Kibler | Seelenraub | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 9, 384 Seiten

Reihe: Darmstadt-Krimis

Kibler Seelenraub

Kriminalroman
16001. Auflage 2016
ISBN: 978-3-492-97557-5
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, Band 9, 384 Seiten

Reihe: Darmstadt-Krimis

ISBN: 978-3-492-97557-5
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Hauptkommissar Steffen Horndeich steht vor einem Rätsel. Erst wird in Darmstadt ein ermordeter Professor gefunden, dann die Leiche eines arbeitslosen Physiotherapeuten in Wiesbaden. Zwei Männer, die sich nicht kannten und sich offenbar nie begegnet sind. Und doch gibt es eine grausame Parallele: Beide Opfer wurden mit derselben Tatwaffe hingerichtet. Gemeinsam mit seiner Kollegin aus Wiesbaden sucht Horndeich fieberhaft nach einer Verbindung zwischen den Männern. Da geschieht noch ein Mord ...

Michael Kibler, geboren 1963 in Heilbronn, ist heute leidenschaftlicher Darmstädter. Nach Studium und Promotion arbeitet er als Texter und Schriftsteller. Seit 2005 veröffentlicht er erfolgreiche Kriminalromane um die Darmstädter Ermittler Steffen Horndeich und Margot Hesgart. Mit »Sterbenszeit« erschien 2014 außerdem sein erster Krimi um den BKA-Hauptkommissar Lorenz Rasper.
Kibler Seelenraub jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


DIENSTAG, 7. JUNI


Die Hochschule für Musik lag am südlichen Rand von Darmstadt, unmittelbar an der Endhaltestelle der Straßenbahnlinie. Horndeich parkte seinen Wagen. Er war direkt von zu Hause aus zur Hochschule gefahren, nachdem der Direktor des Instituts ihm am Telefon gesagt hatte, dass er an diesem Vormittag problemlos eine halbe Stunde für Horndeich erübrigen könne.

Das Türschlagen des Xedos glich eher einem sanften Ploppen, und doch war das Geräusch für Horndeich an diesem Morgen ein wenig zu laut. Nachdem Sebastian und Chloe sich zurückgezogen hatten, war er mit Sandra noch zwei Stunden im Wohnzimmer sitzen geblieben und hatte den Rest der Weinflasche geleert. Zu dumm, dass der Rest der Flasche noch ungefähr neun Zehntel entsprochen hatte und Sandra selbst keinen Alkohol trank, da sie immer noch stillte. Aber es war ein schönes Gespräch gewesen. Horndeich ging auf in seiner Familie. Heute Morgen beim Zähneputzen war ihm aufgefallen, dass er in den ganzen Jahren, in denen er nun mit Sandra zusammen war, nicht einmal den Gedanken gehabt hatte, ob es nicht vielleicht besser gewesen wäre, mit einer seiner Verflossenen eine Familie gegründet zu haben. Die Antwort war nicht nur ein klares Nein, sondern schon die Frage war für ihn völlig irrelevant. Ein glückliches Gefühl, wären da nicht die Kopfschmerzen gewesen.

Das Büro von Pjotr Poznanski entsprach nicht Horndeichs Vorstellung eines Direktorenbüros. Der Raum maß zwar sicher zwanzig Quadratmeter, doch er glich eher einem vollgestopften Lagerraum als einem repräsentativen Empfangszimmer. Ähnlich wie bei seinem Kollegen Feller waren sämtliche Wandflächen mit Regalen zugestellt. Nur waren die Regalbretter hier nicht mit technischem Equipment, sondern bis auf den letzten freien Zentimeter mit Büchern und Notenblättern beladen. Auf drei kleineren Tischen stapelten sich ebenfalls Papierberge undefinierbaren Inhalts. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, war neben Schreibtisch und drei Stühlen auch noch ein Flügel im Raum untergebracht. Zu allem Überfluss war Poznanski rund einen Meter neunzig groß und breitschultrig wie ein Profiboxer. Horndeich fühlte sich beengt.

»Entschuldigen Sie, Herr Horndeich, unser etwas repräsentativerer Besprechungsraum ist heute leider den ganzen Tag belegt. Ich hoffe aber, dass ich Ihnen auch hier weiterhelfen kann. Sie sagten gestern, Ludwig sei tot?«

Horndeich ließ sich auf den einzigen freien Stuhl vor dem Schreibtisch sinken. »Ja. Er wurde ermordet.«

Poznanski setzte sich auf den Schreibtischstuhl. »Das ist ja furchtbar.«

Horndeich fragte sich, wie oft er diesen Satz schon gehört hatte. Auf der anderen Seite fragte er sich ebenfalls, ob es eine echte Alternative zu diesem Satz gab, die mehr Betroffenheit ausdrückte. Wäre Poznanski als Zeuge nun in Tränen ausgebrochen, wäre Horndeich sicherlich irritiert gewesen.

»Kann ich irgendwie dazu beitragen, dass Sie den Mörder finden?« Poznanskis Stimme war sachlich, fast ein wenig unterkühlt.

»Zunächst habe ich da eine Standardfrage, die ich immer stellen muss: Wissen Sie, ob Ludwig Daunberg Feinde hatte? Gab es Konflikte oder Streitereien mit Kollegen oder Studenten?«

Noch während Horndeich sprach, schüttelte Poznanski bereits den Kopf. »Nein, Herr Horndeich, da ist mir überhaupt nichts bekannt. Ich bin seit zehn Jahren hier Direktor, und Ludwig war bereits vor mir an der Hochschule. Ich habe von Anfang an ein sehr gutes Verhältnis zu ihm gehabt. Ihn als Freund zu bezeichnen, wäre vielleicht ein wenig hochgegriffen, aber wir haben uns auch – wenn auch nicht oft – mit unseren Familien getroffen. Ludwig war ein sehr ruhiger, sehr überlegter und vor allem ein unglaublich kompetenter Kollege. Er war niemand, der aufbrauste, der einem Worte an den Kopf warf, die er zwei Minuten später wieder bereut hätte. Da haben wir ganz andere Kollegen hier.«

»Könnte es sein, dass einer seiner Studenten etwas gegen ihn hatte? Einer, der sich ungerecht behandelt fühlte, weil er eine Prüfung nicht bestanden hatte oder Ähnliches?«

»Auch da ist mir überhaupt nichts bekannt. Es klingt zwar pathetisch, aber es trifft es trotzdem: Wir sind hier wie eine Familie. Wenn sich hier jemand ungerecht behandelt fühlt, dann weiß es vier Stunden später die gesamte Klasse und einen Tag später die gesamte Studentenschaft. Und wenn es dann mal lang dauerte, zwei Tage später auch das gesamte Kollegium. Ich habe wirklich nichts gehört. Also nicht nur, dass jemand sauer gewesen wäre, sondern nicht einmal, dass jemand auch nur den leisesten Groll gegen Ludwig gehegt haben könnte.«

»Ich frage ganz direkt: Kann es sein, dass Ludwig eine Affäre hatte? Mit einer Studentin beispielsweise? Eine Affäre, die aus dem Ruder gelaufen ist, die er eventuell beenden wollte?«

Wieder schüttelte Poznanski den Kopf. »Ich kann Ihnen nur sagen, dass mir davon überhaupt nichts bekannt ist. Wenn Ludwig tatsächlich eine Affäre mit einer Studentin gehabt hätte – und ich kann mir nicht vorstellen, dass das der Fall gewesen ist –, dann hätten sie das kaum geheim halten können in diesem kleinen Kreis hier. Ich kann es mir wirklich nicht vorstellen. Und Darmstadt ist ja nun wirklich ein Dorf. Nach ein paar Wochen hätte irgendjemand sie irgendwo gemeinsam gesehen.«

»Was genau hat Ludwig Daunberg denn unterrichtet?«

»Zwei Fächer: Komposition und Klarinette. Dabei war er immer unglaublich flexibel. Gerade im Bereich der Komposition. Ein perfekter Analyst bestehender Werke, von Mozart bis zu Schönberg, dann ein unglaublich kreativer Geist, der bereits selbst einige hervorragende Musikstücke komponiert hat – sogar eine Oper –, der aber durchaus auch Bezug zu Populärmusik hatte. Gerade im Wahlpflichtbereich waren seine Kurse über Bandarbeit beim Jazz immer überbucht. Und er war sich auch für eine spontane Jamsession nie zu schade. Klarinette war sein Hauptfach, aber wenn es für den Begriff Allroundtalent einen Namen geben sollte, so war der Ludwig Daunberg.«

Das klingt alles fast zu perfekt, dachte Horndeich. »Und auch innerhalb des Kollegiums gab es keine Reibereien?«

»Reibereien? Nein. Zumindest nicht mit Ludwig Daunberg.«

»Und es gab auch keine Extravaganzen, keine Marotte, keinen Spleen, den Ludwig Daunberg hier auslebte?«

Nun musste Poznanski grinsen. »Doch, einen Spleen hatte er. Sie kennen sicher das Lied Die da von den Fantastischen Vier mit der Textzeile ... das ist die Frau, die freitags nie kann. Ludwig nannten wir immer den Mann, der mittwochs nie kann. Jeden Mittwoch hatte er einen Abendtermin, und an diesen Tagen war er nicht da. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, so gab es schon ein paar Auseinandersetzungen, weil Daunberg auf diesen Termin nie verzichten wollte. Keine Veranstaltung, an der er hätte teilnehmen müssen, konnte auf einen Mittwoch gelegt werden. Mittwoch ist jetzt auch nicht so der Tag, auf den wir Abendveranstaltungen legen. Das sind dann doch eher die Freitage oder die Samstage. Aber auch bei einem Festival, das über mehrere Tage geht, war sein Mittwoch heilig und nicht zu diskutieren. Das fing so vor drei Jahren an. Und er hat auch nie jemandem erklärt, was an diesen Mittwochabenden stattfand.«

»Und Sie wissen auch nicht, was an diesen Mittwochabenden immer stattfand?«

»Nein, er hat darüber nicht gesprochen und sehr deutlich gemacht, dass er das auch nicht will. Ich hatte mal den Verdacht, dass er vielleicht zu den Anonymen Alkoholikern ging. Aber dagegen sprach, dass ich ihn auch zuvor nie habe Alkohol trinken sehen.«

Horndeich hatte inzwischen seinen Notizblock aus der Innentasche des Jacketts genommen und sich einige Notizen gemacht. Für ihn war das immer noch die beste Methode, seine Gedanken festzuhalten. Die jüngeren Kollegen arbeiteten mit Tablets, auf die sie mit einem Stift ohne Mine handschriftliche Aufzeichnungen machten, die das Gerät dann erstaunlich gut in gewöhnliche Textdokumente transferierte. Das war nie Horndeichs Ding gewesen. Wenn er die Notizen auf den Rechner übertrug, musste er seine Gedanken nochmals strukturieren. Er hatte immer das Gefühl gehabt, dass ihm das beim Lösen kniffliger Fälle geholfen hatte.

»Könnten Sie mir bitte die Teilnehmerlisten seiner aktuellen Kurse zukommen lassen?«

»Natürlich. Ich begleite Sie gleich zum Sekretariat, die können Ihnen das ausdrucken.«

»Gut. Wir werden Ihre Studenten dann nach und nach alle befragen müssen.«

»Selbstverständlich. Vielleicht geht es auch einfacher: Morgen wäre der nächste Unterrichtstermin, und da wären dann ohnehin alle Studenten aus seinen Kursen hier, wenn wir ihnen vorher Bescheid sagen.«

»Da komme ich gern drauf zurück.«

Der nächste Gang war schwerer. Horndeich wollte sich nochmals mit Chiara unterhalten. Und auch mit ihren beiden Töchtern. Er fuhr wieder direkt ins Komponistenviertel, stellte den Wagen gleich vor dem eigenen Heim ab und ging die paar Meter zu Chiara Daunbergs Haus zu Fuß.

Fünf Minuten nachdem er an der Tür geklingelt hatte, saßen sie zu zweit im Wohnzimmer. Leonora und Nicola, die beiden Töchter, waren in ihren Zimmern. Gerald war im Kindergarten. Chiara hatte Kaffee gekocht, sogar ein paar Kekse auf den Tisch gestellt. Die Szenerie trug surrealistische Züge, denn das Ambiente wirkte wie das eines netten Kaffeekränzchens. »Kommst du gerade von der Hochschule?«, erkundigte sich Chiara.

Horndeich bestätigte das.

»Irgendwas herausgefunden? Irgendetwas Neues?«

Horndeich blieb nur, den Kopf zu schütteln. »Nein, auch dieser Direktor,...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.