E-Book, Deutsch, 384 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 190 mm
Kibler Rosengrab
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-95542-536-4
Verlag: Societäts-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
(Darmstadt-Krimis 3) Kriminalroman | Packender Krimi mit dem beliebten Ermittler Horndeich
E-Book, Deutsch, 384 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 190 mm
ISBN: 978-3-95542-536-4
Verlag: Societäts-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Michael Kibler wurde 1963 in Heilbronn geboren und ist Darmstädter aus Leidenschaft. Er studierte an der Goethe-Universität Frankfurt. Schreiben ist seine Passion, weshalb er als Texter, Schriftsteller und PR-Profi arbeitet. Schwerpunkt des Schriftstellers sind Krimis.
Autoren/Hrsg.
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Sonntag
Kommissar Steffen Horndeich, den jeder nur Horndeich nannte, hörte den Knall.
Dann nichts mehr.
»Hallo?«, fragte er in sein Handy.
Doch seine Gesprächpartnerin antwortete nicht.
»Sandra?«
Nicht mal mehr ein Rauschen.
Horndeich betrachtete die Anzeige für die Signalstärke. Wenn das Gespräch zusammengebrochen war, dann nicht von seinem Gerät aus.
Noch einmal hakte er nach, diesmal lauter. »Sandra? Hallo!«
»Hat sie dich abgewürgt?«, fragte Henrik Gärtner, Horndeichs Nachbar und seit geraumer Zeit auch ein wenig ein Freund. Obwohl seine Frage Horndeich das Verhältnis zu ihm noch einmal überdenken ließ.
»Sie antwortet nicht. Da ist was passiert! Sie hatte einen Unfall!« Während er das sagte, dachte ein Teil seines Gehirns: Sandra ist verletzt. Ein anderer dachte: Mein Wagen ist Schrott.
Sie saßen nebeneinander auf einer der Steinbänke gegenüber dem Brunnen. Die Luft war lau, die Atmosphäre in diesem etwas abgelegeneren Teil der Rosenhöhe – Darmstadts schönstem Park – entspannend. Henrik hatte sich gerade eine Zigarette angezündet. Selbst gedreht. Ein Kraut, bei dessen Gestank sich Horndeich jedes Mal fragte, ob es nicht doch ein Fall für die Drogenfahndung war.
»Quatsch«, meinte Henrik ganz entspannt. »Wahrscheinlich hat sie einfach aufgelegt. Ich meine – so wie du sie gerade angemault hast.«
Horndeich war sich keiner Schuld bewusst. Zumindest keiner großen. Schließlich hatten sie vereinbart, dass Sandra Hillreich, Kollegin im Morddezernat Darmstadt, ihm den geliehenen Wagen – spätestens – am Mittag zurückbringen würde. Er hatte eigentlich noch nach Langen an den Badesee fahren wollen. Gut, in den Nachrichten hatten sie um zwölf schon gesagt, dass dort alle Parkplätze belegt waren. Also war er mit Henrik zum See gefahren. Auf dessen Motorrad.
Erst vor zwei Minuten hatte das Telefon geklingelt. Und jetzt war es schon nach 23 Uhr. Sandra hatte sich sogleich entschuldigt, sie sei erst nach dem Kaffee von ihrer Familie losgekommen.
Noch bevor sie weitersprechen konnte, hatte sich Horndeich schon wortreich beschwert. Als er dann zwischenzeitlich hatte Luft holen müssen, hatte Sandra erzählt, was passiert war. Kurz hinter Kassel sei ihr der Reifen um die Ohren geflogen. Der Mann vom ADAC, auf den sie eine Stunde gewartet hatte, habe ihr zwar geholfen, das Notrad aufzuziehen und es vor allem mit Luft versorgt, aber einen richtigen Reifen hatte der auch nicht dabei gehabt. Als sie Horndeich hatte anrufen wollen, hatte sie festgestellt, dass der Akku ihres Handys nicht leer, sondern kaputt war. Dann war der Stau gekommen. Siebzehn Kilometer, direkt hinter dem Hattenbacher Dreieck bis Alsfeld. Fünf Stunden. Und als sie in seinem Handschuhfach nach einem Kaugummi geforscht habe, sei sie auf das Handy gestoßen, mit dem sie Horndeich gerade anrief. Inzwischen sei sie schon hinter Langen und würde ihm den Wagen gleich vorbeibringen.
»Ich bin aber nicht zu Hause«, hatte Horndeich ins Handy geblafft.
Die Antwort war der Knall gewesen.
Horndeich wusste, von welchem Handy aus seine Kollegin ihn angerufen hatte. Im Handschuhfach seines Wagens lag ein billiges 08/15-Teil mit Prepaidkarte. Für Notfälle. Er tastete sich durch das Telefonbuch seines Mobilapparats, fand unter N und drückte die Wähltaste. Freizeichen. Keine Mailbox.
»Wahrscheinlich hat sie es nach deinen freundlichen Worten einfach in den Fußraum gepfeffert«, offenbarte Henrik seine Meinung zur weiblichen Psyche.
»Da ist was passiert«, wiederholte Horndeich.
»Quatsch«, sagte Henrik erneut.
Um sie herum saßen vielleicht noch zwanzig Leute, meist Pärchen. Sie hatten dem Konzert von »Melancholical Gardens« gelauscht, Horndeichs Lieblingscombo unter den Darmstädter Bands. Er kannte die Mitglieder der Band sogar persönlich, vor allem Joana. Er hatte ein paar Mal mit ihr gesprochen, sie hatten sogar miteinander telefoniert, hatten über Musik geplaudert, und er hatte sie auch schon mal nach Hause gefahren und einen Kaffee in ihrer Küche mit ihr getrunken. Alles rein platonisch. Er hatte ja seine Anna. Und um den liebestollen Groupie zu spielen, dafür war Horndeich nun doch zu alt. Oder zumindest zu reif.
Etwa fünfzig Besucher hatten das Konzert gehört. Für gewöhnlich lauschten mehr Menschen Joana Werder und ihrer Band. Aber an diesem Abend hatten sie ohne offizielle Ankündigung, ohne Verstärker und auch ohne Genehmigung auf der Rosenhöhe gespielt. Nur für die Freunde der Gruppe.
Das Areal überzog feiner Kies und Rasen, umkränzt von niedrigen Hecken. Früher hatte mal ein kleines Schloss auf diesem Gelände gestanden, das Palais Rosenhöhe. Und an diesem Abend war die Fläche romantische Bühne. Das Konzert war für die Band die Generalprobe für den Auftritt auf dem Schlossgrabenfest am kommenden Sonntag. Das Fest in der Darmstädter Innenstadt hatte sich in den vergangenen Jahren zum größten Musikereignis Hessens gemausert. Für »Melancholical Gardens« war es ein Schritt zu echtem Erfolg.
Vor einer guten Viertelstunde war das letzte Lied verklungen. Eine Coverversion des alten Fleetwood-Mac-Songs.
»Pass auf, in ein paar Sekunden fährt sie rechts ran, fischt das Handy von der Fußmatte und ruft dich zurück.« Für Henrik war die Welt immer einfach. Wahrscheinlich mochte Horndeich seinen Nachbarn genau deshalb. Nur dass Sandra, schließlich im Polizeidienst wie er selbst, kaum auf den Standstreifen einer Autobahn fahren würde, um nach einem Handy zu suchen. Zumal Horndeich nicht glaubte, dass sie es wirklich dort hingepfeffert hatte.
»Ich ruf bei den Kollegen von der Autobahnpolizei an«, entschied Horndeich. Zum Glück hatte er die Rufnummern der wichtigen Dienststellen in seinem Handy gespeichert. Er klickte sich durchs Menü, als sein Handy anschlug.
Henrik grinste breit und inhalierte einen tiefen Zug.
»Ja?«, sagte Horndeich knapp.
»Steffen?«
Keine Sandra. Sondern Anna. Seine Freundin. »Hallo Anna. Schatz, ich muss dringend telefonieren, kann ich dich in fünf Minuten zurückrufen?«
»Ich bin nicht zu Hause. Wir fahren gerade zu Onkel Sergej nach Karamzino. Ich habe sicher gleich kein Netz mehr.«
»Anna?«, fragte Henrik überflüssigerweise von links.
Horndeich nickte. »Anna, kannst du vielleicht …«
»Steffen, ich komm übermorgen noch nicht zurück. Es dauert noch zwei Wochen. Es ist noch so viel hier zu erledigen. Nichts klappt, wie es soll.«
Noch zwei Wochen. Seit sieben Wochen weilte Anna bereits in Moskau. Seit ihre Mutter sich das Bein gebrochen hatte. Sie hatte sie nur besuchen und nach einer Woche wieder zurückkehren wollen. Dann war klar geworden, dass ihre Mutter für immer auf Hilfe angewiesen sein würde. Anna wollte ein Pflegeheim finden. Noch eine Woche. Aber das war offenbar in Moskau noch schwieriger als in Deutschland. Und noch eine Woche.
»Wie geht es deiner Mutter?«, rang sich Horndeich ab zu fragen. Dabei wusste er die Antwort schon im Voraus.
»Unverändert.«
Sie schwiegen sich über die Distanz von zweitausend Kilometern an. Stille, die man greifen konnte.
»Ich melde mich, wenn ich in zwei Tagen wieder in Moskau bin.«
»Ja. Mach das.«
Kein »Ich liebe dich«. Nicht mal ein »Bis dann.«
Horndeich wollte nicht darüber nachdenken.
»Verabschiedet ihr euch immer so herzlich?«, lästerte nun auch der Kettenraucher von links.
Horndeich entgegnete nichts. Er wählte zuerst die Nummer der Telefonzentrale seines Reviers, ließ sich dann von dem Kollegen, den er an die Strippe bekam, mit der Autobahnpolizei verbinden. Deren Dienststelle war im Westen Darmstadts angesiedelt, sinnvollerweise unmittelbar am Autobahnzubringer. Während das Freizeichen ertönte, hörte er einen Hubschrauber. Könnte ein privater Helikopter sein. Könnte aber auch ein Notarzt-Heli sein.
»Blanken, Autobahnpolizei Darmstadt, guten Abend«, meldete sich der Kollege.
Horndeich kannte Blanken. »Jörg? Hier Horndeich.«
»Hallo, Horndeich! Ist es was Wichtiges? Hier brennt gerade die Hütte.«
Steffen Horndeichs Magen zog sich zusammen wie ein Wasserball an einer Vakuumpumpe. »Was ist passiert?«
»Auf der A5 hat’s geknallt«, antwortete Blanken.
»Wo?«
»Raststätte Gräfenhausen West. Scheint richtig übel zu sein. Wir haben noch keinen genauen Überblick, aber es sieht so aus, als ob da mindestens dreißig Wagen ineinander geschoben worden sind, zusätzlich noch auf der Gegenfahrbahn.«
Horndeich brachte keinen Ton mehr hervor.
»Horndeich? Was willst du denn nun?«
Er antwortete nicht mehr. Er drückte auf die Taste, die die Verbindung unterbrach. »Ich brauch dein Motorrad«, flüsterte er Henrik zu.
»Was ist denn los?«
»Ein Unfall. A5. Hinter Langen. Sandra.«
»Und was willst du da?«
»Ich muss wissen, was los ist.«
»Ich fahr dich.«
Horndeich schüttelte den Kopf. »Nein, ich fahr selbst. Du weißt nicht, wie du da hinkommst.«
»Sag mal, ist noch alles gut im Kopf? Rheinstraße nach Westen, dann auf die Autobahn nach Norden …«
»Die Autobahn ist dicht. Ich muss durch den Wald. Zur Raststätte.«
Henrik sah seinen Freund an. Horndeich wich dem Blick nicht aus. Er sagte nur: »Bitte.«
Henrik warf die Kippe auf den...




