Kiernan Königspfade
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-08233-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 3, 496 Seiten
Reihe: Die Moorehawke Trilogie
ISBN: 978-3-641-08233-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In einer Welt, in der Magie Teil des täglichen Lebens ist ... einer Welt, in der Geister, Katzen und Wölfe Geheimnisse ausplaudern ... einer Welt, in der dunkle Mächte nach der Herrschaft greifen ... ist ein junges Mädchen die einzige Hoffnung ... Die große Fantasy-Entdeckung aus Irland: Celine Kiernan verzaubert ihre Leser.
Lange währte die Irrfahrt der jungen adeligen Wynter durch die dunklen Wälder des Königreiches. Doch endlich ist sie an ihrem Ziel angelangt: dem geheimen Lager des abtrünnigen Prinzen Alberon. Ihr zur Seite steht ihr treuer alter Freund Razi, der Halbbruder des Prinzen. Und Christopher, mit dem Wynter eine zarte Liebe verbindet, obwohl er ein düsteres Geheimnis hütet. Gemeinsam versuchen die Gefährten, den Prinzen zur Aussöhnung mit seinem Vater zu bewegen. Aber Alberon, der fest an seine kriegerische Überlegenheit glaubt, will nichts von ihrer friedvollen, diplomatischen Lösung wissen. Kann Wynter ihn noch von seinem halsbrecherischen Plan abbringen, in dem ihr eigener Vater eine verhängnisvolle Rolle spielt? Oder ist ihre Welt und alles, was ihr etwas bedeutet, endgültig dem Untergang geweiht?
Celine Kiernan, geboren und aufgewachsen in Dublin, hat lange Jahre in der Filmbranche gearbeitet, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Ihr Debütroman Schattenpfade, der Auftakt zu einer Fantasy-Trilogie, hat auf Anhieb international für Furore gesorgt. Celine Kiernan lebt mit ihrer Familie im County Cavan nördlich von Dublin.
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Die scharlachrote Furt
Als Wynter fünf war, hatte ihr Vater ihr ein rotes Mäntelchen angezogen, sie auf den Rücken seines Pferdes gesetzt und zu einem Picknick mitgenommen. Wynter erinnerte sich noch an die trägen Bewegungen des Tiers unter ihr und an die Wärme ihres Vaters, an dessen Brust sie sich auf dem Weg über die Waldpfade geschmiegt hatte. Sie erinnerte sich an seine starken Arme, die sie umfingen, an den Duft von Holzspänen und Harz in seinen Kleidern. Sie erinnerte sich an das Licht, das durch das Laub fiel, und wie es über ihre Hände gewandert war, die auf dem dicken Lederknauf von Lorcans Sattel so klein aussahen.
Lorcans Freund Jonathon war bei ihnen gewesen, wie auch dessen Söhne Razi und Alberon. Alle waren sie glücklich gewesen und hatten gelacht, was damals recht häufig vorgekommen war. Einfach nur zwei Freunde und ihre geliebten Kinder auf einem Ausflug an einem warmen Herbsttag, um das gute Wetter auszunutzen, ehe der Winter endgültig Einzug hielt.
Rückblickend wusste Wynter, dass irgendeine Art Begleitschutz dabei gewesen sein musste, aber sie konnte sich an keine Soldaten oder Leibwachen erinnern. Vielleicht war sie so an die Anwesenheit von Soldaten im Umfeld des guten Freundes ihres Vaters gewöhnt gewesen, dass sie die Männer gar nicht mehr wahrgenommen hatte. Damals war Jonathon für sie nie »der König« gewesen; sie wusste noch, dass sie in ihm immer nur Jon gesehen hatte, diesen großen Mann mit dem goldenen Haupt, der so rasch in Zorn geriet, aber ebenso bereitwillig seine Zuneigung zeigte. Er war der beste Freund ihres Vaters und Vater ihrer eigenen beiden besten Freunde, ihrer Brüder im Herzen: des dunklen, ernsthaften, fürsorglichen Razi und des überschwänglichen, liebevollen Alberon mit dem breiten Grinsen.
Razi war die ganze Zeit vorausgetrottet, das braune Gesicht leuchtend vor Freude über die unerwartete Freiheit dieses Tages. Alberon saß zum ersten Mal auf seinem eigenen Pferd, und Wynter wusste noch, dass sie gleichzeitig belustigt und etwas neidisch beobachtet hatte, wie er das kleine Tier vorantrieb und versuchte, mit seinem älteren Halbbruder Schritt zu halten. Immer wieder hatte er ängstlich gerufen »Razi! Razi! Lass mich nicht allein!«, und Razi hatte sich lächelnd umgedreht und gewartet.
An einer Furt hatten sie Rast gemacht, und die Männer hatten sich bis auf die Unterwäsche ausgezogen und waren ins flache Wasser gelaufen, hatten gejauchzt, einander bespritzt und gelacht, weil es so kalt war. Wynter war am Rande des Flusses von einem Bein auf das andere gehüpft und hatte zugesehen, wie sich Alberon in die Arme seines Vaters warf. Jon hatte ihn hoch ins helle Licht gehalten, und Albis kleines Gesichtchen hatte in der glitzernden Sonne vor Freude gestrahlt.
Ein warmes Gefühl an ihrer Seite, und sie hatte in Razis lächelnde Miene geblickt.
»Komm schon, mein Liebling.« Er hatte ihr seine Hand entgegengestreckt. »Es ist nur im ersten Augenblick kalt.« Vorsichtig hatte er sie ins Wasser geführt, ihre Hand fest in seiner, dann war Wynters Vater zu ihnen gewatet, hatte sie beide hochgehoben und sie, einen unter jedem Arm, ins klare Wasser getragen, um sie das Schwimmen zu lehren.
Beinahe elf Jahre später saß Wynter Moorehawke auf den warmen, glatten Kieseln einer ähnlichen Furt und lauschte dem verstohlenen Geraschel des Waldes um sie herum. Die Hälfte ihrer Aufmerksamkeit war der für sie unverständlichen Unterhaltung der merronischen Krieger gewidmet, die zu ihrer Rechten auf dem Felsen saßen, die andere Hälfte den Schatten des Waldes und allem, was dort lauern konnte.
Unten am Ufer hockte der inzwischen einundzwanzigjährige Razi und betrachtete mit gerunzelter Stirn das flache Wasser. Einen wohltuenden Moment lang machte es den Eindruck, als wollte er tatsächlich ausruhen und sich hinsetzen, aber Wynter wusste, dass es nicht von langer Dauer sein konnte. Und da fuhr sich der dunkle junge Mann auch schon wieder mit der Hand durchs Haar, seufzte bedrückt und erhob sich.
Fang bloß nicht an, auf und ab zu tigern, dachte Wynter, aber natürlich tat Razi genau das.
Seine schlanke Gestalt stapfte aus dem Sichtkreis ihres Augenwinkels, und im Nu kam er auch schon wieder zurück, so dass Wynter den Kopf abwenden musste, um von seinem rastlosen Auf und Ab nicht in den Wahnsinn getrieben zu werden. Seit Emblas Tod rauschte dicht unter Razis Oberfläche ein tiefer und wütender Strom der Ungeduld, und er offenbarte sich in ständigem Bewegungsdrang, der die Langmut seiner Umgebung auf eine harte Probe stellte. Wynter empfand aufrichtiges Mitgefühl für Razis Verlust, aber in diesem Augenblick nagte das Knirsch, Knirsch, Knirsch seiner Schritte auf den Kieseln an ihren ohnehin bis zum Zerreißen gespannten Nerven. Heftig biss sie die Zähne aufeinander, um dem Drang zu widerstehen, ihn anzufahren.
Ein ärgerliches Grunzen war aus der Kriegergruppe zu vernehmen. »Tabiyb«, knurrte Ùlfnaor, »setz dich, bevor ich dir haue mein Schwert über den Schädel.« Razi verzog wütend die Miene, und der schwarzhaarige Merronerführer runzelte die Stirn. »Hinsetzen«, befahl er. »Du gehst mir auf die Nerven.« Razi gehorchte, und Ùlfnaor nickte beifällig. »Sie kommen bald zurück«, sagte er. »Nutze diese Zeit, dich auszuruhen.«
Der große Mann klang ruhig, doch mit den Augen suchte er unentwegt besorgt das jenseitige Ufer ab. Seine Krieger saßen um ihn herum, die drei Frauen schärften ihre Schwerter, die drei Männer ließen die Bäume auf der gegenüberliegenden Seite der Furt nicht aus den Augen. An diesem Morgen waren sie mit der Erwartung aufgebrochen, Alberon zu treffen und diplomatische Gespräche mit ihm aufzunehmen, weswegen sowohl die Männer als auch die Frauen in den festlichen Merronerstaat gekleidet waren. Er bestand aus den prachtvollen blassgrünen, bestickten Gewändern und Hosen, die Arme und Hände geziert von ihrem schweren Stammesschmuck. Aber der Tag war ohne ein Zeichen des Rebellenprinzen zur Neige gegangen, und der Abend stand kurz bevor. Allmählich fürchtete Wynter, sie wären irregeleitet worden.
Sie begegnete dem Blick der Heilerin Hallvor. Die sehnige Frau lächelte aufmunternd, doch Wynter konnte die Anspannung in ihrem Gesicht lesen. Ùlfnaors zwei riesige Kriegshunde schnüffelten am Rande des Wassers herum; als Hallvor aufstand und zum Ufer ging, hoben sie die Köpfe. Im Gehen schob die Heilerin ihr Schwert in die Scheide, und die Hunde wedelten hoffnungsvoll mit den Schwänzen, vielleicht würde endlich etwas passieren. Doch Hallvor legte nur jedem eine schwielige Hand auf den struppigen Kopf und beobachtete weiterhin den gegenüberliegenden Wald. Niedergeschlagen murmelte sie etwas auf Merronisch, das Ùlfnaor in besänftigendem Ton beantwortete.
Wynter wünschte, Christopher wäre bei ihr, und nicht nur, weil er dann für sie übersetzen könnte. Während sie ihn mit aller Kraft herbeisehnte, bildeten sich tiefe Falten auf ihrer Stirn. Als sich Razi erneut rührte, knirschte es hinter ihr im Kies. Sein langer Schatten fiel über Wynter, dann ging er neben ihr in die Hocke, die Ellbogen auf den Knien, die Augen auf das jenseitige Ufer gerichtet.
»Ich glaube nicht, dass wir hier Glück haben werden«, sagte er leise.
Wynter nickte. Seit dem frühen Morgen zogen die Merroner an diesem Fluss entlang und machten immer wieder an im Voraus vereinbarten Treffpunkten halt, um auf Alberons Männer zu warten, die sie ins Rebellenlager führen sollten. Dies war bereits der vierte Treffpunkt, und wie bei allen vorigen hatte sich auch hier keine Menschenseele gezeigt. Sie warteten nun schon weit über eine Stunde, doch Ùlfnaor wollte nur ungern weiterreiten. Nach diesem Ort verblieb lediglich eine Stelle, an der sie hoffen konnten, auf Alberons Männer zu stoßen. Sollte sich auch diese als verwaist herausstellen, wäre die gesamte merronische Mission gescheitert. Die nördlichen Krieger müssten in ihre Heimat zurückkehren, ohne ihre Pflicht erfüllt zu haben, und Razi, Wynter und Christopher wären ihrem Ziel, Alberons Feldlager zu finden, keinen Schritt näher als vor fast drei Wochen.
»Chris und Sòl sind schon zu lange weg«, murmelte Wynter.
Razi seufzte nur und rieb sich das Gesicht. Die Mühe einer Entgegnung machte er sich nicht; er hatte schon ausreichend Bemerkungen dieser Art von Wynter gehört, doch das war ihr ganz egal. Vor lauter Unruhe war sie reizbar. Es blieben ihnen nur mehr knappe vier Stunden Tageslicht, und sie wollte Christopher in Sichtweite haben, wollte ihn an ihrer Seite wissen, nicht draußen in den Wäldern, wo vielleicht die Loups-Garous umherschlichen und die Männer des Königs immer noch Jagd auf die Rebellen machten.
»Ùlfnaor hätte Chris und Sòl niemals allein nach dort draußen lassen dürfen«, sagte sie nun. »Zum Teufel mit der Auskundschafterei! Um ehrlich zu sein, glaube ich, er hat sie nur gehen lassen, damit sie Ruhe geben und etwas zu tun haben.«
Razi brummelte etwas Zustimmendes. Christopher war ein unverbesserlich leichtsinniger Bursche, und was Sòlmundr betraf – seit dem Verlust seines geliebten Ashkr schien der merronische Krieger geradezu besessen von einer gefährlichen, unüberwindlichen Ruhelosigkeit. Er und Christopher stachelten einander an, beide scharrten mit den Hufen, wollten unbedingt etwas tun. Für Wynters Geschmack waren sie mit viel zu großer Begeisterung und viel zu wenig Umsicht in den Wald gezogen. Wenn sie doch nur zurückkämen! Selbst in Begleitung von Sölmundrs Kriegshund Boro waren ihre Freunde dort draußen ihrer Meinung nach furchtbar verletzlich.
Gerade klappte Wynter den Mund auf, um diese Ansicht zu äußern, als plötzlich unten am Fluss Hallvor und die...




