E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Khorram Darius der Große fühlt sich klein
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-95762-273-0
Verlag: Lago
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Queerer Jugendbuch-Bestseller über einen amerikanisch-iranischen Teenager
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-95762-273-0
Verlag: Lago
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Adib Khorram lebt in Kansas City, Missouri. Wenn er gerade nicht schreibt (oder seinem Tagesjob als Grafikdesigner nachgeht), versucht er, seinen Schwimmrekord zu brechen, zu lernen, wie man einen Lutz springt, oder er macht sich einfach eine Tasse Oolong-Tee.
Autoren/Hrsg.
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DER BEMERKENSWERTE PICARD-HALBMOND
Was auch immer langweilige Hobbits wie Fatty Bolger vielleicht dachten: Ich ging nicht nach Hause und aß Falafel zum Abendessen.
Zunächst einmal sind Falafel kein typisch persisches Gericht. Ihre mysteriöse Herkunft verliert sich irgendwann in einem früheren Zeitalter dieser Welt. Aber ob sie aus Ägypten oder Israel oder von ganz woanders herstammten, eines ist sicher: Falafel sind nicht persisch.
Außerdem mochte ich Falafel nicht, weil ich Bohnen kategorisch ablehnte. Außer Jelly Beans.
Ich zog mich um und setzte mich zu meiner Familie an den Esstisch. Mom hatte Spaghetti mit Fleischsauce gemacht – das womöglich unpersischste Essen aller Zeiten, auch wenn sie ein wenig Kurkuma an die Sauce gab, was dem Öl darin einen leicht orangenen Schimmer verlieh.
Mom kochte nur am Wochenende persisches Essen, weil so ziemlich jedes persische Menü eine komplizierte Angelegenheit ist, bei der mehrere Stunden Schmorzeit involviert sind, und sie hatte keine Zeit, sich einem Schmorgericht zu widmen, wenn sie gerade mit einem Level-sechs-Programmierungs-Not-fall zu tun hatte.
Mom arbeitete als UX-Designerin für eine Firma in Downtown Portland, was unglaublich cool klang. Auch wenn ich nicht wirklich verstand, was genau es eigentlich war, das Mom machte.
Dad war Partner in einem Architekturbüro, das vor allem Museen und Konzerthallen und andere »Herzstücke des urbanen Lebens« entwarf.
An den meisten Abenden aßen wir an einem runden Tisch mit Marmorplatte in einer Ecke der Küche zu Abend, alle vier in einem kleinen Kreis angeordnet: Mom gegenüber von Dad, ich gegenüber meiner kleinen Schwester Laleh, die in die zweite Klasse ging.
Während ich Spaghetti um meine Gabel wickelte, setzte Laleh zu einer detaillierten Beschreibung ihres Tages an, was einen kompletten Bericht von dem Spiel Daumendrücken beinhaltete, das sie nach dem Mittagessen gespielt hatten, und Laleh war dabei dreimal ausgewählt worden.
Sie war erst in der zweiten Klasse, hatte einen noch persischeren Namen als ich und war dennoch sehr viel beliebter als ich.
Ich begriff es einfach nicht.
»Park hat nie erraten, dass ich seinen Daumen runtergedrückt habe«, sagte Laleh. »Er rät nie richtig.«
»Das liegt vielleicht an deinem guten Pokerface«, sagte ich.
»Vielleicht.«
Ich liebte meine kleine Schwester. Wirklich.
Es war unmöglich, das nicht zu tun.
Das gehörte jedoch nicht zu den Dingen, die ich jemals jemandem sagen konnte. Zumindest nicht laut. Ich meine, es wird nicht erwartet, dass Jungen ihre kleinen Schwestern lieben. Wir können auf sie aufpassen. Wir können die Dates einschüchtern, die sie nach Hause bringen, auch wenn ich in Lalehs Fall hoffte, dass das noch ein paar Jahre dauern würde. Aber wir können nicht sagen, dass wir sie lieben. Wir können nicht zugeben, dass wir Teepartys zusammen geben oder gemeinsam mit ihren Puppen spielen, weil das unmännlich ist.
Aber ich spielte mit Laleh und ihren Puppen. Und ich gab Teepartys mit ihr (bei denen ich darauf bestand, dass wir echten Tee und keinen imaginären Tee servierten und ganz gewiss nichts vom Tea Haven). Und ich schämte mich nicht dafür.
Ich sagte es nur niemandem.
Das ist doch normal.
Stimmt’s?
Schließlich verlor Lalehs Geschichte an Fahrt, und sie begann, sich löffelweise Spaghetti in den Mund zu schaufeln. Meine Schwester schnitt sich Spaghetti immer klein, statt sie aufzuwickeln, was in meinen Augen den Sinn und Zweck von Spaghetti verfehlte.
Ich nutzte die Gesprächspause, um über den Tisch nach mehr Pasta zu greifen, aber Dad drückte mir die Salatschüssel in die Hand.
Man konnte mit Stephen Kellner nicht über diätische Fehltritte diskutieren.
»Danke«, murmelte ich.
Salat war Spaghetti auf jede erdenkliche Weise unterlegen.
Nach dem Abendessen machte Dad den Abwasch und ich trocknete das Geschirr ab, während ich darauf wartete, dass mein Wasserkocher achtzig Grad erreichte, damit ich meinen Genmaicha aufgießen konnte.
Genmaicha ist ein japanischer grüner Tee, in dem gerösteter Reis enthalten ist. Manchmal platzt der geröstete Reis wie Popcorn auf und hinterlässt fluffige kleine Wolken im Tee. Er hat eine grüne Note und schmeckt nussig und köstlich, ein wenig wie Pistazien. Er hat auch dieselbe grüngelbe Farbe wie Pistazien.
Niemand anders in meiner Familie trank Genmaicha. Niemand trank jemals irgendetwas anderes als persischen Tee. Mom und Dad rochen und nippten manchmal daran, wenn ich eine Tasse von irgendetwas gemacht hatte und sie bat zu kosten, aber das war es auch schon.
Meine Eltern wussten nicht, dass Genmaicha gerösteten Reis enthielt, vor allem, weil ich nicht wollte, dass Mom es wusste. Perser empfinden sehr leidenschaftlich, wenn es um die richtigen Einsatzbereiche von Reis geht. Kein Echter Perser würde seinen Reis jemals aufplatzen lassen.
Als wir mit dem Geschirr fertig waren, ließen Dad und ich uns zu unserer abendlichen Tradition nieder. Wir sanken Schulter an Schulter in die hellbraune Wildledercouch – es war die einzige Zeit, zu der wir so saßen –, und Dad wählte unsere nächste Folge von Star Trek: The Next Generation aus.
Jeden Abend schauten Dad und ich uns genau eine Folge Star Trek an. Wir sahen sie in der Reihenfolge der Ausstrahlung an, beginnend bei Star Trek: The Original Series, wobei die Dinge nach der fünften Staffel von The Next Generation ein wenig kompliziert wurden, da die sechste Staffel sich mit Deep Space Nine überschnitt.
Ich hatte schon lange alle Folgen jeder Staffel gesehen, sogar die Zeichentrickserie. Wahrscheinlich sogar mehr als einmal, aber ich schaute schon Star Trek mit Dad, seitdem ich klein war, und meine Erinnerung war ein wenig unscharf. Es war aber auch egal, was genau ich wie oft gesehen hatte.
Eine Folge pro Abend, an jedem Abend.
Das war unser Ding.
Es fühlte sich gut an, eine gemeinsame Sache mit Dad zu haben, bei der ich ihn einmal siebenundvierzig Minuten nur für mich hatte, und er so tun konnte, als würde er meine Gesellschaft für die Dauer einer Folge genießen.
Heute Abend sahen wir »Der Gott der Mintakaner«, eine Folge aus der dritten Staffel, in der Captain Picard von einer Prä-Warpkultur als eine Gottheit namens Der Picard verehrt wird.
Ich konnte ihren Impuls verstehen.
Ohne Zweifel war Captain Picard der beste Captain aus Star Trek. Er war klug, er liebte Tee, »Earl Grey, heiß«, und er hatte die beste Stimme überhaupt: dunkel, klangvoll und britisch.
Meine eigene Stimme war viel zu piepsig, um jemals Captain eines Raumschiffes zu werden.
Und nicht nur das – er hatte eine Glatze und schaffte es trotzdem, selbstsicher zu sein. Was gut war, weil ich Bilder von den Männern auf der Seite der Familie meiner Mom gesehen hatte, und sie alle teilten den bemerkenswerten Picard-Halbmond.
Ich kam in vielen Bereichen nicht nach Stephen Kellner, dem teutonischen Übermenschen, aber ich hoffte, dass ich so wie er volles Haar behalten würde, auch wenn meines schwarz und lockig war. Und nach Übermenschen-Standards scheinbar einen Haarschnitt benötigte.
Manchmal dachte ich darüber nach, mir die Seiten ausrasieren oder mein Haar lang wachsen zu lassen und einen Man Bun zu tragen.
Das hätte Stephen Kellner in den Wahnsinn getrieben.
Captain Picard lieferte seinen ersten Monolog der Folge ab, als plötzlich der tutende Signalton von Moms Computer durch das Haus schallte. Sie bekam einen Videoanruf. Dad pausierte die Folge und warf einen Blick in Richtung Treppe.
»Oh, oh«, sagte er. »Wir werden gerufen.« Dad lächelte mich an, und ich lächelte zurück. Dad und ich lächelten einander nie an – nicht wirklich –, aber wir waren noch in unserem magischen Siebenundvierzig-Minuten-Zeitfenster, in dem die normalen Regeln nicht galten.
Vorsichtshalber drehte Dad die Lautstärke des Fernsehers auf. Natürlich begann Mom Sekunden später, auf Farsi auf ihren Computer einzuschreien.
»Jamshid!«, rief Mom. Ich konnte sie selbst über die anschwellende Musik kurz vor der Pause hören.
Aus irgendeinem Grund schien Mom sichergehen zu wollen, dass der Klang ihrer Stimme bis in die niedrige Erdumlaufbahn zu hören war, wenn sie über den Computer telefonierte.
»Chetori toh?«, brüllte sie. Das ist Farsi für »Wie geht es dir«, aber nur, wenn man die Person, mit der man spricht, gut kennt oder älter ist als sie. Auf Farsi gibt es verschiedene Arten mit Leuten zu sprechen, abhängig vom Formalitätsgrad einer Situation und von der Beziehung, die man zu der Person hat, die man anspricht.
Die Sache mit Farsi ist, dass es eine äußerst besondere Sprache ist: besonders speziell, besonders poetisch, besonders kontextspezifisch.
Nehmen wir zum Beispiel den ältesten Bruder meiner Mutter, Jamshid.
Dâyi ist das Wort für Onkel. Aber nicht für...




