E-Book, Deutsch, Band 2, 400 Seiten
Reihe: DreadfulWater ermittelt
King Die Schatten im Wald
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-492-99986-1
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Kanada-Krimi
E-Book, Deutsch, Band 2, 400 Seiten
Reihe: DreadfulWater ermittelt
ISBN: 978-3-492-99986-1
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thomas King, geboren 1943 als Sohn eines Cherokee und einer deutschstämmigen Griechin, ist ein vielfach preisgekrönter nordamerikanischer Schriftsteller. Er ist Mitglied der Order of Canada und wurde von der National Aboriginal Achievement Foundation ausgezeichnet. King lehrte an der University of Lethbridge und hatte den Lehrstuhl für American Indian Studies an der University of Minnesota, bevor er an die University of Guelph nach Ontario wechselte, wo er bis zu seiner Pensionierung tätig war. Er lebt mit seiner Partnerin Helen Hoy in Guelph.
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2
Das Al’s befand sich zwischen der Fjord Bakery und Sam’s Laundromat und war nicht ganz leicht zu finden. Ein Kneipenschild gab es nicht. Der einzige Hinweis war der Schildkrötenpanzer, den Preston Wagamese neben die Tür geklebt und mit dem Wort »Food« versehen hatte. Das Al’s war ursprünglich eine Gasse gewesen – bis das Chinook Convention Center gebaut worden war, das nun den Durchgang am hinteren Ende versperrte. Die Stadt war damals davon ausgegangen, dass entweder Otto Lunde, dem die Bäckerei gehörte, oder Sam Maloft, der Besitzer des Waschsalons, die Sackgasse kaufen und sein Geschäft erweitern würde.
Doch es war anders gekommen.
Thumps konnte sich nicht erinnern, je zuvor so früh im Al’s gewesen zu sein, und insgeheim rechnete er damit, dass er dort alleine wäre. War er aber nicht. Wutty Young Beaver, Russell Plunkett und Jimmy Monroe waren bereits da und kauerten wie drei Krähen auf einer Stromleitung auf den drei Barhockern direkt vor dem Grillofen an der Eingangstür. An der Wand über Russells Schulter hing ein großes buntes Plakat mit der Aufschrift: »Stoppt die Pipeline!«.
»Hey, Thumps«, rief Wutty, »lange nicht gesehen!«
»Aber gerade rechtzeitig«, sagte Russell.
»Das stimmt«, pflichtete Jimmy ihm bei, »gerade rechtzeitig!«
Es hatte sich gezeigt, dass an der Sackgasse niemand interessiert gewesen war, sie hatte leer gestanden und begann, sich mit Unrat, Bierflaschen und benutzten Kondomen zu füllen. Teenager, die nichts Besseres zu tun hatten, Landstreicher auf der Suche nach einem Schlafplatz und Damen eines gewissen Gewerbes sorgten dafür, dass nur noch vom »Gassenmotel« die Rede war.
Im Nu wurde die Sackgasse zur öffentlichen Peinlichkeit und zum Albtraum des örtlichen Gewerbedezernats. Nach zwei Jahren andauernder Beschwerden von benachbarten Unternehmen bot die Stadtverwaltung die Gasse zu guter Letzt öffentlich zum Verkauf an. Es gab genau ein Angebot. Für einen Dollar wollte Alvera Couteau dort ein Restaurant eröffnen. Die Behörde schlug ein – Hauptsache, es entstand etwas auch nur annähernd Unternehmerisches –, und neun Monate später nahm das Al’s den Betrieb auf.
Im Al’s gab es fantastisches Essen; Einrichtung und Atmosphäre würden eher keinen Preis gewinnen. Es war düster und eng, der Großteil des Raums ging für die Sitznischen aus Pressspan an der Längswand und den langen lindgrünen Resopaltresen drauf, an dem mehrere verchromte, mit rotem Kunstleder bezogene Barhocker standen. Licht fiel lediglich durch das vordere Fenster, und der Dampf, der vom Grill aufstieg, bildete bratfettgeschwängerte Wolken, die wie eine Gewitterfront in der Luft hingen.
Das Al’s stand in keinem Reiseführer, und Touristen, die sich auf der Suche nach touristischen Abenteuern in das Café verirrten, machten in der Regel sofort wieder kehrt.
Russell Plunkett fuchtelte mit seinem Messer wild in Thumps’ Richtung. »Wutty versucht gerade zu schätzen, wie alt Al ist.«
Jimmy Monroe, der neben Russell saß, fing an zu kichern. »Der Mann ist lebensmüde.«
»Al war da ziemlich deutlich.« Nur für den Fall, dass Wutty schwerhörig sein könnte, sprach er lauter weiter: »Wer immer versucht, ihr Alter zu schätzen, isst sein Frühstück das nächste Jahr auf der Shadow Ranch.«
»Der Mann ist lebensmüde«, wiederholte Jimmy.
»Schon«, sagte Wutty, »aber sie meint es nicht ernst.«
Einige Jahre zuvor hatte Wutty versucht, sich über Als neue Nichtraucherregel hinwegzusetzen. Er hatte sich am Tresen eine Zigarette angezündet und getestet, ob Al ihn rauswarf.
Hatte sie nicht.
Stattdessen bediente sie ihn einfach nicht mehr. Keinen Kaffee, kein Essen. Wutty protestierte und tönte, einen hart arbeitenden Mann wie ihn könne sie doch nicht so behandeln, das Café sei eine öffentliche Einrichtung und er Teil dieser Öffentlichkeit.
Es dauerte einen geschlagenen Monat, bis Wutty zu Kreuze kroch, und einen weiteren, ehe Al ihn wieder bediente – und selbst da setzte sie ihm nicht die komplette Portion Hash Browns vor. Und sie füllte seinen Kaffeebecher auch nicht bis zum Rand.
Russell drehte sich zu Wutty um. »Der French Toast auf der Shadow Ranch soll ja ganz reizend sein.«
Der French Toast in der Ranch war tatsächlich reizend. Einige Monate zuvor war Thumps oben gewesen, um mit Vernon Rockland über eine Fotoausstellung zu sprechen. Sie waren zum Frühstück verabredet. Thumps aß Rührei mit Elchwurst und Rockland den French Toast, der auf einer schmalen, rechteckigen Platte mitsamt Erdbeerschnitzen und Heidelbeeren serviert wurde, die wie Blümchen auf dünnen Orangenscheiben drapiert waren. Mit Fruchtpüree-Wirbeln und Minzblättchen als Garnitur. Der Toast an sich war ein ordentliches Mehrkorn und mit Puderzucker bestäubt, und die einzelnen Stücke lehnten in Form eines abstrahierten Tipis aneinander. Thumps wusste noch genau, wie er gedacht hatte, das Ding sehe eher aus wie das Prärieindianer-Schuhkarton-Bastelprojekt eines Grundschülers denn wie eine Mahlzeit.
Al drehte sich vom Grillofen weg. »Na dann.« Sie sah einem nach dem anderen direkt ins Gesicht. »Wer von euch Jungs will anfangen?«
»Zur Hölle, Al«, sagte Wutty, »du weißt, dass ich bloß Spaß gemacht habe.«
Russell legte einen Zehndollarschein auf den Tresen und nahm seinen Hut vom Haken. »Muss zur Arbeit.«
»Ich auch.« Jimmy versuchte, noch vor Russell zur Tür zu kommen.
Thumps hatte damals einen Bissen von Rocklands Frühstück probiert. Der French Toast war trockener gewesen als befürchtet – irgendwie bissfest und trotzdem schlabberig und mit einem leicht fischigen Nachgeschmack, wie er fand. Der Sirup war aber okay gewesen. Echter kanadischer Ahornsirup.
Wutty blieb auf seinem Hocker sitzen, hatte aber sein Handy gezückt und starrte angestrengt auf das Display. Thumps schlenderte weiter Richtung Münzapparat zu seinem Lieblingsplatz.
Al folgte ihm mit der Kaffeekanne. »Was meinst du denn, wie alt ich bin?«
Thumps stützte die Ellbogen auf den Tresen. »Für wie blöd hältst du mich?«
Al schob ihm in eine Serviette gewickeltes Essbesteck hin. »Du bist doch sonst nicht so früh dran.«
»Dachte, ich fange heute mal besonders früh an zu arbeiten.«
»Du arbeitest nicht«, entgegnete Al. »Immer noch Jetlag?«
»Verdammt!« Wutty rutschte von seinem Hocker und hielt sein Handy hoch wie eine weiße Fahne. »Da hat jemand zurückgerufen!« Er ließ einen Fünfer auf dem Tresen liegen und stürmte zur Tür hinaus.
Al sah ihm kopfschüttelnd nach. »Eines Tages muss ich ihn wohl erschießen.«
»Klang, als hätte er einen Job an Land gezogen.«
»Beim Fernsehen«, sagte Al. »Die haben ja keine Ahnung, wen sie sich da einhandeln.«
»Fernsehen?«
»Irgend so eine Realitysache.« Al stellte ihm einen Becher hin und schenkte Kaffee ein. »Ich hab da mal eine Frage. Brauche eine zweite Meinung.«
»Dein Kaffee schmeckt«, sagte Thumps. »Und dein Alter schätze ich nicht.«
»Natürlich schmeckt der Kaffee. Und ich weiß selbst verdammt gut, wie alt ich bin.«
Er nahm einen Schluck. Der Kaffee war kochend heiß und tiefschwarz. »Dann passt ja alles.«
Al lehnte sich mit der Hüfte gegen den Tresen. »Findest du, dass ich knurriger bin, als ich sein dürfte?«
»Ist das die Frage?«
»Das ist die Frage.«
Thumps versuchte, Al anzusehen, ob es sich um eine Fangfrage handelte. »Wie wär’s, wenn ich stattdessen dein Alter schätze?«
»Kennst du Roger Menard?«
»Den Leiter des Gewerbedezernats? Der immer riecht wie ein Wunderbaum?«
»Genau der.« Al zog einen Flyer aus ihrer Schürze. »Dieser Roger hat das hier angeschleppt.«
Auf dem Deckblatt waren ein stilisierter Cowboy und ein stilisierter Indianer zu sehen. Der Cowboy schwenkte seinen Hut über dem Kopf, und der Indianer hatte die Hand zum Hollywood-Klischee-Gruß erhoben.
»Also, Roger erzählt mir, ich sollte mal darüber nachdenken, freundlicher zu sein. Er will, dass ich mich für dieses neue ›Howdy‹-Programm anmelde.«
Thumps konnte die Hash Browns auf dem Grill riechen. Ihm knurrte der Magen. Womöglich brauchte er eine doppelte Portion Toast.
»Menard hat sich hier reingetraut?«
»Nur an die Tür. Hey, ich hab eine neue Soße – schön mit Biss. Willst du die zu den Eiern probieren?«
»Klar.«
»Und willst du gar nicht wissen, was es mit diesem ›Howdy‹-Programm auf sich hat?«
»Nope.«
»Das Gleiche hab ich zu Roger auch gesagt.« Al schlenderte zurück zum Grill.
Thumps entfaltete den Flyer. Darin wurden Stadt und Umgebung in höchsten Tönen gepriesen. »High-Planes-Paradies« war nur einer der Lobestitel, »Western Wonderland« ein weiterer. Beides wurde flankiert vom Versprechen, Chinook sei »fruchtbarer Unternehmerboden«. Es gab eine dreistufige Anleitung, wie Besucher und Touristen willkommen geheißen werden, sowie eine Liste mit Westernvokabeln, die Geschäftsleute in ihren Wortschatz aufnehmen sollten: »skalpieren« statt »über den Tisch ziehen«. »Nuggets« oder »Kopfgeld« statt »Kohle«. »Prärieschoner« statt »Pick-up«. »Howdy, Partner« statt »Kumpel«. »Futter« statt »Essen«.
Als Al mit seinem Frühstück zurückkam, kicherte Thumps noch immer. Sie stellte den Teller vor ihm ab und stemmte die Hände in die Hüften.
»Hier, dein Futter.«
Thumps tippte auf den Flyer. »Ich hab gar kein ›Yihah‹ da drin gefunden.«
»Muss ihnen durchgerutscht sein.« Al neigte den Kopf zur Seite. »Hast du das Ding...




