E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Reihe: tredition GmbH
Kindler ANA AVILA
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-347-99390-7
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
eine kluge Frau verschafft sich Freiheit
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Reihe: tredition GmbH
ISBN: 978-3-347-99390-7
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
JUTTA KINDLER ist 1952 in Berlin geboren und lebt in dieser bunten, überaus lebendigen und vielschichtigen, seit 1990 wiedervereinten Stadt. Die Diplom Ingenieurin und Architektin erzählt Geschichten über das Leben, das immer alles für und gegen jeden bereithält. "Freundinnen" ist ihr zweiter Roman nach zwei Erzählungen. Die erste 'Liebe in Grenzen' ist 2017 im lulu Verlag erschienen und erzählt von dem Südbadener Jungspund, den es 1964 nach Westberlin verschlägt, um sein Glück zu finden. Die zweite 'EIN MANN EIN ZEBRA EINE UMARMUNG' ist 2020 im tredition Verlag erschienen und handelt von dem Augsburger Tour d' Afrique Teilnehmer, der mit dem Rad in 120 Tagen von Kairo nach Kapstadt fährt, diese Tour trotz eines schweren Unfalls beendet und sich von diesem Kontinent umarmen lässt. Der erste Roman "WOHL und ÜBEL", ebenfalls 2020 im tredition Verlag veröffentlicht, handelt von einem Mädchen, einem Untermieter in der elterlichen Wohnung und einem Kommissar. Missbrauch und Schweigen lassen alle einen langen Weg gehen, um sich schließlich aus den bösen und nachhaltigen Zwängen zu befreien.
Autoren/Hrsg.
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Der satte Sound eines Boxermotors ist auf der Avenida do Brasil zu hören. Jeder, der diesen Ton schon aus der Ferne im Ohr hat, weiß mittlerweile, dass das Ana sein muss, die wieder einmal einen ihrer Ausflüge lebt und dabei so sanft lächelt. Sie bleiben stehen bis sie an ihnen vorbeirauscht, winken ihr zu und schauen ihr und dem Schweif aus wehenden Haaren und feiner Stoffumhüllung nach. Sie hasst die Motorradkluft, die sie so sehr einengt. Jeder hier kennt und schätzt die freundliche und herzliche junge Frau, die vor einigen Jahren in der Altstadt von Porto, nahe der Avenida dos Aliados, eine Boutique eröffnet hat, in der sie nicht nur Mode aus der eigenen Werkstatt, sondern auch ihre eigenen Bilder präsentiert.
Und alle Nachbarn wissen, dass ein Plausch mit dieser bezaubernden Ana stets mit dem Genuss eines köstlichen Espressos verbunden ist, oder auch ein Gläschen Portwein in den Sesseln vor ihrem Laden ausgeschenkt wird. Sie wissen auch, dass das mit ihr gemeinsam nur dann möglich ist, wenn deren imposante Maschine davor geparkt ist. Ana liebt diese kurzen Trips zwischendurch und nimmt sich die Zeit, wann immer es möglich ist, um mit ihrer BMW am Atlantik entlang zu brausen oder die Gegend in und um Porto herum noch intensiver kennenzulernen. Man soll sie schließlich für eine Einheimische halten.
Die Weite des Meeres ist für Ana der Inbegriffe von Freiheit und sie genießt jede Sekunde, in denen sie ihren Blick bis zum Horizont schweifen lassen kann. Es gibt eine Stelle, an der ein dicker Fels im flachen Wasser steht. Ein malerisches Bild.
Auf jedem ihrer Ausflüge steuert sie ihre Maschine über den Strand dorthin, bockt sie davor auf, klettert auf den Gesteinsbrocken und setzt sich obenauf. Dieses Bild ist noch malerischer, denn hier hält Ana inne und thront eine Zeit lang bewegungslos auf der Steinwölbung, wie von einem Bildhauer erschaffen. Von der kühlen Meeresbrise umweht lässt sie ihren Gedanken freien Lauf, schaut nur übers Wasser, genießt die Sonne auf der Haut und dieses Gefühl von Freiheit, das immer noch so neu für sie ist.
Nach einiger Zeit fährt sie zurück in den Laden, begrüßt Kunden, freut sich auf die gemeinsamen Espressos mit ihnen oder mit den wieder einmal dahockenden Nachbarn. Noch mehr jedoch auf das Gläschen mit ihrer vertrauten Geschäftspartnerin und Freundin Joana Silva.
Joana ist der Fels in ihrem Geschäft. Eine kleine zarte Portugiesin, fünfundvierzig, die trotz heftiger Nackenschläge im Leben überaus freundlich ist. Sie stammt aus Porto und kennt sich auch nach langer Abwesenheit in ihrer Heimatstadt sehr gut aus. Die Familie lebt hier seit Generationen. Heute hat sie nur noch ihren alten Vater, in dessen Restlaufzeit sie es sich beide so richtig gut gehen lassen.
Die beiden Frauen verbindet seit sehr vielen Jahren eine innigliche Freundschaft. Joana kümmert sich um den Verkauf, um Bestellungen von Materialien und Stoffen, um die Buchhaltung und sonst noch im Geschäft zu Erledigendes. Diese Aufgaben lassen sie förmlich aufblühen und – sie hat ein besonderes Händchen für alles, was diesen Laden und ihre Ana betrifft.
Irgendwann im Laufe des Tages, wenn das Licht im Atelier gut ist, bringt Ana neue Ideen zu Papier und staunt immer wieder aufs Neue, wie verlässlich diese Hände ihre Gefühle auf die Leinwand bringen. Dann wieder näht sie an einem bestellten Kostüm oder zeichnet den Entwurf eines neuen Kleides, je nach Lust und Laune und natürlich den Ansprüchen der Kundschaft entsprechend. Manche Tage sitzt sie bis in den späten Abend an den Maschinen, um den Wünschen ihrer Damen so schnell wie möglich gerecht zu werden. Die glänzenden Augen und das befriedigte Lächeln der Frauen, wenn sie ihr fertiges Stück betrachten und ein letztes Mal anprobieren, machen Ana sehr glücklich.
Es gibt kaum noch betrübliche Gedanken in ihrem Leben, obwohl sie die Vergangenheit wohl nie ganz verlassen wird. Sie denkt so manches Mal, dass sie noch immer auf der Hut sein müsste. Jedoch läuft das Geschäft gut, die Gelder aus dem alten Leben sind sicher eingelagert und ihr Wohlbefinden ist nahezu unumstößlich.
Ana Avila ist eine Frau Mitte Dreißig, sehr schlank, wohlgeformt und von stattlicher Größe. Ihr langes dunkelbraunes Haar trägt sie grundsätzlich offen, manchmal aber, meist während ihrer Arbeit, bindet sie es zu einem Knoten ganz oben auf dem Kopf zusammen.
Ihr Gesicht ist zart, ihr Teint immer leicht gebräunt. Die braunen Augen sind wach und aufmerksam, ihnen entgeht kaum etwas. Ihre portugiesischen Nachbarn mögen dieses anteilnehmende Wesen und deren Aufmerksamkeit, hilft Ana doch jedem, der ihr ein Problem anvertraut, wann und wie es nötig und möglich ist. Sie selbst nimmt es als oberstes Gebot anderen zu helfen oder einfach zuzuhören. Sie weiß nur zu gut, wie es ist, dringend Hilfe zu benötigen und die dann auch verlässlich zu bekommen.
Jeden Tag, wenn sie sich im Spiegel betrachtet, spürt sie das unendliche Glücksgefühl, diesen Stolz und diese Zufriedenheit. Sämtliche Blessuren aus alten Zeiten sind gänzlich verschwunden und ihr Äußeres, zwar immer noch manchmal etwas fremd, ist perfekt und ohne sichtbare Anzeichen erneuert. Bei jedem Blick freut sie sich diebisch über dieses andere Spiegelbild, ist sie doch nicht wirklich mehr wiederzuerkennen.
Heute sitzt José auf einem der Sessel, als Ana von ihrer Rundfahrt zurückkommt. Er wirkt amüsiert und lächelt, während er an seinem Gläschen Portwein schlürft, sein wohliges Gefühl steht ihm ins Gesicht geschrieben. Der warme und herzliche Blick, als er Ana kommen sieht, berührt sie sehr. Joana ist unterdessen mit einer Kundin beschäftigt, die mit einem gut verpackten Bild dabei ist, das Geschäft zu verlassen. Joana sieht Ana schon vor dem Laden und ruft etwas auf Portugiesisch zur Tür hinaus, was die Nationalität der Frau beschreibt und ein Stichwort darüber gibt, welches der Bilder die Dame gekauft hat. Eine deutsche Touristin mit dem gerade erworbenen Werk unter ihrem Arm lacht fröhlich, als sie beim Gehen vor der Tür auf Ana trifft. Die Malerin begrüßt sie und stellt sich in ihrem erlernt gebrochenen Deutsch vor. Ein Handschlag, kurz eine Erzählung über das Motiv der Malerei, im Gegenzug eine Information über die Stadt, aus der die Deutsche kommt, über die leider schon morgige Abreise und die damit verbundene Traurigkeit. Zum Schluss schwört sie noch, sie würde ganz sicher wiederkommen, weil es ihr so gut gefallen habe. Mit diesen Worten und der neuen Errungenschaft im Gepäck geht sie in Richtung Haltestelle der Linie1, der alten Tram aus den 1940er Jahren, mit der sie ein letztes Mal in diesem Urlaub entlang des Douro bis zum Hotel fahren möchte.
Nach dieser Verabschiedung nimmt Ana ihren José in den Arm, der sofort aufgestanden ist und auf sie zu tritt. Sie verharren lange so umarmt. Obwohl sie sich oft sehen, ist diese körperliche Begrüßung immer dieselbe, überaus herzlich, dankbar, mit tiefer Zuneigung und ohne viele Worte.
José Silva ist ein Mann mit fünfundsiebzig Jahren. Ein hübsch anzusehender Kerl, nicht sehr groß, schlank, ja immer noch drahtig, mit kurzen schwarz grauen Haaren, buschigen grauen Augenbrauen und sehr gutmütigen dunklen Augen, ganz Joanas Vater.
Er ist Uhrmacher. Ein Handwerk, das schon seit Generationen von den Vätern der Familie betrieben wurde. Josés Geschäft für Uhren und Schmuck liegt ganz in der Nähe. Defekte Uhren repariert er noch, doch muss er heute nicht mehr ständig im Laden sein.
Er hatte ein sehr schönes Leben gemeinsam mit seiner geliebten Frau, die ihn viel zu früh verlassen musste. Die beiden bewohnten ein feines altes, einst dekoratives aber nicht sehr großes Haus am Rande von Ribeira, das noch aus der vorherigen Generation stammte. Jeden Morgen verabschiedete ihn seine Frau an der Gartentür mit vielen Küssen auf Mund und Stirn, und er machte sich auf ins Geschäft.
Seit er dieses sinnliche Gefühl nicht mehr haben durfte, spürte er nur noch wenig Lebenswertes in sich. Zumal seine einzige Tochter auch nicht bei ihm sein konnte, und die dazu nicht wirklich Gutes aus dem fernen Deutschland zu berichten hatte. Zutiefst betrübt und sorgenvoll ließ er alles um sich herum schleifen, um Haus und Garten kümmerte er sich kaum noch. Seine Evita, die immer so liebevoll und umsichtig gewesen war, fehlte ihm sehr. Nur das Geschäft musste wohl oder übel in Gang bleiben, halbwegs einträglich, denn er brauchte die Einnahmen. Trotz Niedergeschlagenheit schaffte er das, allerdings hatte er darüber hinaus keine Kraft für Neues oder gar für Verschönerndes, weder im Haus, noch im Geschäft.
Beides hatte schon längst einen alten, verstaubten und muffigen Geruch angenommen. Kunden kamen nur noch, wenn sie ihre Lieblingsuhr reparieren lassen wollten. Kein Wunder, war doch das Äußere des Ladens nur...




