Kipling | Lange Latte & Genossen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 258 Seiten

Kipling Lange Latte & Genossen


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1602-1
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 258 Seiten

ISBN: 978-3-8496-1602-1
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
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Kipling erzählt in 'Lange Latte & Genossen' von den Erlebnissen und Abenteuern heranwachsender Jugendlicher in einer englischen Boarding School.

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IV. Die Impressionisten.


Alle vier Hausmeister hatten sich im Arbeitszimmer des Kaplans zusammengefunden, um den Sonnabendabend zusammenzusitzen und zu rauchen. Die drei Pfeifen und die eine Zigarre, die da freundschaftlich ihren Rauch gemeinsam empordampften, waren ein Beweis für die vorzügliche Taktik Ehrwürden John Gilletts. Seit der Entdeckung der Katze war King allzu bereit gewesen, eine Beleidigung zu sehen, wo gar keine gemeint war, und Ehrwürden John, Beichtvater und allgemeiner Vertrauter, hatte sich eine Woche lang abgemüht, wieder ein gutes Einvernehmen herzustellen. Er war fett, glattrasiert bis auf einen großen Schnurrbart, von unerschütterlich guter Laune und, wie diejenigen, die ihn am wenigsten liebten, behaupteten, ein heuchlerischer Jesuit. Er lächelte wohlwollend auf sein Werk herab – vier schwergeprüfte Männer, die sich ohne viel Malice unterhielten.

»Nun denken Sie mal nach«, sagte er, als die Unterhaltung diese Wendung nahm. »Ich will nichts andeuten. Aber jedesmal, wenn irgend jemand direkt gegen Zimmer Nummer fünf eingeschritten ist, war der Erfolg mehr oder weniger demütigend für ihn.«

»Das kann ich nicht zugeben. Ich mahle den trefflichen Käfer täglich zum Heil seiner Seele zu Pulver, und die andern mit ihm«, erklärte King.

»Na, nehmen Sie mal Ihren eigenen Fall, King, und gehen Sie ein paar Jahre zurück. Entsinnen Sie sich noch, wie Prout und Sie ihnen auf der Spur waren – wegen Hüttenbauen und Grenzenüberschreiten, nicht wahr? Haben Sie Oberst Dabney vergessen?«

Die andern lachten. King liebte es nicht, an seine Karriere als Wilddieb erinnert zu werden.

»Das war ein Beispiel. Dann, als Sie Ihre Zimmer unter ihnen hatten – ich sagte immer, das hieße, sich in die Höhle des Löwen begeben – quartierten Sie sie aus.«

»Weil sie entsetzlichen Lärm vollführt hatten. Sie werden doch nicht, Gillett, entschuldigen wollen?«

»Ich sage nur, Sie quartierten sie aus. Am selben Abend wurde aus Ihrem Arbeitszimmer ein Trümmerfeld gemacht.«

»Durch Karnickelei – der ganz verflucht betrunken war – vom Wege aus«, sagte King. »Was hat das – –?«

Ehrwürden John fuhr fort:

»Kürzlich merken sie, daß Verleumdungen über ihre persönliche Reinlichkeit ausgesprengt werden – ein höchst delikater Punkt bei allen Jungen. Sehr schön. Beachten Sie, wie in jedem Fall die Strafe dem Verbrechen entspricht. Eine Woche, King, nachdem Ihr Haus sie »Stinker« geschimpft hat, wird Ihr Haus, gelinde gesagt, durch eine tote Katze ausgestunken, der es beliebt, gerade an dem Fleck zu krepieren, wo sie Sie am meisten plagen kann. Wieder der weitreichende Arm des Zusammentreffens! Summa: Sie klagen sie der Grenzüberschreitung an. Durch irgendwelchen absurden Zusammenhang verschiedener Umstände – sie mögen nun dahinterstecken oder nicht – kommt es dahin, daß Sie und Prout als die erscheinen, die fremdes Gebiet betreten haben. Sie exmittieren sie. Für eine Weile wird Ihr Arbeitszimmer unbewohnbar gemacht. Im letzten Fall habe ich die Parallele schon gezogen. Nun?«

»Sie lag mitten unter Whites Schlafzimmer«, sagte King. »Die Dielen liegen dort doppelt, um jedes Geräusch zu ersticken. Kein Junge, selbst aus meinem eigenen Hause nicht, könnte möglicherweise die Dielen aufgehoben haben, ohne irgendeine Spur zu hinterlassen – und Karnickelei war jenen Abend phänomenal betrunken.«

»Sie sind wunderbar vom Glück begünstigt. Das hab' ich schon immer gesagt. Ich persönlich hab' sie ungeheuer gern und besitze auch, glaube ich, ein wenig ihr Vertrauen. Ich gestehe, ich liebe es, »Padre« genannt zu werden. Zwischen mir und ihnen ist Frieden; deshalb werde ich auch nicht mit erheuchelten Beichten von Diebereien geplagt.«

»Sie meinen Masons Fall?« fragte Prout heftig. »Das hat mich immer als besonders skandalös getroffen. Ich meine, der Direktor hätte die Sache gründlicher verfolgen sollen. Mason mag irregeführt worden sein, aber er ist wenigstens durch und durch aufrichtig und meint es gut.«

»Ich muß gestehen, ich kann Ihnen nicht beistimmen, Prout«, sagte Ehrwürden John. »Er fiel auf irgendein dummes Gewäsch herein, daß sie gestohlen hätten, hielt sich – soviel ich weiß, ohne jede Untersuchung – an die Aussage eines andern Jungen, und – offen gesagt – ich meine, er verdiente, was er abbekam.«

»Sie haben mit Ueberlegung Masons beste Gefühle beleidigt«, erklärte Prout. »Ein Wort von ihnen zu mir hätte die ganze Sache erspart. Sie zogen es aber vor, ihn in die Falle zu locken, mit seiner Unkenntnis ihrer Charaktere ihr Spiel zu treiben.«

»Mag sein,« meinte King, »aber ich kann Mason nicht leiden. Ich kann ihn aus demselben Grunde nicht leiden, den Prout zu seinen Gunsten anführt. Er meint's gut.«

»In unserer Kriminalgeschichte ist Diebstahl noch nicht vorgekommen – wenigstens in meinem Hause«, sagte der kleine Hartopp.

»Na, ist das nicht ein bißchen viel gesagt für den Leiter eines Hauses, das den unschuldigen Hungerleidern von Northam sieben Stück Vieh wegtrieb?« meinte Macrea.

»Stimmt schon«, sagte Hartopp gleichmütig. »Aber das und über die Zeit ausbleiben und ein bißchen wilddieben und Dohlen auf den Klippen jagen, das ist unsere Rettung.«

»Es macht uns viel mehr Aerger als ein Schul – –« begann Prout.

»Als es irgendein vertuschter Skandal tun könnte? Ganz richtig. Unser Ruf bei den Landleuten ist sehr schlecht. Aber ich würde viel lieber mit 'ner Menge ingeniöser Streiche von der Art zu tun haben, als mit – gewissen andern Angriffen.«

»Das mag alles ganz richtig sein, aber sie sind nicht wie andere Knaben, anormal und, meiner Meinung nach, verdorben«, beharrte Prout. »Die moralische Wirkung ihrer Taten muß den Weg für größeren Aerger bahnen. Ich weiß nicht recht, was ich mit ihnen anfangen soll. Ich möchte sie trennen.«

»Natürlich möchten sie das wohl; aber sie haben sechs Jahre lang zusammen die Schule besucht. Ich würde keine Lust haben, es zu tun«, sagte Macrea.

»Sie brauchen das redaktionelle »wir«, fing King auf einmal an. »Es ärgert mich, »wo ist deine Prosaarbeit, Corkran?« – »Ja, Sir, wir sind noch nicht ganz damit fertig, wir werden sie in einer Minute bringen«, und so weiter. Und mit den andern ist's ebenso.«

»In diesem »wir« steckt doch sehr viel drin«, meinte der kleine Hartopp. »Sie wissen, sie haben bei mir Trigonometrie. M'Turk mag etwas davon begriffen haben, aber Käfer ist gerade wie die Wilden, die an sinus und cosinus zugrunde gehen. Er schreibt ganz vergnügt von Latte ab, der wirklich Freude an Mathematik hat.«

»Warum machen Sie dann nicht ein Ende?« fragte Prout.

»Es gleicht sich bei den Prüfungsarbeiten aus. Dann weist Käfer leere Blätter auf und vertraut auf sein »Englisch«, das ihn vor einem Durchfall retten soll. Ich denke, er verbringt seine meiste Zeit damit, Verse zu schreiben.«

»Ich bitte den Himmel, er möchte ein wenig von seiner Energie in dieser Richtung auf Elegien verwenden.« King richtete sich in die Höhe. »Er ist, mit alleiniger Ausnahme Lattes, der allerschlechteste Verfertiger »barbarischer Hexameter«, der mir je vorgekommen ist.«

»In dem Arbeitszimmer wird die Arbeit verteilt«, meinte der Kaplan. »Latte macht die Mathematik, M'Turk das Latein und Käfer hilft ihnen beim Englischen und Französischen, wenigstens, als er vorigen Monat im Krankenzimmer war – –«

»Und simulierte«, warf Prout ein.

»Sehr möglich – da bemerkte ich ein sehr deutliches Nachlassen in ihren »Roman d'un jeune homme pauvre«-Übersetzungen.«

»Es ist geradezu unmoralisch, meine ich«, erklärte Prout. »Ich bin immer gegen das Arbeitszimmer-System gewesen.«

»Es würde schwer fallen, ein Arbeitszimmer zu finden, wo die Jungen sich untereinander nicht helfen; aber in Nummer fünf ist die Sache wahrhaftig in ein System gebracht worden«, sagte der kleine Hartopp. »Sie haben ein System in den meisten Dingen.«

»Es scheint wenigstens so«, sagte Ehrwürden John. »Ich habe einmal gesehen, wie M'Turk die Treppe hinaufgejagt wurde, um die »Elegie auf einen Friedhof« zu verfassen, während Käfer und Latte Fußball spielen gingen.«

»Es läuft auf systematisches Abschreiben hinaus«, erklärte Prout, und seine Stimme wurde tiefer und tiefer.

»So schlimm ist das nicht«, versetzte der kleine Hartopp. »Sie können einer Kuh nicht das Violinspielen beibringen.«

»Es ist ganz zielbewußtes Abschreiben.«

»Wir haben aber doch unter dem Siegel des Beichtgeheimnisses gesprochen, nicht wahr?« fragte Ehrwürden John.

»Sie sagen, 3ie haben gehört, wie sie ihre Arbeit in dieser Weise verteilten, Gillett«, beharrte Prout.

»Gütiger Himmel! Machen Sie mich nicht zum Kronzeugen, bester Kollege. Hartopp ist gleichfalls...



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