Kingfisher | The Hollow Places | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 365 Seiten

Reihe: Eichborn

Kingfisher The Hollow Places

Kara und die rätselhafte Welt hinter den Dingen. Roman
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7517-6453-7
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kara und die rätselhafte Welt hinter den Dingen. Roman

E-Book, Deutsch, 365 Seiten

Reihe: Eichborn

ISBN: 978-3-7517-6453-7
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Kara freut sich darauf, in dem wirklich sehr kuriosen Kuriositätenkabinett ihres Onkels auszuhelfen. Doch als sie dort eines Tages ein mysteriöses Loch in der Wand entdeckt, nimmt ihr Leben eine dramatische Wendung. Sie beginnt, die Gänge hinter der Wand zu erkunden - zusammen mit Simon, dem exzentrischen Barista aus dem Café. Das Loch erweist sich als Portal in eine wenig einladende parallele Welt, in der tückische Weidenbäume ein Eigenleben führen und unheimliche Gestalten hausen, von denen die meisten nicht gerade wohlgesonnen sind. Wenn man jetzt nur wüsste, wo nochmal der Ausgang war ...
NARNIA-artige Paralleluniversen, übernatürlicher Grusel und schräge Figuren - eine unwiderstehliche Mischung.



T. Kingfisher ist das Pseudonym der bekannten Schriftstellerin Ursula Vernon. In einem anderen Leben schreibt sie Kinderbücher und abseitige Comics und hat u. a. den HUGO-, SEQUOYAH- und URSA-MAJOR-PREIS gewonnen sowie diverse JUNIOR-LIBRARY-GUILD-AUSZEICHNUNGEN eingeheimst. Als T. Kingfisher schreibt sie Bücher für Erwachsene. Wenn sie nicht gerade schreibt, findet man sie im Garten, wo sie vermutlich gerade Augenkontakt mit Schmetterlingen sucht.

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1


Wenn ich erzähle, dass mein Onkel Earl ein Museum besitzt, glauben mir die Leute kein Wort.

Sie überlegen es sich anders, sobald ich hinzufüge, es handele sich um ein winziges Museum in einer Ladenzeile in Hog Chapel, North Carolina – obwohl sich dort inzwischen so viel Krempel angesammelt hat, dass die Räume viel größer wirken, als sie tatsächlich sind. Wenn ich ihnen dann den Namen verrate, hören sie wieder auf, mir zu glauben.

Trotzdem. Auf Partys ist es ein guter Eisbrecher.

Mein Onkel leitet das Gotteslob-Museum für Naturwunder, Kuriositäten und Tierpräparate.

Das meiste darin ist natürlich totaler Schrott. Viele der in den Vitrinen ausgestellten Objekte tragen wahrscheinlich einen MADE IN CHINA-Stempel an der Unterseite. Mit fünfzehn habe ich einmal Schrumpfköpfe entsorgt, nur um später identische Exemplare in einem Halloween-Laden zu finden. Aber die Wand der Fingerhüte aus aller Welt ist echt, beziehungsweise enthält sie echte Fingerhüte, und die Barong-Masken kommen wirklich aus Bali. Die Speerspitzen wurden vielleicht in den 1970ern gemeißelt und nicht vor tausenden Jahren, aber immerhin von einem Menschen mit einem Stein. In dem Glas auf dem Tresen mit der Aufschrift Zauber-Samen?! sind eigentlich Banksienzapfen; weil Banksien aber für die meisten Menschen ein Mysterium sind, zählen sie schon irgendwie als Zauber-Samen.

Und auch die Tierpräparate sind echt, handelt es sich bei den Stücken doch tatsächlich um ausgestopfte Tiere. Diese Abteilung des Museums beherbergt elf Reh- und sechs Wildschweinköpfe, einen Giraffenschädel, sechsundvierzig Vogelpräparate verschiedener Arten, drei Albino-Waschbären, eine Fidschi-Meerjungfrau – ich will meinen Onkel immer wieder dazu überreden, sie umzubenennen, weil der Name wahrscheinlich rassistisch ist, oder wenigstens könnte er ein Schild anbringen, das den Kontext erklärt –, zwei Hasenböcke, eine ganze Vitrine voller getrockneter Skorpione, einen mottenzerfressenen Grizzlybären, fünf Präriehunde, zwei Fellforellen, einen ganz erstaunlichen Riesenotter und eine in einen Glaskrug eingelegte Kobra.

Und das war nur der erste Stock. Es gibt noch eine Menge anderer Sachen, wobei ich den Kram in den Kisten und auch sonst alles weggelassen habe, was sich schlecht zählen lässt. Wo soll ich die Statue des Heiligen Franz von Assisi mit den sorgfältig ausgestopften und auf die Arme montierten Spatzen einordnen? Auch bin ich mir nicht ganz sicher, ob die winzigen Mäuse in Ritterrüstungen, die auf Agakröten reiten, als ein Exponat zählen oder als sechs Mäuse plus zwei Kröten. Sie teilen sich eine Vitrine mit der Gürteltiertasche (Accessoire oder Präparat?) und einem Becher, aus dem möglicherweise Elvis Presley getrunken hat. Auf dem Becher ist die amerikanische Flagge abgebildet. Onkel Earl hat eine Plattenhülle dahinter gestellt und daneben ein großes Schild, das verkündet, Elvis habe kurz vor seinem Tod zu Gott gefunden. Ich bin mir da nicht so sicher, aber mein Onkel Earl glaubt fest daran, dass alle Prominenten, die er mag, irgendwann vor ihrem Tod zu Gott gefunden haben. Vielleicht, damit er sich vorstellen kann, wie sie, statt in der Hölle zu schmoren, mit den Engeln feiern.

Onkel Earl glaubt fest an Jesus, Moses, die Heilkraft von Kristallen, die Freimaurer, die Illuminaten, an Außerirdische (die in Roswell gelandet sind, was die Regierung aber geheim hält), an urbane Mythen, Wunderheilung, Schlangenbeschwörung, den längst erfundenen Benzinersatz (den die Ölkonzerne aber geheim halten), an Chemtrails, Besessenheit durch Dämonen, die außergewöhnlichen Kräfte von WICK VapoRub und an Beweise dafür, dass die Mayas, die Azteken und wahrscheinlich auch die alten Ägypter von Außerirdischen kontaktiert wurden (was die Wissenschaft aber geheim hält). Er glaubt an den Stinktier-Affen und an Chupacabras und verehrt den Mothman. Obwohl er nicht katholisch ist, glaubt er an das Sonnenwunder und an das Antlitz der heiligen Jungfrau Maria auf verbrannten Toastscheiben, außerdem ist er ziemlich überzeugt davon, dass die Endzeit vor der Tür steht, womit er aber kein Problem hat, solange sie sich mit den Öffnungszeiten seines Museums vereinbaren lässt.

Zudem mag Onkel Earl fast alle Menschen, denen er je begegnet ist, selbst Leute, die an nichts von alldem glauben. Wenn man ein Mengendiagramm der Erlösten und der Verdammten erstellen würde, befänden sich Letztere komplett außerhalb von Onkel Earls Bekanntenkreis. Dass Menschen, die er kennt, in der Hölle landen könnten, gefällt ihm gar nicht.

Einmal wies ich ihn darauf hin, dass das nette Touristenpärchen, mit dem er sich gerade fünfundvierzig Minuten lang unterhalten hatte, muslimisch war.

Er sagte, das sei in Ordnung. »Es gibt viele Muslime auf der Welt, Karotte.« (Ich heiße Kara, aber er nennt mich schon so, seit ich zwei war.) »Gott würde all diese guten Menschen nicht einfach in die Hölle schicken.«

»Viele Leute sehen das anders.«

»Auch das ist in Ordnung.«

Mit Onkel Earl zu streiten, ist fast unmöglich. Er glaubt an alle möglichen Dinge gleichzeitig, ohne irgendwo einen Widerspruch zu sehen.

»Dr. Williams vom Café meint, die Erde sei Milliarden von Jahren alt.«

»Kann sein«, sagte Onkel Earl. »Gut möglich. Die Schöpfung hat sieben Tage gedauert, aber ich weiß nicht, wie lange ein Tag für Gott ist.«

»Aber auf dem Schild in der Vitrine mit den Präriehunden steht, die Welt sei erst viertausend Jahre alt!«

»Das ist ein Zitat von Pfarrer James Smiley. Was da auch angegeben ist, ganz unten. Falls es nicht stimmt, geht es allein auf seine Kappe. Ich bin nicht hier, um Urteile zu fällen. Die Leute sollen selbst entscheiden, was sie glauben wollen.«

»Aber was, wenn sie sich falsch entscheiden?«

»Gott verzeiht eine Menge«, sagte Onkel Earl. »Das muss er auch. Wir tun vieles, für das wir um Vergebung bitten müssen.«

Ich gab es auf.

Als ich klein war, wurde ich in der Schule oft gefragt, ob ich das Museum nicht gruselig fände. Manche Präparate waren alt und zerfleddert. Bog man irgendwo falsch ab, starrten Glasaugen auf einen nieder, und einer der Albino-Waschbären hatte ein besonders unangenehmes Grinsen. Aber nein, gegruselt habe ich mich dort nie. Ich bin in dem Museum aufgewachsen und habe schon am Tresen Spenden entgegengenommen, als ich, um die Kasse zu erreichen, noch auf einem Telefonbuch sitzen musste.

(Jahre später wurde mir erst klar, dass ich es mit Lügengeschichten über die Geister von ausgestopften Tieren, die im Museum ihr Unwesen treiben, in meiner Klasse zu schlagartigem Ruhm gebracht hätte, aber damals kam mir so etwas nicht in den Sinn. Was solls. Gelegenheit verpasst.)

Die Schrift auf dem Schild draußen vor dem Gotteslob-Museum für Naturwunder, Kuriositäten und Tierpräparate ist eher klein, nur das Wort »WUNDER« sticht groß heraus, weshalb die meisten Leute es das Wundermuseum nennen. Eine Steilvorlage für alle möglichen Witze, die schon lange nicht mehr lustig sind – »Ich wundere mich, was Earl sich dabei gedacht hat«, »Ich wundere mich, woher der ganze Krempel kommt«. Aber wir lächeln trotzdem höflich, denn die Person, die den Witz gemacht hat, könnte ja vielleicht reich sein.

Die meisten Exponate findet Onkel Earl auf Flohmärkten, bei Haushaltsauflösungen und im Internet, oder er stellt sie selbst her. Er hat sich eine ganze Weile als Tierpräparator versucht und entsprechend viele Kontakte. Die Leute mögen Onkel Earl.

Und zur ersten Frage:

Was in seinem Kopf vorgeht, weiß ich oft selbst nicht.

*

Einmal, als ich sechzehn war und den Sommer über im Wundermuseum arbeitete, versuchte ich, mit Onkel Earl zu diskutieren. Damals war ich durchgehend wütend, die typische Grundeinstellung aller Sechzehnjährigen.

»Du glaubst an die Evolution«, sagte ich. »Du weißt es nur nicht.«

»Nun, da bin ich mir nicht so sicher.« Er rückte sich die Brille zurecht. »Dass wir angeblich von Affen abstammen, kommt mir einfach nicht richtig vor.«

»Aber du glaubst, dass Babys ihren Eltern ähnlich sind, oder?«

»Natürlich. Das liegt an den Genen, Karotte. Deine Mama wollte sich zum Beispiel immer mit mir streiten, und jetzt sieh dich an.«

Ich schnaubte und fuhr fort: »Und du glaubst an das Überleben des Stärkeren, oder? Dass schnelle Antilopen lange genug leben, um Junge zu kriegen, und langsame Antilopen gefressen werden?«

»Klar, Karotte.«

»Das ist Evolution. Diese beiden Faktoren zusammen.«

Onkel Earl schüttelte traurig den Kopf. »Dass wir angeblich von Affen abstammen«, wiederholte er, »kommt mir einfach nicht richtig vor.«

Ich warf die Hände in die Luft und stampfte zurück nach hinten, um die Rittermäuse neu anzuordnen.

Ein paar Wochen später, kurz vor dem Ende der Sommerferien, informierte er mich darüber, dass er seine Meinung geändert hatte.

»Was?«

»Ich glaube, du hattest recht, Karotte.« Er nickte. »Es scheint ganz so, als hätten wir uns entwickelt.« Er hob den Zeigefinger. »Nur so lässt sich Bigfoot erklären, oder?«

Ich starrte ihn an und wusste nicht, wo ich anfangen sollte.

»Jup«, sagte er, weil er meine Stille als Zustimmung interpretierte. »Bigfoot ist das fehlende Bindeglied, und ein Bindeglied kann nur fehlen, wenn es eine unvollständige Kette gibt. Ich werde das Schild in der Präriehundevitrine auf den neuesten Stand bringen.«

Er lächelte mich selig an, und ich ging und holte das...


Kingfisher, T.
T. Kingfisher ist das Pseudonym der bekannten Schriftstellerin Ursula Vernon. In einem anderen Leben schreibt sie Kinderbücher und abseitige Comics und hat u. a. den HUGO-, SEQUOYAH- und URSA-MAJOR-PREIS gewonnen sowie diverse JUNIOR-LIBRARY-GUILD-AUSZEICHNUNGEN eingeheimst. Als T. Kingfisher schreibt sie Bücher für Erwachsene. Wenn sie nicht gerade schreibt, findet man sie im Garten, wo sie vermutlich gerade Augenkontakt mit Schmetterlingen sucht.



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