E-Book, Deutsch, 184 Seiten
Kipling / Edition Das zweite Dschungelbuch
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7386-5869-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Neu bearbeitet und übersetzt
E-Book, Deutsch, 184 Seiten
ISBN: 978-3-7386-5869-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Joseph Rudyard Kipling (1865 - 1936) wurde als Schriftsteller und Lyriker durch "Das Dschungelbuch", den Roman "Kim" und seine Kurzgeschichten weltberühmt. Kipling erhielt 1907 den Nobelpreis für Literatur.
Autoren/Hrsg.
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Wie die Angst entstand
Der Pfuhl nun Sand, der Strom entwich,
Jetzt sind wir Brüder, Du und ich,
Die Flanke Staub, der Schlund verbrannt,
Wir drängen uns zum Uferrand.
Vom Schreck der Dürre still verzagt,
Verging die Lust auf Tod und Jagd.
Das Rehkalb unterm Reh nicht schreckt,
Der hagre Wolf, nah hingestreckt,
Der Hirsch scheut nicht das Wolfsgebiss,
Das seines Vaters Brust zerriss.
Der Pfuhl nun Sand, der Strom entwich,
Gefährten sind wir, Du und ich.
Doch bricht die Wolke, fällt der Guss –
Gut' Jagd und Wasserfriedens Schluss!
Das Gesetz des Dschungels ist bei weitem das älteste Gesetz auf der Erde. Es regelt fast alle Dinge, die innerhalb des Dschungelvolks passieren können. Bis zum heutigen Tag sind seine Bestimmungen so vollkommen, wie Tradition und Gebräuche sie nur machen konnten. Du, Leser, wirst sich Dich darin erinnern, dass Mowgli einen großen Teil seines Lebens im Rudel der Sioniwölfe verbrachte und von Balu, dem Braunbären, das Dschungelgesetz lernte. Immer wenn Mowgli wegen der ständigen Zurechtweisungen seines Lehrers ungeduldig wurde, sagte Balu, das Gesetz sei wie eine Riesenliane, die jeden umschlänge und der sich niemand entziehen könne.
„Wenn Du einmal so lange wie ich gelebt haben wirst, mein kleiner Bruder“, sagte Balu, „dann wirst Du verstehen, dass der ganze Dschungel vor allem einem Gesetz gehorcht. Aber diese Erkenntnis wird Dir nicht gefallen.“
Diese Worte gingen bei Mowgli zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus, denn ein Junge, der sein Leben mit Essen und Schlafen verbringt, sorgt sich um solche Dinge erst dann, wenn sie unmittelbar vor ihm stehen. Aber es kam das Jahr, in dem Balus Worte wahr wurden; und Mowgli erkannte, dass der ganze Dschungel nur einem einzigen Gesetz unterworfen war.
Es begann, als die Winterregen fast völlig ausblieben und Ikki, das Stachelschwein, dem Mowgli in einem Bambusdickicht begegnete, ihm erzählte, dass sogar die wilden Brotwurzeln verdorrten. Allerdings weiß jeder, wie lächerlich genau Ikki bei der Wahl seiner Nahrung ist und dass nur das Auserlesenste und Saftigste seinem Gaumen gefällt. Deshalb lachte Mowgli und sagte: „Was kümmert mich das?“
„Jetzt vielleicht noch nicht so sehr“, sagte Ikki und rasselte verdrießlich mit seinen harten Stacheln, „aber wir werden ja sehen. Übrigens, kleiner Bruder, springst Du noch immer in den tiefen Pfuhl unter den Bienenfelsen?“
„Nein. Das dumme Wasser verschwindet immer mehr, und ich will mir nicht den Kopf stoßen“, erwiderte Mowgli, der damals noch dachte, dass er klüger als fünf Dschungelgehirne zusammen sei.
„Dein Problem. Doch ein kleines Loch in Deinem Kopf würde vielleicht etwas Verstand hineinlassen.“ Schnell duckte sich Ikki, damit Mowgli ihn nicht an den Barthaaren zupfen konnte. Mowgli aber ging zu Balu und erzählte ihm, was Ikki gesagt hatte. Balu wurde sehr ernst und murmelte halblaut: „Wäre ich allein, würde ich jetzt schleunigst meine Jagdgründe in eine andere Gegend verlegen. Doch unter Fremden zu jagen, endet immer mit Kampf, und dabei könnte mein Menschenjunges zu Schaden kommen. Warten wir also ab, ob und wie der Mohwabaum blüht.“
In diesem Frühling aber trug der Mohwabaum, den Balu so sehr mochte, keine Blüten. Die grünlichweißen, wächsernen Knospen wurden von der Hitze schon im Keim getötet – und als der Bär, auf seinen Hinterpranken stehend, den Baum schüttelte, fielen nur wenige übel riechende Blumenblätter herab. Dann kroch die maßlose Hitze zentimeterweise bis in das Herz des Dschungel vor, färbte es anfangs gelb, dann braun und schließlich schwarz. Die grünen Gewächse, die an den Böschungen der Hohlwege herabhingen, verdorrten und sahen aus wie ein hartes Drahtgewirr. In den Tümpeln im Dickicht des Waldes versiegte das Wasser, und der Boden wurde so hart, dass sich dort die letzte, leichte Fährte – wie in Eisen gegossen – abzeichnete. Die saftigen Schlingpflanzen fielen von den Bäumen, die sie einst umschlungen hatten, und sie starben zu deren Füßen. Der Bambus vertrocknete und rasselte, wenn der heiße Wind hindurchstrich. Tief im Dschungel schälte sich das Moos von den Felsen, bis auch diese so nackt und heiß dalagen wie das flimmernde blaue Geröll im Bett des Stroms.
Schon früh im Jahr wanderten die Vögel und Affenvölker nordwärts, denn sie wussten, was nun bevorstand. Die Hirsche und Wildschweine flüchteten weit weg bis auf die erstorbenen Felder der Dörfer und verendeten oft einfach unter den Augen der Menschen, die zu kraftlos waren, um sie zu töten. Tschil, der Geier, harrte aus und wurde ungewöhnlich fett, denn überall gab es jetzt reichlich Aas. Abend für Abend brachte er den Tieren, die nicht mehr die Kraft besaßen, in andere Jagdgründe zu wechseln, die Nachricht, dass die Sonne in jeder Richtung innerhalb dreier Flugtagen den Dschungel töte.
Mowgli, der nie zuvor echten Hunger gekannt hatte, musste sich mit schon drei Jahre altem, hartem und schwarz gewordenem Honig begnügen, den er aus verlassenen Bienenstöcken zwischen den Felsen herauskratzte. Er jagte außerdem nach Würmern, die sich tief unter der Baumrinde versteckt hielten, und raubte den Wespen die junge Brut. Das ganze Wild im Dschungel bestand nur noch aus Haut und Knochen, und Baghira, der schwarze Panther, musste dreimal in der Nacht jagen gehen und wurde doch nicht satt. Das Schrecklichste aber war der Wassermangel, und wenn auch das Dschungelvolk eigentlich nur selten trinkt, so muss es dann doch immer sehr viel trinken.
Die Hitze hielt weiter an und sog jeden Tropfen Feuchtigkeit auf, so dass schließlich nur noch der Hauptstrom des Waingunga als einziger Fluss weit und breit ein schmales Rinnsal Wasser zwischen seinen toten Ufern barg. Als dann Hathi, der wilde Elefant, der schon über hundert Jahre alt war, ein längliches, scharfes Felsriff in der Mitte des Stromes bläulich und trocken aufragen sah, wusste er, dass er den Friedensfelsen erblickte. Daraufhin hob er seinen Rüssel und verkündete nach allen Seiten den Wasserfrieden, so wie es fünfzig Jahre zuvor schon sein Vater getan hatte. Hirsch, Wildschwein und Büffel nahmen den Ruf auf und gaben ihn mit heiseren Stimmen weiter, und auch Tschil, der Geier, verkündete ihn, mächtige Kreise über den Bäumen ziehend, pfeifend und krächzend weithin über den Dschungel.
Das Dschungelgesetz verbietet jedem Tier bei Todesstrafe, an den Tränken zu jagen und zu töten, sobald der Wasserfrieden einmal verkündet ist. Denn Trinken ist wichtiger als Nahrung. Jeder im Dschungel kann sich immer noch auf irgendeine Weise weiterhelfen, wenn die Jagdbeute knapp wird; aber Wasser bleibt nun einmal Wasser, und wenn nur noch eine Tränke vorhanden ist, so hört alle Jagd auf, solange das Dschungelvolk dort seinen Durst löscht. In guten Jahreszeiten, wenn es überall reichlich Wasser gab, kamen die Tiere nur unter Lebensgefahr zur Tränke des Waingunga oder zu irgendeiner anderen, und diese Gefahr war nicht der kleinste der Reize bei diesen nächtlichen Ausflügen. Sich ans Ufer hinabzuschleichen, ohne dass sich ein Blatt rührte, knietief in den gurgelnden Stromschnellen zu waten, die alles Geräusch übertönen, mit rückwärts über die Schulter gerichtetem Blick zu trinken, jeder Muskel angespannt, bereit zum ersten verzweifelten Sprung des Entsetzens, sich im nassen Ufersande zu wälzen und dann mit feuchter Schnauze zum bewundernden Rudel zurückzukehren – und zwar im Bewusstsein, dass jeden Augenblick Baghira oder Schir Khan ihnen im Nacken sitzen könnten, um sie zu Boden zu schlagen – das war der Stolz und der Spaß jedes jungen, glatt gehörnten Rehbocks.
Aber nun war es mit diesem Spiel auf Leben und Tod zu Ende, und das Dschungelvolk kam müde und verhungert zum spärlich dahin rinnenden Fluss – Tiger, Bär, Rotwild, Büffel und Eber, alle tranken einträchtig das faulende Wasser zusammen und lagen herum, zu erschöpft, um sich auch nur ein wenig zu bewegen. Von morgens bis abends waren Hirsch und Wildschwein umhergestreift, um etwas Besseres als trockene Rinde und verwelkte Blätter zu finden. Die Büffel hatten nirgendwo Schlammpfützen gefunden, wo sie sich kühlen und noch einen grünen Halm zum Äsen finden konnten. Selbst die Schlangen hatten das Dickicht des Dschungels verlassen und lungerten nun am Flussufer in der Hoffnung herum, einen verirrten Frosch zu finden. Sie schlängelten um feuchte Steine herum und machten nicht einmal einen Versuch zu beißen, wenn sie die Schnauze eines wühlenden Keilers fortschob. Die Flussschildkröten waren schon längst von Baghira, dem klügsten der Jäger, weggefangen worden, und die Fische hatten sich tief in dem rissigen Schlamm vergraben. Der Friedensfelsen aber lag über den seichten Gewässern, gleich einer riesigen Schlange, und die kleinen müden Wellen verdampften zischend an seinen glühend heißen Flanken.
Hierher kam Mowgli nun jede Nacht, um sich abzukühlen und ein bisschen Gesellschaft zu finden. Selbst der hungrigste seiner Feinde würde jetzt kaum von dem Jungen Notiz genommen haben. Seine nackte Haut ließ ihn noch abgemagerter und elender aussehen als seine Gefährten. Sein Haar war von der Sonne gebleicht. Die Rippen traten an seinem Leib hervor wie das Geflecht eines Korbes, und die Schwielen an Knien und Ellenbogen, die vom Laufen auf allen Vieren auf der Erde entstanden waren, sahen aus wie die Knoten in Grasstengeln. Aber seine Augen blickten kalt und gelassen unter dem lichten Haarschopf hervor, denn Baghira, sein Ratgeber in dieser Zeit der Not, hatte ihm geraten, sich immer ruhig zu...




