E-Book, Deutsch, 284 Seiten
Reihe: ONE
Kiely The Last True Lovestory
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7325-4833-0
Verlag: ONE
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 284 Seiten
Reihe: ONE
ISBN: 978-3-7325-4833-0
Verlag: ONE
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Liebe findet jeden
THE LAST TRUE LOVESTORY ist eine gefühlvoll erzählte Geschichte, in der es neben der Bedeutung von Familie vor allem darum geht, sich zu verlieben. Am meisten berührten mich die besonderen, die leisen Momente, die gleichzeitig ein ganzes Leben verändern können. (Ava Dellaira, Autorin von LOVE LETTERS TO THE DEAD)
Der 17-jährige Teddy hat ein besonders enges Verhältnis zu seinem Großvater. Und so kann er ihm den Wunsch nicht abschlagen, ihn nach New York zu begleiten, um ein letztes Mal die Kirche zu betreten, in der er seiner bereits verstorbenen Frau das Jawort gegeben hat. Nur wie sollen die beiden von Los Angeles dorthin kommen? Da kommt Teddy Corrina in den Sinn. Das gleichaltrige Mädchen, eine Straßenmusikerin, besitzt einen Führerschein, nur hatte Teddy bisher nicht den Mut, seiner heimlichen Schwärmerei Taten folgen zu lassen. Jetzt ist seine Chance. Kurze Zeit später befindet sich das ungleiche Trio tatsächlich auf dem Weg, und während der Großvater von seiner vergangenen großen Liebe erzählt, funkt es auch zwischen Teddy und Corrina ...
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Kapitel 1
Das unerfüllbare Versprechen
Am Tag, bevor wir aus der Stadt abhauten, um über die breiten, windgepeitschten Straßen Amerikas zu düsen, stand ich drei Stockwerke unter Grandpas Apartment, starrte über den Strand hinweg auf das Wasser und drückte dabei ein frisch gerahmtes Foto zweier Toter an mich.
Die betreute Wohnanlage Calypso Sunrise Suites lag wie hingeplumpst auf halber Strecke zwischen dem Santa Monica Pier und der Strandpromenade von Venice Beach. Wenn gerade niemand vorbeifuhr und ich an den gebogenen Palmen und dem Streifen Strand vorbei auf die unendliche Weite des Pazifiks blickte, hätte es scheinen können, als wäre ich am Ufer einer Insel gestrandet, verschollen und vergessen im Meer.
Zumindest fühlte ich mich so, während ich dastand und meine ganze Kraft zusammennahm, um das Foto wieder zu Grandpa zurückzubringen. In der Woche zuvor hatte er bei einem seiner Anfälle das Glas und den Rahmen zerbrochen, und ich konnte zwar das Foto retten, ohne es zu knicken oder zu zerreißen, hatte mir dabei jedoch an den Scherben die Handfläche und die Finger aufgeschnitten. Aber wenigstens war das Foto unversehrt. Darauf stand Grandma, das Haar zu einer Sechzigerjahre-Bienenkorbfrisur hochtoupiert, vor ihrem alten holzverkleideten Kombi und hielt die Babyversion meines Dads in einem Bündel auf dem Arm. Grandpa hatte es nicht absichtlich kaputt gemacht, es war nämlich sein Lieblingsfoto von ihr. Er hatte es in einem Wutanfall zusammen mit allem anderen von seinem Schreibtisch gefegt, und es war am Fuß seiner Stehlampe zersprungen. Ich hatte eine halbe Stunde damit zugebracht, den Bereich um seinen Schreibtisch herum sorgfältig zu saugen.
Meine Hand tat immer noch weh, vor allem, weil ich Bumsers Leine zweimal drumherumgeschlungen hatte. Er trieb es gerade mit dem Bein einer der Bänke an der Promenade, was mich jedoch nicht störte. Er sollte sich ruhig abreagieren, bevor wir ins Calypso gingen. Dort waren Haustiere zwar willkommen, aber nur, wenn sie nicht einen der Bewohner, Gäste oder Mitarbeiter besprangen. Für einen American-Staffordshire-Terrier war Bumser eher klein, und mit dem Anblick seiner Zunge, die ihm so dämlich über die Zähne aus dem Maul hing, hätte das Kerlchen eine Leiche zum Lächeln gebracht. Schließlich wurde er müde und gähnte, um es mich wissen zu lassen, und so führte ich ihn um die Ecke zum Parkplatz und die Treppe zum Haupteingang hinauf.
Obwohl die Bewohner des Calypso nicht sonderlich betucht waren, umfasste die Anlage ein großzügiges, sich über einen ganzen Wohnblock erstreckendes dreistöckiges Gebäude mit Gemeinschaftsräumen, einem Bistro, einer Kunstwerkstatt, einer Gemeinschaftsterrasse und einem großen Garten, der einen baumumstandenen Springbrunnen beherbergte. Dort traf ich mich oft mit Grandpa und hörte mir seine Geschichten an oder las ihm Gedichte vor.
Ich kannte die meisten der freundlichen, mit blauen Poloshirts bekleideten Mitarbeiter und winkte den Leuten am Empfang zu, während Bumser und ich die Lobby durchquerten. Zuerst sah ich im Garten nach – wo Grandpa nicht war – und ging dann zurück zum Aufzug, um zu seinem Apartment hochzufahren. Ich klopfte. Niemand antwortete, deshalb öffnete ich die Tür und steckte den Kopf durch den Spalt.
»Verdammt«, sagte ich. Grandpa hatte wieder einen schlechten Tag.
Das Zimmer war verwüstet. Das Bett stand schief, die Laken waren am Fußende zerknittert wie gefrorene Wellen, und seine Kleider lagen überall auf dem Boden verstreut. Er hatte die Schubladen der Kommode komplett herausgezogen, ausgeleert und Richtung Badezimmertür geworfen. Auch im Badezimmer herrschte Chaos. Die Türen des Schränkchens unter dem Waschbecken standen offen, und Grandpas Pillenfläschchen, das Shampoo, die Zahnpasta und das Deo lagen in der Badewanne.
Derjenige, der all das angerichtet hatte, war nicht der echte Grandpa. Es war der Mann, der Besitz von ihm ergriff, wenn er einen Anfall hatte – der Mann mit den sturmumwölkten Augen. Ein Mann, den ich nicht wiedererkannte. Und manchmal, wenn es ganz schlimm war, wenn er mich mit wütend gerunzelten Brauen ansah, hatte ich Angst, er könnte mich ebenfalls nicht wiedererkennen. Dabei war es mies von mir zu behaupten, derjenige, der dort am Fenster seines Zimmers stand, sei nicht er, sondern jemand anders. Es war nicht fair, das zu behaupten. Denn es war Grandpa. Daran musste ich mich gewöhnen, und ich musste herausfinden, wie ich ihm helfen konnte.
Er empfing mich in seinem üblichen Outfit, der grauen Hose und dem zweifarbigen, kurzärmeligen Leinenhemd. Und er trug Schuhe, was ein gutes Zeichen war, denn es bedeutete, dass er an diesem Tag das Zimmer schon mal verlassen hatte. Er starrte aus dem Fenster, über die Promenade und den Sand hinweg auf den Pazifik.
»Grandpa«, sagte ich auf seinen Rücken zu. »Grandpa, ich bin’s, Teddy.«
Ich ließ Bumsers Leine los, und er flitzte hinüber zu Grandpa und schnüffelte an seinem Bein. Dann kam er zu mir zurück, als wollte er von mir wissen, was zu tun sei, und ich wünschte, ich wüsste das selbst.
Während ich quer durch das Zimmer zu Grandpa ging, wiederholte ich noch einmal meinen Namen. Er wandte mir beharrlich den Rücken zu, und weil ich vermeiden wollte, dass er unvermittelt auf mich einschlug, was durchaus geschehen konnte, berührte ich ihn nicht. Ich trat an seine Seite und lehnte mich an die Wand. Im Licht der Spätnachmittagssonne glitzerten die Tränen auf seinen Wangen golden. »Grandpa«, sagte ich noch einmal.
Jemand klopfte an die Tür. Bevor ich etwas sagen konnte, wurde sie geöffnet, und zwei Angehörige der Calypso-Poloshirt-Brigade standen im Türrahmen, Julio und Frank, zwei massige Muskelprotze. Sie erinnerten mich an die Footballspieler an meiner Schule, die beim Gehen die Brust blähten und die Arme ungefähr eine Schuhlänge vom Körper entfernt hielten, als müssten sie ständig ihre Achselhöhlen belüften. Julio und Frank tauchten immer dann auf, wenn in einem der Bewohnerzimmer Alarmstufe Rot herrschte oder wenn sich während einer der organisierten Aktivitäten oder einer Mahlzeit jemand im Bistro oder in der Lobby verirrte.
»Alles in Ordnung?«, fragte Julio und trat ins Zimmer, obwohl er genau wusste, dass dem nicht so war. »Brauchen wir Dr. Hannaway?«
»Nein«, antwortete ich.
Grandpa atmete ruhig ein und aus und wischte sich die Tränen von den Wangen. Daran erkannte ich, dass er sich bereits beruhigt hatte und seine Wut abgeflaut war. Er war still, weil er Angst hatte. Sein Blick schoss zwischen mir und dem Fenster hin und her. Er wusste wahrscheinlich nicht, warum er das Zimmer zerlegt hatte. Möglicherweise erinnerte er sich nicht einmal daran, dass er es gewesen war. Bumser schmiegte sich an Grandpas Schienbein, und Grandpa beugte sich hinunter, um ihn zu kraulen.
»Ich hab das im Griff«, sagte ich zu den beiden Riesen.
»Das bezweifle ich«, entgegnete Frank. Seine Glatze glänzte, als er sich unter dem Türrahmen duckte und ins Zimmer trat. »Charlie?«, sprach er Grandpa an.
Ich trat vor sie. »Ernsthaft.« Ich hob meine Hand. »Ich hab das im Griff. Wirklich.«
Julio runzelte die Stirn. Er nickte zum Schreibtisch, wo alle Schubladen offen standen und die Stifte, das Papier und die Zeitschriften auf dem Teppich darum herum verteilt waren. »Komm schon, Teddy«, sagte er. »Wir sind Profis.«
»Und ich gehöre zur Familie«, konterte ich. Tatsächlich war Grandpa so ziemlich alles, was ich an Familie besaß. Da gab es natürlich Mom, aber sie war normalerweise auf irgendeiner Geschäftsreise, immer am Arbeiten – diese Woche in Shanghai –, und Grandpa sah ich öfter als sie, obwohl er nicht mehr bei uns wohnte. Mom hatte ihn in den sieben Monaten, seitdem sie ihn ins Calypso gesteckt hatte, vielleicht zweimal besucht.
Es gab also nur Grandpa und mich und Bumser. Dad war nämlich auch weg, und zwar schon so lange, dass wir nie über ihn redeten. Mein Dad: tot.
»Ich weiß, Kumpel«, sagte Julio. »Aber manchmal musst du diese Dinge uns überlassen. Du schaffst das nicht ganz allein.«
Ich war nicht Julios Kumpel. Ich war auch keine beschissenen zwölf mehr, obwohl er mit mir redete, als wäre ich auf einem Klassenausflug in der Mittelstufe und nicht ein Siebzehnjähriger, der nichts anderes versuchte, als seine Familie zusammenzuhalten – oder zumindest das, was davon noch übrig war –, während es den Rest der Welt keinen Scheiß interessierte, ob sich die Familie Hendrix einfach so auflöste wie eine von Grandpas Erinnerungen: puff, als hätte es uns nie gegeben.
»Grandpa«, sagte ich noch einmal. Ich trat von der Seite auf ihn zu, um ihn nicht zu überraschen oder zu erschrecken. »Grandpa, ich bin’s. Teddy. Wir haben einen Job zu erledigen.«
Teddy, wir haben einen Job zu erledigen. Das hatte er, als ich heranwuchs, mindestens eine Million Mal zu mir gesagt. Mom war immer bei der Arbeit. Da waren nur ich und Grandpa. Teddy, wir haben einen Job zu erledigen. Wenn wir den Küchenboden putzten. Teddy, wir haben einen Job zu erledigen. Wenn wir meinen Schulaufsatz fertig schrieben. Teddy, wir haben einen Job zu erledigen. Wenn wir hinüber in die Suppenküche von St. Christopher’s gingen, um für Obdachlose zu kochen, die dort strandeten wie Treibholz auf dem Sand.
Grandpa drehte sich vom Fenster um, und da wusste ich, dass er wieder Grandpa war. Der alte Kriegsheld, der Zuchtmeister – er zog einen Mundwinkel nach oben, ein halbes Lächeln, das bei ihm so viel galt wie bei anderen Menschen ein ganzes Lächeln. Die Wolken, die seine Augen verschattet...




