E-Book, Deutsch, 310 Seiten
Kimmerle Kinderkrankenpflege in Frühen Hilfen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7799-8697-3
Verlag: Beltz eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zur Entstehung einer spezifischen Berufsausrichtung der Pflegefachberufe
E-Book, Deutsch, 310 Seiten
ISBN: 978-3-7799-8697-3
Verlag: Beltz eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Birte Kimmerle, Ph.D., ist Gesundheits- und Pflegewissenschaftlerin, Dipl. Pflegewirtin (FH) und Kinderkrankenschwester. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Universitätsklinikum Tübingen widmet sie sich der klinischen Forschung und untersucht den Einsatz digitaler Technologien in der Gesundheitsversorgung. Ihre weiteren Arbeits- und Interessenschwerpunkte umfassen familienorientierte Versorgungskonzepte, partizipative Versorgungsforschung, Praxisentwicklung und die Professionalisierung der Pflegeberufe.
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2Stand der Forschung und Begriffsklärung
Ausgangspunkt dieser Arbeit ist das Forschungsinteresse an der Situation von Familien-Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger*innen im Arbeitsfeld Frühe Hilfen. Das Interesse richtet sich sowohl auf Berufsentwicklungsprozesse als auch auf das Handeln von FGKiKP. Um die Fragestellung für die Untersuchung zu schärfen, werden in diesem Kapitel theoretische Konzepte und Modelle sowie der Stand der Forschung zur Thematik des Erkenntnisinteresses zusammengetragen. Auf dieser Basis wird die Forschungslücke herausgearbeitet und die Fragestellung der Forschungsarbeit präzisiert.
Im ersten Teil des Kapitels folgt eine Auseinandersetzung mit Theorien und Modellen der Berufsentwicklung unter Bezugnahme auf Pflegefachberufe. Im zweiten Teil wird der Forschungsstand zu Frühen Hilfen als professioneller Handlungskontext und Arbeitsfeld beleuchtet: Zentrale Begriffe werden eingeführt und der rechtliche Rahmen wird dargestellt. Forschungsprogramme im Rahmen der Bundesinitiative bzw. Bundesstiftung Frühe Hilfen werden überblicksartig vorgestellt. Ergebnisse aus der Forschung zu Gesundheitsfachberufen in Frühen Hilfen im Allgemeinen und zu FGKiKP im Speziellen werden dargelegt. Anschließend werden die Ergebnisse fachlich und wissenschaftlich eingeordnet. Das Forschungsdesiderat und die herausgearbeitete Forschungslücke führen zu den finalen Forschungsfragen.
2.1Ausdifferenzierung von Berufsausrichtungen: theoretische Begriffe und Modelle der Berufsentwicklung
Eine forschungsleitende vorweggenommene Annahme dieser Studie besteht darin, dass es sich bei Frühen Hilfen um einen expandierenden und neu entstehenden professionellen Handlungskontext handelt. Die Ausdifferenzierung einer spezifischen Berufsausrichtung im Arbeitsfeld Frühe Hilfen wird als Fragestellung im Rahmen der Professionsforschung verstanden. Das zu untersuchende Phänomen – berufliche Entwicklung und das Handeln von FGKiKP in einem neuen Arbeitsfeld – steht in einem Professionalisierungskontext. Zum theoretischen Rahmen und Hintergrund der Studie gehören daher berufssoziologische Ansätze zur Ausdifferenzierung von Berufsausrichtungen, Professionstheorien und Ansätze der Professionsforschung sowie die Auseinandersetzung mit Professionalisierungsprozessen in Pflegeberufen.
2.1.1Profession, Professionalisierung, Professionalität: Modelle professionellen Handelns und Professionstheorien
Allem voran werden an dieser Stelle die Begriffe Profession, Professionalisierung und Professionalität auf der Grundlage professionstheoretischer Ansätze und aktueller Debatten für diese Arbeit bestimmt. Forschung zu Professionen hat ihre Ursprünge in den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts und ist vor allem in der Soziologie verortet (z.?B. Durkheim, 1902; Freidson, 1963). Bezüglich des Fokus der Professionsforschung und Theoriebildung hat sich von damals bis heute ein Wandel von der Untersuchung von Professionen (z.?B. Freidson, 1989; Hughes, 1963; Marshall, 1939; Oevermann, 2008; Parsons, 1939) über die Betrachtung von Professionalisierung als Prozess (z.?B. Abbott, 1988; Bucher & Strauss, 1961) hin zur Untersuchung von Professionalität und professionellem Handeln (z.?B. Heiner, 2010, 2017; Helsper, 2016; Nadai & Sommerfeld, 2005; Pfadenhauer, 2014; Schütze, 2014, 2015) vollzogen. Doch wie lassen sich die Begriffe Profession, Professionalisierung und Professionalität gegeneinander abgrenzen?
Der Begriff Profession kann aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Eine Sichtweise zielt auf die Strukturdimension eines Berufes (Seltrecht, 2016, S. 71). Strukturtheoretische Ansätze erklären Professionen über deren strukturelle Merkmale. Diese umfassen z.?B.
-
Autonomie (bezüglich der Berufsgruppe vorbehaltenen Tätigkeiten, Zuständigkeitsmonopol, selbstorganisierte Verwaltung, eigenständige Organisationsform der Arbeit, Definitionsmacht über den Kern der Arbeit, Berufsausbildung, Bestimmung über Leistungsentgelt und Leistungsbewertung, selbstverantwortetes Entscheiden),
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Abstraktheit (akademische Wissensbasis, Wissenschaftsbasierung, Verwissenschaftlichung, Macht und Autorität über Wissen),
-
Altruismus (Zentralwertbezug, wobei es sich um zentrale Werte wie Gesundheit oder Gerechtigkeit handelt, Wertebasierung, Gemeinwohlorientierung),
-
Autorität (gegenüber anderen Berufsgruppen und für spezifische Problembereiche, Macht bezüglich Qualität bzw. Qualitätsstandards und Qualifizierung, Verbandsmacht, gesellschaftliches Ansehen) (Mieg, 2016, S. 28).
Werden diese Kennzeichen auf einzelne Berufsgruppenangehörige von Professionen übertragen, heißt das, dass sie für bestimmte Tätigkeiten zuständig sind und selbstbestimmt, wissens- bzw. wissenschaftsbasiert sowie gemeinwohlorientiert handeln. Sie werden auch als „Fachperson“, „Experte“ oder „Expertin“ (Mieg, 2016, S. 29) bezeichnet (vgl. hierzu auch Kapitel 2.1.5).
Strukturtheoretischen Ansätzen zufolge lässt sich anhand formaler Merkmale ableiten, welche Berufe als Professionen gelten (können) und welche nicht. Der Status eines Berufes ist damit statisch und stabil. Interaktionistische Professionstheorien legen Professionen andere Kriterien zugrunde und stellen weniger strukturbezogene, organisatorische und formale Aspekte in den Vordergrund, als vielmehr die Interaktion. Deren Grundlage bildet die Annahme, dass Menschen im Austausch stehen – in Auseinandersetzung – mit Dingen und der Bedeutung, die diese für sie haben, die sie ihnen beimessen. Bei den interaktionistischen Professionstheorien geht es darum, wie Menschen ihr (soziales) Handeln organisieren, wie sie durch Handlungen ihr Umfeld mitgestalten. Das bedeutet, dass Berufsangehörige die Sichtweisen auf ihren Beruf mitverantworten – insofern kann der Ansatz als emanzipatorisch bezeichnet werden (Cassier-Woidasky, 2007, S. 103). Abbott (1993) ist ein Verfechter interaktionistischer Professionstheorie und hat dafür drei Argumente:
that professions could not be studied individually but only within an interaction system, that a theory of professions had to embrace not only culture and social structure but also intra-, inter-, and transprofessional forces, and that the development of professions would necessarily be a matter of complex conjunctures (S. 204).
Er betont, dass Professionalisierung ein komplexes Zusammenspiel ist und auch von sozialen Faktoren wie Macht, Prestige und sozialen Beziehungen innerhalb der Berufsgruppe, zwischen den Berufsgruppen und darüber hinaus auch von gesellschaftlichen Prozessen beeinflusst wird. Dem interaktionistischen Ansatz zufolge ist Berufsentwicklung immer im Fluss. Im Vordergrund steht nicht die Struktur, sondern der Prozess, wodurch der Begriff der Professionalisierung relevant wird.
Der Begriff Professionalisierung betrachtet die Berufsentwicklung auf der Prozessebene (Seltrecht, 2016, S. 71). Das heißt, er beschreibt entweder die aktuelle oder historische Entwicklung eines Berufes oder Berufsfeldes oder er bezieht sich auf die individuelle Kompetenzentwicklung (Mieg, 2016, S. 27, S. 30). In dieser Arbeit werden die Begriffe Berufsentwicklung und Professionalisierung synonym für die kollektive (Weiter-)Entwicklung eines Berufes als Prozess verwendet. Unterschieden wird die individuelle Professionalisierung: Hierbei geht es um den Kompetenzerwerb und die Ausbildung von Expertise bei einer Einzelperson. Der individuellen Professionalisierung liegt demnach ein Lernprozess ...




