E-Book, Deutsch, 400 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 190 mm
Kibler Letzter Atem
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95542-485-5
Verlag: Societäts-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
| SPIEGEL-Bestseller-Autor | (Darmstadt-Krimis 16) Kriminalroman | Packender Krimi mit dem beliebten Ermittler Horndeich
E-Book, Deutsch, 400 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 190 mm
ISBN: 978-3-95542-485-5
Verlag: Societäts-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Michael Kibler wurde 1963 in Heilbronn geboren und ist Darmstädter aus Leidenschaft. Er studierte an der Goethe-Universität Frankfurt. Schreiben ist seine Passion, weshalb er als Texter, Schriftsteller und PR-Profi arbeitet. Schwerpunkt des Schriftstellers sind Krimis.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Dienstag, 4. Juni
Die Eltern von Femke Weidt wohnten in Weiterstadt, im Kastanienweg. Fast alle Wege in diesem Viertel trugen die Namen von Bäumen.
Das Einfamilienhäuschen lag ein wenig entfernt von der Straße. Mehrere dieser Gebäude waren aneinandergebaut worden. Und das Haus der Familie Weidt war ein Eckhaus. Was nicht bedeutete, dass es direkt an der Straße lag, dass man dort auch einen Parkplatz fand. Die Kennzeichnungen auf der Straße, wo man parken dürfe und wo nicht – chaotisch war noch eine freundliche Bezeichnung für die Straßenpinselei vermeintlicher Parkzonen. Je wirrer, desto einträglicher für die Stadt … »Da darfst du nicht parken«, sagte Jana.
Horndeich, der inzwischen dreimal um den Block gefahren war, sagte nur: »Das ist ein 35 Euro-Parkplatz. Nicht mehr. Und nicht weniger.« Er rangierte den Wagen an den Straßenrand, stellte den Motor ab und verließ das Auto.
»Sicher?«, fragte Jana.
Horndeich antwortete nicht einmal darauf.
Zum Glück gab es Navis, die zeigten auch einem Fußgänger, wo er eine Adresse fand. In diesem Fall war das besonders hilfreich.
Jana hatte Horndeich bereits im Wagen vom gestrigen Treffen mit Martin Hinrich und Emilia Schubert berichtet. Kein Zweifel am Selbstmord aus der Perspektive des Rechtsmediziners. Horndeich war gespannt, was Femkes Eltern sagen würden.
Die Zugänge zu den Häusern lagen ein bisschen verschachtelt. Als Horndeich die Türklingel drückte, erklang zweistimmiges Hundekläffen. Dann, noch ein wenig lauter als die Tiere, offensichtlich die Stimme des Frauchens: »Nala! Lilli!« Die Berufung auf die Namen der Angerufenen bewirkte nicht den vermeintlich erstrebten Effekt: Die Hunde kläfften nur noch lauter.
»Einen Moment«, rief die Dame des Hauses jenseits der Tür.
Horndeich kannte die Situation. Auch bei Fidel hatte es einige Monate Trainings bedurft, bis der kleine Hund kapiert hatte, dass er niemanden beschützen musste und das dies auch nicht seine Aufgabe war. Sprich: Er hatte die Klappe zu halten.
Nach ungefähr einer halben Minute öffnete die Dame die Tür.
»Steffen Horndeich mein Name, das ist meine Kollegin Jana Welzer«, stellte Horndeich sich und seine Kollegin vor.
Gesine Siefken war eine sehr kleine Frau. Also, eine sehr, sehr kleine Frau. Horndeichs erste Assoziation war die von Alberich im Münster-Tatort, also jene Rolle der Schauspielerin Christine Urspruch. Okay, Christine Urspruch maß 1,32 Meter. Aber die 1,55 Meter hätte Gesine Siefken kaum gerissen. Horndeich wusste nicht, wohin sie die Hunde gesperrt hatte, aber sie verweilten offensichtlich hinter irgendeiner Tür, hinter der sie nicht mehr bellten.
»Kommen Sie doch rein«, bat die Frau sie ins Innere des Hauses. Der Flur war eng, bog nach rechts ab, wurde noch ein bisschen enger, weil die Garderobe mit Mänteln, Jacken und Schals ein wenig den Durchgang blockierte.
Gesine Siefken deutete auf einen Tisch zwischen Küche und Wohnbereich. »Nehmen Sie doch Platz«, sagte sie mit freundlicher Stimme.
Jana setzte sich, Horndeich ebenso.
»Kaffee? Tee?«, wollte die Dame des Hauses wissen.
Jana schüttelte den Kopf, Horndeich verneinte verbal.
Weshalb sich die Dame nun auch zu ihnen setzte.
»Frau Siefken, Ihr Schwiegersohn kam gestern zu uns.« Bereits am Telefon hatte Horndeich erklärt, wer sie waren und warum sie Gesine Siefken sprechen wollten. »Wie gesagt, er ist nicht überzeugt davon, dass Ihre Tochter sich selbst umgebracht hat.«
Frau Siefken schüttelte ganz leicht den Kopf. »Das hätte sie auch nie getan.«
»Wir haben gestern mit dem Rechtsmediziner gesprochen, der Ihre Tochter untersucht hat. Er hat gesagt, die Todesursache sei eindeutig. Ihre Tochter sei durch eine Überdosis Pentosynthol gestorben.«
Horndeich sah, wie Tränen in Gesine Siefkens Augen stiegen. Sie sah Jana an und sagte: »Meine Tochter hat sich nicht umgebracht. Niemals. Ich weiß, Sie hören das wahrscheinlich oft. Aber ich weiß eben auch, dass meine Tochter sich nicht umgebracht hat. Sie hat ihre Krankheit bekämpft. Sie hat ein Kind bekommen. Sie hatte einen Mann, den sie liebte und der sie liebte. Nein, da gab es so überhaupt keinen Grund.«
Horndeich sah zu Jana. Doch die war mit ihren Gedanken gerade woanders. So übernahm er die weitere Gesprächsführung: »Erzählen Sie uns von Ihrer Tochter.«
Gesine Siefken deutete auf eine Fotografie, die an der Wand hing. Sie zeigte Gesine Siefken, offensichtlich ihren Mann und zwei Mädchen, die auf diesem Foto einander glichen wie ein Ei dem anderen. »Mein Mann und ich, wir hatten schon gedacht, dass wir keine Kinder mehr bekommen würden. Waren auch einmal in so einer Fruchtbarkeitsklinik. Konntest du vergessen. Das kann kein normaler Mensch bezahlen. Mein Mann arbeitet seit 30 Jahren bei Opel in Rüsselsheim. Ich hab damals noch bei Aldi an der Kasse gesessen – wir waren nicht so die Hauptkunden in dieser Klinik. Aber dann, dann wurde ich tatsächlich schwanger. Und dann sagte die Frauenärztin, ich bekäme Zwillinge. Zwei Mädchen. Femke und Deike.«
Horndeich unterbrach Frau Siefken: »Sie haben zwei Kinder? Zwillinge?«
»Ja. Beide 2001 geboren. Unser großes Glück.«
»Der Rechtsmediziner hat festgestellt, dass Femke einen Lungenflügel gespendet bekommen hat. Und dass der andere Lungenflügel aufgrund von Mukoviszidose in einem extrem schlechten Zustand war.«
Gesine Siefken hielt nur kurz inne. »Sicher, dass Sie keinen Kaffee oder einen Tee wollen? Ich brauche jetzt einen.« Sie erhob sich.
»Ich nehme dann gern einen Tee. Einen schwarzen oder einen grünen«, meinte Jana.
»Kein Problem«, entgegnete Frau Siefken. Sie ging auf eine Kaffeemaschine zu. Daneben stand ein Wasserkocher. Sie bereitete Jana einen Tee zu, sich selbst den Bohnensud. Während sie in der Küche stand, sagte sie, Horndeich nicht zugewandt: »Sie hatten beide diese Scheiß-Krankheit. Mukoviszidose. Als sie drei Jahre alt waren, haben wir einen Schweißtest machen lassen. Das Ergebnis: Natriumchlorid von 120 Millimol pro Liter. Der DNA-Test danach brachte die Bestätigung: Meine beiden Engel litten an dieser fürchterlichen Krankheit. Husten ohne Ende, nicht abhusten können, das ganze Drama. Wir sind über die Jahre den gesamten Marathon gerannt, mehrmals. Und auch durch diverse Labyrinthe. Wachstumshormone, Vitaminkuren, Cortison, Antibiotika, dann sogar Gentamicin. Parallel dazu stete jährlich wechselnde Ernährungshinweise. Wissen Sie, hunderttausend Handlungsempfehlungen. Und sie wissen nie, ob sie das Richtige getan haben. Mein Mann, Ubbo, er war der, der uns immer weiter durch alle Optionen und Therapien navigiert hat. Ich war die, die sich jeden Tag das Leiden ansehen musste.«
»Ihr Mann? Wo ist er?«
»Er arbeitet. Er schraubt in Rüsselsheim die neuen Opel Astras zusammen. Wird heute Abend um sieben Uhr wieder da sein. Wenn Sie mit ihm sprechen möchten.«
»Und dann hat Femke einen Lungenflügel implantiert bekommen?«
»Beide. Beide haben jeweils einen gesunden Lungenflügel bekommen. Das große Glück! Das Leben für die beiden konnte weitergehen. Tatsächlich bestand zum ersten Mal die Chance, dass wir unsere Töchter nicht zeitnah beerdigen müssten, sondern dass unsere Töchter uns sehr wahrscheinlich überleben würden. Kann es für Eltern ein besseres Gefühl geben?«
Das konnte Horndeich natürlich nicht beantworten. Wobei ihm in diesem Moment bewusst wurde, dass er sich diese Frage niemals gestellt hatte. »Nachdem Ihre Töchter das Spenderorgan bekommen hatten, wie ging es dann weiter?«
»Vor knapp sechs Jahren haben meine beiden Töchter je einen Lungenflügel erhalten. Dann folgte ein halbes Jahr Reha. Sie mussten quasi neu lernen, zu atmen und sie mussten neu lernen, dass sie plötzlich Kraft fürs Treppensteigen hatten. Sie machten ihr Abi, sie studierten, und dann hat Femke an der Uni ihren Lebenspartner kennengelernt.«
»Magnus«, sagte Horndeich.
»Ja, Femke kam mit Magnus zusammen. Zu ihrem großen Glück. Die beiden waren ein Herz und eine Seele. Und dann, Mitte 2023 hatte Femke gesagt, dass sie in anderen Umständen sei. Tatsächlich würden wir einen Enkel bekommen. Und wir bekamen einen Enkel. Ron. Ich hätte niemals diesen Namen ausgesucht, aber das war ganz egal. Das war die Sache von Femke und Magnus. Und Ron – er war ein Sonnenschein!«
»Und da gab es niemanden, der Ihrer Familie das Glück nicht gönnte?«
Gesine Siefken schüttelte nur den Kopf. »Nein. Wir alle waren so froh, so glücklich. Und wer sollte auch Femke das Glück nicht gönnen? Da war niemand!«
Horndeich betrachtete Jana. Sie saß am Tisch, sie beobachtete das Geschehen, den Dialog. Aber irgendwo, irgendwie, war sie ganz weit weg.
Gesine Siefken nahm Horndeich ins Visier. Auf irgendeine Weise schien auch sie zu spüren, dass Jana nicht wirklich anwesend war. »Herr Horndeich, meine Tochter war eine glückliche junge Frau. Ich weiß, dass der Begriff ›glücklich‹ oft überstrapaziert wird. Aber da war ein Ehemann, der sie liebte und den sie liebte. Und dann war da Ron, den sie sich so gewünscht hatte. Und den ihr Ehemann sich ebenso gewünscht hatte. Und das alles war nur möglich, weil sie fünf Jahre zuvor eben nicht gestorben war, sondern tatsächlich ein Spenderorgan bekommen hat. Wenn es einen Menschen gab, der nicht hatte sterben wollen, dann war es meine Tochter Femke!«
Horndeich nickte. Dann sagte er: »Ihre andere Tochter, Deike war ihr Name, oder?«
»Ja, Deike.«
»Deike, sie hat ja auch einen Lungenflügel gespendet bekommen....




