E-Book, Deutsch, Band 1, 368 Seiten
Kibler Fremder Tod
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-492-99696-9
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman | Darmstadt-Krimi
E-Book, Deutsch, Band 1, 368 Seiten
Reihe: Ein Fall für Nachlasspflegerin Jana Welzer
ISBN: 978-3-492-99696-9
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michael Kibler, geboren 1963 in Heilbronn, ist heute leidenschaftlicher Darmstädter. Nach Studium und Promotion arbeitet er als Texter und Schriftsteller. Seit 2005 veröffentlicht er erfolgreiche Kriminalromane um die Darmstädter Ermittler Steffen Horndeich und Margot Hesgart. Mit »Sterbenszeit« erschien 2014 außerdem sein erster Krimi um den BKA-Hauptkommissar Lorenz Rasper.
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DONNERSTAG
Ein grauer Morgen. Mit dem Kaffeebecher in der Hand stand sie auf dem Balkon. Sie hatte zuvor in der Küche gesessen, gefrühstückt und dabei den ersten Becher Kaffee zu sich genommen.
Jörn war ein zuverlässiger Mensch. Und wenn er sagte, dass er um acht Uhr dreißig vor Ort wäre, durfte sie davon ausgehen, dass er eher drei Minuten früher einträfe.
Um acht Uhr sechsundzwanzig sah sie den Mercedes Sprinter. Er war unverkennbar. Zum einen durch sein Äußeres: Rote Lackierung und das skizzierte Mardergesicht, das frech neben dem Schriftzug »Großeimer GmbH« in die Welt grinste. Und dann war der Wagen über sieben Meter lang. Das Schätzchen, wie Jörn ihn nannte.
Hinter dem Sprinter folgte ein Smart – im gleichen Rot lackiert, mit dem gleichen Schriftzug und Marderantlitz daneben. Jörn war mit der großen Truppe angerückt: Vier Mitarbeiter würden die Wohnung von Rainer Hauptmann in wenigen Stunden ausgeräumt haben.
Jana trat vom Balkon, kippte den Rest des Kaffees in die Spüle, zog sich eine Jacke über und verließ ihre Wohnung.
Jörn hatte den Wagen einfach am Bürgersteig abgestellt. Halteverbot. Aber er hatte ihr mal erklärt, dass es für ihn nur zwei Kriterien für einen Platz gab, an dem er seinen Umzugswagen nicht abstellen würde: »In einer Feuerwehrzufahrt oder an einem Ort, an dem ein fetter Feuerwehrwagen nicht mehr an mir vorbeikommt. Alles andere sind 35-Euro-Parkplätze.« Zitat Ende.
»Hallo, Jana«, sagte Jörn, als er auf sie zutrat. »Habe die üppige Mannschaft mitgebracht, so wie du mir die Wohnung geschildert hast.«
Seine Mitarbeiter traten neben den Chef. Louisa kannte sie, eine stämmige und durchtrainierte Boxerin, wie Jörn ihr verraten hatte. Neben ihr drei junge Männer, wahrscheinlich Studenten, die Jörn immer wieder mal für Entrümpelungen anheuerte. »Am liebsten Biologie-Studenten. Dann lernen die gleich mal was über die Fauna«, hatte Jörn ihr feixend erklärt.
»Hast du eine Ahnung, ob die Wohnung diesem Hauptmann gehört hat oder ob er zur Miete wohnte?«, wollte Jörn von ihr wissen, als sie die Haustür öffnete.
»Er ist Mieter. Ich warte noch auf eine Rückmeldung der Hausverwaltung, wer sein Vermieter war.« Jana drückte auf den Rufknopf für den Aufzug. Sofort gaben die Türen die Kabine frei. Sie stiegen in den Fahrstuhl.
»Keine Viecher?«, fragte Jörn.
»Hab ich dir ja schon gesagt. Keine tierischen Probleme. Nur solche aus Zellulose. Außer Prospekten, Darmstädter Echo und Möbelkisten ist da nichts Persönliches. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Das werde ich alles erst rauskriegen, wenn ich den Inhalt der Kisten und die restlichen Bestandteile der Wohnung gesichtet habe.«
Sie verließen den Aufzug. Jana schloss die Wohnungstür auf.
Jörn schob sich hinter ihr durch den Flur. Sie hörte, wie er leise murmelte: »Ach du Scheiße …«
Er warf einen Blick in jeden Raum. Dafür brauchte er rund zwei Minuten. Im Wohnzimmer angekommen, nickte er ihr zu. Er war ganz bleich im Gesicht geworden.
»Was ist?«, fragte Jana.
»Unseren Sprinter können wir vergessen.«
»Warum das?«
»Das Zeug kriegen wir nie und nimmer in den Wagen. Das kriegen wir noch nicht mal in den Großen hinein!«
»Der Große«, das war der 7,5-Tonner. Ebenfalls in Rot. Ebenfalls mit dem Marder-Logo an der Seitenfläche. Eben der Wagen für die ganz fetten Entrümplungen.
»Ich habe das gerade mal kurz überschlagen«, fuhr Jörn fort. »In dieser Wohnung befinden sich rund vierhundert Umzugskartons. Und Möbel. Ein Kubikmeter Ladefläche kann rein mathematisch dreizehneinhalb Umzugskartons aufnehmen.«
»Dann kommen wir auf rund dreißig Kubikmeter. Ohne den Inhalt der Möbel. Den müsst ihr ja auch noch in Kisten verpacken.« Im Kopfrechnen war Jana schon immer fix gewesen.
»Und in den Sprinter kriege ich nur fünfzehn Kubikmeter rein. Also zweimal der Sprinter voll bis Oberkante Unterlippe. Und dann ist noch kein Möbelstück eingeladen. Ich werde auch mit dem Großen zweimal fahren müssen.«
Jörn hatte intensiv in seinen Fuhrpark investiert. Jedoch nicht in einen eigenen Möbellift. Aber er hatte eine Kooperation mit einem befreundeten Speditionsunternehmen abgeschlossen, das ihm den Lift zur Verfügung stellte. Fünfundzwanzig Meter in die Höhe – zum Glück brauchte Jörn heute nur rund zwanzig Meter. War aber auch nicht billiger.
»Es ist nur mein Instinkt«, sagte Jana, »aber der sagt mir, du musst das alles dokumentieren. Fotografiere die Kisten, auch den Ort, an dem sie stehen. Wenn ihr Möbel ausräumt, beschriftet sie und die Kisten ganz genau. Ich muss im Nachhinein eindeutig nachvollziehen können, was sich an welcher Stelle befunden hat. Zeichne am besten eine Landkarte der Kisten.«
Jana nahm die Tektonik auf Jörns Stirn wahr. Er war der Pragmatiker. Er verwandelte eine stickige, stinkende Bude voller Insekten und voller Müll binnen Stunden in eine besenreine Wohnung. Wo welcher Müll herumstand, das interessierte ihn herzlich wenig.
Sie ignorierte den Graben auf Jörns Stirn. »Und wenn ihr die Kisten abstellt, dann bitte so, dass wir zuerst die auspacken können, in denen die Sachen aus den Möbeln abgelegt sind. Wenn ich herauskriegen möchte, ob es irgendein Vermögen oder irgendwelche Erben gibt, finde ich die Unterlagen am ehesten dort«, erklärte Jana. Mehr brauchte Jörn nicht zu wissen.
Jörn nickte. Er kannte seine Auftraggeberin gut. Und außerdem arbeitete er nach dem Motto: Der Kunde ist König.
»Sag mir bitte noch, wohin ihr das ganze Zeug fahrt.«
Jörn nannte ihr die Adresse in der Heimstättensiedlung, in der er die Garage angemietet hatte.
»Wie lange werdet ihr brauchen?«, wollte Jana wissen.
»So, wie die Wohnung aussieht, auf jeden Fall sechs Stunden. Können auch acht werden. Aber heute Abend haben wir alles in der Garage gestapelt. Und ich sorge persönlich dafür, dass alles perfekt dokumentiert wird.« Jörn drückte ihr einen Schlüssel in die Hand. »Das ist der Schlüssel für die Garage. Ich hab sie jetzt erst mal für einen Monat für dich geblockt. Wenn ich das richtig sehe, können drei Viertel oder auch neun Zehntel des Wohnungsinhalts später auf den Müll. Bin ich gerne wieder behilflich. Und mit dem Rest kannst du dann auch in eine kleinere Garage umziehen.«
Jana reichte ihm die Hand, aber Jörn nahm sie kurz in den Arm.
»Danke«, sagte sie.
»Für dich immer, Prinzessin.«
Verheiratet, dachte Jana. Und das war auch gut so. Denn das enthob sie irgendwelcher Überlegungen, die sie eigentlich gar nicht denken wollte.
Mehr als ein Viertel der Einwohner Darmstadts waren Studenten. Knapp hundertsechzigtausend Bürger zählte die Stadt derzeit, mehr als vierzigtausend davon studierten.
Nicht nur für Jörn, sondern auch für Jana ein riesiger Pool an temporären Mitarbeitern. Sie war froh, dass sie auf diese engagierten jungen Menschen zugreifen konnte, die ihrerseits zufrieden waren, ein paar Euros zu verdienen. Und sie zahlte ja nicht schlecht. Sie war eine der wenigen, die den Studentinnen und Studenten einen zweistelligen Stundenlohn bot. Der Mindestlohn lag derzeit bei neun Euro fünfunddreißig. Dreizehn Euro zahlte sie.
Zum Beispiel an Katharina Hochnagel. Achtes Semester Philosophie. Aber so, wie Jana Katharina einschätzte, würde sie ihr auch die kommenden vier Jahre noch erhalten bleiben. Für Jana war die Frau eine Spitzenkraft: Sie nannte ihr die Aufgabe, den Zeitraum und die Menge an Studenten, die sie benötigte. Und Katharina schaffte Kommilitonen heran. Der Auftrag diesmal: eher außergewöhnlich.
»Heute wird eine Wohnung ausgeräumt. Es wird eine ganze Wand von Möbelkisten geben, mit unbekanntem Inhalt. Euer Job wird sein, diese Kisten auszuräumen.«
»Na, das sollten wir gerade noch so hinkriegen«, sagte Katharina. Sie saßen in der Cafeteria der Universitäts- und Landesbibliothek in der Magdalenenstraße. Jana hatte den Cappuccino ausgegeben.
»Kannst du bis morgen früh drei deiner Kommilitonen auftreiben, die morgen, Samstag und Sonntag, dieses Chaos sichten?«
Katharina nickte. »Kein Problem. Ich weiß schon, wen. Und die sind alle froh über die Kohle. Aber ein wenig Wochenendzuschlag muss drin sein.«
»Passt. Ihr kriegt alle fünfzehn Euro pro Stunde. Und, ganz wichtig: Es muss exakt dokumentiert werden, was ihr in welcher Kiste findet.« Vielleicht war Jana pingelig. Aber lieber einmal zu ausführlich dokumentiert als einmal zu wenig.
Katharinas Gesicht hatte aristokratische Züge, wenn sie lächelte. Was sie tat, als sie nickte.
»Ich muss mich also jetzt um nichts kümmern?«, wollte Jana wissen.
»Jana, du weißt doch, dass du dich auf mich verlassen kannst.«
Ja, das wusste Jana. Und trotzdem. Da war so ein leises Kribbeln im Bauch, das ihr sagte, dass dieser Fall nicht ganz so reibungslos abzuwickeln sein würde. Dennoch drückte sie Katharina den Schlüssel der Garage in der Heimstättensiedlung in die Hand.
Und wieder ein Abend.
Wieder der Blick in den Kamin.
Wieder ein Glas Lugana.
Jörn hatte Jana um siebzehn Uhr mitgeteilt, dass die Wohnung von Rainer Hauptmann geräumt wäre. Besenrein. All seine Sachen stünden nun in der Garage. Und nicht nur seine Kisten, sondern auch seine – jetzt leeren – Möbel, deren Inhalt ebenfalls in akkurat beschrifteten Pappboxen abgelegt worden wäre.
Über einen Link hatte Jörn ihr die Dokumentation des Umzugs zukommen lassen. Jana lud all die Daten auf ihr MacBook. Alle Umzugskisten waren von Jörns Mitarbeitern mit einer Zahl versehen worden, mit dickem, fettem Edding. Unübersehbar. Und sämtliche Kartons waren an Ort und Stelle fotografiert worden. Ebenso die...




