Kipling | Falsche Dämmerung | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

Kipling Falsche Dämmerung

Geschichten aus Indien
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-10-402829-3
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Geschichten aus Indien

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

ISBN: 978-3-10-402829-3
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nach über 125 Jahren die erste vollständige deutsche Ausgabe - in der bewunderten Neuübersetzung von Gisbert Haefs Während des Sommers wird Simla, die verträumte Hill Station in den Bergen Nordindiens, zur Hauptstadt des riesigen Kolonialreichs. Briten wie Inder flüchten hierhin vor der erstickenden Hitze. Doch die Widersprüche zwischen ihnen sind mit im Gepäck: Grell und farbig wie indischen Gewürze leuchtet die Gewalt zwischen den Kulturen, die hier wie dort den Alltag bestimmt. Als die »Plain Tales from the Hills« 1888 erschienen, war Kipling gerade 23 Jahre alt, aber schon seit 5 Jahren rasender Reporter und hatte seine Erzählkunst so perfektioniert, dass sie dem Schöpfer des »Dschungelbuchs« 1907 den Nobelpreis einbrachte.

Rudyard Kipling wurde 1865 in Bombay geboren. Die Internatszeit in England erlebte er als Gefängnis, nur in Indien konnte er damals glücklich sein. 1907 wurde er als bis heute jüngster Autor mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet. 1936 starb er nach vielen Reisen und Büchern in London.
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Lispeth


LOOK, you have cast out Love! What Gods are these

You bid me please?

The Three in One, the One in Three? Not so!

To my own Gods I go.

It may be they shall give me greater ease

Than your cold Christ and tangled Trinities.

Schau, du hast die Liebe ausgestoßen! Was sind das für Götter,

denen zu huldigen ihr mich auffordert?

Die Drei in Einem? Der Eine in Dreien? So nicht!

Ich gehe zu meinen eigenen Göttern.

Vielleicht geben sie mir mehr Seelenfrieden

Als euer kalter Christus und die wirren Dreiheiten.

Sie war die Tochter von Sonu, einem Bergmenschen aus dem Himalaya, und seiner Frau Jadéh. In einem Jahr gedieh ihr Mais nicht, und zwei Bären verbrachten die Nacht in ihrem einzigen Mohnfeld, knapp oberhalb des Sutlej-Tals auf dem Kotgarh-Ufer; deshalb wurden sie im folgenden Jahr Christen und brachten ihr Baby zur Mission, um es taufen zu lassen. Der Kaplan von Kotgarh taufte sie Elizabeth, und »Lispeth« ist die Berg- oder -Aussprache davon.

Später kam die Cholera ins Kotgarh-Tal und holte Sonu und Jadéh, und Lispeth wurde halb Dienerin, halb Gesellschafterin der Frau des damaligen Kaplans von Kotgarh. Das war nach der Herrschaft der Herrnhuter in dieser Gegend, aber bevor Kotgarh den Titel »Herrin der Nördlichen Berge« ganz vergessen hatte.

Ob das Christentum Lispeth verbesserte oder ob die Götter ihres eigenen Volks auf jeden Fall das gleiche für sie getan hätten, weiß ich nicht; aber sie wurde sehr hübsch. Wenn ein Bergmädchen hübsch wird, ist sie es wert, daß man fünfzig Meilen über schlechten Boden reist, um sie anzuschauen. Lispeth hatte ein griechisches Gesicht – eines jener Gesichter, wie Leute es so oft malen und so selten sehen. Sie war von blasser Elfenbeinfarbe und sehr groß gewachsen für ihr Volk. Außerdem hatte sie Augen, die wunderbar waren; und wäre sie nicht in das scheußliche bedruckte Tuch gekleidet gewesen, das den Missionen teuer ist, hätte man sie, wenn man ihr unerwartet am Berghang begegnete, für die echte römische Diana halten können, die zum Töten auszieht.

Lispeth ergab sich dem Christentum ganz leicht, und anders als manche Bergmädchen gab sie es auch nicht auf, als sie zur Frau heranwuchs. Ihre eigenen Leute haßten sie, weil sie, wie sie sagten, eine weiße Frau geworden war und sich täglich wusch; und die Frau des Kaplans wußte nicht, was sie mit ihr machen sollte. Eine prächtige Göttin – fünf Fuß zehn Zoll, in Schuhen – kann man nicht Teller und Schüsseln spülen lassen. Sie spielte mit den Kindern des Kaplans und nahm an der Sonntagsschule teil und las alle Bücher im Haus und wurde immer schöner, wie die Prinzessinnen in Märchen. Die Frau des Kaplans sagte, das Mädchen solle als Krankenschwester oder »irgendwas Besseres« Dienst in Simla tun. Aber Lispeth wollte keinen Dienst tun. Sie war sehr glücklich da, wo sie war.

Wenn Reisende – davon gab es in diesen Jahren nicht viele – nach Kotgarh kamen, schloß Lispeth sich immer in ihrem Zimmer ein, aus Angst, man könnte sie mit fortnehmen nach Simla oder hinaus in die unbekannte Welt.

Eines Tages, ein paar Monate nachdem sie siebzehn geworden war, ging Lispeth spazieren. Sie ging nicht spazieren nach Art englischer Ladys – eineinhalb Meilen hin und eine Kutschfahrt zurück. Auf ihren kleinen Erfrischungsgängen legte sie zwanzig bis dreißig Meilen zurück, auf jeglichem Boden, zwischen Kotgarh und Narkanda. Diesmal kam sie zurück, als es schon Abend geworden war, und den halsbrecherischen Abstieg nach Kotgarh bewältigte sie mit etwas Schwerem auf den Armen. Die Frau des Kaplans döste eben im Wohnzimmer, als Lispeth mit ihrer Last hereinkam, schwer atmend und erschöpft. Lispeth legte die Bürde auf das Sofa und sagte schlicht: »Das ist mein Mann. Ich habe ihn auf der Straße nach Bagi gefunden. Er hat sich weh getan. Wir werden ihn pflegen, und wenn er gesund ist, wird Ihr Mann ihn mit mir vermählen.«

Dies war Lispeths erste Erwähnung ihrer Ansichten über die Ehe, und die Frau des Kaplans kreischte vor Entsetzen. Der Mann auf dem Sofa brauchte jedoch vordringliche Aufmerksamkeit. Er war ein junger Engländer, und sein Kopf war von etwas Zackigem bis auf den Knochen aufgeschnitten. Lispeth sagte, sie habe ihn am Fuß des Berghangs gefunden, und sie hatte ihn heimgebracht. Er atmete seltsam und war bewußtlos.

Er wurde ins Bett gelegt und vom Kaplan gepflegt, der etwas von Medizin verstand; und Lispeth wartete vor der Tür, falls sie gebraucht würde. Dem Kaplan erklärte sie, dies sei der Mann, den sie zu heiraten gedenke; und der Kaplan und seine Frau machten ihr strenge Vorhaltungen ob der Unziemlichkeit ihres Betragens. Lispeth lauschte ruhig und wiederholte ihre Absicht. Es ist eine ganze Menge Christentum nötig, um unzivilisierte östliche Instinkte wie Liebe auf den ersten Blick zu tilgen. Lispeth, die den Mann zum Vergöttern gefunden hatte, sah nicht ein, daß sie hinsichtlich ihrer Wahl stumm sein sollte. Sie hatte auch keineswegs vor, sich fortschicken zu lassen. Sie würde diesen Engländer pflegen, bis er gesund genug war, um sie zu heiraten. Das war ihr Programm.

Nach zwei Wochen mit leichtem Fieber und Entzündung kam der Engländer wieder völlig zu sich und dankte dem Kaplan und dessen Frau und Lispeth – vor allem Lispeth – für ihre Freundlichkeit. Er sagte, er sei auf Reisen im Osten – in jenen Tagen, als die P.&O.-Flotte klein war, sprach man noch nicht von »Globetrottern« –, und er sei von Dehra Dun hergekommen, um in den Bergen um Simla Pflanzen und Schmetterlinge zu suchen. Deshalb wisse niemand in Simla von ihm. Er nehme an, daß er über eine Felskante gefallen sei, als er nach einem Farn auf einem morschen Baumstumpf langte, und daß seine Kulis das Gepäck gestohlen haben und geflohen sein müßten. Er beabsichtige, nach Simla zurückzukehren, sobald er ein wenig kräftiger sei. Er lege keinen Wert auf weitere Bergtouren.

Er beeilte sich nicht sehr mit der Abreise und kam nur langsam wieder zu Kräften. Lispeth weigerte sich, Ratschläge des Kaplans oder seiner Frau anzunehmen; deshalb redete letztere mit dem Engländer und erzählte ihm, wie in Lispeths Herz die Dinge stünden. Er lachte herzlich und sagte, das sei alles sehr hübsch und romantisch; da er aber mit einem Mädchen zu Hause verlobt sei, werde wohl nichts daraus werden. Natürlich wolle er sich gebührlich betragen. Dies tat er. Dennoch fand er es sehr angenehm, mit Lispeth zu sprechen und mit Lispeth spazierenzugehen und ihr nette Dinge zu sagen und ihr Kosenamen zu geben, während er ausreichend kräftig wurde, um abzureisen. Ihm bedeutete es überhaupt nichts, und Lispeth bedeutete es alles auf der Welt. Diesen halben Monat lang war sie sehr glücklich, denn sie hatte einen Mann zum Lieben gefunden.

Als gebürtige Wilde gab sie sich keine Mühe, ihre Gefühle zu verbergen, und der Engländer war amüsiert. Als er aufbrach, ging Lispeth mit ihm die Bergstraße entlang bis nach Narkanda, sehr bekümmert und sehr unglücklich. Die Frau des Kaplans, als gute Christin und jeder Art Aufruhr oder Skandal abgeneigt – Lispeth war vollkommen jenseits ihrer Kontrolle –, hatte den Engländer angewiesen, Lispeth zu sagen, er werde wiederkommen, um sie zu heiraten. »Sie ist doch noch ein Kind, wissen Sie, und, fürchte ich, im Herzen eine Heidin«, sagte die Frau des Kaplans. Deshalb versicherte der Engländer die ganzen zwölf Meilen bergauf, mit dem Arm um Lispeths Hüfte, dem Mädchen, daß er zurückkommen und sie heiraten werde; und Lispeth ließ ihn das wieder und wieder versprechen. Auf dem Narkanda-Grat weinte sie, bis er auf dem Weg nach Matiana außer Sicht geraten war.

Dann trocknete sie die Tränen, ging zurück nach Kotgarh und sagte zur Frau des Kaplans: »Er wird wiederkommen und mich heiraten. Er ist zu seinen Leuten gegangen, um es ihnen zu sagen.« Und die Frau des Kaplans tröstete Lispeth und sagte: »Er kommt bald zurück.« Nach zwei Monaten wurde Lispeth ungeduldig, und man sagte ihr, der Engländer sei übers Meer nach England gereist. Sie wußte, wo England war, weil sie die kleinen Erdkundebücher gelesen hatte; als Bergmädchen hatte sie aber natürlich keine Vorstellung davon, was ein Meer ist. Im Haus gab es ein altes Weltkarten-Puzzle. Als Kind hatte Lispeth damit gespielt. Sie kramte es wieder hervor und setzte es abends zusammen, weinte vor sich hin und versuchte sich auszumalen, wo ihr Engländer war. Da sie keine Ahnung von Entfernungen oder Dampfern hatte, waren ihre Vorstellungen ziemlich wild. Es hätte nicht das geringste ausgemacht, wenn sie absolut richtig gelegen hätte; denn der Engländer hatte nicht die Absicht, zurückzukommen und ein Bergmädchen zu heiraten. Er hatte sie bereits völlig vergessen, als er in Assam Schmetterlinge jagte. Später schrieb er ein Buch über den Osten. Lispeths Name kam darin nicht vor.

Nach drei Monaten pilgerte Lispeth täglich nach Narkanda, um zu sehen, ob nicht ihr Engländer die Straße entlangkäme. Es tröstete sie, und da sie glücklicher schien, dachte die Frau des Kaplans, sie sei dabei, ihren »barbarischen und ganz ungehörigen Wahn« zu überwinden. Bald darauf halfen die Wanderungen Lispeth nicht mehr, und ihre Stimmung wurde sehr schlecht. Die Frau des Kaplans hielt dies für eine gedeihliche Gelegenheit, sie über den wirklichen Stand der Dinge in Kenntnis zu setzen – daß der Engländer seine Liebe nur versprochen hatte, um sie ruhig zu halten – daß er es niemals ernst gemeint hatte und daß es von Lispeth...


Haefs, Gisbert
Gisbert Haefs, Jahrgang 1950, lebt und schreibt in Bonn; als Übersetzer/Herausgeber verantwortlich für Borges, Kipling, Brassens, Dylan u. a., als Autor haftbar für Erzählungen, historische Romane (›Hannibal‹, ›Alexander‹, ›Troja‹, ›Radscha‹, ›Die Rache des Kaisers‹, ›Das Labyrinth von Ragusa‹ u. a.) und Krimis (›Matzbach‹).

Kipling, Rudyard
Rudyard Kipling wurde 1865 in Bombay geboren. Die Internatszeit in England erlebte er als Gefängnis, nur in Indien konnte er damals glücklich sein. 1907 wurde er als bis heute jüngster Autor mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet. 1936 starb er nach vielen Reisen und Büchern in London.

Rudyard KiplingRudyard Kipling wurde 1865 in Bombay geboren. Die Internatszeit in England erlebte er als Gefängnis, nur in Indien konnte er damals glücklich sein. 1907 wurde er als bis heute jüngster Autor mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet. 1936 starb er nach vielen Reisen und Büchern in London.
Gisbert HaefsGisbert Haefs, Jahrgang 1950, lebt und schreibt in Bonn; als Übersetzer/Herausgeber verantwortlich für Borges, Kipling, Brassens, Dylan u. a., als Autor haftbar für Erzählungen, historische Romane (›Hannibal‹, ›Alexander‹, ›Troja‹, ›Radscha‹, ›Die Rache des Kaisers‹, ›Das Labyrinth von Ragusa‹ u. a.) und Krimis (›Matzbach‹).

Rudyard Kipling wurde 1865 in Bombay geboren. Die Internatszeit in England erlebte er als Gefängnis, nur in Indien konnte er damals glücklich sein. 1907 wurde er als bis heute jüngster Autor mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet. 1936 starb er nach vielen Reisen und Büchern in London.
Gisbert Haefs, Jahrgang 1950, lebt und schreibt in Bonn; als Übersetzer/Herausgeber verantwortlich für Borges, Kipling, Brassens, Dylan u. a., als Autor haftbar für Erzählungen, historische Romane (›Hannibal‹, ›Alexander‹, ›Troja‹, ›Radscha‹, ›Die Rache des Kaisers‹, ›Das Labyrinth von Ragusa‹ u. a.) und Krimis (›Matzbach‹).



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