E-Book, Deutsch, Band 2, 380 Seiten
Reihe: Celeste
Kiefner Celeste
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-347-15405-6
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Das Manuskript der Amazone
E-Book, Deutsch, Band 2, 380 Seiten
Reihe: Celeste
ISBN: 978-3-347-15405-6
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Sabrina Kiefner ist in Waiblingen geboren und lebt seit vielen Jahren an der französischen Atlantikküste. Nach ihrem Studium der Fremdsprachen war sie in der Immobilienbranche selbständig, bevor sie ihre Leidenschaft für Pferde zum Beruf machte. Mit Pferden hat die Autorin nach wie vor ehrenamtlich zu tun und widmet sich heute Übersetzungen und ihren Recherchen über herausragende Frauen, deren Schicksal sie vor der Vergessenheit und der allgemeinen Indifferenz bewahren will, die unsere Epoche auszeichnet. Das vorliegende Erstlingswerk "Celeste" erschien in Frankreich 2019. Die Romanbiographie wurde von der Autorin in ihre Muttersprache übersetzt, um sie auch den deutschsprachigen Lesern zugänglich zu machen. Zur zweibändigen Celeste-Reihe gibt es auf der Facebook-Seite "Céleste de Bulkeley" viele Bilder, Archivdokumente und Kartenmaterial.
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Kapitel I
Mehr Licht
Ich fühle mich leicht wie eine Feder. Die Sonne scheint auf mich herab. Ein leichter Windstoß erhebt mich in die Lüfte und ich breite meine Arme aus, als wäre ich eine Gabelweihe*, und fliege wie ein Engel! Doch plötzlich verblendet mich grelles Licht. Mein Versuch, die Augen zu öffnen, scheitert schmerzhaft an meinen zusammengeklebten Wimpern – es ist eine unangenehme Empfindung. Als die Anstrengung zu mühsam wird, gebe ich auf und atme tief und zufrieden durch, beruhigt vom orangefarbenen Leuchten hinter meinen geschlossenen Augenlidern. Ich höre eine Frauenstimme, aber ich kann ihre Worte nicht verstehen. Ich möchte mich auf die Seite drehen; doch ein stechender Schmerz im Bauch hält mich davon ab. Wo bin ich?
Mein Kopf wird schwer und ich schlafe ein. Ich vernehme ein leichtes Summen und benötige eine Weile um mir darüber klar zu werden, dass es von mir selbst stammt – ich habe geschnarcht! Allem Anschein nach döse ich nur vor mich hin, denn die Stimmen sind wieder da, es sei denn, ich befände mich erneut in einem Traum? Ich fühle mich, als läge ich auf einer Wolke. In der Ferne schimmert ein Lichtstrahl, auf den ich mich durch eine Art Gang zubewege, ohne meine Schritte oder meinen Körper zu spüren. Ich muss träumen! Schwerelos schwebe ich über einem Baumwollfeld. Bin ich tot?
Nein! Ich atme. Und ich fühle, wie sich eine Hand auf meine legt, sobald die Stimme wieder zu mir durchdringt:
„Sie muss noch schlafen. Es ist ein Wunder, dass sie noch am Leben ist.“
Eine andere Stimme, vielleicht die einer Großmutter, antwortet:
„Es ist auch ein Wunder, dass wir beide noch am Leben sind, mein Kind. Lass uns darauf hoffen, dass ihr Ehemann die Massaker und die Brandstifter überlebt hat.“ Ich höre das Getrappel von Hufeisen auf den Steinplatten. Eine Vision bildet sich vor meinen geschlossenen Lidern: mein schöner Achilles, auf dessen Rücken mir Aminte im Damensattel stolz zulächelt! Ich höre mich seufzen, während das Bild sich verwässert. Eine Tür schlägt zu, dann hämmern erneut eherne Schritte durch den Raum. Plötzlich fällt mir ein, dass die Bauern der Vendee ihre Holzschuhe mit Eisen beschlagen, um deren Lebensdauer zu verlängern.
Ein wenig später - ich musste inzwischen eingeschlafen sein – nehme ich einen vertrauten Geruch wahr, der meinen Magen in regelrechte Rebellion versetzt: der Dunst gebratener Zwiebeln. Eine gute Seele fährt mit einem warmen, feuchten Tuch über mein Gesicht. Sie reibt sanft über meine Stirn, angenehmer Duft nach Rosmarin umgibt mich. Der Dampf löst meine verklebten Augen und als ich sie öffne, erschrickt meine Pflegerin. Sie sieht mich neugierig an und ich höre erneut die flötende Stimme:
„Ah, endlich! Sie haben genug geschlafen, denke ich. Fühlen Sie sich etwas wohler?“
Ich öffne meinen Mund, doch es kommt kein Ton aus meiner Kehle; meine Stimme ist so heiser, dass ich nur krächzen kann: „Besser… ja, danke. Aber wo bin ich?“
Die junge Frau lächelt:
„In Saint-Jean-de-Linières. Sie lagen mitten auf dem Weg, eine halbe Meile von Angers entfernt. Unser braver Esel war vor Ihnen stehengeblieben und das zu Ihrem Glück, denn meine Mutter hatte Sie im grellen Gegenlicht der Sonne gar nicht gesehen, noch ich selbst. Wir kamen vom Markt aus Angers zurück.“
Angers. Das Wort brummt durch meinen Kopf wie ein Bienenschwarm, bis mich die Realität mit der Intensität einer Flutwelle überkommt. Vor meinem geistigen Auge erscheinen die Schlachtfelder um Cholet, die Kadaver, die armen, alten Männer am Wegesrand…, meine leblose Tochter in meinen Armen. Dann blitzt eine Klinge im strahlend blauen Himmel auf, spiegelt sich im Sonnenschein, ich sehe die smaragdgrünen Augen meines lieben Gemahls, mein William! Ohne, dass ich es kontrollieren könnte, fühle ich heiße Tränen an meinen Wangen hinablaufen. Doch im selben Moment, abrupt und brennend wie ein Blitz, durchdringt ein noch schrecklicherer Gedanke meinen geschwächten Geist, und noch bevor ich die Frage formulieren kann, die so schwer auf meinem Herzen lastet, fürchte ich die Antwort:
„Und das Kind?“
„Es hat nicht leiden müssen, der Bub ist tot geboren. Es tut mir leid, werte Dame. Wir konnten ihn mit der Hilfe des Prior Allain in gesegneter Erde begraben. Der ehemalige Pfarrer von Saint-André-Goule-d’Oie, der uns im Wald die Messe liest, seit die Vereidigten in unsere Kirchen eingedrungen sind, hat das Begräbnis veranlasst. Aber das ist eine lange Geschichte, ich erzähle Sie ihnen ein andermal. Sie brauchen jetzt Ruhe.“
Vierzehn Tage später war ich wiederhergestellt, dank der großzügigen Betreuung meiner Gastgeberinnen. Sie haben all ihre männlichen Familienmitglieder auf den Schlachtfeldern verloren, vom Großvater bis zu den beiden Söhnen. Diese christlichen Frauen teilten mit mir das Wenige, das sie besaßen. Ich war noch sehr schwach und sie bereiteten mir stärkende Suppen und honigsüße Kräutertees zu. Die Mutter erzählte mir von dem Elend, das sie durchgemacht hatten, während ihre Tochter Erbsen aussortierte, die sie gerade in ihrem Gärtchen geerntet hatte. Sie schienen neugierig, meine Geschichte zu hören, so begann ich ihnen die Schicksalsschläge zu offenbaren, die meine Familie seit unserer Rückkehr von der Isle de France getroffen hatte. Während meiner Erzählung tauschten die beiden erstaunte Blicke aus. Schon am nächsten Tag bekam ich Besuch von einem meiner ehemaligen Soldaten – die Neuigkeiten hatten sich schnell von einem Weiler zum nächsten verbreitet!
Es war Jehan, einer unserer berittenen Jäger der Division von La Roche. Nach der Katastrophe in Savenay hatte er sich zu einem Cousin ins Anjou zurückgezogen. Der ehemalige königliche Forstmeister machte einen sehr bewegten Eindruck, mich wiederzusehen. Er erzählte mir von unseren Waffenbrüdern, von denen einige der Armee von Charette beigetreten und andere in ihre Dörfer zurückgekehrt waren, um das väterliche Haus wieder aufzubauen. Jehan kam schon am nächsten Tag wieder, als wir uns soeben auf einen kurzen Spaziergang begeben wollten: meine Gastgeberinnen hatten mich davon überzeugt, dass frische Luft und etwas Bewegung für meine Gesundheit nur von Vorteil sein konnte. Ich war immer noch blass und schrecklich dünn. Jehan gesellte sich zu uns und erzählte von der Wolfsjagd, die er vorbereitete. Die wilden Bestien begannen damals, in grosser Anzahl durch die Wälder zu streifen und sich zu einer schlimmen Gefahr für die reduzierte Bevölkerung des Anjous zu entwickeln.
Ich bot ihm an, mich bei der Jagd nützlich zu machen, und er versprach, mir ein Reittier und eine Waffe zu besorgen. Meine Gastgeberinnen protestierten:
„Sie sind noch zu gebrechlich, Madame, Sie können sich solchen Mühen nicht aussetzen! Sie brauchen weiterhin Erholung und Ruhe.“
Ich erwiderte:
„Ich werde Ihnen beiden niemals genug danken können für alles, was Sie für mich getan haben, meine lieben Freunde. Aber es ist mir unerträglich, die meiste Zeit im Bett zu verbringen; Ich muss raus und will meinen Kampf wieder aufnehmen. Ich werde bald nach Hause zurückkehren, aber bevor ich Sie verlasse, möchte ich mit Jehan auf Jagd gehen.“
Meine Gastgeberin mahnten zur Vorsicht, aber sie wussten, dass dringend gegen die Wölfe eingegriffen werden musste. Sie waren zu einer regelrechten Plage geworden: die Hirten beklagten die reichlichen Schafe, die aus ihren Herden gerissen worden waren. Das offene Massengrab in Savenay war von den Rudeln überfallen worden, die die letzten Überlebenden angefallen hatten. Normalerweise greift der Wolf den Menschen – seinen größten Feind – nicht an. In früheren Zeiten oblag es den vom König ernannten Leutnants, die Anzahl der Wolfsrudel durch regelmäßige Jagden zu kontrollieren. Auf diese Weise hatten die Bestien gelernt, den Menschen zu fürchten und zu meiden. Nur Kinder erwiesen sich gelegentlich als leichte Beute. Aber seit die Nation sich hierzulande auf Menschenjagd spezialisiert hatte, konnten sich die Horden in ihren Höhlen unbehelligt fortpflanzen; die Wolfsjagd war seit fast zwei Jahren vernachlässigt worden. Der Blutgeruch, der von den Schlachtfeldern ausging, hatte beträchtliche Meuten angezogen und es war lebenswichtig für die Menschen, die Kontrolle über unsere Wälder wieder zu erlangen, denn ein Wolf, der menschliches Fleisch gekostet hat, kann zu einem gefährlichen Schlächter werden.
Die Landbewohner sammelten sich um die wenigen Gemeindekapitäne, die unsere Odyssee überlebt hatten. Dies war leider nicht der Fall für den berühmten Jacques du Vignault d’Escla: der berühmte Equipagenmeister war im Kampf für den König erlegen; nur seine zwei Hundeführer, gefolgt...




