Personen gaben an, nie einen Juden persönlich getroffen zu haben. Insgesamt sagten 74 Prozent aller Befragten, sie seien noch nie einem Juden begegnet.8 Die antisemitischsten Regionen der Welt sind der Nahe Osten und Nordafrika mit 74 Prozent antisemitischen Einstellungen. An zweiter Stelle liegt Osteuropa mit 34 Prozent. Am wenigsten antisemitisch ist Ozeanien (Australien und Neuseeland) mit 14 Prozent. Die drei Länder außerhalb des Nahen Ostens mit den höchsten antisemitischen Werten sind: Griechenland (69 Prozent), Malaysia (61 Prozent) und Armenien (58 Prozent). Etwa 49 Prozent der Muslime weltweit vertreten antisemitische Ansichten – im Vergleich zu 24 Prozent der Christen. Das Westjordanland und der Gazastreifen waren mit 93 Prozent antisemitischer Einstellungen die antisemitischsten Gebiete der Erhebung. Das arabische Land mit dem niedrigsten Wert war Marokko (80 Prozent), das am wenigsten antisemitische Land im Nahen Osten war Iran mit 56 Prozent. 34 Prozent aller Befragten über 65 Jahre wurden als antisemitisch eingestuft, verglichen mit 25 Prozent der unter 65-Jährigen. Männer zeigten sich etwas antisemitischer als Frauen.9

Diese Studie bewertete antisemitische Einstellungen anhand von elf Aussagen, mit denen klassische antijüdische Vorurteile getestet wurden. Die Aussagen lauteten u. a.:

  • Juden reden zu viel über den Holocaust.
  • Juden sind gegenüber Israel loyaler als gegenüber ihren eigenen Ländern.
  • Juden halten sich für etwas Besseres.
  • Juden haben zu viel Macht auf den internationalen Finanzmärkten.
  • Juden kontrollieren zu stark die globale Politik, die Medien oder die US-Regierung.
  • Juden sind für die meisten Kriege verantwortlich.
  • Juden kümmern sich nur um sich selbst.

Personen, die der Mehrheit dieser Aussagen mit „wahrscheinlich wahr“ zustimmten, wurden als antisemitisch eingestuft.

Außerhalb des Nahen Ostens lag die positive Bewertung Israels bei 37 Prozent, die negative bei 26 Prozent. Im Nahen Osten lag die negative Bewertung bei 84 Prozent. Die einzige andere Region mit mehr negativer als positiver Bewertung war Asien: 30 Prozent negativ, 26 Prozent positiv. Nach den Palästinensergebieten waren die antisemitischsten Länder: Irak (92 Prozent); Jemen (88 Prozent); Algerien und Libyen (je 87 Prozent); Tunesien (86 Prozent); Kuwait (82 Prozent); Bahrain und Jordanien (je 81 Prozent).10

Bis 2015 Nationaldirektor der Anti-Defamation League und Hauptverantwortlicher für die Studie Abraham Foxman, selbst Holocaust-Überlebender, merkte an:

„Unsere Ergebnisse sind ernüchternd, aber leider nicht überraschend. Die Daten zeigen deutlich, dass klassische antisemitische Klischees nationale, kulturelle, religiöse und wirtschaftliche Grenzen überschreiten. Es ist sehr offensichtlich, dass der Nahostkonflikt in Bezug auf Antisemitismus eine Rolle spielt. Aber es ist nicht klar, ob er Ursache oder Vorwand für Antisemitismus ist – es gibt derzeit keine statistischen Daten, die eine Kausalität belegen.“11

Im Jahr 2024, zum zehnjährigen Jubiläum der ursprünglichen Studie, führte die Anti-Defamation League in Zusammenarbeit mit dem Markt- und Meinungsforschungsinstitut Ipsos eine aktualisierte Version der Umfrage durch. Die Datenerhebung fand zwischen dem 23. Juli und dem 13. November 2024 statt. Die Ergebnisse dieser aktualisierten Studie wurden im Januar 2025 veröffentlicht. Dabei wurden über 58 000 Erwachsene in 103 Ländern und Territorien befragt.12

Diese aktualisierte Studie von 2024 zeigt deutlich, dass antisemitische Einstellungen in arabischen und mehrheitlich muslimischen Ländern nach wie vor besonders stark verbreitet sind. Die palästinensisch kontrollierten Gebiete in Judäa und Samaria sowie im Gazastreifen liegen mit einem Indexwert von 97 Prozent an der Spitze – gemeinsam mit Kuwait (97 Prozent) und Indonesien (96 Prozent) zählen sie zu den antisemitischsten Bevölkerungen weltweit. Die niedrigsten Indexwerte wurden in Schweden (5 Prozent), Norwegen (8 Prozent), Kanada (8 Prozent) und den Niederlanden (8 Prozent) gemessen. Das mag überraschen, da Norwegen im vergangenen Jahr die...


Khorchide, Mouhanad
Mouhanad Khorchide, Prof. Dr., geb. 1971, in Beirut, aufgewachsen in Saudi-Arabien, studierte Islamische Theologie und Soziologie in Beirut und Wien. Seit 2010 Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster und dort inzwischen auch Leiter des Zentrums für Islamische Theologie. Khorchide studierte in Beirut Islamische Theologie und in Wien Soziologie, wo er mit einer Studie über islamische Religionslehrer promovierte. Er hat zudem als Imam und Religionslehrer gearbeitet. Seit 2011 ist er Koordinator des Graduiertenkollegs Islamische Theologie der Stiftung Mercator und seit 2013 Principle Investigator des Exzellenzclusters »Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und Moderne« an der Universität Münster.

Mouhanad Khorchide, Prof. Dr., geb. 1971, in Beirut, aufgewachsen in Saudi-Arabien, studierte Islamische Theologie und Soziologie in Beirut und Wien. Seit 2010 Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster und dort inzwischen auch Leiter des Zentrums für Islamische Theologie. Khorchide studierte in Beirut Islamische Theologie und in Wien Soziologie, wo er mit einer Studie über islamische Religionslehrer promovierte. Er hat zudem als Imam und Religionslehrer gearbeitet. Seit 2011 ist er Koordinator des Graduiertenkollegs Islamische Theologie der Stiftung Mercator und seit 2013 Principle Investigator des Exzellenzclusters »Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und Moderne« an der Universität Münster.



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