E-Book, Deutsch, Band 1, 432 Seiten
Reihe: DreadfulWater ermittelt
King Dunkle Wolken über Alberta
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-492-99713-3
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Kanada-Krimi
E-Book, Deutsch, Band 1, 432 Seiten
Reihe: DreadfulWater ermittelt
ISBN: 978-3-492-99713-3
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thomas King, geboren 1943 als Sohn eines Cherokee und einer deutschstämmigen Griechin, ist ein vielfach preisgekrönter nordamerikanischer Schriftsteller. Er ist Mitglied der Order of Canada und wurde von der National Aboriginal Achievement Foundation ausgezeichnet. King lehrte an der University of Lethbridge und hatte den Lehrstuhl für American Indian Studies an der University of Minnesota, bevor er an die University of Guelph nach Ontario wechselte, wo er bis zu seiner Pensionierung tätig war. Er lebt mit seiner Partnerin Helen Hoy in Guelph.
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2
Thumps DreadfulWater kauerte unter dem dunklen Tuch und studierte das spiegelverkehrte und kopfstehende Bild des Flusses und der Berge auf der Mattscheibe seiner Laufbodenkamera. Es war kühl draußen. Und es war still. Das einzige Geräusch kam von den Mücken, die ihn umkreisten und auf ihm landen wollten, und Thumps fiel prompt wieder ein, was er am Frühling nicht mochte.
Viecher.
Nicht alle natürlich. Stech- und Kriebelmücken, um genau zu sein. Die kamen immer in Schwärmen – erst die Kriebelmücken, dann die Stechmücken. Kriebelmücken lebten und legten Eier an fließenden Gewässern – ausgerechnet dort, wo es einige der besten Motive gab –, während die Stechmücken für eine warme Mahlzeit überall hingingen.
Thumps kam unter dem Tuch hervor, schlug nach einer Handvoll Blutsauger, die sich wie Dartpfeile in seinen Nacken gedrillt hatten, und scheuchte diejenigen weg, die sich vorne aufs Objektiv gesetzt hatten. Dann stellte er Blende und Belichtung ein, spannte den Auslöser, zog den Schieber raus, drückte ab und schob den Schieber wieder rein.
Die traurige Wahrheit bei der Fotografie war, dass selbst das beste Objektiv ein gutes menschliches Auge nur unzureichend ersetzte. Unter dem Himmelsdach, das sich um einen herum erstreckte, fühlte man sich klein und einsam und seelenruhig. Nicht mal das weltbeste Foto konnte auch nur annähernd einfangen, was man von einem Felsvorsprung über einem Flusstal vor sich sah, wenn das Licht durch die Wolken brach – vom Pfeifen des Windes und dem Geruch von Beifuß in der Luft ganz zu schweigen.
Was ein Landschaftsfoto einfangen konnte, war die romantische Verklärung – ein bestimmtes Gefühl, das man sich an die Wand hängen konnte, um sich an einen eingebildeten Moment zu erinnern, in dem der peitschende Wind ausgeblendet war und sich der Beifußgeruch auch nicht mit den Dieselabgasen der Trucks vermischt hatte, die sich auf der Interstate vorbeiwälzten.
Normalerweise fühlte er sich beim Fotografieren wie frisch belebt, doch heute waren der Ausflug zum Fluss und der Aufstieg anstrengend gewesen. Er hatte keine Ahnung, warum. Klar, Kamera, Rucksack und Stativ waren keine Leichtgewichte, aber das war noch nicht alles. Claire hätte natürlich gesagt, es seien Depressionen, aber auch nur, weil sie Depressionen mochte und sie nicht – wie Männer – als Schwäche betrachtete, als eine Art Kontrollverlust.
Entsprechend war er nicht depressiv. Er fühlte sich nicht depressiv. Tatsächlich war sein Leben in jüngster Zeit gar nicht übel gewesen. Claire war zur Abwechslung mal wieder nett zu ihm, und er hatte endlich seine Küche aufgeräumt, was ihm immer guttat. Es ging doch nichts über frisch sortierte Gewürze, Cornflakes-Schachteln und Konservendosen, um sich wieder wie jemand zu fühlen, der sein Leben im Griff hatte.
Trotzdem war diese Erschöpfung nervtötend. Es war, als hätte ihn jemand zur Ader gebeten und ausbluten lassen. Die andere Sache war, dass er immer wieder dringend pinkeln musste. Beides war ganz plötzlich gekommen. Dann hatte er einen Fehler gemacht und Archimedes Kousoulas von der Aegean-Buchhandlung in Chinook davon erzählt.
»Wann warst du zuletzt beim Arzt?«, hatte Archie gefragt.
»Ich brauche keinen Arzt.«
Archies Brille war zu groß für sein Gesicht. Er sah damit aus wie eine griechische Schleiereule. Er war die Art von Freund, die jeder haben sollte – ob man ihn nun wollte oder nicht.
»Über fünfzig lässt du dich als Mann besser alle zwei Jahre durchchecken.«
»Ich bin noch keine fünfzig.«
»Du siehst aus wie fünfzig.«
Archie hatte mehrere Medizinbücher aus dem Regal gezogen, Thumps’ Symptome nachgeschlagen und sich an eine Diagnose gewagt.
»Schwanger bist du nicht. Also ist es entweder Krebs, die Schilddrüse oder Diabetes.«
»Archie …«
»Könnte natürlich auch alles drei sein.«
Das Licht über dem Fluss war heller geworden. So konnte der Film die Kontraste nicht mehr einfangen. Thumps sah sich nach Wolken um, die das grelle Licht filtern könnten, sodass es wieder weicher wirkte, aber der Himmel war klar und unerbittlich.
Ein Jahr zuvor war Thumps für eine Woche in Toronto bei einem Fotografieseminar mitsamt Ausstellungen, Workshops und Vorträgen gewesen. An einem Nachmittag war er durch die Stadt geschlendert und hatte in der Nähe der Kreuzung Queen und Church einen Laden entdeckt, in dem Fotoequipment von Leuten verkauft wurde, die fast ausschließlich unter dreißig waren. Ein einziger Typ war etwa in Thumps’ Alter gewesen.
»Ich bin John«, stellte er sich vor. »Sie sehen nach Film aus.«
»Vier-mal-fünfer Laufbodenkamera«, erwiderte Thumps, »Dagor-Objektiv von Goerz.«
»Sauber. Und jetzt überlegen Sie, ob Sie nicht langsam auf Digital umrüsten wollen.«
Thumps zuckte mit den Schultern. »Wär das genauso gut wie Film?«
»Nein«, antwortete John. »Bloß anders. Was wiegt Ihr Zeug?«
»Knapp zwanzig Kilo.«
»Mit Stativ?«
»Dreiundzwanzig.«
»Das wär in etwa, worauf es hinausläuft«, sagte John. »Wollen Sie die Vier-mal-fünf in Zahlung geben?«
»Eher nicht.«
»Gut, weil die nichts mehr bringt.«
Thumps sah sich die digitalen Nikons und Canons und Fujis im Regal hinter dem Verkaufsschalter an. Sie sahen kompakt aus. Und leicht.
»Die Großen haben sowieso aufgehört, Film und Fotopapier zu produzieren. Die Chemikalien gibt’s auch nicht mehr lange. Noch fünf Jahre oder so, und das alles könnte Geschichte sein. Erinnern Sie sich noch an elektrische Schreibmaschinen? Die meisten Kids, die hier arbeiten, haben nie eine gesehen.«
»Ich mische die Bäder selbst.«
»Klar«, sagte John, »hab ich auch so gemacht. Hab echt gern im Dunkeln gesessen und mit meinen Messbechern hantiert wie ein verrückter Professor. Die Dämpfe haben mir dann irgendwann die Leber zerfressen.«
John berechnete für Thumps einen Komplettpreis für einen Nikon-Korpus, drei Objektive, eine Canvas-Kameratasche und ein leichtes Stativ mit Schnellwechselplatte. »Wissen Sie, was das Einzige ist, was sich in der Fotografie nicht verändert hat?«
»Was?«
»Sie kostet ein Vermögen.«
Okay. Für heute war Schluss mit dem Fotografieren. Sobald Thumps den Rucksack geschultert hatte, machte sich sein Magen bemerkbar. Zeit fürs Frühstück. Die beste Mahlzeit des Tages. In Chinook gab es dafür zwei Möglichkeiten, zumindest wenn es nach Thumps ging. Entweder bereitete man es sich selbst zu, oder man ging ins Al’s. Thumps war durchaus imstande, sich ein anständiges Frühstück zu machen, aber einer der Vorzüge des modernen Lebens war nun mal, dass es auch jemand anders für einen zubereiten konnte. Besonders wenn dieser Jemand Alvera Couteau war – oder Al, wie alle in der Stadt sie nannten.
Normalerweise wurden derlei gemütliche Lokale in spannenden, wenn auch abgelegenen Orten wie Chinook und mit dem entsprechenden Ruf, man könne dort für kleines Geld richtig gut essen, im Sommer gestürmt, sodass die Einheimischen hinter zig Touristen mit ausladenden Rucksäcken und Reiseführern Schlange stehen mussten. Doch obwohl Chinook von genügend Touristen besucht wurde, verirrten sich nur die wenigsten davon ins Al’s.
Unter anderem weil das Café nicht ganz leicht zu finden war. Es quetschte sich zwischen die Fjord Bakery und Sam’s Laundromat und war nicht ausgeschildert – abgesehen von dem Schildkrötenpanzer, den Preston Wagamese mit Heißkleber neben der Eingangstür befestigt und »Food« draufgepinselt hatte.
Hier und da tauchten sogar Touristen auf, aber die gingen auch sofort wieder. Nicht dass das Café irgendwie einschüchternd gewirkt hätte. Im Grunde war es eher unauffällig. Kaum mehr als ein schmaler, lang gezogener Schlauch mit Sitznischen aus Pressspan auf der einen Seite und einem lindgrünen Resopaltresen mit klapprigen Barhockern aus zerkratztem Chrom und rotem Kunstleder auf der anderen Seite.
Um ganz sicherzugehen, war es immer dunkel. Licht fiel bloß durch das Fenster neben dem Grillofen. Außerdem war es leicht klamm. Und dann die süßlichen Geruchswirbel und -ströme, die durch das Lokal wogten: mal Bratfett, mal verbrannter Toast, schwarzer Kaffee und Schweiß. In Thumps’ Vorstellung fühlten sich Leute, die hier erstmals spontan von draußen hereinkamen, als wären sie unter Wasser geraten.
Stammgäste saßen am Tresen so nah am Grill und an der Kaffeemaschine wie nur möglich. Das Al’s würde in nächster Zeit wohl kaum in einem dieser Hochglanzblättchen mit Restaurantempfehlungen stehen. Trotzdem war das Essen allererste Sahne.
Al war eine der wenigen auf dieser Welt, die wussten, wie man Rühreier machte. In den meisten anderen Lokalen wurden komplett einwandfreie Eier mit Milch oder Wasser versaut und diese unselige Mischung dann in einer Teflonpfanne zubereitet. Das Geheimnis perfekter Rühreier war aber, dass man die Eier bloß leicht mit der Gabel kläpperte und sie dann au naturel in eine heiße Gusspfanne mit geschmolzener Butter gab – und wenn sie gerade anfingen zu stocken, gab man ein Stück kalte Butter dazu. Das verlangsamte den Garprozess, sodass die Eier am Ende eine weiche, leckere Masse bildeten.
Bis Thumps im Al’s ankam, war das Lokal auch schon wieder leer. Er steuerte seinen Lieblingsplatz an – den siebten Hocker von hinten – und ließ sich darauf nieder.
»Du hast die anderen verpasst.« Al schlenderte am Tresen entlang auf ihn zu. »Kaffee?«
»Definitiv«, antwortete Thumps.
»Warst du wieder Fotos...




