Kindler | Freundinnen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 260 Seiten

Reihe: tredition GmbH

Kindler Freundinnen

oder solche, die es nur manchmal sind
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-347-56476-3
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

oder solche, die es nur manchmal sind

E-Book, Deutsch, 260 Seiten

Reihe: tredition GmbH

ISBN: 978-3-347-56476-3
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Zwei Frauen, geboren im Berlin der zwanziger Jahre, lernen sich 1965 als verheiratete Mütter im Westen der Stadt kennen und begleiten sich seither. Zwei unterschiedliche, daneben auch recht ähnliche Frauen gehen parallel durch das jeweils eigene Leben, das bei beiden sowohl bieder als auch aufregend sein kann. Zwei fleißige und rechtschaffene, das Leben begehrende Frauen, deren Leben ohne Männer nicht denkbar zu sein scheint. Sie gehen oft nicht sehr freundlich miteinander um, obwohl beide Ähnliches vom Leben erträumen. Sie ziehen einander an und stoßen sich wieder ab, aber sie bleiben beieinander. Trotz großer Zuneigung füreinander schwelt im Hintergrund stets mehr Neid und Missgunst, als sie tatsächlich sagen. Die eine still, die andere laut manchmal ist es unerwartet umgekehrt. Nach dem Tod der einen, lebt die andere deren Leben in erstaunlich ähnlicher Form weiter.

JUTTA KINDLER ist 1952 in Berlin geboren und lebt in dieser bunten, überaus lebendigen und vielschichtigen, seit 1990 wiedervereinten Stadt. Die Diplom Ingenieurin und Architektin erzählt Geschichten über das Leben, das immer alles für und gegen jeden bereithält. "Freundinnen" ist ihr zweiter Roman nach zwei Erzählungen. Die erste "Liebe in Grenzen" ist 2017 im lulu Verlag erschienen und erzählt von dem Südbadener Jungspund, den es 1964 nach Westberlin verschlägt, um sein Glück zu finden. Die zweite "EIN MANN EIN ZEBRA EINE UMARMUNG" ist 2020 im tredition Verlag erschienen und handelt von dem Augsburger Tour d' Afrique Teilnehmer, der mit dem Rad in 120 Tagen von Kairo nach Kapstadt fährt, diese Tour trotz eines schweren Unfalls beendet und sich von diesem Kontinent umarmen lässt. Der erste Roman "WOHL und ÜBEL", ebenfalls 2020 im tredition Verlag veröffentlicht, handelt von einem Mädchen, einem Untermieter in der elterlichen Wohnung und einem Kommissar. Missbrauch und Schweigen lassen alle einen langen Weg gehen, um sich schließlich aus den bösen und nachhaltigen Zwängen zu befreien.
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Helga ist immer wieder recht irritiert durch diese so oft wechselnden Männerbekanntschaften, ja sogar neuen Ehen von Inge. Für ihr eigenes Leben ist das geradezu undenkbar und völlig inakzeptabel, allerdings aus der Entfernung auch irgendwie spannend, wie Helga sich heimlich eingesteht. Wann und wo hätte sie auch sonst die Möglichkeit, so viele Männer kennenzulernen. Sie hört sich zwar immer alle Einzelheiten an, die Inge bereitwillig erzählt, tröstet auch, wenn aufgestauter Zorn aus Inges Gemüt weicht und sich Traurigkeit oder gar Angst breitmacht, doch verstehen kann sie diese so völlig anders denkende und fühlende Frau nicht wirklich.

Inge spürt Helgas Unverständnis, doch tut das der Verbindung offenbar keinen Abbruch. Sie ist einfach nur froh, eine Bekannte zu haben, bei der sie sich ausweinen darf, wenn die Erlebnisse einmal mehr zu aufreibend sind. Allerdings gelingt es Inge dennoch gut, sich auch von dieser letzten heftigen, immerzu hoch explosiven Verbindung zu erholen. Sie streckt bereits wieder ihre Fühler aus, um einen Passenderen zu finden. Inge ist nicht gerne allein, was sie schon in finanzieller Hinsicht nicht wirklich lange sein will. Sie kann zwar sparsam wirtschaften, doch mag sie es ganz und gar nicht, das Leben einzig mit ihren wenigen Einnahmen finanzieren zu müssen.

Mehr Geld ausgeben zu können macht einfach mehr Spaß! Also muss ein Mann her, den sie zwar bekochen und verwöhnen muss, der sich aber im Gegenzug mit erklecklichen monatlichen Abgaben für die umfassende Pflege revanchiert. Ein Mannsbild, mit dem sie, ob in Eintracht oder im Zwist, durch ein Leben laufen darf, das sie sich alleine nicht leisten kann.

Und so trifft sie auf den vierten im Bunde, auf Günter Fiedler, den Postbeamten, der sie so intensiv beäugt auf dieser Betriebsfeier. Sie weiß sofort sehr genau, was zu tun ist und holt ihn umgehend in ihr Bett und an ihren Esstisch. Es fällt ihr nicht wirklich schwer, denn das ist ihr offenbar in die Wiege gelegt. Und Günter liebt Frauen an seiner Seite, die ihn verwöhnen und ihm das häusliche Leben versüßen, ohne dass er sich selbst viel bewegen muss. Dafür darf sie dann auch den Ton angeben.

Das alles gelingt Inge so meisterhaft, dass auch Günter gerne und ohne Zögern bleibt. Sie putzt nämlich nicht nur die Räume der Postfiliale so umsichtig und penibel, dass sie für ihre Reinlichkeit gelobt wird, auch daheim erledigt sie sämtliche Aufgaben im Haushalt, an sich selbst und ihren Mann betreffend mit einer so selbstverständlichen Umsicht, dass ihr dafür die größte Hochachtung gebührt. Das ansehnliche und dauerhaft schöne Resultat macht auch Günter sehr viel Freude.

Schon in ihrem Elternhaus lernt Inge als älteste Tochter die umsichtige Bewältigung eines Haushalts, wie auch die Betreuung wichtiger Menschen um sich herum. Hier muss sie die immerzu kränkelnde Mutter ersetzen, die mitunter tagelang das Bett nicht verlassen will. Sechs Personen sollen in sauberen, ordentlichen Verhältnissen, in recht spärlich bemessenen Räumlichkeiten zusammen leben können, und das in Kriegszeiten unter damit überaus erschwerten Bedingungen! So bleibt ihr nichts anderes übrig, als den Befehlen der Mutter zu gehorchen und die Arbeiten wie gefordert zu erledigen. Später dann, in den fünfziger und sechziger Jahren kann sie ihre Fähigkeiten in ihrem ersten eigenen Haushalt als Ehefrau und Mutter von drei Kindern perfektionieren. Der jeden Tag hart arbeitende, das Geld heranschaffenden Werner hat zudem jede Art Fürsorge für seine Mühen verdient. Lange belohnt Inge ihn gerne, was aber nicht heißt, dass die Ehe deshalb ein Leben lang halten wird.

Zu lange wird diese umsichtige und fleißige Frau nämlich wie selbstverständlich von ihrem Ehemann übergangen! So flattert dieses Weib mit dem starken Ego, die, die sich so vernachlässigt fühlt, ganze einundzwanzig Jahre nach Eheschließung wie ein schöner bunter Schmetterling zum nächsten Kavalier. Zu einem, der ihr Besseres für ihr Leben zu versprechen scheint.

Dieser erste Ausbruch von Inge bringt Helga völlig aus der Fassung. Die Frau, die Helga gerade vier Jahre zuvor kennenlernt, mit der sie sich erstmalig vor ihrem Geschäft unterhält, ist zu der Zeit schon siebzehn Jahre an der Seite dieses, wie Helga findet, gutmütigen und überaus fleißigen Mannes. Inge hat drei Kinder von ihm, die zu dem Kennenlernen der beiden Frauen gerade siebzehn, fünfzehn und vierzehn Jahre zählen und von Inge und ihrem Mann pflichtbewusst ins Leben geführt werden.

Helga kann nicht verstehen, warum Inge dieses Leben aufgibt, diese Ehe nach so langer Zeit einfach verlässt. Das hatte für Helgas ersten deutlichen Rückzug, für eine längeren Sendepause gesorgt. Erst nach intensivem Nachdenken findet Helga das eigene Verhalten nicht mehr richtig und geht wieder auf Inge zu.

Es ist Inges Leben, sie selbst hat kein Recht, diese Frau dafür zu verurteilen, geschweige denn, strafend zu meiden!

Helga empfindet Inge trotz all dieser Geschichten von Herzen als ein sehr ordentliches, umsichtiges, fleißiges und rechtschaffenes Wesen. Genau diese Eigenschaften haben zu der bisherigen Verbundenheit der beiden so unterschiedlichen Frauen geführt. Schließlich sind sie sich hierin sehr ähnlich. Zudem gehören beide zu den Frauen, die trotz ihrer überaus achtbaren Tugenden immer unbemerkt, unsichtbar und ohne Anerkennung bleiben. Zwei nicht wirklich verehrte und geschätzte, ja eher unerwähnte Frauen. Niemals werden die vielen Vorzüge gelobt oder hervorgehoben, nicht von den Angetrauten, und schon gar nicht von der öffentlichen Meinung. Ehefrauen scheinen eher minderwertig!

Trotz der erneuten Annäherung wird Helga auf Abstand gehalten, weil Inge wegen des Rückzugs noch lange deutlich gekränkt bleibt. Auch braucht es immer noch eine gewisse Zeit, bis Helga sich selbst davon überzeugt, dass Inges Verhalten allein deren Sache ist, dass sie kein Recht hat, den moralischen Maßstab vorzugeben. So versucht sie einzulenken, muss sich jedoch gewaltige Mühe geben, denn der Disput ist für Inge nicht so leicht zu vergessen. Hat sie sich doch schon so oft gefragt, warum Helga immer den Moralapostel spielt, wo sie doch als Frau ähnliche Ungerechtigkeiten empfinden muss. Beide haben schließlich den gleichen Stand im Leben, werden eher abschätzig bewertet und verdanken diese Geringschätzung nur den von multifunktionalen Frauen umsorgten Männern.

Inge kann Helgas Moralität nicht akzeptieren und es dauert lange, bis sie sich wieder unbekümmert auf diese Tugendwächterin einlassen kann. Mit der Zeit glückt es aber und die Verbindung reißt tatsächlich nicht ab. Dennoch bleibt es nicht aus, dass Inges schnell neu geschlossenen Ehen, deren merkwürdige Eigenarten und deren Trennungen von Helga stets kritisch kommentiert werden. So lassen sich Uneinigkeit und kurze Auszeiten nie ganz vermeiden. Allerdings können sie sich daneben auch köstlich über die Männer amüsieren, die Inge vor einer größeren Konsequenz immer wieder vergisst zu überprüfen. Und jetzt steht auch noch der Vierte auf der Matte.

Inge ist auch dieses Mal etwas älter als ihr Neuer, ihr Vierter, allerdings nur knapp sechs Jahre. Er ist Beamter, was in den heutigen für alle schon viel besseren Zeiten, etwas Besonderes ist. Für Inge lohnt es sich damit, erst recht fleißig zu sein. Nahezu jeder kann sich längst den einen oder anderen Luxus gönnen, vorausgesetzt, er hat eine gute Arbeit und kann sie behalten.

Und jetzt darf auch Inge das. Die Zugehörigkeit beider zur Post, sie als Arbeiterin, er verbeamtet, ist überaus hilfreich und sie ist sehr glücklich über ihr neues, nahezu reiches Leben. Helga spürt eine deutliche Veränderung in dem Gemüt der Freundin. Es scheint, als habe sie dieses Mal tatsächlich den Richtigen gefunden, wie der häufig zufriedene Gesichtsausdruck untrüglich zeigt.

Günters Beamtengehalt und Inges Verdienst reichen für ganz neue Erfahrungen. Inge kann sich jetzt so vieles mehr leisten als je zuvor, und sie muss die Mark nicht mehr umdrehen, bevor sie sie ausgibt. Gern nimmt sie sich des für sie neuen Wohlstands an und beweist dem Gatten ihr Geschick, Ersparnisse anzuhäufen, sie zu vermehren, und ihm dennoch ein gutes Leben mit allem Komfort zu besorgen. Zwar hauptsächlich durch seinen großen finanziellen Anteil, aber dennoch beflissen und so umsichtig, wie es sich für eine gute Ehefrau gehört. Auch er, wie die drei Männer zuvor, spielt fortan für Inge die erste Geige! Sie kocht vorzüglich, hält die Wohnung stets in bemerkenswerter Ordnung und teilt sein Geld so ein, dass er auf nichts verzichten muss und erkleckliche Sümmchen übrig bleiben. Inge bekommt schnell alle Vollmachten übertragen, hat Günter doch so gar keine Lust, sich mit solchen Aufgaben herumzuschlagen.

Das kann seine Frau viel besser, wie er schnell...



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