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E-Book

E-Book, Deutsch, Band 11, 384 Seiten

Reihe: Darmstadt-Krimis

Kibler Abendfrost

Kriminalroman
18001. Auflage 2018
ISBN: 978-3-492-99151-3
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, Band 11, 384 Seiten

Reihe: Darmstadt-Krimis

ISBN: 978-3-492-99151-3
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die hochbetagte Lukrezia Maria von Selberg-Broode wird tot in ihrem Zimmer im Darmstädter Senioren-Wohnstift »Goldenstern« aufgefunden. Die nicht sonderlich beliebte Dame wurde offenbar erstickt. Leah Gabriely und Steffen Horndeich von der Mordkommission nehmen die Ermittlungen auf. Schnell gerät die Familie ins Visier sowie eine Pflegerin - denn das Bargeld der Seniorin wurde gestohlen. Kurz darauf wird ein Pfleger des Heims erwürgt aufgefunden. Hängen die beiden Morde zusammen? Welche Motive spielen eine Rolle? Gänzlich verworren wird der Fall, als die Darmstädter Kommissare erfahren, dass sich im Blut der alten Dame Frostschutzmittel befand. Sie wurde bereits über einen längeren Zeitraum damit vergiftet. Horndeich und Gabriely stecken plötzlich mitten in einem höchst undurchsichtigen Fall.

Michael Kibler, geboren 1963 in Heilbronn, ist heute leidenschaftlicher Darmstädter. Nach Studium und Promotion arbeitet er als Texter und Schriftsteller. Seit 2005 veröffentlicht er erfolgreiche Kriminalromane um die Darmstädter Ermittler Steffen Horndeich und Margot Hesgart. Mit »Sterbenszeit« erschien 2014 außerdem sein erster Krimi um den BKA-Hauptkommissar Lorenz Rasper.
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Autoren/Hrsg.


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Ingeborg II


Habe ich meinen Mann betrogen?

Ja.

Habe ich dadurch meinen Sohn verloren?

Ja.

War es das wert?

Und schon sind wir wieder am Ende der einfachen Antworten auf einfache Fragen.

Ich gräme mich, dass mich meine Gesundheit derart im Stich lässt. Mein Gott, ich wollte immer alt werden. Jetzt bin ich es. Und jetzt will ich es nicht mehr sein. Bis vor wenigen Wochen konnte ich noch so leben, wie ich das wollte. Da störten nur ab und an ein paar Zipperlein. Nun besteht das Leben nur noch aus Warten. Gespickt mit der großen Bewegungslosigkeit. Und der Appetitlosigkeit. Und der Kälte.

In den vergangenen Wochen habe ich mich jeden Tag ununterbrochen gefragt, wie es ihm gehen mag, meinem Sohn Valentin. Hat er Familie? Bin ich Oma, ohne es zu wissen? Bin ich vielleicht sogar schon Uroma?

Jetzt, mit diesem komischen Internet, da könnte es mir vielleicht gelingen, ihn zu finden. Und Sabrina, diese eine Pflegerin, die scheint ja ganz fit zu sein mit Computern. Ich werde sie fragen. Sie wird sich die Zeit nehmen. Das ist einer der großen Vorteile, wenn man keine finanziellen Sorgen hat: Man kann Menschen dafür bezahlen, Dinge für einen zu erledigen.

Vinzenz war nicht reich. Mein Mann war Arzt, er hat gut verdient, aber er verstand es genauso gut, alles zu verprassen. Spielsucht nannte man das damals noch nicht. Man benannte es überhaupt nicht. Er verjubelte einfach unsere Barschaft. Es gab Wochen, da lebten wir tatsächlich von der Hand in den Mund. Doch nach außen musste der Schein gewahrt werden.

Und dann wurde er selbst krank, mein Mann, mein Arzt, mein Vinzenz. Und wir hatten – nichts. Und auch mein Sohn, er hatte nichts. Der Arztsohn, dessen Mutter zum Lehrer gehen musste, weil kein Geld für die Klassenfahrt da war. Ich habe Vinzenz gehasst in diesen Momenten.

Unserem Sohn gegenüber verhielt sich Vinzenz stets korrekt. Nein, er war nicht der Vater, der mit ihm Hausaufgaben machte. Und er war auch nicht der, der ihm die Welt zeigen wollte. Aber er hat sich immer einwandfrei verhalten.

Und dann musste ich Vinzenz schließlich sogar bei der Körperpflege helfen. Und wir beantragten Sozialhilfe.

An einem Abend – es war Mittwoch, komisch, dass ich mich daran erinnern kann –, da habe ich Mann und Sohn allein gelassen. Und bin in diese Spelunke um die Ecke gegangen. Und habe Schnaps getrunken. Zwei Kurze. Und dann hat sich Xaver zu mir an die Theke gesetzt. Hat mich gefragt, ob ich seine Bekanntschaft wäre. Ich habe überhaupt nicht verstanden, was er meinte.

Xaver errötete. Er habe eine Kontaktanzeige aufgegeben, sie hätten sich hier verabredet – und ich wäre wirklich nicht Mimi? Nein, ich war nicht Mimi, aber als die echte Mimi zehn Minuten später den Raum betrat, tat Xaver so, als ob wir zusammengehörten. Mimi saß eine halbe Stunde allein an einem kleinen Tisch, bevor sie die Kneipe niedergeschlagen verließ.

Xaver arbeitete im Vertrieb einer Firma am Hafen – und ohne seine Hilfe hätte ich uns nicht durchgebracht. Natürlich habe ich das meinem Sohn niemals gesagt. Auch nicht, nachdem er uns im Bett erwischt hatte. Vinzenz lag wieder im Krankenhaus – Valentin hätte eigentlich in der Schule sein müssen. War er aber nicht. Ertappte uns in flagranti. Mein Gott, dieses hassverzerrte Gesicht. Ich glaube, es hat länger als vier Wochen gedauert, bevor er wieder ein Wort mit mir gewechselt hat.

Es war der Moment, in dem ich ihn verloren habe. Immer wieder habe ich versucht, mich zu erklären. Wie oft hat er türknallend den Raum verlassen oder mich niedergebrüllt? Wenn man fünfzehn ist, dann weiß man noch ganz genau, was richtig ist, was falsch ist. Und dazwischen gibt es nichts. Ein großes Vakuum. Xaver hat versucht, mit ihm zu reden – und ein blaues Auge davongetragen.

Der Tag, an dem Vinzenz starb, war der Tag, an dem ich erleichtert war.

Das klingt grausam?

Es ist grausam.

Es war grausam für mich. Es gab keinen Tag in meinem Leben, an dem ich mich schlechter gefühlt hatte. Weil ich keinen Funken Trauer spürte, sondern nur Befreiung.

Und wenn ich mich jetzt erinnere, dann sehe ich, es gab noch einen zweiten solch schlimmen Tag. Jenen, an dem mein Sohn mich verlassen hat. Schon lange hatte ich den Draht zu ihm verloren, wie man heute so schön sagt. Er ging in die Schule, leidlich, meistens zumindest. Dann brannte er das erste Mal durch. Ich suchte ihn, ich befragte all seine Schulkameraden, die ich kannte. Viele waren es nicht.

Xaver hielt zu mir, besonders nachdem ich bei der Polizei Vermisstenanzeige gestellt hatte. Ich bin fast wahnsinnig geworden vor Angst. Sieben Tage später kam er plötzlich wieder in die Wohnung hereinspaziert. Zerlumpt, dreckig, aber lebendig.

Er hat nicht mit mir gesprochen. Und als er Xaver im Wohnzimmer gesehen hat, war er auch schon wieder verschwunden. Ich habe Xaver gebeten, nicht mehr in unsere Wohnung zu kommen. Er hat es akzeptiert. Mein Gott, damals habe ich überhaupt nicht erfasst, dass Xaver mich von einem auf den anderen Moment hätte verlassen können. Er hat es nicht getan.

Dann habe ich das Spritzenbesteck in Valentins Zimmer gefunden. Mein Sohn hing an der Nadel. Ich sprach mit seinen Lehrern. Die sagten, abgesehen von seinem Verschwinden für eine Woche besuche er die Schule regelmäßig, auch wenn seine Noten viel besser sein könnten. Nein, er wirke auf sie nicht wie ein Junkie.

Ich tröstete mich damit. Redete mir ein, er habe es vielleicht ja nur einmal probiert.

Bis der Anruf aus dem Krankenhaus kam. Valentin hatte sich einen Schuss gesetzt, bei dem das Heroin zu rein gewesen war. Überdosis. War knapp. Aber als ich ihn im Krankenhaus besucht habe, hat er mich nur weggeschickt.

Vom Krankenhaus kam er nicht mehr nach Hause. Da war dieser Polizist, Kommissar Bergmann. Er kam zu mir, sagte mir, er würde sich um Valentin kümmern. Und in ein paar Monaten, vielleicht auch erst in ein, zwei Jahren, da würde Valentin bestimmt wieder auf mich zukommen. Doch im Moment könne er es nicht.

Ob ich damit einverstanden wäre, dass er sich Valentins annähme.

Natürlich war ich einverstanden. Alles, was meinen Sohn wieder auf die Spur bringen würde, war mir recht.

Kommissar Bergmann sagte mir, wohin Valentin gegangen war. Ein Heim, in dem er seinen Schulabschluss machen könne. Und machen würde. Mit meiner Unterschrift habe ich dem sogar zugestimmt. Aber den achtzehnten Geburtstag meines Sohnes habe ich nicht mit ihm erlebt. Aber offenbar hatte Valentin tatsächlich das Abitur geschafft.

Und dann starb Bergmann. Ich habe Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, herauszufinden, wo Valentin von dem Heim aus hingegangen war. Einem Kollegen von Bergmann ist es gelungen, Kontakt zu Valentin aufzunehmen. Doch der habe ihm gesagt, er wolle nicht, dass ich wüsste, wo er lebte. Und da er volljährig war, konnte ich nichts dagegen tun.

So verschwand er, mein Sohn. Aus meinem Leben.

Ja. Da war nicht viel Liebe in seiner Kindheit.

Da war der ständige Kampf ums Geld, der ständige Kampf gegen Vinzenz, alles andere als ein auch nur halbwegs entspanntes Familienleben.

Wie gern würde ich Valentin noch einmal sagen, wie sehr ich ihn liebe.

Geliebt habe.

Immer geliebt habe.

Mir ist kalt. Es ist ein Juniabend, und ich hülle mich in zwei Decken.

Mittwoch, 6. Juni


Stefanie liebte das Sandmännchen. Horndeich bemühte sich redlich, auch in Abwesenheit seiner Frau, dass Stefanie allabendlich um kurz vor sieben das Ritual vor dem Zubettgehen begehen konnte. Am Sonntag vor zwei Wochen, da hatte Horndeich ihr gezeigt, wie sein Sandmännchen ausgesehen hatte. Als er Kind gewesen war, gab es im Westfernsehen und im Ostfernsehen zwei unterschiedliche Sandmännchen. Das heutige Sandmännchen – und damit das von Stefanie – glich dem damaligen DDR-Traumkobold. Es gab tatsächlich auch Kulturgut aus dem Westen, das nach der Wiedervereinigung in die Tonne der Geschichte getreten worden war, dachte Horndeich in jener Sekunde. Aber für ab und an sentimentale Kriminalhauptkommissare gab es ja YouTube. Im Gegensatz zur Generation vor ihm konnte er seine Kindheit in solchen Momenten wieder lebendig werden lassen. Internet sei Dank. »Was guckst du da?«, hatte Stefanie ihn gefragt, als sie ihn ertappt hatte, wie er auf dem Videokanal nach alten Sandmännchen-Geschichten gestöbert hatte. Es war wohl schon gegen zehn Uhr abends gewesen. Stefanie war noch einmal aufgewacht und in Richtung Papa in dessen Arbeitszimmer gestapft.

Horndeich hatte seine Tochter auf den Schoß genommen und ihr sein Sandmännchen gezeigt. »Das sieht aber komisch aus«, hatte sie gesagt. »Das sieht ja eher aus wie ein Mainzelmännchen!«

Nun, dass das West-Sandmännchen ein uneheliches Kind der Mainzelmännchen war, darauf wäre Horndeich wohl von allein nicht gekommen. Das ZDF sicher auch nicht. In diesem Moment war das Sandmännchen auf dem Bildschirm verschwunden, und die Gutenachtgeschichte begann. Das war das, was Horndeich eigentlich hatte sehen wollen: die Wawuschels. Jene kleinen Gesellen mit giftgrünem Haar aus Wolle. Stefanie hatte die Geschichte königlich amüsiert.

Dass Horndeich sich ausgerechnet jetzt – in einem der Verhörräume im Polizeipräsidium – an diese Episode erinnerte, lag daran, dass ihm gegenüber offensichtlich eine Reinkarnation jener Wawuschels Platz genommen hatte: Tanja Berger. Sie hatte struppig abstehende und knallgrün gefärbte Haare. Allerdings auch rot geweinte Augen.

»Frau Berger, Sie wissen, weshalb wir Sie sprechen...



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