E-Book, Deutsch, 1142 Seiten
Kinkel Unter dem Zwillingsstern
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-95824-011-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman | Ein großer Roman für alle Fans des Bestsellers »Lichtspiel« von Daniel Kehlmann
E-Book, Deutsch, 1142 Seiten
ISBN: 978-3-95824-011-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
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Tanja Kinkel, geboren 1969 in Bamberg, studierte und promovierte in Germanistik, Theater- und Kommunikationswissenschaft. Sie erhielt acht Kultur- und Literaturpreise, Stipendien in Rom, Los Angeles und an der Drehbuchwerkstatt der HFF München, wurde Gastdozentin an Hochschulen und Universitäten im In- und Ausland sowie Präsidentin der Internationalen Feuchtwanger Gesellschaft. 1992 gründete sie die Kinderhilfsorganisation Brot und Bücher e. V, um sich so aktiv für eine humanere Welt einzusetzen (mehr Informationen finden Sie auf der Website brotundbuecher.de). Tanja Kinkels Romane, die allein in Deutschland eine Gesamtauflage von über sieben Millionen erzielten, wurden in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt und spannen den Bogen von der Gründung Roms bis zum Amerika des 21. Jahrhunderts. Bei dotbooks veröffentlichte Tanja Kinkel ihre großen Romane »Die Puppenspieler«, »Die Löwin von Aquitanien«, »Wahnsinn, der das Herz zerfrisst«, »Mondlaub«, »Die Söhne der Wölfin« - der Roman ist auch im Sammelband »Die Frauen der Ewigen Stadt« erhältlich -, »Die Schatten von La Rochelle« und »Unter dem Zwillingsstern«, die Novelle »Ein freier Mann« sowie ihre Erzählungen »Der Meister aus Caravaggio«, »Reise für Zwei« und »Feueratem«, die auch in gesammelter Form vorliegen in »Gestern, heute, morgen«. Die Kurzgeschichte »Ein unverhofftes Weihnachtswunder« ist außerdem in der Anthologie »Kerzenschein und Schneegestöber« erhältlich. Die Autorin im Internet: tanja-kinkel.de
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Kapitel 2
Die Räterepublik, die nach der Ermordung Eisners ins Leben gerufen wurde, hatte den Frühling nicht überlebt. Für Carla und Robert waren die Geschichten von den illegalen Freikorps, die München nach Kommunisten durchsuchten, zunächst nur eine Möglichkeit, einander mit Schreckgeschichten zu übertrumpfen. Dann wurde auch Dr. Goldmanns Wohnung durchsucht, und einer seiner Freunde verschwand.
»Dada meint, diese Korpsleute würden von der Polizei unterstützt. Aber dann müßten die Gefängnisse doch langsam aus allen Nähten platzen«, sagte Robert. Sie besuchten eine der Badeanstalten entlang der Isar, was Annis Idee gewesen war. Carlas Stiefmutter stand im Wasser und spritzte lachend ihren Mann naß, der so gutgelaunt und aufgeräumt wie selten wirkte. Es war ein schöner Tag, aber Carla, die dank der hellen Haut der Rothaarigen sehr leicht einen Sonnenbrand bekam, saß auf einem Handtuch im Schatten, und Robert, der nicht zugeben wollte, daß er nicht schwimmen konnte, saß neben ihr.
Carla zerrte etwas an dem Badeanzug, den sie trug. Er gehörte eigentlich Anni; die Größe paßte, doch das Leinen mit den blauen Streifen war für Carla einfach zu breit geschnitten.
»Du bist doch naiv«, sagte sie, denn diesen Ausdruck hatte sie erst gestern in einem Roman gefunden, und sie wollte ihn unbedingt verwenden. »Die stecken niemanden ins Gefängnis. Sie erschießen die Leute.«
Dieses Wissen verdankte sie einem Gespräch zwischen Fräulein Brod und Frau Hallgarten, das sie mit angehört hatte. Beide hatten so entsetzt und unglücklich gewirkt, daß sie wußte, sie sollte eigentlich ebenfalls entsetzt und unglücklich sein, aber sie kannte niemanden, der erschossen worden war, und so ging es ihr nicht näher als all die Toten am Ende der Nibelungensage.
»Ich bin nicht naiv«, entgegnete Robert verärgert, der den Ausdruck ebenfalls kannte. »Wenn hier einer naiv ist, dann bist es du. Ich wette, du weißt überhaupt nichts von den wirklich wichtigen Sachen.«
Sie rümpfte die Nase. Da sie ihre Brille abgesetzt hatte, konnte sie von den Badenden nur die Umrisse erkennen, große, helle Farbflecken mit dunklen Tupfern auf dem Kopf. Aber Annis Lachen und die tiefe Stimme ihres Vaters waren unverwechselbar, also wußte sie, wo die beiden sich befanden. Ihr Vater war in der letzten Zeit oft gutgelaunt; er hatte sogar versprochen, sie wieder ins Theater mitzunehmen, und sie gefragt, ob sie gerne verreisen würde, jetzt, wo Reisen wieder möglich waren.
»Und ich wette, es gibt kein Fach, in dem ich nicht besser bin als du.«
»Da hast du 's. Ich rede doch nicht von Schulkram. Ich wette, du weißt überhaupt nichts darüber, wie ein Mann und eine Frau es tun, oder?«
»Das weiß ich schon längst«, sagte sie rasch, aber Robert, der selbst gut log, war sich diesmal seiner Sache sicher.
»Das glaube ich nicht. Ich glaube, du hast überhaupt keine Ahnung.«
Ihr lag ein »Habe ich doch« auf der Zunge, aber sie hielt es zurück. Es war höchst unangenehm und ärgerlich, aber er hatte recht. Ihre Neugier kämpfte noch einige Momente mit ihrem Stolz und gewann.
»Wenn du soviel weißt, dann sag es doch.«
Er grinste zufrieden, das konnte sie trotz ihrer Kurzsichtigkeit nur zu gut erkennen, und sie nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit mehr herauszufinden, als er gleich erzählen würde. Wenn nötig, dann konnte sie Fräulein Brod erpressen, denn daß Fräulein Brod mit den Kommunisten sympathisierte, die laut ihrem Vater alle Verbrecher waren und von der Polizei eingesperrt wurden, wußte sie längst.
»Was kriege ich dafür?«
»Ich mache deine Mathematikaufgaben«, gestand sie ihm widerwillig zu. Sie mochte Mathematik selbst nicht besonders, aber dank des jahrelangen Unterrichts von Fräulein Brod war sie besser darin als Robert, der sich immer noch weigerte, seine anstehende Rückkehr in die Schule im Herbst ernst zu nehmen, und Fräulein Brod mit seiner Mißachtung aller für ihn uninteressanten Fächer zur Verzweiflung trieb.
»Abgemacht«, sagte er und breitete sein weltliches Wissen gönnerhaft vor ihr aus. Als er fertig war, starrte sie ihn ungläubig an.
»Das ist ja ekelhaft! Du hast da sicher etwas falsch verstanden. So etwas würde doch keiner freiwillig tun!«
»Jeder tut es so«, protestierte er und genoß seine Überlegenheit, bis sie ihn ins Gras stieß und zum Ufer lief. Ihre langen roten Zöpfe flogen hinter ihr her. Er verstand nicht, warum sie sich so sehr aufregte; sie war sonst nicht zimperlich und hatte gerade vorhin sogar eine Schnecke über ihre Hand laufen lassen.
***
Anni dabei zuzusehen, wie sie sich zum Ausgehen am Abend zurechtmachte, bereitete Carla immer wieder Vergnügen. Es lag ein Element von spielerischer Verkleidung und Maske darin; Anni war noch nicht lange genug an Reichtum gewöhnt, um nicht alles ausnutzen zu wollen, was ihr zur Verfügung stand, und sie war zu jung, um es nicht auch ein wenig komisch zu finden.
»Daß ich sie net alle tragen darf«, seufzte sie, während sie ihre Perlenketten anschaute, und dann verbrachten Carla und sie eine lustige Viertelstunde damit, sich soviel Schmuck wie möglich umzuhängen. Anni zeigte dem Mädchen, wie man sich schminkte, blickte in den Spiegel und prustete.
»Jetzt schaun wir aus wie aufm Fasching!«
Carla mochte das Gefühl von Creme auf den Lippen, den Puder und die kühle Tusche unter ihren Augenbrauen. Sie atmete das Parfum ein, das Anni gerade großzügig in der Luft verspritzte, hustete etwas und fragte dann:
»Du, Anni, stimmt es, daß Männer in Frauen hineinpinkeln?«
Anni lachte wieder und teilte ihr mit, nein, so sei es nicht, doch ehe Carla noch Zeit hatte, die Befriedigung zu genießen, Robert einer Fehlinformation überführen zu können, fiel ihr ein, daß sie sich am besten gleich der richtigen Details vergewisserte. Anni war zwar nicht die Klügste, aber eindeutig erwachsen und eine Frau; sie wußte Bescheid und war viel zu gutmütig und zu schwatzhaft, um ein Geheimnis für sich zu behalten.
»Wie machen sie es dann?«
Einen Augenblick sah es so aus, als wollte Anni ihr ausweichen, aber dann atmete sie tief durch und begann: »Also ...«
Weiter kam sie nicht. Zu Carlas großer Verärgerung klopfte es. Die Stimme ihrer Schwester drang durch die Tür.
»Gnädige Frau, ich würde gerne mit Ihnen sprechen.«
Marianne sprach nie mit Anni, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ, und Carla blieb der Mund offen. Anni wirkte ähnlich überrascht und mit einemmal sehr unsicher.
»Aber ja, komm doch herein.«
Es war Marianne nicht leichtgefallen, zu der dritten Frau ihres Vaters zu gehen. Sie haßte Anni nicht, wie sie früher Angharad gehaßt hatte, aber sie empfand das Mädchen, das jünger war als sie selbst, als eine durch und durch vulgäre Parasitin. Außerdem mußte ihre Frivolität einen schlechten Einfluß auf Carla haben, eine Befürchtung, die sich bestätigte, als sie Carla im Schneidersitz auf dem Boden vor dem Garderobentisch sitzen sah. Das Kind trug mindestens vier Ketten um den Hals und sah mit all der Schminke im Gesicht aus wie eine Miniaturausgabe ihrer Mutter. Marianne biß sich verwirrt auf die Lippen. Sie war immer erleichtert darüber gewesen, daß Carla dieser Frau nicht besonders ähnelte, aber das Rouge, das ihr Anni ins Gesicht gerieben hatte, betonte ihre Wangenknochen und ließ ahnen, wie sie aussehen würde, wenn die kindliche Weichheit erst einmal verschwunden wäre. Die schwarze Umrandung ließ die blaugrüne Farbe der Augen intensiv leuchten.
Auf dem Garderobentisch stand ein dreiteiliger Spiegel, und Marianne sah sich selbst mehrfach reflektiert. Das lähmende Gefühl, unzulänglich zu sein, das sie jedesmal in Gegenwart von Carlas Mutter umklammert gehalten hatte, packte sie erneut, und einen Moment lang konnte sie nicht sprechen. Dann sammelte sie sich wieder und sagte, wozu sie gekommen war, obwohl sie um jedes einzelne Wort ringen mußte.
»Ich möchte Sie bitten, mich bei meinem Vater zu unterstützen, gnädige Frau. Carlas Erstkommunion ...«
Sie hielt inne. Seit Monaten versuchte sie nun schon, ihren Vater zu überreden, Carla Kommunionsunterricht zuteil werden zu lassen. Sie kannte genügend Geistliche, die bereit gewesen wären, das Mädchen zu unterrichten. Es war wirklich mehr als an der Zeit für Carlas Erstkommunion, aber sie mußte vorbereitet werden, wie es sich gehörte. Ihr Vater blieb unnachgiebig.
»Wenn es etwas Schlimmeres gibt als die verdammten Kommunisten«, erklärte er, »dann sind es die Pfaffen. Sie waren nicht da, als ich sie gebraucht habe. Mir kommt keiner mehr ins Haus.«
Seine Kindfrau um Hilfe zu bitten war für Marianne das letzte erdenkliche Mittel. Jeder konnte sehen, wie er diese Anni vergötterte; er würde es ihr gewiß nicht abschlagen.
»Es ist an der Zeit für Carlas Erstkommunion«, schloß sie etwas unbeholfen.
Anni fühlte sich immer etwas eingeschüchtert in Mariannes Gegenwart, und nachdem sie sich monatelang vergeblich bemüht hatte, die Freundschaft dieser ältesten Tochter ihres Gatten zu erringen, begegnete sie diesem Bruch in Mariannes Unnahbarkeit zunächst mit stummer Verblüffung. In Mariannes Miene veränderte sich etwas. Die Person will mich betteln lassen, dachte sie, und dann, ungewollt, denn ihre Gedanken konnte sie nicht so fest im Zaum halten wie ihre Sprache: Das Luder!
Carla dagegen hatte sich längst von ihrer Überraschung erholt. »Muß das jetzt sein, Marianne?« fragte sie überdrüssig. Marianne mit ihrem religiösen Eifer, und das gerade als Anni mit der Wahrheit über Männer und Frauen herausrücken wollte.
»Ja«, gab Marianne schärfer als beabsichtigt...




